weather-image
25°
Jahrgang 2019 Nummer 18

Wurzelbrüah und Muckefuck halfen in Notzeiten

Auf der Suche nach kaffeeähnlichem Geschmack waren unsere Vorfahren recht einfallsreich

Tassenprobe…
Künstlerisches Logo: Feigen-Caffee
Caro-Dose 1954
Blühende Zichorie
DDR-Produkt imnu
Anbaugebiet Altrei in Südtirol
Lupinensamen

Wer sich heutzutage – wie Millionen andere Bundesbürger auch – dem täglichen Kaffee-Genuss hingibt, wird sich wahrscheinlich nicht bei jeder Tasse Gedanken darüber machen, dass es schon mal Zeiten gab, in denen das belebende Getränk nicht immer und jederzeit verfügbar war. Heute dagegen ist Kaffee zu jeder Tages- und Nachtzeit sprichwörtlich »in aller Munde«. Rund um den Globus und noch dazu zu einem erschwinglichen Preis. Moderne Vollautomaten und diverse andere Geräte machen dies per Knopfdruck in Sekundenschnelle möglich; in Beruf, Freizeit oder auf Reisen. Nicht umsonst ist Kaffee – noch vor Wein und Bier – das am meisten getrunkene Alltagsgetränk.

Doch wie sah es in Kriegs- und Notzeiten aus (von denen es ja mehr als genug gab), als die begehrte Bohne zur Mangelware wurde und nur der Herrscherkaste nebst Obrigkeit vorbehalten blieb? Als ein Beispiel sei hier die Napoleonische Kontinentalsperre von 1806 bis 1812 erwähnt, als der Bezug »arabischen Kaffees« stark eingeschränkt bzw. ganz unterbunden wurde.

Not macht erfinderisch

Nun, dem kleinen Mann blieb nichts anderes übrig, als sich von der Maxime leiten zu lassen: Not macht erfinderisch! Und die setzt dem Einfallsreichtum und der Experimentierfreudigkeit bekanntlich (fast) keine Grenzen. So versuchten sich die Menschen schon Mitte des 18. Jahrhunderts an allen möglichen Pflanzen, um ein halbwegs akzeptables Ergebnis in Geschmack und Farbe zu erreichen.

Bevor es aber zum eigentlichen Röstvorgang kam, mussten ungenießbare oder gar gesundheitsschädliche Pflanzenteile entfernt werden. Aus den Versuchen entstanden verschiedene Sorten an Kaffee-Surrogaten (= Ersatz) wie Malz-, Zichorien- oder der geröstete Feigenkaffee, dessen Ursprung man in Oberitalien (Mitte 18. Jahrhundert) vermutet. Aber nicht nur gemälzte Gerste für den Malzkaffee wurde verwendet, sondern auch andere Getreidesorten wie Roggen, Weizen, Emmer und dergleichen. Scheinbar geröstet wurde alles, was Wald, Wiese und Garten hergaben: Bucheckern, Kastanien, Löwenzahnwurzeln, Eicheln, Kerne und Steine von Obstsorten und sogar Kartoffeln sorgten, unserem verwöhnten Gaumen nach zu urteilen, für abenteuerliche Geschmackserlebnisse. Daher rührt wohl auch die despektierliche Bezeichnung »Wurzelbrüah«, die heute noch in Bayern ein etwas dünn geratener »echter« Kaffee über sich ergehen lassen muss. Etwas besser kommt da der »Muckefuck« weg, französisch »Mocca faux« für falschen Kaffee, dessen Name während des deutsch-französischen Kriegs 1870/71 wahrscheinlich von Soldaten sprachlich abgeschliffen und somit eingedeutscht wurde.

Zichorie, Gerste & Co.

