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Jahrgang 2011 Nummer 39

Vom Männergesangverein 1911 zum Chiemgau-Chor

Vor 100 Jahren wurde der Verein in Traunstein gegründet

Der Chiemgau-Chor Traunstein bei den 1. Traunsteiner Rosentagen

Der Chiemgau-Chor Traunstein bei den 1. Traunsteiner Rosentagen
1953 erhielt der Männergesangverein Traunstein eine Vereinsstandarte

1953 erhielt der Männergesangverein Traunstein eine Vereinsstandarte
Auf dem Bild ist eine Mitgliedskarte des Männergesangvereins Traunstein zu sehen.

Auf dem Bild ist eine Mitgliedskarte des Männergesangvereins Traunstein zu sehen.
Der 1911 als Männergesangverein gegründete Chiemgau-Chor e. V. Traunstein ist ein gemeinnütziger Verein, der sich »...die Förderung der Kunst und Kultur im Bereich der Musik und des Gesangs zur Aufgabe gemacht hat. Dies wird insbesondere durch die regelmäßige Pflege des Liedgutes und des Chorgesanges (Chorproben) und durch vereinseigene Veranstaltungen oder durch Mitwirkung bei anderen, öffentlichen Veranstaltungen verwirklicht. Beispielhaft gilt dies für das öffentliche Singen und Musizieren zur Advents- und Weihnachtszeit, die Mitwirkung bei besonderen öffentlichen Anlässen, zum Beispiel Begegnungen mit den Partnerstädten der Stadt Traunstein, die Teilnahme an Sängertreffen im In- und Ausland.« So steht es in der aktuellen Satzung vom 13.03.2009.

Die Entstehung des Vereinswesens allgemein ist eng mit der Industrialisierung verbunden. Die Menschen gaben mehr und mehr die starren ständischen Korporationen auf. Diese hatten bislang stark das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben geprägt. Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts wurden nun zahlreiche Vereine und Gesellschaften gegründet.

In der Struktur der Vereine entstand eine neue Grundlage zur Entfaltung gemeinschaftlichen Lebens und zur Durchsetzung gemeinsamer Interessen. Dadurch gewannen die Vereine zunehmend auch gesellschaftlichen Einfluss und Macht. Mit am häufigsten wurden Gesangsvereine gegründet. Da viele der Vereine auch politisch motiviert waren, wurden sie von der Obrigkeit kritisch beobachtet.

Die Romantik löste große Begeisterung für den unbegleiteten Liedvortrag und für Volkslieder aus. Diese Begeisterung ließ sich am besten im Verein verwirklichen. So wurde 1809 in Berlin von Carl Friedrich Zelter die erste Berliner Liedertafel gegründet, ein Männergesangverein. Mitglieder von Gesangvereinen waren zunächst nur die Honoratioren des Ortes, und nach damaliger Auffassung der Gesellschaft ist es zu erklären, dass nur Männer in öffentlichen Vereinen sangen.

Aus dem Jahre 1837 gibt es einen Hinweis, dass in Traunstein bereits ein Liederkranz bestand. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden mehr und mehr sogenannte Arbeitergesangvereine. Hier war eher der Gesang als der gesellschaftliche Stand des Mitgliedes von Bedeutung.

Der Männergesangverein Traunstein (MGV) wurde im Jahr 1911, also vor 100 Jahren, von einer kleinen Gruppe sangesfreudiger Männer unter der Federführung des Musiklehrers Josef Zankl (1911 - 1919) im Gasthaus »Zum Löwen« gegründet. Er war der jüngste von damals vier Chören in Traunstein und stand lange in seiner Bedeutung vor allem hinter der Liedertafel, dem Verein aus den sogenannten besseren Kreisen.

Der Erste Weltkrieg unterbrach die Chorarbeit. Erst 1919 wurden die Aktivitäten wieder aufgenommen. Kriegsbedingt fehlten Sänger, und so wurde der Chor in gemischter Besetzung vom Chorleiter Albert Witter (1919 - 1935) fortgeführt. Unter seiner Leitung war der Chor durch seine Konzerte auch außerhalb Traunsteins schon bekannt geworden.

Das Versammlungsverbot durch die NS-Machthaber beendete 1935 die Volksliedpflege des Männergesangvereins. Aber bereits 1947 nahm der Chor unter der Leitung von Georg Fendt (1947 - 1951) die Arbeit wieder auf. Der Besuch des Ohligser Männergesangsvereins im Jahre 1950 war wohl der Höhepunkt in dieser Aufbauphase. Das gemeinsame Konzert des Ohligser Männergesangsvereins und des MGV im Rokokosaal wurde vom Musikverein Harmonie begleitet.

