weather-image
Jahrgang 2015 Nummer 25

200. Jahrestag von Waterloo

Viele Verletzte erlebten ein Martyrium – Grauenhafte Zustände in Lazaretten

Der französische Oberbefehlshaber, General Moreau (Mitte), hatte, wie auch sein Gegner, nach der Schlacht von Hohenlinden unzählige Verwundete zu beklagen. (Fotos: Mittermaier)
Jean-Dominique Larrey führte die fliegenden Ambulanzen ein, die Prototypen heutiger Rettungswagen.
Mit den Ambulanzwägen konnten Verletzte unmittelbar auf dem Schlachtfeld erstversorgt werden.
Im Buchenwaldfriedhof in Baumburg sollen 2000 Soldaten begraben sein, die zwischen 1798 und 1801 im hiesigen Lazarett starben.

Heuer jährt sich zum 200. Mal das Gedenken an die Schlacht von Waterloo, die auch für die bayerische Geschichte eine entscheidende Rolle spielte. Mehr als 20 Jahre lang hatte das Land, wie der Großteil Europas, da schon im Krieg gelegen, bis sich die Staaten, nachdem Napoleon Bonaparte gestürzt zwar, endlich wieder auf ein friedliches Zusammenleben einigen konnten. Für hunderttausende von jungen Männern kam dieser Schritt allerdings viel zu spät, denn sie hatten bis dahin längst ihr Leben gelassen – oder mussten, falls sie dem Tod auf dem Schlachtfeld von der Schippe gesprungen waren, ein Dasein als Krüppel führen. Was verwundete und kranke Soldaten damals erdulden mussten, davon zeugen unter anderem Berichte, die im Zusammenhang mit der Schlacht von Hohenlinden am 3. Dezember 1800 stehen, als die französische Armee den Österreichern, unter deren Kommando auch bayerische Truppen kämpften, eine böse Niederlage zufügte – und auf beiden Seiten unzählige Männer schwer verwundet wurden. Einer davon ist ein französischer Infanterist, dem eine kaiserliche Kartätsche das Schien- und Wadenbein durchschlug. Weil es damals noch keine mobilen Lazarette gab, die in unmittelbarer Nähe des Kampfgeschehens postiert waren, musste der schwer Verletzte den weiten Weg ins französische Hauptlazarett nach Memmingen über sich ergehen lassen – eine Reise von 150 Kilometern, und das auf einem rumpeligen Bauernkarren, mitten im Winter. Dass das Schicksal des namenlosen Franzosen nicht im Dunkel der Geschichte verschwunden ist, hat er dem schottischen Chirurgen John Bell zu verdanken, der sich, zusammen mit einer Hand voll weiterer Ärzte der damaligen Zeit, dafür stark machte, schwer verwundeten Soldaten wie jenem Infanteristen eine humanere Behandlung angedeihen zu lassen.

