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Jahrgang 2020 Nummer 41

100 Jahre – 100 Objekte

Die Epochale Jubiläums-Schau »Großes Welttheater« im »Salzburg Museum«

Max Reinhardt (1873 bis 1943), Gründer der Salzburger Festspiele. (Originalzeichnung auf Karton von Paul Simmel, circa 1920)
Bühnenbildmodell von Oskar Strnad für Mozarts »Zauberflöte«, erste Festspieleigene Opernproduktion im Festspielhaus, 1928.
Osterfestspiele 1972: Plakat-Flyer mit Programmzettel, Sammler-Objekt, mit Autogrammen unter anderem von Herbert von Karajan und Christa Ludwig.

Wer im Salzburger Festspielhaus beim Gang zur Felsenreitschule, der wohl beliebtesten Spielstätte des berühmtesten Kulturfestivals der Welt, an zwei auf Sockeln stehenden Büsten grußlos vorbeiging, blieb diesen etwas schuldig. Er ließ die beiden Männer, die der SalzachStadt mit den von ihnen gegründeten Festspielen zu Weltruhm verhalfen, Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal, unbeachtet. Es gibt stärkere Bilder der historischen Koryphäen, doch sie verdienten einen tiefen Kotau all derer, die – aus Interesse, Geltungsdrang oder Wohlstand – zu den Salzburger Festspielen anreisen. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr, in dem sie ihren 100. Geburtstag ausgiebig begehen wollten, kam Präsidentin Helga RablStadler, Intendant Markus Hinterhäuser sowie dem geschäftsführenden Krisenmanager Lukas Crepaz Corona dazwischen und diktierte ihnen ein Schrumpf-Programm von nur einem Monat. Was bleibt, um Salzburg trotz der Pandemie-Misere, in die es geriet und aus der es sich vielleicht nicht unbeschadet wird befreien können, zu besuchen, ist die Landesausstellung »Großes Welttheater« im »Salzburg Museum« am Mozartplatz. Sie dauert 15 Monate.

Zur »Entdeckungsreise durch das Große Welttheater Salzburger Festspiele« wollte das SF-Direktorium das Publikum »verführen«. Auch diejenigen, die nicht das Glück hatten, eine der tollen Veranstaltungen (Oper, Konzert, Schauspiel) buchen oder besuchen zu können, sollten sich eingeladen fühlen. Sie werden es nicht bereuen, den multimedialen Parcour durch 100 Jahre »Welttheater« mit seinen hundert Memorabilien abgeschritten zu haben.

Der Katalog wiegt schwer. Man schleppt ihn dennoch mit. So kompakt wie in dem Begleitbuch, fabelhaft getextet von der Kuratorin Margarethe Lasinger, hat man das aufregendste Jahrhundert Festivalgeschichte noch nie beisammen gehabt. Von Zeit zu Zeit, wenn es einem zu finster wird in den geheimnisvoll abgedunkelten Räumen und man ein rares Fenster-Platzerl zum Verschnaufen ergatterte, schlägt man vor Ort nach. Liest freilich nicht die (zweisprachig wiedergegebenen) Aufsätze rund um den Hauptteil, bevorzugt vielmehr die Beschreibungen der 100 Objekte, die man aus den Archiven ausgegraben hat, um »Geschichte« voller »Geschichten« dranzuhängen. Das Schlendern durch die Säle wird so zum gewiss nicht ungetrübten Vergnügen, da man ja doch nicht nur zu lesen, sondern vor allem zu schauen hat. Man sollte dabei nicht wenigstens einige der 128 aus Schubladen tönenden Audio-Relikte vergessen. Lasinger und Ko-Kurator Martin Hochleitner haben für die Schau den Begriff »Gesamtkunstwerk« bemüht und darunter viele oft lustige Details subsumiert, um dieses Gebilde möglichst facettenreich zu gestalten. Man kommt nicht umhin, in Salzburgs 100-jähriger Festivalgeschichte die Glanzpunkte, Sternstunden und Meilensteine zu bestaunen, doch wird man nicht umhinkommen, die Streitigkeiten, Intrigen und Skandale mit zu »denken«, die teilweise heute noch international für mediales Aufsehen sorgen. Negatives wie Positives in 100 Sommern Opern-, Theater- und Musik-Geschehen in der Mozartstadt werden von Menschen gemacht, von Weltstars des gesungenen und gesprochenen Theaters, des Instrumentalspiels, der Orchesterleitung, der Bühnenpräsentation und der Stücke-Kreation. Immer wieder, das ist das HauptEreignis dieser sowohl penibel erarbeiteten als auch detailverliebt inszenierten Schau, tauchen ob ihres anregenden Kreativitätspotentials nicht hoch genug zu ehrende Künstlerpersönlichkeiten auf. Das beginnt bei den Gründervätern Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal, die am 22. August 1920 mit dem neun Jahre zuvor in Berlin erprobten »Jedermann« den Startschuss gaben. Das schließt Mitstreiter wie den Bayern Richard Strauss nicht aus. Mit seiner Oper »Die Liebe der Danae«, 1952 einstudiert, zeichnete sich schon relativ früh der anhaltende Trend der SF zur Uraufführung im Musik- und Schauspiel-Bereich ab. Ohne den nicht unumstrittenen Solitär wie den so gern auch Regie führenden Dirigenten hochbegabten Herbert von Karajan, der 1989 81-jährig starb, ohne so prägende Gestalten wie Arturo Toscanini, Bernhard Paumgartner, Oskar Fritz Schuh, Clemens Holzmeister, Otto Schenk, Pierre Boulèz, JeanPierre Ponnelle, Gottfried von Einem, auch Peter Handke, Thomas Bernhard und die gastierenden Dichter und Denker von Jelinek bis Kehlmann – hier alle nennen, führte zu weit – wären die Salzburger FestSommer nicht das geworden, als was sie heute im internationalen Kunstbetrieb gelten.