Arpad von Laban (1951 - 1953) war ein weiterer Garant für die Aufwärtsentwicklung des Chores. Unter seinen überragenden musikalischen und menschlichen Qualitäten war diese Zeit bis dahin mit die erfolgreichste Epoche.

1953 konnte ein großer Wunsch in Erfüllung gehen, der Verein erhielt eine Vereinsstandarte. Frau Hedwig Frey erwies dem Chor die Ehre der Fahnenmutter.

Als Nachfolger von Arpad von Laban konnte Johannes W. Kopplin (1953 - 1978) gewonnen werden. Der gebürtige Berliner setzte sich verstärkt für das alpenländische Volkslied ein, und unter seiner sicheren Leitung wurde der »Männergesangverein 1911 Traunstein« ein »Klangkörper« von hohem Niveau. Durch die Gründung eines Kinderchores 1957 machte sich Kopplin auch um die Nachwuchspflege verdient.

Am 25.10.1862 wurde in Traunstein der Chiemgau-Sängerbund (Ch.S.B.) gegründet. Die Liedertafel Traunstein organisierte das Gründungsfest. Einen besonderen Rahmen erhielt das Fest durch die Anwesenheit der Könige Maximilian II. und Otto von Griechenland sowie der Erzherzogin Hildegard von Bayern.

Im 3. Reich kam die sehr erfolgreiche Arbeit des Ch.S.B. zum Erliegen. Jedoch wurde auf Vorschlag der Priener, die 1952 ihr 100-jähriges Bestehen der Liedertafel feierten, am 14.02.1954 der Ch.S.B. wiederbelebt. Johannes Kopplin wurde 2. Kreischorleiter. Der wiedergegründete Sängerkreis trägt nun den Namen »Chiemgau-Sängerkreis «. Ihm gehört auch der MGV Traunstein an.

Die Tradition des Alpenländischen Adventssingens wurde 1955 unter Kopplin fester Bestandteil im Wirken des MGV. In seiner Art war das Traunsteiner Adventssingen eines der ältesten im alpenländischen Raum. Als Sprecher der verbindenden Texte konnte damals der sehr beliebte Staatsschauspieler Fritz Straßner gewonnen werden. Einfühlsam führte er das Publikum durch das adventliche Programm.

1964 wurde die »Liedertafel« aufgelöst. Mehrere Männerstimmen schlossen sich dem »Männergesangverein 1911« an. So verstärkt glänzte der Chor bei den Aufzeichnungen zum »Blauen Bock« in Ruhpolding. Als besonderer Höhepunkt gilt jedoch der Auftritt anlässlich der Olympischen Spiele 1972, als das olympische Feuer in Traunstein eintraf.

Konrad Schmidhammer (1978 - 1983) löste Johannes Kopplin als Chorleiter ab. Da der gemischte Chor immer noch als »Männergesangverein« geführt wurde, beschloss man, den Namen zu ändern. Am 29.12.1980 wurde der Chor als »Chiemgau-Chor e. V. Traunstein gegründet 1911« unter der Nr. 407 ins Vereinsregister eingetragen.

Mit Helma Tschofen, geb. Vogl (1983 - 1992) führte erstmals eine Frau den Verein zu neuen Erfolgen. In ihre Zeit fällt eine Konzertreise in die französische Partnerstadt Gap (Hautes Alpes). Zur Tradition wurde der jährliche Chorausflug, bei dem vor allem die Geselligkeit im Mittelpunkt stand.

Augustin Spiel (1992 - 2001) lenkte als gelernter Kirchenmusiker die Richtung mehr zu geistlichen Konzerten und klassischem Liedgut. Neu eingeführt wurde ein Sommerkonzert in der Klosterkirche mit anspruchsvollen Orchestermessen und Chorsätzen. Sein Vorschlag war es auch, die Großveranstaltung des Alpenländischen Adventssingens durch die Adventsstationen in der Vorweihnachtszeit abzulösen.

Michael Felsenstein (2001 - 2009), erfahrener Sänger, Regisseur und Komponist, legte seinen Schwerpunkt vor allem auf beschwingte Operettenpotpourris, wie sie zuletzt bereits sein Vorgänger einstudiert hatte. Im Mozartjahr 2006 übernahmen die historisch gekleideten Sänger den Chorpart in der szenischen Aufführung der opera buffa »Die Hochzeit des Figaro« mit Orchester und Solisten aus Salzburg im Kunstraum Klosterkirche.

