Jahrgang 2009 Nummer 22

100 Jahre Elektro-Motorschifffahrt auf dem Königssee

1909 wurde mit der »Accumulator« das erste Elektromotorboot eingesetzt

Flotte der Schifffahrt Königssee im Jahre 1910 an der Seelände Königssee (heutige Abfahrtsstelle der Boote) aufgenommen.

Flotte der Schifffahrt Königssee im Jahre 1910 an der Seelände Königssee (heutige Abfahrtsstelle der Boote) aufgenommen.
Das Boot Watzmann (Foto) sollte als erstes Boot in Dienst gestellt werden. Da es aber zu Lieferschwierigkeiten kam, musste nach

Das Boot Watzmann (Foto) sollte als erstes Boot in Dienst gestellt werden. Da es aber zu Lieferschwierigkeiten kam, musste nach Ersatz gesucht werden. Diesen fand man, in dem das Boot Accumulator angemietet wurde. Das ursprünglich bestellte neue Boot Watzmann wurde erst 1910 ausgeliefert und mit einem Jahr Verspätung in Dienst gestellt. Da man von der Motorschifffahrt überzeugt war, entschloss man sich 1910,auch den angemieteten Accumulator zu kaufen und auf den Namen St. Bartholomä umzutaufen.
Der Accumulator war das erste Elektroboot auf dem Königssee (Indienststellung 15.7.1909). Das Boot war gebraucht, wurde zunächst

Der Accumulator war das erste Elektroboot auf dem Königssee (Indienststellung 15.7.1909). Das Boot war gebraucht, wurde zunächst angemietet und dann abgekauft. Anschließend umbenannt auf den Namen St. Bartholomä. Die Aufnahme stammt von 1910.
1873 wurde erstmals der Ruf nach einem Dampfschiff laut. Ein entsprechender Antrag wurde vom König Ludwig II. abgelehnt. Anträgen von 1888 und 1894 erging es nicht anders. Doch die Zahl der Schifffahrtsgäste wuchs von Jahr zu Jahr. Mit 57 Ruderbooten wurden 1908 bereits 78 000 Gäste befördert.

Der Königssee als Ausflugsziel

In der Eingabe des Schiffmeisters Moderegger vom 21. Dezember 1907 auf Genehmigung von Motorbooten am Königssee liest man nicht ohne Schmunzeln Folgendes: »Unsere raschlebige Zeit verlangt rasches Reisen, schnelle Fahrt. In der Hochsaison wird der See nachweislich an manchen Tagen von 1200 bis 1500 Personen besucht. Stundenlang müssen Hunderte auf die zurückkehrenden Schiffe warten und ergehen sich in nicht gerade schmeichelhafter Weise über diese bajuwarischen Urzustände.«

Der Bau der heute nicht mehr existierenden Eisenbahnverbindung von Berchtesgaden nach Königssee, die am 29. Mai 1909 fertiggestellt wurde, ließ eine steigende Anzahl an Königsseebesuchern erwarten. Die Entscheidung über die Einführung einer Motorschifffahrt drängte. Mit der Lokalbahn wurden im Sommerhalbjahr 1910 – kurz nach Einführung der Motorschifffahrt – bereits knapp 255 000 Personen an den Königssee gebracht.

Vier Boote machen den Anfang

Mit Zustimmung des Prinzregenten Luitpold bestellte der Obersthofmeisterstab (heute: Bayerische Schlösserverwaltung, München) 1909 vier Boote – ein Elektroboot, zwei mit Petroleum befeuerte Dampfmaschinenboote und ausschließlich für Hofdienstzwecke ein kleines Elektroboot.

Ihren Anfang nahm die Motorschifffahrt schließlich am 15. Juli 1909 mit dem von Siemens-Schuckert gelieferten Elektromotorboot »Accumulator« (1910 auf »St. Bartholomä« umgetauft). Es fasste 38 Personen, war 12 m lang, 2,15 m breit und hatte etwa 15 PS. Bootskörper und Kajüte waren aus Mahagoni. Die erforderliche Energie lieferte eine Bleibatterie, die bei einer Geschwindigkeit von 10 km/h einen Aktionsradius von rund 100 Kilometern ermöglichte. Kurz nach der Indienststellung der »Accumulator« wurden die beiden 18 Personen fassenden Dampfmaschinenboote »Tristan« und »Isolde« gewassert. Das für hofdienstliche Zwecke hochherrschaftlich ausgestattete Elektromotorboot »Gemse« kam wenig später hinzu und konnte bis zu 20 Personen transportieren. Auch die »Gemse« wurde schon bald zur Fahrgastbeförderung eingesetzt.