Bell hat den Infanteristen von Hohenlinden, der die Torturen tatsächlich überlebt hat, später in Belgien getroffen – als Krüppel auf Krücken – wie er schreibt, und sich dessen Leidensgeschichte erzählen lassen. Auch der Mediziner Bernhard Christoph Faust, ein gebürtiger Hesse, hat die Gräuel der Napoleonischen Kriege miterlebt und anschließend eine Brandrede für die Einführung von Feldlazaretten verfasst, in der er, für die Öffentlichkeit ungeschönt berichtet, welche Pein die Verwundeten damals erdulden mussten: »Man denke sich einen Soldaten mit zerschmettertem Schenkel, wie er ohnmächtig stürzt, unfähig von der Stelle zu kommen, unter wütendem Schmerz und der gefährlichsten Verblutung sich vielleicht eher den Tod, als den Arzt, wünscht. In Eile auf dem Schlachtfelde, wird er nun, Gott weiß wie, auf einen Wagen gebracht, und, so viel man auch immer Schonung anwendet; so ist dies für den Leidenden eine Arbeit, die ihm die wütendsten Schmerzen erregt, und das Bild des höchsten menschlichen Elends darstellt.« Ist der schwer Verwundete dann endlich auf einen fahrbaren Untersatz verfrachtet, der ihn ins Hospital bringen wird, bedeute das aber noch keineswegs Erleichterung. Denn: »Durch die mindeste Bewegung reizen die zermalmten Knochenstücke die ohnehin schon zerquetschten Teile. Es steht Hitze, Geschwulst, Entzündung, Fieber und der Schmerz ersteigt die möglichste Höhe. Unter diesen Umständen gebietet nun oft die Notwendigkeit, dass die Verwundeten mit Knochenbrüchen auf Bauernwagen, bei der ungünstigsten Witterung, sechs, acht, zehn Stunden Weges weit, schnell weggeführt werden müssen. Jeder Stoß auf unebener Straße, auf dem Steinpflaster, ist ein neuer Zuwachs zu dem Übel, das so schnell Überhand nimmt, dass manche das Hospital nicht erreichen, sondern zwischen einem dumpfen Gefühl von Sein und Nichtsein, von Schmerz erdrückt, tot daselbst ankommen.« Der Franzose mit dem zerschossenen Unterschenkel hatte dabei das Pech, dass er weit länger als nur ein paar Stunden unterwegs war, denn selbst eine Postkutsche schaffte damals nur eine durchschnittliche Geschwindigkeit von etwa drei Kilometern pro Stunde, was von einem schwerfälligen Bauernkarren sicher nicht überboten wurde, zumal Regen- und Schneefälle in jenen Tagen unbefestigte Straßen in wahre Schlammfelder verwandelt hatten, was die Mobilität noch zusätzlich erschwerte.

Doch selbst wenn die Verwundeten halbwegs lebend im Lazarett ankamen, waren ihre Chancen auf Genesung keineswegs gestiegen. Denn in den Krankensälen lauerten beinahe ebenso tückische Gefahren für Leib und Leben wie auf dem Schlachtfeld. Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass nur etwa ein Zehntel der im Krieg ums Leben gekommenen Soldaten direkt in den Kämpfen fiel. Der Rest starb an Hunger, Erschöpfung oder Infektionen. Dass selbst dem für sein militärisches Genie so gerühmten Napoleon während des Russlandfeldzugs 1812 die Soldaten wie die Fliegen starben, zeigt die geringe Bedeutung, die sowohl der Hygiene als auch der medizinischen Versorgung damals beigemessen wurde. Selbst Napoleons Chef-Feldchirurg, Dominique-Jean Larrey, der diese Zusammenhänge schon in den ersten Jahren der Napoleonischen Kriege erkannt hatte, beklagte immer wieder, dass sein oberster Dienstherr viel lieber Geld für Kanonen als für kranke Soldaten ausgebe. Den bayerischen Truppen ging es in diesem Punkt nicht viel besser, wie ein Bericht über das bayerische Hauptlazarett zeigt, das im Kloster Baumburg oberhalb von Altenmarkt an der Alz untergebracht war. 2000 bei der Schlacht von Hohenlinden verwundete Soldaten sollen hier gestorben und auf dem heute als Buchenfriedhof bezeichneten Gelände begraben sein, so die Überlieferung. Die Recherchen eines hiesigen Lehrers namens Parzinger in den 1920er Jahren haben jedoch ergeben, dass die Räume des damaligen Augustinerklosters über mehrere Jahre als Militärhospital genutzt wurden und der Großteil der Toten wahrscheinlich schon vor den Ereignissen in Hohenlinden gestorben war. Demnach betrieb die österreichische Armee hier von Oktober 1797 bis Oktober 1798 ein Spital, das mit durchschnittlich 300 Patienten belegt war und im Sommer 1800 wurde das bayerische Hauptfeldlazarett, das ursprünglich in Mannheim stationiert war, über mehrere Zwischenstationen nach Baumburg verlegt. In diese Zeit fällt auch eine ungewöhnlich hohe Anzahl an Todesfällen, worauf eine Untersuchungskommission aus München anreiste, um die Krankenstation zu inspizieren.

