weather-image
11°
Jahrgang 2015 Nummer 42

1000 Kilometer zu Fuß in Gefangenschaft geschleift

Späterer Traunsteiner Scheicher berichtet in Tagebuch vom Feldzug 1809

Nachfahren von Peter Scheicher haben sein Porträt dem Traunsteiner Heimathaus vermacht. (Fotos: Haus der Bayerischen Geschichte)
Scheichers Uniform ist eine der wenigen noch erhaltenen Exemplare aus den Napoleonischen Kriegen.
1000 Kilometer musste Scheicher zu Fuß zur Festung Arad im heutigen Rumänien gehen, wo er in Kriegsgefangenschaft gehalten wurde. (Repro: Mittermaier)

Es waren mehrere hundert junge Burschen, die mit Peter Scheicher 1808 ihren Militärdienst in der bayerischen Armee angetreten hatten. Acht Jahre später sind nur noch der Haager Brauknecht und ein weiterer Kamerad davon am Leben. Der Rest der Kompanie ist im Kampf gefallen oder an Verletzungen, Seuchen und Erschöpfung gestorben. In einem der seltenen, aus dieser Zeit noch erhaltenen, Tagebücher hat Scheicher seine Erlebnisse während der Feldzüge in Tirol (1809), Russland (1812), Frankreich (1814) und schließlich Belgien (1815) festgehalten; was der gebürtige Haager darüber zu Papier gebracht hat, ist auch 200 Jahre später noch dazu angetan, den Lesern Gänsehaut über den Leib zu jagen. Was der junge Bursche damals über Monate an Strapazen erdulden musste, scheint heute unvorstellbar, und ist dabei kein Einzelfall, sondern nur Beispiel für ein ähnliches Schicksal Zehntausender von Kameraden allein auf bayerischer Seite und Millionen von Männern insgesamt, von denen nicht wenige ihr Leben lassen müssen, nur weil sich die Herren an den Schalthebeln der Macht nicht darauf einigen können, ihre Konflikte auf friedliche Art und Weise aus der Welt zu schaffen.

Die Militärzeit des 1788 geborenen Wirtssohns Peter Scheicher beginnt 1808, als er in München als »Gemeiner«, heute würde man sagen »Gefreiter« ins erste Dragonerregiment »Minuzzi« eingereiht wird. Seinen ersten Kriegseinsatz erlebt der dann 21-Jährige in Tirol, wo sich 1809 eine Armee aus rebellierenden Bauern und Handwerkern gegen die seit 1806 regierenden Bayern auflehnt. »Mit Schießgewehren und allerlei Mordinstrumenten wie Sensen, Hellebarden und Mistgabeln versehen – sogar das weibliche Geschlecht hat ihr Kontingent dazu gestellt, sei das Volk auf die bayerischen Truppen losgegangen«, beschreibt Scheicher seine ersten Erfahrungen mit dem Feind, wobei vor allem die Praxis der Partisanen, »Steine in Mengen, große und kleine, von der Höhe des Berges herunterzuschleudern«, den Truppen kaum eine Chance ließ, sich im unliebsamen Gelände dies- und jenseits des Brenners zu behaupten.

Scheichers Reiter-Kompanie, die eigentlich den Knotenpunkt der Straßen aus dem Pustertal, Sterzing und Innsbruck für nachrückende, bayerische Truppen freihalten soll, muss sich angesichts dieses Dauerfeuers von oben nach Innsbruck flüchten, in der Hoffnung, dort auf Verstärkung zu treffen. Doch auch in der Landeshauptstadt haben die Rebellen schon das Heft in der Hand, sodass den Bayern, die inzwischen auch alles an Munition verschossen haben, nichts anderes übrig bleibt, als sich den Aufständischen zu ergeben. Seinen ersten Kampfeinsatz hat Peter Scheicher damit zwar unbeschadet überlebt, doch die wirkliche Hölle sollte erst noch folgen.

Nachdem Scheichers Trupp die Waffen gestreckt hatte, fielen die Bauernsoldaten erst einmal über ihre Gefangenen her und nahmen ihnen – trotz Vereinbarung, dass nur Waffen und Pferde zu übergeben seien – alles an Ausrüstung weg, was nur halbwegs brauchbar erschien. Anschließend wurden die geplünderten Feinde nach Innsbruck getrieben und dort in leerstehende Wohnhäuser gepfercht. Da sich keine regulären österreichischen Truppen in Tirol aufhielten und auch keine Möglichkeit vorhanden war, Kriegsgefangene unterzubringen, sollten Scheicher und seine Kameraden in ein Gefängnis auf österreichischem Boden gebracht werden. Was sich das habsburgische Militär dabei dachte, die bayerischen Soldaten nun sage und schreibe 1000 Kilometer von einem Ende des Reichs ans andere zu schleppen, darüber ließe sich allenfalls spekulieren.

