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Jahrgang 2019 Nummer 4

Wie der Waginger See entstand

Er gehört zur Kategorie der Zungenbeckenseen

Der Waginger See mit dem typischen »Vier-Uhr-Knick«.
Drei Zweigbecken des würmeiszeitlichen Gletschervorstoßes.
Die Wallstücke des Tenglinger Stadiums.
Entwicklung des Schmelzwasserabflusses im Spät- und Postglazial.

Hinsichtlich ihrer Entstehungsgeschichte gibt es sehr unterschiedliche Arten von Seen, zum Beispiel Karseen in hochalpinen Senken, Toteisseen wie der Weidsee, Seen, die durch Bergstürze entstanden, etwa der Hintersee usw. Wenn man eine topographische Karte des Alpenvorlands betrachtet, sind allerdings die sogenannten Zungenbeckenseen am augenfälligsten, so der Ammersee, Starnberger See oder Chiemsee. Zu dieser Kategorie gehört auch der Waginger/Tachinger See.

Diese Bezeichnung deutet schon darauf hin (Gletscherzunge), dass das Becken des Sees durch die Einwirkungen von fließendem Gletschereis entstanden ist. Während des letzten Eiszeitalters (Pleistozän), das mit ersten Klimaoszillationen vor etwa 2,7 Millionen Jahren allmählich begann, vor etwa einer Million Jahren richtig loslegte und bis heute anhält, drangen während der Kaltzeiten (Glaziale) die Gletschermassen aus den Alpen in das Vorland hinaus und breiteten sich dort fächerförmig flächig aus. Der Bereich des Rupertiwinkels wurde durch die Eismassen des Salzach-Saalach-Gletschers geprägt. Der weiteste Vorstoß erfolgte während des sogenannten Mindelkomplexes, als die Gletscherfront bei Burghausen lag. Von entscheidender Bedeutung für die heute bestehenden Landschaftsformen sind jedoch die Auswirkungen der letzten Kaltzeit, des Würm-Komplexes, der vor etwa 100000 Jahren begann, vor etwa 11000 Jahren endete und damit Raum gab für die derzeit herrschende Warmzeit (Zwischeneiszeit, Interglazial). Die Erosionsarbeit dieser Kaltzeit hat letztlich das Landschaftsbild des Rupertiwinkels gestaltet.

Die aus dem Alpenraum vorstoßenden Eismassen fanden ja keine perfekt ebene Fläche vor, sondern ein Vorland mit Hügeln, die den Eisstrom in bestimmte Richtungen lenkten. So sind beispielsweise der Haunsberg und der Högl dafür verantwortlich, dass die heutige Salzach und das Becken des Waginger Sees eine Nordwestorientierung aufweisen, während andere Alpenvorlandsflüsse und Seebecken Richtung Nordosten zur lokalen Erosionsbasis bei Passau zeigen. Außerdem fanden sich im Vorland der Alpen voreiszeitliche Flusstäler, die Depressionen in der Landschaft darstellten. Man kann sich vorstellen, dass gerade in diesen Übertiefungen die vordringenden Eismassen besonders dick waren (mehrere hundert Meter) und, dem Gefälle folgend, relativ rasch abflossen. Damit war die Abtragungsarbeit in diesen Senken, sozusagen im »Stromstrich«, am stärksten. Auf diese Weise übertiefte der Salzach-Saalach-Gletscher auf der heute bayerischen Seite drei Becken. Das kleinste der letztgenannten ist das Teisendorfer Becken, von mittlerer Größe das Waginger/Tachinger Becken und das größte das Tittmoninger Becken, heute von der Salzach durchflossen. Alle drei waren im Spätglazial mit Seen gefüllt; das Waginger Becken ist es immer noch, wenn auch der heutige See ein etwas blasser Rest der spätglazialen Seenbildung ist. Aber das müssen wir uns noch genauer anschauen.

Ging man bislang von der Annahme aus, dass es allein der gewaltige Druck der strömenden Eismassen war (damals mit einer Geschwindigkeit von mehreren Kilometern pro Jahr), der den Untergrund wie eine überdimensionale Planierraupe aushobelte, sehen heutige Überlegungen das etwas anders. Es ist ja nicht so, dass allein die Zungenbecken von strömenden Eismassen ausgefüllt waren, sondern auch die Riedel zwischen den einzelnen Becken überflossen waren, wenn auch mit weniger dicken Eispanzern. Dort aber finden wir eine relativ geringe glaziale Erosionsarbeit vor. Man nimmt deshalb heute an, dass die Ausräumung der Becken in der Hauptsache durch sommerliche Schmelzwasserströme erfolgte, die sich unter starkem hydrostatischen Druck unter dem Gletscher »durchquetschten« und dabei große Mengen an Geröll mit sich führten, das vor der Gletscherfront abgeleitet und erst im Raum um Burghausen in den dortigen Schotterflächen abgelagert wurde.