Dabei stellte sich heraus, dass offenbar ein »Nervenfieber« grassierte – nach heutigem Verständnis dürfte es sich dabei um Typhus gehandelt haben. Die Seuche war wahrscheinlich beim Umzug von Burghausen, von wo das Lazarett im September aus Platzmangel nach Altenmarkt verlegt worden war, mit eingeschleppt worden. Wie die von Parzinger im Münchner Kriegsarchiv gesichteten Berichte der Untersuchungskommission zeigen, waren die hygienischen Verhältnisse in Baumburg – wie wahrscheinlich auch in etlichen anderen Einrichtungen so katastrophal, dass Infektionen praktisch Tür und Tor geöffnet waren: In den Räumen, die für 15 Kranke ausgerichtet waren, befanden sich bis zu 40 Mann, die weder Betten, ja noch nicht einmal Strohsäcke zur Verfügung hatten, sondern auf dem Boden liegen mussten, nur mit Streu als Unterlage. Dazu mangelte es an Wäsche, Geschirr, sauberem Wasser – und noch schlimmer: dem Wissen wie auch dem Willen, eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Wer von den Patienten zu schwach war, um einen Abtritt aufzusuchen, verrichtete seine Notdurft an Ort und Stelle – ohne Gewähr, dass jemand vom Pflegepersonal die Exkremente und das verschmutzte Stroh entsorgte. Dass die Helfer heillos überfordert waren, lag nicht nur an einer chronischen Unterbesetzung – von den 36 Pflegern waren tatsächlich nur 24 für die Kranken da, der Rest musste als Totengräber oder Hausknechte arbeiten – viele besaßen auch nicht die nötigen Kenntnisse und das bis hinauf zum Chef: Der für die Verwaltung zuständige Johann Sigrist war mit seiner Aufgabe offenbar heillos überfordert: »Im Wohnzimmer, das zugleich sein Amtszimmer war, lag alles durcheinander, Binden, und Rechnungen. Die Krankenwärter müssen um jede Kleinigkeit zu ihm laufen, der gibt dem anderen die Tür in die Hand, der eine braucht eine Binde, der andere Charpie«, zitiert Parzinger aus dem seit dem Zweiten Weltkrieg verschollenen Untersuchungsbericht im Münchner Kriegsarchiv.

Wenn es angesichts eines derartigen Chaos überhaupt noch eine positive Sache gab, dann die – unfreiwillige – Gleichstellung der Soldaten in punkto Essen. Der gemeine Gefreite bekam damals nämlich eine weit schlechtere Verpflegung als ein Offizier. Johann Sigrist hatte mit seinem Saustall die Einteilung der Essen so durcheinander gebracht, dass die einfachen Soldaten statt dreimal täglich nur Suppe ohne Beilagen mittags und abends je ein halbes Pfund Ochsenfleisch, Gemüse, Reis- und Gerstenbrei sowie 775 Gramm Brot erhielten. Als der Fehler ans Tageslicht kam, wurde dem Verwalter ein Strafgeld von 20 Gulden aufgebrummt, das er aber nie bezahlt hat, wie ein über Jahre andauernder Briefwechsel belegt. Das Durcheinander bekam nach der Schlacht von Hohenlinden dann noch eine zusätzliche Dimension, als neben dem bayerischen auch ein französisches Lazarett einzog, dessen Direktor Berard in kürzester Zeit zur meistgehassten Person zwischen Trostberg und Traunstein avancierte. Berard hatte es sich nämlich zur Aufgabe gemacht, aus der Bevölkerung herauszupressen, was nur irgendwie möglich war.

