Jahrgang 2009 Nummer 19

125 Jahre Musik- und Gesangverein Grassau

Am 16. Mai findet die zentrale Jubiläumsveranstaltung statt

Die Jugendkapelle 1974, Leiter Anton Edenhofer.

Die Jugendkapelle 1974, Leiter Anton Edenhofer.
Grassauer Passionsspiele 1922

Grassauer Passionsspiele 1922
»… ladet der verehrliche Verein Honoratioren sowie liebe Mitglieder geziemend ein.« So klang es im 19. Jahrhundert: Seinerzeit lud der Vereinsvorstand in einem höflichen Rundschreiben, das durchs Dorf getragen und gegen Unterschrift den Mitgliedern zur Kenntnis gebracht wurde, zum Festkonzert. 2009 ist es wieder so weit, wenngleich e-mails inzwischen den Briefboten ersetzt haben. In Grassau gilt: »Wir feiern Jubiläum«.

Vor 125 Jahren wurde der Musik- und Gesangverein gegründet. Ein Festabend am 16. Mai steht im Mittelpunkt der Veranstaltungen im Jubiläumsjahr. Die Marktkapelle Grassau, die Musikkapelle der Südtiroler Partnergemeinde Tscherms und der Achentalchor werden einen Querschnitt ihrer aktuellen Programme aufführen – und außerdem die Vereinsgeschichte musikalisch anklingen lassen. Die Grassauer Kapelle spielt Offenbachs »Orpheus in der Unterwelt« über den »Ungarischen Tanz Nr. 5« von Brahms und den »Königsmarsch« von Strauss bis hin zum Musical »Jesus Christ Superstar«. Eine Uraufführung gibt es auch, nämlich der »Jubiläumsmarsch« von Hans Kröll zu einem Text von Michael Ehbauer, dem früheren Vereinsvorsitzenden. Den »Ungarischen Tanz Nr. 6« wiederum werden die Tschermser u.a. bieten. Der Achental-Chor trägt Lieder von Haydn, Mozart und (man darf gespannt sein) Reinhard Mey vor.

125 Jahre – das ist eine lange Zeit voller Musik. Ein Blick in das Musikarchiv Grassau überzeugt uns von einer lebhaften Vereinsgeschichte. In diesem Archiv, einer Teilsammlung des Grassauer Gemeindearchivs, hat der Grassauer Musikant und Musiklehrer Sepp-Karl Kaschak in langjähriger Dokumentationsarbeit viele Unterlagen zur Grassauer Musikgeschichte gesammelt, darunter ca. 60 Konzertplakate des Vereins – sie zeigen einen ganz farbigen Querschnitt der Vereinsveranstaltungen seit der Gründung.

Es begann mit einem Faschingskonzert. Das erste ist schon für 1884 nachgewiesen. Auch ein Cäcilienkonzert im Dezember 1884 ist belegt; ihm folgten viele weitere. Für 1885 ist nachgewiesen, dass sich der Verein an der Beerdigung des Marquartsteiner Burgherrn, Baron Tautphoeus, in Unterwössen beteiligte; »Ein von Mitgliedern des Musikvereins Grassau gesungenes erhebendes Grablied und ein von der Blechmusikkapelle gespielter Trauermarsch beendeten die ernste Feier.«

Soviel zu den ersten Jahren. In der Folge lösten sich heitere und traurige Anlässe in der Vereinsgeschichte ab. Sie überdauerte Kriege und politische Belastungen, entwickelte verschiedene Formen der Darbietungen von Historienspiel bis Operette, von Gottesdienstgestaltung bis Standkonzert, von Volksmusik bis Oper. Eine von Anfang an beliebte Veranstaltung waren die Faschingskonzerte. Ein wichtiger Programmpunkt dabei: die Paukenverse, bei denen zwei Musikanten zum Schlag der großen Trommeln das Dorfgeschehen aufs Korn nahmen und die Beteiligten munter »derbleckten«. Erst in den 1980er Jahren endete diese Tradition. Die großen Konzerte, die der Musik- und Gesangverein Grassau organisierte, stellen in Grassau gesellschaftliche Ereignisse dar, um die sich die Einheimischen, die Chiemgauer und Gäste aus der weiteren Umgebung gerne scharten. Auch zahlreiche auswärtige Auftritte gehörten zur musikalischen Praxis des Musik- und Gesangvereins. Besonders intensiv ist seit den 1960er Jahren der gute musikalische Kontakt zur Musikkapelle der Grassauer Partnergemeinde Tscherms.

Die Traunsteiner Presse brachte 1958 für Grassau die Bezeichnung »Dorf der Musik« in Umlauf. Es ist ein auch heute noch gern zitiertes – und zutreffendes – Kompliment. Charakteristisch für die Geschichte des Musik- und Gesangvereins Grassau sind vor allem zwei Dinge: erstens die Leistung der im Ort vorhandenen Kräfte und zweitens die Vielseitigkeit musikalischer Formen, die präsentiert wurden.

Heute gibt es im Musik- und Gesangverein vier Gruppierungen: die Marktkapelle Grassau mit etwa 60 Mitgliedern, der Achental-Chor mit 30 Sängerinnen und Sängern, die Jugendkapelle, in der 28 Jugendliche spielen, und die Grassauer Blasmusi mit rund 20 Musikanten. Alle zusammen bieten im Jahr über 30 Konzerte an, darunter sind die fünf großen Standkonzerte während der Sommermonate und die beiden Stefani-Konzerte der Marktkapelle, drei Sommerkonzerte und das Adventsprogramm des Achental-Chors sowie die zahlreichen Spielanlässe der Grassauer Blasmusi.

Uta Grabmüller



19/2009