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Jahrgang 2019 Nummer 22

Zellerer Trachtler freuen sich auf Festwoche

Ein Rückblick auf 100 Jahre Rauschberger Waldfest

Mitwirkende beim Waldfest 1921.
Waldfest des Radfahrvereins mit Preis-Radfahrrennen 1905.
Musikkapelle Rauschberger-Zell, Gründerzeit.
Traunsteiner Wochenblatt 1937.
Beim Holzhacker vor der neuen Vereins-Almhütte, Ende der 30-er Jahre.

Kaum ein halbes Jahr seit dem Ende des ersten Weltkriegs war vergangen, da entstand im Kreis der Mitglieder der verständliche Wunsch und das Bedürfnis, so schnell wie möglich wieder an das »normale« Leben der Vorkriegszeit anzuknüpfen. Wer hätte es den leidgeprüften Menschen von damals auch verdenken können? Man hatte mehr als genug von zerstörender Kriegsmaschinerie, von Schreckensnachrichten über todbringende Frontkämpfe und unmenschlichen Entbehrungen im Dienste des Vaterlandes. 42 Vereinsmitglieder mussten den übersteigerten Heroismus sogar mit dem Leben bezahlen. Sie sahen die geliebte Heimat nicht mehr. In dieser Zeit dürfte der soziale Aspekt innerhalb des Vereins eine große Rolle gespielt haben, denn heimgekehrte Kriegsinvaliden wurden satzungsgemäß mit einer Einmalzahlung unterstützt. Die tiefe Verwurzelung der Zellerer zur Tradition, zu Zusammenhalt und Glaube bewirkten, dass ihre Rückbesinnung auf die angestammten Werte die Basis für einen Neuanfang bildeten.

Erstes Waldfest 1919 in Fritz am Sand

Einen ersten Aufschwung brachte 1919 das Waldfest im Weiler Fritz am Sand an der Straße nach Reit im Winkl. Das dortige Wirtshaus am Fuß des Rauschbergs war damals ein beliebtes Ausflugsziel. Hier eröffnet sich ein grandioser Ausblick auf die nahen Felswände und die breite Sandreiße des 1671 Meter hohen Namensgebers des Vereins. Dieser direkte Bezug war wohl ausschlaggebend für die Wahl des Veranstaltungsorts. Vor dem Krieg hatte diesen bereits der Ruhpoldinger Radfahrverein mehrmals für sein Waldfest genutzt. Es war 1905 das erste Mal abgehalten worden, verbunden mit einem Preis-Radrennen und unter großer Beteiligung der Rauschberger Trachtler. Davon zeugt noch heute ein originelles Foto, das die Vereinshütte schmückt und auf dem zahlreiche Honoratioren, darunter Reichstagsabgeordneter Georg Eisenberger, der Hutzenauer, zu sehen sind. Es ist anzunehmen, dass die Kriegswirren das Schicksal des Radfahrvereins besiegelten und aus diesem Grund die Zellerer dem Waldfest neues Leben einhauchten. Leider ist in der Vereinschronik wenig über diesen Zeitabschnitt vermerkt. Angeblich soll am Pfingstmontag 1908 der noch junge Verein (gegründet 1903) ein Seefest in Seehaus veranstaltet haben. Umso historisch wertvoller und aufschlussreicher ist der aufgefundene Bericht im Archiv des Traunsteiner Wochenblatts vom 11. Juni 1919, aus dem sich die riesige Resonanz erahnen lässt:

»Trotzdem am Vorabend der Pfingstfeiertage es noch Bindfäden regnete, ließen sich manche Touristen (!) nicht abschrecken und eilten mit Sack und Pack in die finsteren Berge. Und als am Pfingstmorgen hier und da die Sonne durchblickte, war der Ausflüglerverkehr ein recht reger. Viele suchten unser stilles, von hohen zackigen Bergriesen eingerahmtes Tal auf. Fritz am Sand war das Ziel fast aller, denn nach hier hatte der Gebirgstrachten-Erhaltungs- und Unterstützungsverein D’Rauschberger in Zell zu einem Waldfest eingeladen.« Auch die Beschreibung des Verlaufs (damals ging das Fest über beide Pfingsttage) fand breiten Raum: »Auf der Festwiese in Fritz am Sand waren über 1000 Personen versammelt. Das Zylinderstechen, Buam- und Dirndllaufen und Sackhüpfen belustigten die Zuschauer. Zahlreiche Beteiligung fand auch das Preiskegelscheiben. In der Aufführung der National- und Schuhplattlertänze überboten sich die Vereine. Man sah verschiedene schöne Figuren, darunter auch einen steierischen Plattler. Bis in den späten herrlichen Abend hinein hallte das Tal von fröhlicher, echter deutscher Art und Sitte wider.«

Um das kulturelle Angebot noch zu vervollständigen, gab die Ruhpoldinger Theatergesellschaft im Gasthof Gillitzer (heute Hotel Wittelsbach) das Volksstück »Das Preistüachl« in vier Akten mit Gesang und Tanz zum Besten. Die Aufführung wurde, wie es weiter heißt, den Sonntag darauf zugunsten Hinterbliebener, Kriegsbeschädigter und Gefangener wiederholt; ein weiteres Zeichen gelebter Solidarität im Ort.