Dabei hatten die hiesigen Einwohner eh schon über Monate durch die Lieferungen ans bayerische Lazarett wie auch wegen der andauernden Truppendurchzüge bluten müssen, und jetzt sollten sie auch noch diesen unverschämt auftretenden Franzosen willfährig sein, nein, das war nun wirklich zu viel, wie der Klinger Landrichter Ganghofer in einem Brief vom 31. Dezember 1800 an den bayerischen Kurfürsten Maximilian IV. schreibt. Der schickte als Antwort prompt einen Herrn namens Dismas Schmerold, der den unaussprechlichen Titel eines Oberkriegskollegiumsassesors trug, mit dem Auftrag, den Franzosen genau auf die Finger zu schauen. Tatsächlich stellte Schmerold fest, dass im französischen Lazarett im Durchschnitt nur 30 Patienten lagen – Berard jedoch die Beschlagnahmungen frech auf einer Grundlage von 300 Personen angeordnet hatte und den Überschuss wahrscheinlich in die eigene Tasche steckte. Damit nicht genug, brachen französische Krankenwärter auch noch das Magazin des bayerischen Lazaretts auf und stahlen, was sie tragen konnten. Schmerold scheint trotz dieser Widrigkeiten seinen Humor aber nicht verloren zu haben, denn er schreibt anlässlich dieses Vorfalls lapidar: »Der Schaden könnte noch größer sein, wenn ich nicht noch ein Magazin hätte, das aber den Franzosen unbekannt ist.«

Zum Glück gab es aber auch noch Zeitgenossen wie den schon erwähnten Dominique-Jean Larrey, der sich tatsächlich um das Wohl der verwundeten Soldaten sorgte. Er und sein Landsmann Pierre Percy erfanden zum Beispiel die »fliegende Ambulanz «, quasi den Prototyp unserer heutigen Rettungswagen. Dabei handelte es sich um Gefährte, mit denen die medizinische Ausrüstung zusammen mit dem Sanitätspersonal zu den Verwundeten aufs Schlachtfeld transportiert wurde, anstatt wie bisher üblich die Verwundeten in stationäre Lazarette zu karren. Diese ersten Ambulanzfahrzeuge erhielten – auch im Französischen – den kuriosen Namen »Wurst« oder verballhornt »Wurtz«, weil der längliche Aufsatz über dem Fahrgestell einer überdimensionalen Wurst ähnelte. Die Ausrüstung konnte in dem Aufsatz geschützt von Wind und Wetter aufbewahrt werden, während die Chirurgen und Krankenträger rittlings oben auf dem Kasten saßen. Obwohl sich die fliegenden Ambulanzen als praktische Erfindung erwiesen, wurde selbst die französische Armee damals nur unzureichend damit ausgerüstet, weil das entsprechende Bewusstsein für die Verbesserung der Krankenpflege an den entsprechenden Stellen fehlte – und damit auch die nötigen finanziellen Mittel. Bis zur Gründung des Roten Kreuzes 1863 und der Genfer Konvention, mit denen Kriegsverletzte wie auch das Sanitätspersonal im Feld besser geschützt war, sollte dann noch einmal mehr als ein halbes Jahrhundert vergehen.

Die Toten aus dem Baumburger Lazarett lagen da schon lange unter der Erde. Auch wenn weder die genaue Zahl, noch die Namen der Verstorbenen überliefert sind, vergessen sind sie aber nicht. 1849 wurde durch wohltätige Spender eine Kapelle für die gefallenen Soldaten errichtet und noch heute findet jedes Jahr im Juni eine Gedenkfeier auf dem Buchenwaldfriedhof unterhalb des ehemaligen Klosters Baumburg statt, wo sowohl den Opfern der Napoleonischen Kriege wie auch den Gefallenen der Gemeinde aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und den beiden Weltkriegen gedacht wird.


Susanne Mittermaier

 

25/2015