Das Becken des Waginger Sees weist zwei Charakteristika auf, die anderen Zungenbecken des Alpenvorlands fehlen:

1. die Zweiteilung in das Waginger und das Tachinger Seebecken;

2. der auffällige Richtungsknick, den Franz Patzelt in seinen Publikationen als Vier-Uhr-Form bezeichnet.

Hierzu eine kurze Erklärung: Die Zweiteilung des Beckens beruht auf einer unterschiedlichen Altersstellung des älteren und tieferen Waginger und des jüngeren und flacheren Tachinger Beckens. Während der Waginger Teil mit großer Wahrscheinlichkeit schon in einer Frühphase des Hochwürm-Komplexes ausgeformt wurde, ist der Tachinger Teil erst in der letzten Vorstoßphase dieses Glazials entstanden, der sogenannten Lanzinger Phase, welche den innersten der drei Endmoränenkränze am Außenrand der Vereisung hinterließ. Für diese Annahme spricht auch das asymmetrische Querprofil des Tachinger Beckens, das typisch ist für junge Zungenbecken. Es ist davon auszugehen, dass diese junge Erosionsform auf die Wirkung subglazialer Schmelzwässer zurückzuführen ist, während der Waginger Teil wohl auch durch das Aushobeln durch die Eismassen geformt wurde.

Der oben angegebene Knick zwischen den Becken ist auf die Ablenkung des Eisstroms durch die Hügelkette zurückzuführen, die wir unmittelbar westlich der Tachinger Senke vorfinden. Diese wallartigen Erhebungen von Otting, Krautenberg, Tettenberg, Grendach bis hin nach Kay geben den Glazialmorphologen bis heute Rätsel auf. Sie gehören nämlich nicht zu den drei Endmoränengirlanden weiter außen, die während der sukzessiven Vorstoßphasen des Würm-Komplexes angelegt wurden. Sie werden sehr unterschiedlich gedeutet als »durchpausendes« Relief aus den vor der Würmeiszeit liegenden Glazialen oder als Moränenstaffel, die sich in einer kurzen Zwischenwarmzeit des Würm-Komplexes (Interstadial) gebildet hat. Nicht gerade leichter machen die Fragestellung die Ergebnisse jüngerer Forschung, die davon berichten, dass diese Wallstücke im Kern kein Moränenmaterial enthalten, sondern Schotter und Seeablagerungen. Wie dem auch sei: Diese massiven Wallstücke haben den Würmgletscher nach Norden abgelenkt und damit den »Seeknick« hervorgerufen.

Noch haben wir bislang von den Seebecken gesprochen, aber nicht vom See selbst. Als sich der Würmgletscher vor etwa 11000 Jahren zurückzuziehen begann, füllten sich das Teisendorfer, das Waginger und das Tittmoninger Becken mit dem Schmelzwasser. Es entstanden zunächst kleine Vorseen zwischen Gletscherfront und den vorausliegenden, lokalen Stirnmoränen. Alle drei Seen, die ja höhenmäßig gestaffelt lagen, standen über ein sich entwickelndes Gewässernetz in Verbindung, wodurch sukzessive Panolsgraben, Dobelgraben, Forstgraben, Eisgraben etc. als tiefe Abflussrinnen entlang des zurückweichenden Gletscherrandes entstanden. Das Schmelzwasser floss zunächst über das Ollerdinger Abflusssystem in gemächlichem Bogen in den Tittmoninger Vorsee. Die Schotterablagerungen des Systems werden heute durch die Kiesgruben der Firma Oppacher genutzt, und auch im damaligen Tittmoninger Mündungsbereich findet man heute eine große Kiesgrube. Als sich der Waginger Gletscherlobus immer weiter ins Zungenbecken zurückzog, wurde die zentrifugale Ableitung über das Ollerdinger System außer Funktion gesetzt. An seine Stelle trat eine zentripetale Entwässerung von den Beckenrändern her in den Vorsee. Diese legte die radial verlaufenden Tälchen an, die von Burg Richtung See führen. Das Wasser des ansteigenden Seespiegels durchbrach schließlich die randliche Moräne im Nordosten und floss Richtung Harmoning zum Salzachbecken ab. Diese Rinne kann heute noch im Gelände verfolgt werden. Spätestens um diese Zeit fielen das Teisendorfer Becken und der Salzachsee trocken. Die Teisendorfer Senke entleerte sich über die sich stufenweise entwickelnde Sur, die Wassermassen des Salzachsees durchbrachen die Endmoräne bei Nonnreit und schnitten sich rasch ins Vorland ein, bis das Niveau des Seegrunds erreicht war: Der Salzachdurchbruch war entstanden; der riesige See war verschwunden; die Salzach legte in ihrem Becken die gestuften Flussterrassen an. Bis heute wird darüber diskutiert, ob es einen einheitlichen See zwischen Golling und Tittmoning gab, oder ob er durch die Sperre bei Laufen zweigeteilt war.

