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Jahrgang 2011 Nummer 48

Vor 50 Jahren schlug die Geburtsstunde der Zirmbergschanzen

Mit einer Großschanze begann die Geschichte der »Chiemgau Arena«

Wenn vom 29. Februar bis 11. März des kommenden Jahres in der »Chiemgau Arena« die Biathlonweltmeisterschaft stattfindet und Tausende von Zuschauern an den Fuß des Zirmberges lockt, wird gerne vergessen, dass hier der Wintersport mit der Realisierung einer Großschanze begann. Vor 50 Jahren, am 8. Dezember 1961, schlug mit dem Baubeginn der Schanze die Geburtsstunde des heutigen Olympiastützpunktes.

Skispringen wird in Ruhpolding schon seit rund 90 Jahren betrieben. Bereits zwei Jahre nach Gründung des örtlichen Skiclubs (SCR) fanden 1922 am sogenannten »Maurerhals«, einem Hügel am Unternberg »Chiemgau- Wettkämpfe« im Skispringen statt. Die Sprungweiten waren damals um die 18 Meter. Bei der Generalversammlung des Skiclubs am 25. Oktober 1924 tritt in Verbindung mit dem Schanzenbau in Ruhpolding zum ersten Mal Toni Plenk an die Öffentlichkeit, dessen Name und Person in diesem Zusammenhang bis heute nicht mehr wegzudenken ist. Damals – erst 21 Jahre alt – wurde er zum Sportwart des Vereins gewählt. Er nahm auch prompt die Gelegenheit wahr, um eines seiner größten Anliegen zu verwirklichen. In der Chronik des SCR ist zu finden: »Zu Punkt IV bat Herr Plenk in seiner Eigenschaft als Sportwart die anwesenden Mitglieder um recht tatkräftige direkte oder indirekte Unterstützung beim Schanzenbau«. Seinen Worten ließ er dann auch Taten folgen und fertigte im Juli 1925 selbst einen Bauplan zur Errichtung der »Adlerschanze« im Ortsteil Maiergschwendt an. Zu Weihnachten gab es dann das erste offizielle Springen auf dieser Schanze.

1928 wollte man dann im Ortsteil Waich am Rauschberg eine Schanze bauen, die Weiten bis 80 Meter ermöglicht. Ein Probespringen am 18. Februar 1929 brachte aber schließlich die Erkenntnis, dass der Standort nicht geeignet war. Der Weiterbau wurde nicht mehr verfolgt und 1200 Reichsmark waren umsonst ausgegeben worden. Dies hatte Folgen. Aufgrund der Wirtschaftskrise stand der SCR wegen der »ungemein schlechten Lage in finanzieller Hinsicht« vor der Entscheidung der Auflösung oder Weiterführung. Mit Unterstützung der Gemeinde war der Fortbestand des Skiclubs möglich. »1934 brach eine neue Zeit an« berichtet Anton Plenk in der von ihm verfassten Historie über seinen Vater, den er seit 1947 auf dem Weg des »Schanzenbauers « begleitete. Mit großer Euphorie wurde der Umbau der Adlerschanze angegangen. 1940 fanden die ersten Deutschen Kriegsskimeisterschaften in Ruhpolding statt und aus diesem Anlass wurde die »Adlerschanze« nochmal saniert.

Anlässlich eines Skispringens im Jahr 1949 haben deutsche Skispringer angeregt, in Deutschland eine Sprungschanze zu bauen, die Weiten bis 140 Meter zulässt. Ganz im Sinne von Toni Plenk. Getrieben von ihm und unterstützt vom heutigen Altlandrat Leonhard Schmucker, der schon früh erkannte, dass das damalige Wintersportzentrum Maiergschwendt mit seiner relativ kleinen Adlerschanze keine Zukunft hat, wurde die Idee, eine Großschanze zu bauen und zugleich ein neues Wintersportzentrum zu schaffen, nachhaltig verfolgt. Der Skiclub und die Gemeinde nahmen den Gedanken auf und stellten am 4. Mai 1949 beim Bayerischen Skiverband das Projekt Großschanze zur Abstimmung vor. Diese Anlage sollte Sprungweiten von 120 bis 145 Meter möglich machen. Angesichts der Tatsache, dass der Weltrekord damals auf der weltweit einzigen Großschanze von Planica bei 120 Meter lag, ein kühnes Unternehmen. Einziger Mitbewerber war Oberstdorf, das auch den Zuschlag bekam. »Ein Grund für die Entscheidung waren sicher auch die dort vorhandenen Springerlegenden Sepp Weiler, Toni Brutscher und Heini Klopfer«, meint noch heute Anton Plenk. Sein Vater war aber weiterhin unermüdlich auf der Suche nach einem geeigneten Standort für das »Unternehmen Großschanze «. Der damalige Forstarbeiter Alfons Pichler gab ihm 1960 den Tipp, das Gelände am Zirmberg zu besichtigen. Toni Plenk beobachtete im Winter 1960/61 die Witterungsverhältnisse, die Schneesicherheit und den Schattenwurf. Dabei kam er zu der Erkenntnis: »Dieser Standort ist ideal für eine Großschanze«.

