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Jahrgang 2011 Nummer 49

Wie zwei ihr Christkindl heimgebracht haben

Eine vorweihnachtliche Geschichte

Es ist im Dezember 1925 zehn Tage nach Nikolaus gewesen. Draußen wars noch stockfinster – es ist ja auch grad‘ »Sechse« in der Früh‘ geworden. Der Gruberbauer von Tabing und seine Frau aber standen an diesem Morgen, schon dick und warm angezogen, vor der Haustür. Sie gaben dem Knecht und der Magd nochmal Anweisungen, im Stall und im Haus noch »Alles« fertig zu machen. Auch sollten sie gut aufpassen, dass auf dem Hof nichts abhanden kam und ums Finsterwerden überall den Riegel vorschieben, denn vor »Achte auf d‘Nacht« würden sie kaum heimkommen. Mit der abendlichen Stallarbeit sollten sie ja früh genug anfangen, gemahnte noch der Bauer, indessen seine Frau noch eine dicke Rossdecke auf den kleinen Ziehschlitten legte. Die beiden Dienstboten meinten nickend, dass sie schon alles richtig machen würden. Anderl, der Knecht, mahnte sie zum Aufbruch, denn bis zur Bahnstation nach Matzing war bei dem vielen Schnee schon gut eineinhalb Stunden zu gehen. So stapften nun die Beiden mit einer Laterne, den Schlitten hinter sich herziehend, auf dem nur schlecht begehbaren Weg, dem nahegelegenen Waldstück zu. Es wehte ein eisiger Wind als diese, das Holz hinter sich lassend, auf der menschenleeren, schmalen Straße, dem kleinen Bahnhof in Matzing zustrebten. Weit und breit war niemand zu sehen und zu hören, nur von Zeit zu Zeit meinten sie, das Geläut eines Pferdeschlittens zu hören. Auf dem langen Weg dorthin redeten sie nur wenig miteinander und als dieser endlich von weiten sichtbar wurde, schnauften beide erleichtert auf.

Inzwischen war es schon fast acht Uhr geworden, als die Gruberleut bei dem Bahnhofshäusl angelangt waren und am Schalter zwei Fahrkarten nach Ruhpolding – hin und zurück – kauften. Kurz darauf hielt der Zug aus Richtung Trostberg auch schon pfauchend an und mit einem lauten Pfeifen ging es weiter nach Traunstein. Dort mussten sie umsteigen in den Ruhpoldinger Zug, der sie an ihr Ziel bringen sollte.

Die Bäuerin hielt es auf ihrem Platz kaum mehr aus – immer wieder fragte sie ihren Mann, was er glaube, ob sie das Kindl auch wirklich mit heim nehmen durften?

Als die beiden endlich in Ruhpolding ankamen, ging es schon auf halb zehn Uhr zu, die Frau band ihr Kopftuch fester zu und gemeinsam stapften sie dem »Bergersacherl« auf der Anhöhe oben zu. Das enge »Strassl« hier herauf war fast zugeweht – ebenso auch der kleine Hof, wo gerade jemand die Haustüre aufmachte. Mit einem »Grüß Gott, kommts eina«, deutete diese hinein in den Hausgang, von wo sie gemeinsam in die Stube gingen. Dort stand hinter der Tür an der Wand ein uralter Kachelofen und daneben lag in einer Art hölzernem Stubenwagen, friedlich schlafend, ein kleines Mädchen.

Ganz leise traten nun die drei an das kleine Bettchen und die Mutter des Kindls, welche auf dem Bergerhof im Dienst war, flüsterte dem Besuch zu, dass es halt so brav sei, ihr Dirndl.

Inzwischen war auch die Bergerbäuerin von der Küche hereingekommen in die Stube, sie begrüßte den Besuch und stellte dabei eine Schüssel mit heißer Milch und einen Brotlaib auf den Tisch. Gemeinsam setzten sich nun die »Gruberleut«, die Bergerbäuerin und Leni die Magd, an den Tisch.