In den ersten Jahren zog man den weiten Weg durch den Zeller Boden mit Fahne und Musik vom Gasthaus Zell (Vereinslokal von 1903 bis 1934, später bekannt als Nürnberger Heim) nach Fritz am Sand, um das Waldfest offiziell zu eröffnen. In der Folgezeit wählte man die bedeutend kürzere Variante ab dem Faschinghäusl in der Fuchsau.

Wunsch nach eigener Musikkapelle

Mit dem Waldfest hängt auch unmittelbar die Gründung der Rauschberger Musikkapelle zusammen. Denn offenbar war man 1924 mit der »9-stimmigen Blechmusik« der Ruhpoldinger Musikkapelle derart unzufrieden, weil sie den Berichten zufolge »… zu wenig spielten, zu lange Pausen machten und mehr tranken, als der Musik zuträglich war.« Daraufhin reifte der feste Entschluss, ein eigenes Ensemble auf die Beine zu stellen. Schon 1925 konnte das Vorhaben in die Tat umgesetzt werden.

Im Lauf der Zeit entwickelte sich das Waldfest zu einem regelrechten Besuchermagnet. Daran hatten auch Veranstaltungen wie das große Volkslieder-Gausingen 1930 unter der Leitung vom Kiem-Pauli mit Sängergruppen aus Berchtesgaden, dem Mangfallgau und dem Chiemgau ihren Anteil. 3000 Besucher ließen sich die Darbietungen der 140 Sängerinnen und Sänger nicht entgehen. Auch 1935 zählte man über 2000 Besucher. Damals entstand die Idee zum Bau einer vereinseigenen Almhütte und schon 1936 machten sich Vereinsmitglieder daran, diesen Plan in Fritz am Sand zu verwirklichen. Zimmerleute, Holzknechte, Handwerker und zahlreiche Helfer packten mit an, sodass die Almhütte ein richtiges Schmuckstück wurde. Man hatte nun ein eigenes Heim für Proben, Ausschusssitzungen und natürlich für das Waldfest. 1937 konnte das stilecht errichtete Gebäude mit einer feierlichen »Einstallierung« eingeweiht werden (siehe Anzeige im Traunsteiner Wochenblatt).

Nach dem 2. Weltkrieg – 54 Vereinsmitglieder waren gefallen, manche Gefangene noch nicht heimgekehrt – wagte man 1949 einen Neuanfang. Bedingt durch den wirtschaftlichen Aufschwung erlebte das Waldfest in den Fünfzigerjahren eine unglaubliche Dynamik. Wenn dabei die Stimmung überkochte, spielten die Musikanten auch schon mal vom Dach herunter.

Holzhacker, Fingerhakln und Ranggeln

Zum traditionellen Ablauf gehört der seit vielen Jahrzehnten einstudierte Original-Rauschberger-Holzhacker, der nicht nur von den Urlaubern mit Spannung erwartet wird und als »der« Höhepunkt bis heute gilt. Eine Art szenischer Plattler, bei dem sich die aktiven Buam mit Hacken an echten Holzstämmen im Marsch-Rhythmus zu schaffen machen, auf offenem Feuer das Pfannen-Muas gekocht und mit dem Förster über das Holzmaß verhandelt wird.

Auf der Suche nach weiteren Attraktionen ließen sich die Organisatoren immer etwas Neues einfallen, ohne den brauchtümlich ausgerichteten Charakter in Frage zu stellen. Man denke nur an die schmucken Gamsbart-Treffen, an die Oldtimer- Radl-Schau oder die kernigen Kämpfe im Fingerhakln und Ranggeln, die 1960 zur Gründung eines eigenen Chiemgauer Ranggler- und Haklervereins führten, der bis heute besteht.

Nachdem die Almhütte Anfang der 50er Jahre wegen des Baus der Queralpenstraße schon mal um 30 Meter versetzt werden musste, erfolgte 1995 der Umzug an ihren jetzigen Standplatz an der Zufahrt zum Holzknechtmuseum in der Laubau, wo sich auch der Vereinsstadel befindet.

Viele Situationen haben die Rauschberger im vergangenen Jahrhundert mit ihrem weitum bekannten Waldfest erlebt. Denn bei Weitem ist nicht immer alles so glatt gelaufen, wie es den Anschein hat. Vor allem sorgte schlechtes Wetter immer wieder für Unterbrechungen oder gleich gar für Absagen, sodass man sich letztlich für die eintägige Durchführung entschloss. Einmal blieb man sogar auf 700 Paar Weißwürsten und 1000 Semmeln sitzen, die vergeblich auf Esser warteten. Und Erna Geierstanger, Aktives Dirndl aus dem Jahrgang 1926, erinnert sich an ein plötzliches Unwetter, das die Gesellschaft sauber überraschte. Erst als die Bühne von der 15 Zentimeter hohen Hagelund Schneeschicht mit Schaufeln und Besen befreit war, konnten die Darbietungen weitergehen. Und selbst wenn es mal wieder Unstimmigkeiten mit dem Fritzn-Wirt gab, ließ man sich nicht entmutigen und wich kurzerhand auf die Raffner-Alm aus. Denn schließlich hatten die Macher durchwegs ein Ziel vor Augen: mit unverfälschtem Brauchtum zünftige Geselligkeit und Lebensfreude zu vermitteln. Und das soll auch die nächsten hundert Jahre so bleiben.

 

Ludwig Schick

 

Quellennachweis und Fotos: Chronik und Archiv Rauschberger-Zell

 

22/2019