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Jahrgang 2016 Nummer 32

125 Jahre Franziskaner-Minoriten in Maria Eck

Am 15.8.1891 wurden die Minoriten als Wallfahrtsseelsorger eingeführt – Teil I

Wallfahrtskirche Maria Eck.
Steintafel an der Ostfront des heutigen Minoritenklosters.
Lorenz Totnan Seehuber.

Zur Vorgeschichte

Die Wallfahrt nach Maria Eck ist durch das Wirken der Benediktiner entstanden. Es zeugt von diesem Ursprung, dass am Hochaltar der Wallfahrtskirche das Wallfahrtsbild flankiert ist mit dem heiligen Benedikt zur Linken und mit der heiligen Scholastika zur Rechten, den Gründergestalten des Benediktinerordens.

Eine weitere Erinnerung an die Benediktiner ist die Steintafel an der Ostfront des heutigen Minoritenklosters über dem Portal, die an den Bau dieses Hauses durch die Benediktiner erinnert mit der Inschrift: »Propagando Cultui Mariano et Peregrinationi consuluit Seonensis Monasterii sumptibus abbas Columbanus II. MDCCXIII.« (»Für die Ausbreitung der Marienverehrung und der Wallfahrt sorgte mit den Mitteln des Klosters Abt Columban 1713.«)

Die Benediktinerabtei Seeon kaufte zwischen 1618 und 1635 die Almen auf dem 'Egg' und erbaute für die Mitbrüder und Mitarbeiter, die hier lebten, im Jahre 1626 eine Kapelle.

Christoph von Lichtenstein-Kastelkorn, Fürstbischof von Chiemsee, weihte diese Kapelle im Oktober 1627 auf den Titel »Maria Hilf«.

Zu dieser Kapelle entwickelte sich in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges eine Wallfahrt, die schnell einen ungeahnten Aufschwung nahm. Schon bald wurde die Kapelle zu klein für die vielen Wallfahrer und musste erweitert werden. Als auch diese Erweiterung sich als zu klein erwies, entschloss sich der Konvent zu einem Neubau der Kirche. Dieser wurde in den Jahren 1635 bis 1643 ausgeführt nach Plänen des Traunsteiner Stadtbaumeisters Wolfgang König. 1691 erhielt der Hochaltar seine heutige Gestalt.

P. Honorat Kolb, der lange Jahre Abt von Seeon war und in seiner Zeit als Abt das Kloster umbaute und erweiterte, so wie es auch heute noch zu sehen ist, wurde nach seiner Abdankung Wallfahrtspriester in Maria Eck. Er legte ein sogenanntes »Mirakelbuch« an, in dem er die Entstehung der Wallfahrt und die wunderbaren Ereignisse niederschrieb. Hier sind auf 515 Seiten circa 1300 verschiedene, wunderbare Erhörungen und Heilungen geschildert. Ein spektakuläres Wunder, die Heilung eines Taubstummen namens Simon Lahr im Jahre 1631, ist notariell in einem Dokument festgehalten und im Langhaus der Wallfahrtskirche in einem Bilderrahmen einzusehen.

Die Wallfahrt wuchs stetig, bis sie durch die Säkularisation gewaltsam fast zum Erliegen kam. Mit der Auflösung des Klosters Seeon wurde auch Maria Eck als Filiale von Seeon aufgelöst. Das Klostergut wurde verkauft und die Wallfahrtskirche geschlossen. Beeindruckend und faszinierend zugleich ist es, sich vor Augen zu führen, welch großes Engagement die Chiemgauer zeigten, dass die Wallfahrtskirche nicht eingerissenen und erhalten wurde. Viele Wallfahrer kamen weiterhin und beteten vor der geschlossenen Kirche. Jahrelang baten die umliegenden Gemeinden Inzell, Ruhpolding, Siegsdorf, Bergen und Vachendorf die geistliche und weltliche Obrigkeit inständig um die Öffnung der demolierten Wallfahrtskirche. Fast 10 Jahre dauerte es, bis diese Gemeinden durch die Vermittlung des Kronprinzen Ludwig erreichten, dass die Kirche wieder geöffnet wurde. Sie mussten sich verpflichten, dass sie für die Kosten der Kirche und der Wallfahrt aufkamen, deshalb nennt man auch noch heute diese Gemeinden die 'Garantiegemeinden'. Am 30. Juni 1813 wurde sie durch den Dekan von Haslach wieder eingeweiht. Ein weiteres Zeichen hoher Wertschätzung der Wallfahrtskirche durch die Chiemgauer war der Ausbau und die Befestigung der Straße von Siegsdorf aus hinauf zur Wallfahrtskirche im Oktober 1826. In 12 Tagen durch 1274 Mann und 391 Wagen wurde dieses Werk um Gotteslohn vollbracht. Im Votivbild am Ausgang der Wallfahrtskirche ist dieser Straßenbau dargestellt und am unteren Ende des Bildes kann man nachlesen, welche Gemeinden mit wieviel Personen und Wagen daran beteiligt waren.

Da die Benediktiner vertrieben worden waren, mussten nun immer wieder Geistliche aus dem Diözesanklerus gesucht werden, die die Wallfahrt betreuten. Die Wallfahrt stieg wieder rasch an.