Weit zurück in die Geschichte reichen ebenfalls die Anfänge des Zichorienkaffees, der aus der Wurzel der blau blühenden »Gemeinen Wegwarte« gewonnen wird. Die Pflanze ist bereits seit über 300 Jahren bei Botanikern und Klostergärtnern bekannt. In den Jahren 1769/1770 vergaben die Städte Berlin und Braunschweig schon Konzessionen für die gewerbsmäßige Herstellung eines aromatischen Kaffee-Ersatzes, der bis in unsere Tage gesundheitsbewusste Abnehmer findet. Braunschweig entwickelte sich dabei als frühes Zentrum der Großproduktion, wobei 1795 bis zu 24 Betriebe registriert waren. Im Lauf der Zeit optimierten und verfeinerten Lebensmittelchemiker das Ergebnis. Ein Beispiel dafür ist das 1954 erstmals am Markt erschienene, dem »modernen« Lebensstil angepasste Instant-Ersatzkaffee- Getränk (Caro) auf Gersten- und Zichorienbasis (im Verbraucher-Bewusstsein auch als »Kinder-Kaffee« bekannt). Ältere Leser werden sich in dem Zusammenhang vielleicht noch an »Quieta Feigenkaffee« oder ähnliche Marken erinnern, die zum täglichen Ritual am Frühstücksoder Nachmittagstisch gehörten.

Als lukrative Geschäftsidee des Köthener Wunderheilers Arthur Lutze erwies sich Mitte des 19. Jahrhunderts der Vertrieb von »Wittig’s Gesundheits-Kaffee«.

Im Dritten Reich entstand als Synonym für alle kaffeeähnlichen Getränke der Begriff »Kaffee-Surrogat-Extrakt«, der noch bis in die Anfänge der Bundesrepublik unter staatlicher Verwaltung stand. Speziell in der Nachkriegszeit, als echter Bohnenkaffee zu den Luxusgütern zählte, wurde in den Gaststätten »Deutscher Kaffee« als Umschreibung für das fehlende Original verwendet.

Alpine Rarität: Altreier Lupinenkaffee in Südtirol

Eine regionale Besonderheit stellt der Altreier Lupinenkaffee dar, der seinen Namen dem kleinen Bergdorf zwischen dem Fleimstal und dem Cembratal auf 1200 Metern Höhe zu verdanken hat. Ausgangsprodukt sind die flachen Samen der einjährigen Korbblütler-Pflanze (Lupinus pilosus), die auf Grund der besonderen Bodenbeschaffenheit aus saurem und sandigem Boden nur in dieser Region gedeiht. Versuche, die bis zu 1,20 Meter hoch wachsende Pflanze andernorts anzubauen, schlugen bisher fehl.

Als der »echte Bohnenkaffee« zunehmend den gewohnten »Bauernkaffee« verdrängte, besannen sich einige Altreier Bäuerinnen auf die über 150 Jahre lange Tradition des Lupinengetränks und sorgten so für die Weiterführung eines fast ausgestorbenen landwirtschaftlichen Produkts. Dass es durchaus seine Bedeutung hatte, beschreibt Bischof Johann Baptist Zwerger in seiner 1887 erschienenen Biografie: »Auch eine blaublühende Bohnenfrucht, welche als Voltruier Lupine bekannt ist, bringt selbst den Ärmsten der Armen ein kleines Verdienst ein.«

Dass es in neuerer Zeit wieder zur erfreulichen Rückbesinnung kam, daran ist auch die Studentin Andrea Heistinger nicht ganz unschuldig. Sie besuchte 1998 den Ort Altrei, (im Volksmund Voltrui), um für ihre Diplomarbeit über alte Kulturpflanzensorten an der Universität für Bodenkultur in Wien zu recherchieren. Seitdem ist die botanische Rarität aus dem Dornröschenschlaf erweckt und ihre Verarbeitung wieder ins Bewusstsein der Bewohner gerückt. Im Zuge dessen wurde der Verein der Altreier Lupinen-Anbauer gegründet und im Rahmen eines EU-Projekts die Wiederbelebung der Produktion und der Vermarktung des Altreier Kaffees gestartet.

In Deutschland, übrigens das größte Lupinen-Anbauland in der EU, haben ebenfalls innovative und tatkräftige Bauern den Lupinenkaffee für sich entdeckt und bereichern den Markt mit hochwertigen Produkten. Allen sogenannten Kaffeeersatz-Getränken ist eines gemeinsam: Sie enthalten weder Koffein oder Kaffeesäure, sind also besonders magenfreundlich und erzeugen weder Nervosität, Kopfschmerzen oder Schlaflosigkeit.

Was man bereits im alten Babylon und in Ägypten offenbar zu schätzen wusste, wie Funde aus gerösteten Getreidekörnern vermuten lassen.

 

Ludwig Schick

 

18/2019