Eigentlich war ja vor zwei Wochen schon abgesprochen worden, dass die Bauersleut aus Fehling , weil sie selber keine Kinder bekommen hatten, das Dirnderl als ihr Eigenes aufziehen wollten. So wurde nur »der Ordnung halber«, nochmal alles genau ausgemacht.

Weil die »neuen Eltern« mit ihrem gerade drei Monate alt gewordenen Kinderl beizeiten heimkommen wollten, drängten diese zum baldigen Aufbruch. Die Leni hatte schon alles hergerichtet, was das Dirndl brauchte, so »wickelten« sie das nun wachgewordene, kleine Lenerl ganz warm in lauter »wollene Sachen« ein. Vor dem Haus packelten sie das »kleine Hascherl« auf den mit einer ganz neuen Rossdecke ausgelegten Schlitten, so dass nur noch ein winziger Zipfel von der dicken Haube herausspitzte.

Es ist ein kurzer Abschied gewesen – die Gruberleut versicherten der weinenden Leni nochmals, dass es dem Kinderl an nichts fehlen werde. Diese nickte und schaute den beiden mit dem Schlitten nach, bis sie nicht mehr zu sehen waren.

Es war schon über Mittag hinaus, als die Bauersleut endlich in den Zug nach Traunstein einsteigen konnten. Das Lenerl hoben sie mitsamt dem Schlitten in den Waggon, dort hatte der Schaffner schon einen guten Platz für sie ausgesucht. Beim Umsteigen im Traunsteiner Bahnhof half wiederum ein Schaffner bei dem mühsamen »Transport«. Zwischendurch gab die »neue Mutter« ganz stolz dem Dirndl das Flascherl mit der Kuhmilch und freute sich, weil das Lenerl sie zum ersten Mal angelacht hatte.

Als die Eheleute endlich in Matzing wieder an dem kleinen Bahnhofshäuserl standen, war es inzwischen schon fünf Uhr geworden und stockfinster. Schnell packelten sie das kleine »Würmerl« auf dem Schlitten noch fest ein und wachelten so schnell es bei dem kaum sichtbaren Weg ging, dem nahen Holz zu. Zwar hatte die Kälte etwas nachgelassen, dafür schneite es nun immer mehr, so kamen sie auch nur mühsam voran. Weil der Schlitten immer wieder fast umkippte, hatten die beiden endlich eine Lösung gefunden. Abwechselnd zog einer den Schlitten, während der andere hinter diesem ging und ihn festhielt – das war zwar sehr bucklig, aber so konnte dieser nicht mehr umfallen.

Als sie ungefähr dreiviertel des mühseligen Weges hinter sich hatten, machten sie eine kurze Rast und weil es unter den Rossdecken drinnen so still war, lugten sie vorsichtig hinein und mussten beide lächeln, als sie ihr Lenerl friedlich schlafen sahen.

Fast fröhlich machten sie sich wieder auf den Weg, um endlich das letzte Stück Weg hinter sich zu bringen. Endlich tauchte das nur spärlich beleuchtete Gehöft in der Dunkelheit auf und Anderl, der Knecht, hatte vorsorglich die große Petroleumlampe vorne an der Haustür aufgehängt. Er kam den Heimgekehrten entgegen, während Marie, die Dienstmagd, noch schnell ein großes Scheitl in den Kachelofen in der Stube geworfen hatte, damit es das kleine »Buzerl« auch schön warm hatte.

Es war gerade halb acht Uhr geworden und die große Wanduhr schlug die halbe Stunde, als die vier Leute vom Gruberanwesen gemeinsam um das neu hergerichtete Betterl von »Ihrem Lehnerl« standen. Gerade hatte das Dirndl die Augen aufgemacht und wie auf dem runden Gesichtchen ein Lächeln zu erkennen war, da war für alle das wahrhaftige, lebendige Christkind gekommen.


Elisabeth Mader



49/2011