Die Übernahme durch die Franziskaner-Minoriten im Jahre 1891

Die Garantiegemeinden und der Verwaltungsrat der Kirchenstiftung Maria Eck versuchten immer wieder, Ordensleute als Wallfahrtsseelsorger nach Maria Eck zu holen. Um 1860 richteten sie ein Gesuch an den Provinzial der Franziskaner in München. Als dieses abschlägig beantwortet wurde, versuchten sie es bei den Kapuzinern, die aber auch ablehnen mussten. Der Grund für diese Ablehnungen war immer die Weigerung des zuständigen Ministeriums in München, eine Klostergründung in Maria Eck zu genehmigen.

Dass dann die Franziskaner-Minoriten, der dritte Zweig des Franziskanerordens, nach Maria Eck kamen, ist dem unermüdlichen Engagement von Lorenz Totnan Seehuber zu verdanken. Er war zunächst Mitglied des Minoritenordens, verließ den Orden und wurde Weltpriester, blieb aber dem Orden auch nach seinem Weggang weiterhin verbunden. Er stammte aus Grabenstätt und kannte von daher den Wallfahrtsort von Kindheit an.

Auch seine Bemühungen waren zunächst zum Scheitern verurteilt. Im Jahre 1883 bat er im Auftrag des Provinzials der Minoriten die Diözese, nach dem Weggang des Kuraten Dr. Alois Rittler statt eines Wallfahrtspriesters den Minoriten die Seelsorge zu übergeben und im Kuratenhaus Wohnung nehmen zu lassen. Allein der Münchener Erzbischof Anton von Steichele wollte die Wallfahrt nicht den Ordensleuten überlassen. 1888 setzte sich Seehuber ein weiteres Mal für die Gründung einer Zweigniederlassung der Minoriten in Traunstein ein. Auch diesem Projekt gegenüber verhielt sich das Erzbischöfliche Ordinariat München und Freising ablehnend.

Dann erbat sich Lorenz Totnan Seehuber am 9. Mai 1890 beim Erzbischof von München und Freising, Antonius von Thoma, dem Nachfolger von Anton von Steichele, eine Privataudienz und trug ihm die Bitte vor, die Seelsorge an der Wallfahrtskirche dem Minoritenorden zu übertragen. Der Erzbischof erklärte sich bereit, darüber zu verhandeln. Nachdem Seehuber die Pfarrer der umliegenden Gemeinden darüber unterrichtet hatte, versammelten sich diese unter dem Vorsitz von Otto von Mayer, Pfarrer in Grabenstätt, am 12. Juni 1890 im Pfarrhof von Siegsdorf. Sie beschlossen, an die königliche Regierung die Bitte zu richten, im Einverständnis mit dem Erzbischöflichen Ordinariat genehmigen zu wollen, dass die Wallfahrtsstelle Maria Eck mit Priestern aus dem Minoritenorden künftig besetzt werde. Als Gründe für den Beschluss wurde geltend gemacht:

1. Maria Eck ist einer der besuchtesten Wallfahrtsorte in Bayern. Für einen einzelnen Priester ist namentlich zur Sommerszeit die Arbeitslast wahrhaft eine erdrückende.

2. Durch den in der Erzdiözese herrschenden Priestermangel wird es den Pfarrern sehr schwer sein, Aushilfen zu leisten. Weder bei den Kapuzinern in Rosenheim noch bei den Karmeliten in Reisach ist man der Aushilfe eines Ordenspriesters sicher.

3. Der Provinzial der Minoriten hat sich bereit erklärt, Maria Eck mit Ordenspriestern seiner Provinz zu besetzen.

Der Provinzial hatte bei der bayerischen Regierung ein Gesuch um Genehmigung zur Gründung einer Niederlassung des Ordens in Maria Eck eingereicht und erhielt am 31. März 1891 die Antwort, dass das königliche Staatsministerium für Kirchen- und Schulangelegenheiten nicht abgeneigt sei, in widerruflicher Weise einigen Priestern aus dem Minoritenorden zu gestatten, die Seelsorge in Maria Eck zu übernehmen, wenn sie dort keine beständige Niederlassung gründen würden. Am 28. April 1891 gab Seehuber die schriftliche Erklärung ab, dass er die erforderlichen Mittel zur Einrichtung des 'Schlösschens', das heißt der ehemaligen Wohnung der Benediktiner, zur Verfügung stellen werde, damit vier Klostergeistliche hier Quartier nehmen und mit der Wallfahrtsseelsorge in Maria Eck beginnen könnten. Im Mai 1891 schrieb der Provinzsekretär P. Erath an den Dekan und Stadtpfarrer von Traunstein, Meixner, dass der Provinzial P. Roßmann sich bereit erkläre, sobald die Erlaubnis vom Erzbischof von München und Freising und der königlichen Regierung eingetroffen sei, wenigstens bis Mitte Juni die Wallfahrt mit Patres des Minoritenordens zu besetzen.

Nach Abschluss der Verhandlungen und auf Grund der Vereinbarungen zwischen dem Erzbischöflichen Ordinariat von München und Freising, der königlichen Regierung und dem Ministerium für Kirchen- und Schulangelegenheiten sowie dem Provinzial in Würzburg, übernahmen die Minoriten die Wallfahrtsseelsorge in Maria Eck. Am 13. August 1891 kamen bei schlechtem Wetter, wie der Chronist schreibt, die vier Ordensleute am Wallfahrtsort an. Zu ihrem Empfang hatten sich viele Gläubige in Maria Eck versammelt. Am 15. August 1891, dem Feste Maria Himmelfahrt, wurden die Minoriten feierlich durch den Dekan Meixner von Traunstein als Wallfahrtsseelsorger eingeführt.


Pater Franz Endres


Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 33 vom13. 8. 2016

 

32/2016