Für die Gefangenen, die den Weg von Innsbruck bis zur Militärfestung Arad im heutigen Rumänien ohne einen einzigen Rasttag zu Fuß zurücklegen mussten, entpuppte sich damit schon der Weg in die Haft als unmenschliche Strapaze, die durch mangelhafte Verpflegung und Unterkunft noch zusätzlich erschwert wurde. Was die Bayern dabei durchmachten, zeigt die Schilderung Scheichers über den Marsch durch eine Heidelandschaft hinter Pressburg, heute Bratislava: »Auf dieser Strecke, welche 24 Stunden lang und kein Haus und kein Baum zu sehen war, mussten wir eine Nacht und zwar ohne Feuer biwakieren, die Eskortmannschaft war mit Lebensmitteln versehen, wir aber hatten und bekamen nichts, bis wir am anderen Tag in Ketschkemet ankamen, und diejenigen, welche während des Marsches erkrankten, und nicht mehr gehen konnten, wurden von den Eskortierenden mit den Gewehrkolben solange gestoßen, bis sie ihren Geist aufgaben.« Der Chronist kommt selbst mehr tot als lebendig in Arad an und hat jetzt nur noch einen Wunsch: endlich einmal in Ruhe schlafen.

Allerdings waren die Bedingungen, die die Malträtierten in der Militärfestung vorfanden, alles andere als dazu angetan, die Strapazen endlich hinter sich zu lassen: 80, 90 Mann wurden in den feuchten und finsteren Kasematten in einen Raum gepfercht, mit nichts als einem Bündel Stroh als Schlafstätte versehen, das die ganze Zeit ihres Aufenthaltes nicht ausgewechselt wurde und schon nach drei Wochen so verbraucht war, dass sie anschließend auf dem nackten Boden hätten schlafen müssen, wie Scheicher berichtet. Auch Leibwäsche hätte es keine neue gegeben, jeder habe die ganze Zeit über die gleiche, ungewaschene Kleidung angehabt, in die sich schon auf dem Hinmarsch allerlei Ungeziefer eingenistet hatte, das dann auch mit den Gefangenen in die Festung einzog und sich dort weiter ungeniert vermehren konnte. Wer an der katastrophalen Unterbringung noch nicht verzweifelte, bekam spätestens bei der Verpflegung dann den Rest: Außer hartem Kommissbrot gab’s zwar Fleisch – aber nur für den, der dafür bezahlen konnte, was angesichts der diversen »Leibesvisitationen«, die die Gefangenen im Lauf ihres Marsches erlebt hatten, nur noch bei wenigen der Soldaten der Fall war. Angesichts dieser Umstände stellten sich dann auch schnell Seuchen wie Typhus und Ruhr ein, die bald bis zu 20 Todesopfer pro Tag forderten.

Vier Monate mussten Scheicher und seine Mitgefangenen so vor sich hinvegetieren, bis sie dann endlich die Nachricht erhielten, dass sie demnächst ranzioniert, das heißt gegen österreichische Gefangene ausgetauscht würden. Zwar gibt es beim Abmarsch wenigstens Proviant, doch auch auf dem Rückweg muss der Trupp wieder durch die berüchtigte Heide, wo es diesmal zwei Tage lang regnet und in der Nacht so kalt ist, dass weitere 300 Soldaten erkranken, von denen etliche unterwegs einfach tot umfallen. Ziel der Gefangenen und ihrer Bewacher ist Raab, auf Ungarisch Gyor, etwa 40 Kilometer östlich des Neusiedlersees gelegen, wo der Austausch der bayerischen gegen die österreichischen Gefangenen stattfinden soll. Doch die rettende Übergabe verzögert sich, worauf die Bayern fünf Tage lang ohne Wasser und Brot in eine Scheune gesperrt werden. Als sich die Tore wieder öffnen, stolpert die völlig verhungerte Schar ins nächste Dorf, um sich in den dortigen Krautgärten am Grünzeug gütlich zu tun.

Ein Gutsherr nimmt sich schließlich den jämmerlichen Gestalten an, gibt ihnen zu essen und zu trinken und lässt eine Nachricht ans französische Generalkommando in Pressburg schicken, dass »wenn wir nicht in Bälde ranzioniert würden, wir alle zugrunde gingen und die Einwohner damit, indem schon einige an der gleichen Krankheit wie wir gestorben sind.« Für alle, die nicht mehr laufen konnten, wurden daraufhin Transportmittel organisiert, die die Patienten ins 80 Kilometer entfernte Spital nach Pressburg bringen sollen. Peter Scheicher, der bisher heil davon gekommen war, musste mit den anderen noch halbwegs Gesunden noch ausharren, bis die offizielle Übergabe über die Bühne gehen sollte. Nach weiteren unendlichen Tagen darf auch er dann endlich nach Pressburg aufbrechen. Die sehnlichst erwartete »Rundumverpflegung«, das heißt vernünftiges Essen und frische Kleidung von Seiten der mit Bayern verbündeten Franzosen gibt es aber auch dort nicht. Immerhin bekommen Scheicher und ein Kamerad ein privates Quartier bei einer Schuhmacherswitwe angewiesen, die zwar auch nur einen Strohsack anbieten kann, doch er habe jetzt endlich einmal glücklich eine ganze Nacht durchgeschlafen, wird der Haager später in seinen Aufzeichnungen schreiben. Am nächsten Morgen war das Wohlgefühl allerdings mit einem Schlag wieder verschwunden: Als Scheicher aufstehen will, kann er sich überhaupt nicht bewegen. Schon einmal, während des Rückmarsches von Ungarn, habe er das erlebt, dass er keines seiner Glieder mehr bewegen konnte, und ausgerechnet jetzt, wo er sich endlich Richtung Heimat aufmachen könnte, passiert ihm das nun wieder. Die Witwe weiß jedoch Rat und versorgt ihren Patienten mit warmen Essigwaschungen, die es Scheicher ermöglichen, zumindest wieder auf die Füße zu kommen.