Was geschah nun mit dem Waginger See? Dieser wurde mit dem Rückzug der Gletscherzunge immer größer. Als der Seespiegel bei 460 m NN lag und damit um etwa zwanzig Meter über dem heutigen Niveau, wurden durch die seitlich einfließenden Bäche die Deltas von Tengling, Waging/Gaden und Petting angelegt. Die steile Kante des Waginger Deltas quert man auf dem Weg vom Ortszentrum zum Kurhaus. Meiner Auffassung nach wurde auch jenes Gebilde um diese Zeit geformt, das wir heute als Burgstall von Gessenberg bezeichnen, sehr wahrscheinlich ein sogenannter Kame als Auffüllung einer Randspalte des Gletschers. Bereits vorher entstand die als Turmhügel Fisching bezeichnete Erhebung im Seebecken bei Tengling, die ich als Mühlenkame respektive Tumulus ansehe. Als der Gletscher schließlich das gesamte Seebecken freigab, kam es zu einer Entwicklung, die wir an mehreren Alpenvorlandseen feststellen können: zur Entwässerungsumkehr. Das Seewasser wurde nun nicht mehr nach Norden Richtung Harmoning abgeleitet, sondern über das Südende des Sees durch die neu angelegte Götzinger Ache, die ihren Weg Richtung Salzach findet. Damit sank der Seespiegel auf das Niveau, das er im Wesentlichen bis zur künstlichen Absenkung im Jahr 1867 beibehielt.

Wie sieht nun die Zukunft des Sees aus? Nicht rosig. Wenn er auch nicht wie seine Nachbarn am Ende der letzten Eiszeit ausgelaufen ist, so wird er doch über kurz oder lang verschwinden. Über kurz oder lang heißt: in ein paar tausend Jahren; es bleibt noch genug Zeit für die touristische Nutzung. Die Bäche, die den See erreichen, führen größere Mengen an Material mit sich, die am Seegrund sedimentieren und somit das Becken langsam auffüllen. Hinzu kommen Einträge über die Luft, wie zum Beispiel Staub und Pollen. Auch Kleinvieh macht über die Jahrtausende hinweg viel Mist. Am Ende steht die Moorbildung wie heute im Schönramer Filz und dann die endgültige Austrocknung. Allerdings sollte man im Hinterkopf behalten, dass wir ja in einer Warmzeit eines immer noch anhaltenden Eiszeitalters leben. Die Klimatologen sehen für die nächsten 30000 Jahre noch keine Gefahr für eine nächste Kaltzeit, aber wir alle wissen, dass der Mensch heute an den klimatischen Stellschrauben dreht und niemand weiß, welche Wirkungen das haben wird. Im besten Fall finden wir nach der nächsten Kaltzeit in vermutlich 150000 Jahren wieder einen neu gestalteten Waginger See vor, mit oder ohne Knick, mit oder ohne Badegäste der Gattung Homo sapiens.

 

Willibald Fritz

 

Literaturangaben:

Ehlers, Jürgen: Das Eiszeitalter, Heidelberg, 2011

Ebers, E., Weinberger, L., Del Negro, W.: Der pleistozäne Salzachvorlandgletscher, München, 1966

Fritz, Willibald: Wie entstand die Landschaft um Waging? Sonderheft des Vereins für Heimatpflege und Kultur Waginger See e.V., April 1991

Fritz, Willibald: Wie unsere Landschaft entstand, in: Heimatbuch Waging am See, Band 1, S. 21 - 63, Waging am See, 2015

Ziegler, Joseph H.: Spätglaziale Rückzugsstadien des Salzach-Vorlandgletschers in Bayern, Quaternary Glaciations in the Northern Hemisphere, Report Nr. 73/1/24, S. 116 - 125, Prag, 1977

Ziegler, Joseph H.: Geologische Karte von Bayern 1:25000, Blatt Nr. 8042, Waging am See, München, (Bayerisches Geologisches Landesamt), 1978

Ziegler, Joseph H.: Zur spätglazialen Seen- und Flussgeschichte im Gebiet des Salzach-Vorlandgletschers in Bayern, in: Tagungsbericht 11/81 der Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege, S. 7 - 23, Laufen/Salzach, 1981

 

4/2019