Wachsende Beliebtheit

Die Ära der Motorboote war damit auch am Königssee endgültig angebrochen, die Fahrzeiten über den See hatten sich mehr als halbiert. Ein allgemeiner Aufschwung des Fremdenverkehrs in der Region war die Folge. Weitere Elektromotorboote wurden angeschafft. Diese hatten sich durch ihr geräuschloses Dahingleiten ohne Abgase und wegen der geringen Betriebskosten schon bald durchgesetzt. Die Stromversorgung zur nächtlichen kostengünstigen Aufladung der Batterien war durch die »Königssee-Eisenbahn« möglich geworden.

1913 umfasste die Schiffsflotte bereits 12 Boote. Der Obersthofmeisterstab hatte sie, wie vorher schon die Ruderschifffahrt, an den Schiffmeister Moderegger verpachtet. Das Pachtverhältnis endete am 1. April 1934.

Der Staat übernahm die Motorschifffahrt bis zur Privatisierung der Staatlichen Seenschifffahrt zum 1. Januar 1997 in Eigenregie. Seit 1997 ist die Schifffahrt Königssee ein Betriebsteil der Bayerischen Seenschifffahrt GmbH. Gesellschafter der Bayerischen Seenschifffahrt GmbH ist zu 100 Prozent der Freistaat Bayern.

Paradiesisch niedrige Preise

Der Fahrpreis für die Motorschifffahrt im Jahre 1909 wurde vom königlichen Bezirksamt festgelegt und betrug für die Strecke Königssee – Salet / retour 2,40 Mark. Demgegenüber bewegte sich der durchschnittliche Taglohn des Schifffahrtspersonals bei etwa 3,50 Mark. Die Schifffahrtspreise 2009 sind damit, bezogen auf das Lohnniveau 2009, geradezu paradiesisch niedrig.

Der im Juli 1932 festgesetzte Preis von 2,60 Reichsmark blieb bis 1959 unverändert! Alle Preissteigerungen für Materialien, Strom und Lohnerhöhungen konnten durch die erhöhten Fahrgastzahlen aufgefangen werden.

Die Schifffahrt Königssee in der heutigen Zeit

Die Schifffahrt Königssee betreibt heute 17 baugleiche Elektromotorboote, welche circa 20 m lang, etwa 3,50 m breit und für circa 93 Personen zugelassen sind. Ein weiteres Elektromotorboot (EMB), das EMB RAMSAU, steht für 25 Personen zur Verfügung.

Mit etwa 80 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ist die Schifffahrt Königssee einer der größten Arbeitgeber der Gemeinde Schönau. Während der Saison arbeiten sie im Fahrdienst und im Winterhalbjahr setzen sie als Bootsbauer, Schreiner, Zimmerer, Maler, Schlosser, Mechaniker, Elektriker und Sattler die Boote instand.

Deutschlands südlichste und höchstgelegene Werft

In der hauseigenen Werft werden nicht nur Reparaturen und Generalinstandsetzungen durchgeführt, sondern seit 1983 auch vollständige Neubauten. Im Juni 2003 wurde mit der Schiffstaufe des EMB BERCHTESGADEN der fünfte und bis jetzt letzte Neubau in Dienst gestellt. Während die Neubauten bisher komplett in Holzbauweise erstellt wurden, sind die Schiffschalen der beiden letzten Neubauten von der Lux-Werft bei Bonn in Stahlbauweise gefertigt. Die Aufbauten und die Ausstattung wurden aber wie bisher von eigenen Arbeitskräften in der Königssee-Werft in Holzbauweise durchgeführt.

Der Elektroantrieb

Jedes Boot verfügt über 60 Batteriezellen. Mit einem Gewicht von knapp 49 kg pro Zelle wiegen die Schiffsbatterien pro Boot rund 3 Tonnen. Sie haben eine durchschnittliche Lebensdauer von circa 7 Jahren. Während der Nacht werden die Batterien mit kostengünstigem Nachtstrom geladen. Die Kapazität der vollen Batterien reicht für circa 12 Stunden. Mit einem 110-Volt-Reihenschlussmotor wird bei einer Leistung von 8,8 kW eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 12 km/h erreicht.



22/2009