Weit sollte der 21-Jährige mit seiner angeschlagenen Konstitution aber nicht kommen. Auf dem Weg nach Wien, zwei Stunden hinter Pressburg, bricht er auf der Straße zusammen. Zum Glück ist ein Pferdekarren in der Nähe, auf den er gelegt und so die österreichische Hauptstadt erreicht. Als der Trupp dort ankommt, ist Scheicher immer noch nicht fähig, aufzustehen, worauf ihn Kameraden, in Ermangelung einer Trage, auf einen Mantel legen und zu einem Spital schleppen, wo er vor der Türe liegen bleiben muss, weil das Gebäude mit 1400 kranken Franzosen so überfüllt ist, dass kein einziger Fleck mehr für weitere Patienten frei ist. Fast die ganze Nacht liegt Scheicher dann auf dem nackten Pflaster im Freien, bis endlich der Verwalter erscheint und ihm mitteilt, dass soeben zwei Mann gestorben seien und damit wieder eine Bettlade frei ist. Als der Schwerkranke dann endlich von französischen Ärzten untersucht wird, erhält er die Diagnose »Ungarische Krankheit«. Dabei dürfte es sich nach heutiger Lesart entweder um Typhus bzw. Ruhr oder Fleckfieber gehandelt haben. Ein Heilmittel gab es damals für keine dieser Erkrankungen und so musste Scheichers Körper von sich aus wieder zu Kräften kommen. Doch der junge Bursche ist zäh, und nach all den kräftezehrenden Monaten, die er seit dem Abmarsch nach Tirol schon überstanden hat, wird er sich auch jetzt noch einmal aufrappeln. Er ist zwar längst nicht wieder auf dem Damm, als er auf eigenes Drängen hin aus dem Wiener Lazarett entlassen wird, doch Scheicher möchte endlich nach Hause. Dass er noch auf österreichischem Boden einen Schwager trifft, der als Handelsmann einen fahrbaren Untersatz besitzt, ist ein unerwartetes Glück für den so Geschundenen.

Noch Monate nach seiner Rückkehr in die Heimat – zu Hause bei den Eltern in Haag kann er nur kurz bleiben, dann muss er wieder in die Kaserne nach München – sollte Scheicher Schwächeanfälle erleiden, bis er endlich wieder auf dem Damm ist. Was der junge Soldat damals nicht ahnt: Die Erlebnisse im Jahr 1809 waren bei Weitem nicht das Schlimmste, was er in seiner Militärkarriere durchmachen sollte: 1812 ist der dann 25-Jährige einer von gut 30 000 Bayern, die mit Napoleon Bonaparte nach Russland ziehen müssen, wo erneut Hunger, Kälte, Krankheit und Tod die bayerischen Truppen lichten, nur 3000 von ihnen werden am Ende die Heimat wiedersehen.

Scheicher hat Glück und überlebt auch diesen Albtraum sowie die folgenden Befreiungskriege 1814/15, um im Januar 1816, inzwischen zum Unteroffizier der Chevauleger aufgestiegen, endlich aus dem Militärdienst entlassen zu werden. 1818 heiratet er im Alter von 30 Jahren Therese Heibler, Witwe eines Schiffmeisters und Handelsherrn aus Neubeuern. 1819 kommt dort der einzige Sohn Peter auf die Welt, der wie sein Vater ebenfalls das Brauhandwerk erlernt und 1863 nach Traunstein zieht. Peter Scheicher Senior, seit 1855 Witwer, begleitet den Sohn an dessen neuen Wohnort, wo der Veteran, hochbetagt und hochgeehrt 1868 im 80. Lebensjahr stirbt.

An die Erlebnisse des jungen Soldaten erinnert heute nicht nur sein Tagebuch, sondern auch eine Uniform sowie ein Porträtbild, das seine Nachfahren dem Traunsteiner Heimathaus vermacht haben.

Bis 31. Oktober sind die Erinnerungsstücke noch in der Landesausstellung »Napoleon und Bayern« in Ingolstadt zu sehen, die täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet ist. Ausstellungsort: Bayerisches Armeemuseum, Neues Schloss, Paradeplatz 4, 85049 Ingolstadt, Tel. 0841/9377-0, Infos gibt es auch unter www.hdbg.de.


Susanne Mittermaier

 

42/2015