Und da sind noch gar nicht die gefeierten »Jedermänner« (es sollen 17 sein im Lauf der SF-Geschichte) und »Buhlschaften« (angeblich 35) genannt, nicht die Dirigenten – von Bruno Walter über Karl Böhm, Georg Solti und Riccardo Muti bis zu Nagano, Metzmacher oder die im August '20 mit einer verkürzten, umso brillanteren »Così fan tutte« hervorgetretene Nürnberger GMD Joana Mallwitz, nicht die Regisseure – von Walter Felsenstein bis Christof Loy, Orchester – von den Wiener Philharmonikern bis zur Musicbanda Franui, nicht die Bühnenausstatter – von Alfred Roller über Schneider-Siemssen bis Christian Schmidt, auch nicht die zahlreichen Instrumentalsolisten von Rang wie Alfred Brendel oder AnneSophie Mutter. Erst recht nicht die bejubelten GesangsStars. Wer nicht wusste, dass die heute als Primadonna Assoluta angehimmelte Anna Netrebko vor 12 Jahren als »kleines« Blumenmädchen im »Parsifal« begann oder vor 19 Jahren Modezar Karl Lagerfeld (gestorben 2019) für den von Jürgen Flimm inszenierten »Schwierigen« (alias Karlheinz Hackl) die Kostüme entwarf – die Schau erinnert ihn – wie an so viel Erstaunliches.

Zu den 100 gezeigten Original-Objekten lässt sich nur sagen: Jedes erzählt ein Stück Theatergeschichte: Oskar Strnads Bühnenbildmodell für Lothar Wallersteins »Zauberflöte« als erste Festspiel-eigene Opernproduktion im Festspielhaus (1928), die Silberne Rose aus der Neuinszenierung des »Rosenkavaliers« zur von Karajan dirigierten Eröffnung des Großen Hauses 1960, Luciano Pavarottis Kostüm für die Titelpartie in Ponnelles »Idomeneo« (1983), wozu übrigens ein verbogener Nagel gehört, an den der seit 13 Jahren tote Supertenor fest als Glücksbringer glaubte, Achim Freyers witzig geflügelte hölzerne Zauber-Flöte für sein knallbuntes Zirkus-Ambiente in Mozarts Dauerbrenner (1997) oder die aktuell bedeutsame Mund-Nasen-Schutzmaske mit »100 Jahre«-Aufdruck, die man im Gedenken an den eingeplanten Maestro Mariss Jansons (gestorben 1.12.2019) dekorativ auf Karajans Dirigierpartitur der Mussorgski-Oper »Boris Godunow« (1965) legte.

Was vor 100 Jahren in einer namenlosen Krise (Hungersnot in Österreich!) begann (Reinhardt nagelte seine »Jedermann«-Bühne aus Brettern einer Gefangenenbaracke zusammen), endet in einer Krise, die Corona heißt und die Welt, wer weiß, wie lange noch, in Atem hält. Schön, dass auf 2000 Quadratmeter Fläche gezeigt wird, wie und was sich aus kümmerlich-engen Anfängen entwickelte: das größte Musik- und Theaterfestival der Welt. Diese epochale Schau zieht die Kulturwelt noch lange in den Bann. Bis 31. Oktober 2021 ist sie von Dienstag bis Sonntag von 9 bis 17 Uhr geöffnet.

 

Hans Gärtner

 

41/2020