Die junge Chorleiterin Alessandra De Crescenzo leitet nun seit Januar 2010 den Chiemgau-Chor Traunstein. Sie legt größten Wert auf die Weiterentwicklung eines guten Chorklanges und stellt deshalb vor allem A-cappella- Werke verschiedener Epochen und Genres in den Mittelpunkt ihrer sehr erfolgreichen Chorarbeit. Die neuen Herausforderungen werden von den 58 aktiven Sängerinnen und Sängern mit großem Eifer angenommen.

Erlebten nach 1950 Männerchöre eine neue Renaissance, hat sich nach 1968 die Situation stark verändert. Die jüngere Generation entwickelte ihre eigenen Vorstellungen. Wenn schon Volksmusik, dann musste sie anders arrangiert und interpretiert werden. Um möglichst vielen Zuhörern ansprechende Chormusik zu bieten, ist es notwendig, sehr flexibel zu sein, neue Richtungen auszuprobieren und zu experimentieren.

Der Chiemgau-Chor stellt sich unter Alessandra De Crescenzo mit großem Engagement dieser neuen Situation. Das breit gefächerte Repertoire des Chores umfasst derzeit Lieder von der Renaissance, dem Barock und der Klassik bis zur Romantik, alte und neue Volkslieder, moderne Chorwerke, Werke in europäischen Sprachen und sakrale Lieder. Auch völlig neue Wege werden nicht ausgeschlossen...

So gerüstet kann der älteste und größte weltliche Laienchor in der Großen Kreisstadt Traunstein 2011 freudig und stolz sein 100-jähriges Bestehen feiern und seiner weiteren Zukunft voller Zuversicht entgegensehen.

Der Chor begeistert jedes Jahr mit mindestens einem großen Konzert, teilweise mit Orchester und Solisten, viele Zuhörer aus Traunstein und der Umgebung. Die beliebte Adventsstation in der Klosterkirche mit Chorwerken, Instrumentalsolos und passenden Texten ist fester Bestandteil des Vorweihnachtsprogrammes, ebenso das stimmungsvolle Singen am Nachmittag des Hl. Abends auf dem Waldfriedhof, begleitet von einer Bläsergruppe der Stadtmusik Traunstein. Den Besuchern des Christkindlmarktes bietet der Chor Advents- und Weihnachtslieder und besinnliche Textbeiträge.

Seit einigen Jahren gestaltet der Chor zusammen mit dem Akkordeon-Ensemble von Uli Membré mit sehr großem Erfolg den Senioren- Nachmittag der Stadt Traunstein. Beim diesjährigen Chorfestival, dem alle zwei Jahre in der Chiemgauhalle stattfindenden großen Chöretreffen des Chiemgau-Sängerkreises, brachte der Chiemgau-Chor zwei eher besinnliche Lieder zu Gehör und konnte auch bei den 1. Traunsteiner Rosentagen an zwei Tagen sein Können erfolgreich unter Beweis stellen.

Glanzvoller Höhepunkt im Jahr des 100. Geburtstages wird das Jubiläumskonzert am 15. Oktober 2011 in der Aula der Berufsschule sein. Der Gesangverein Trostberg, der Corale Franco Prompicai aus unserer Partnerstadt Pinerolo sowie Uli Membré mit dem Chiemgauer Akkordeon-Orchester werden mit dem Chiemgau- Chor zusammen dieses Jubiläum feiern. Schirmherr ist Oberbürgermeister Manfred Kösterke.

Verleihung der Zelter-Plakette

Aus Anlass des 100-jährigen Bestehens beantragte der Chiemgau-Chor e. V. Traunstein die Verleihung der Zelter- Plakette. Diese Auszeichnung durch den jeweiligen Bundespräsidenten wird nur Chören verliehen, die seit mindestens 100 Jahren bestehen und sich in dieser Zeit nachhaltig und erfolgreich der Pflege des Chorgesangs gewidmet und im Rahmen der örtlich gegebenen Verhältnisse künstlerische oder volksbildende Verdienste erworben haben. Die Chorgemeinschaft erwartet ein positives Ergebnis der eingehenden Prüfung durch die verschiedenen Gremien!


Eugen Bartlweber



39/2011