Die Realisierung rückte in greifbare Nähe, zumal der Skiclub mit der Ausrichtung der Deutschen Nordischen Skimeisterschaft 1963 beauftragt wurde. Ein Jahr vorher musste also eine Großschanze sprungbereit sein. Eilig nahm Toni Plenk mit seinen Söhnen Anton, Horst und Jochen die Vermessung vor. Anton Plenk fuhr mit dem damaligen Skiclubvorstand und heutigen Altbürgermeister Herbert Ohl einige Male nach Oberstdorf zum Schanzenarchitekten Heini Klopfer zur Vorlage des Aufmaßergebnisses und baten ihn um eine schnelle Genehmigung. Am 6. Dezember traf die Plangenehmigung ein. Da die naturschutzrechtliche Genehmigung ebenfalls erteilt war, wurde bereits zwei Tage später mit dem Bau begonnen. Nach einer Rekordbauzeit von nur zwei Monaten war die Schanze am 14. Februar 1962 fertig, sodass bereits zwei Tage später das »Einspringen« erfolgen konnte. Der erste Sprung war dem einheimischen Wintersportler Sepp Zeller vorbehalten, der eine Weite von 60 Metern schaffte und sich dann auf 72 Meter verbesserte. Mit als Erste gingen Walter Vogel und Rudi Duffke vom WSV Reit im Winkl und Helmut Wegscheider vom SC Hammer über den neuen Bakken. Erster Schanzenrekordhalter war Wegscheider mit 82 Metern. Am 6. März 1962 fand dann auf der »Großschanze am Zirmberg« vor einer riesigen Zuschauerkulisse das Internationale Eröffnungsspringen statt. Neben deutschen Springern gingen auch Wintersportler aus Polen, Italien, Jugoslawien, Österreich und den USA an den Start. Sieger wurde Dino de Zordo aus Italien mit Weiten von 87 und 83 Metern und Piotr Wala aus Polen sprang mit 91 Metern einen neuen Schanzenrekord.

Die Gesamtkosten für den Bau der Großschanze betrugen einschließlich des Kampfrichterturmes, der 1962 errichtet wurde, 153 212 Mark. Der Kostenvoranschlag lag nur knapp darunter bei 150 625 Mark. Der Bayerischen Landessportverband stellte einen Zuschuss von 50 000 Mark und ein Darlehen von 20 000 Mark zur Verfügung, der Landkreis zahlte 25 000 Mark dazu und die Gemeinde Ruhpolding musste 58 212 Mark finanzieren. Nachträglich stellte sich heraus, dass dem beauftragten Ingenieurbüro ein Vermessungsfehler unterlaufen war, sodass noch im selben Jahr eine Profilkorrektur vorgenommen werden musste. Die Versicherung des Ingenieurbüros ersetzte den Schaden.

Im Februar 1963 fand dann die Deutsche Nordische Skimeisterschaft statt. Eine gigantische Zahl von Zuschauern pilgerte zum Zirmberg, um die Springerstars der damaligen Zeit, wie Georg Thoma, Franz Keller oder Helmut Wegscheider zu erleben. Wegscheider war es dann auch, der mit einem 101- Meter-Sprung die Hundertermarke knackte und einen neuen Schanzenrekord aufstellte, der zehn Jahre Gültigkeit haben sollte. Zur Vorbereitung auf die Olympischen Winterspiele in Innsbruck nutzten im Dezember 1963 und Januar 1964 Springernationalmannschaften aus Deutschland, Österreich, Schweden, Frankreich, Kanada, USA, der Schweiz und Japan die Anlage zum Training. Viele großartige Wettbewerbe folgten im Laufe der Jahre. 1965 trugen sich Skiclub und Gemeinde mit dem Gedanken, im Rahmen eines weiteren Bauabschnittes eine Normalschanze dazu zu bauen, was aber erst 1967 in die Tat umgesetzt werden konnte. Die Einweihung war 1968 im Rahmen der Chiemgaumeisterschaft. Mit dem Tod des Schanzenbauers und Organisators vieler Skisprungveranstaltungen, Toni Plenk, am 27. Juni 1974 wurde es zunächst ruhig auf den Schanzen am Zirmberg.

Aufgrund neuer FIS-Normen, die 1975 erlassen wurden, war eine Korrektur der Schanzenprofile notwendig. Der Umbau erfolgte 1980. Ein Jahr darauf wurden die 50-Meter- und 36-Meter-Schanze fertig und 1986 errichtete der Skiclub eine Schülermattenschanze. Bereits 1968 plante Toni Plenk einen Schanzenlift. 2004 war dafür nach einer Neuplanung der Spatenstich. Im Rahmen des Weltcups in der Nordischen Kombination fand am 2. Januar 2005 die Einweihung dieser Aufstiegshilfe statt.

Viel Geld, Zeit und ehrenamtliches Engagement wurden im Laufe der 50 Jahre in die Schanzenanlagen am Zirmberg investiert. Doch wenn man heute die Wintersportanlage betrachtet, muss man feststellen: »Der Aufwand hat sich gelohnt!«


Hannes Burghartswieser


Quellenangaben:
Ruhpoldinger Heimatbuch, 3. Auflage 1998
Privatarchiv Anton Plenk
Chronik Skiclub Ruhpolding



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