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Jahrgang 2011 Nummer 9

Vierzehn Heil’gen hoch erhoben

Die Verehrung der vierzehn Nothelfer

Die Heiligen aus dem Osten

Im Mittelalter kam es zur Bildung einer Gruppe von Heiligen, zu denen die Menschen in größter Not und Bedrängnis flehten. Sie sahen in ihnen ganz besondere Helfer. Es waren allesamt Heilige aus der Ostkirche. Durch die Kreuzfahrer gelangte die Kunde von den unbekannten Heiligen nach Europa. Gefördert wurde die Verehrung dieser Nothelfer durch die sich immer mehr ausbreitende Pest, den »Schwarzen Tod«, als die Menschen verzweifelt nach Hilfe suchten.

Erste Spuren des Nothelferkultes lassen sich in Regensburg nachweisen, wo Nothelfer als Patrone von Spitälern und Kirchen verehrt wurden. In einer Handschrift aus dem Jahre 1408 werden erstmals die Namen der vierzehn Nothelfer so aufgeführt, wie wir sie heute kennen. Besondere Förderer der Nothelferverehrung waren die Zisterzienser, die im heutigen Vierzehnheiligen bei Staffelstein ein Zentrum entstehen ließen. Im Raitenhaslach bei Altötting in Oberbayern errichteten sie in ihrer Klosterkirche einen Altar zu Ehren der vierzehn Nothelfer und förderten den Aufbau einer Bruderschaft. Unweit davon, in Margarethenberg, bauten sie den Nothelfern zudem eine Kirche, die das Ziel einer regen Wallfahrt war.

Vierzehnheiligen – das Heiligtum der Nothelfer

Es war im Jahr 1445, als Hermann Leicht, der Schäfer des Langheim bei Lichtenfels, am 24. September gegen Abend eine Erscheinung hatte. Es zeigte sich ihm ein kleines, weinendes Kind, das wieder verschwand, als er näher treten wollte. In einer zweiten Vision stand das Kind abermals vor ihm, doch nun zu beiden Seiten je eine Kerze. Im Jahr darauf, am 28. Juni, erblickte er wiederum das Kind, diesmal mit einem roten Kreuz auf dem Herzen und umgeben von vierzehn Kindern, alle gleich gekleidet, halb weiß, halb rot. Nun redete das Kind in der Mitte des Kreises den Schäfer an: »Wir sind die vierzehn Nothelfer und wollen eine Kapelle haben, auch gnädiglich hier rasten.«

Auf die Erzählungen des Schäfers hin errichtete man an der Stelle der Erscheinungen ein Kreuz, zu dem gar bald Beter kamen. Und es dauerte nicht lange, bis ein erstes Wunder bekannt wurde: Eine kranke Magd erlangte nach Anrufung der Nothelfer wieder die Gesundheit. Dieses Mirakel sprach sich schnell im Fränkischen herum, und gar bald kamen Hilfesuchende aus Bayern und Tirol, ja sogar aus Sachsen und Schlesien. Vierzehnheiligen, wie der Erscheinungsort schon bald hieß, war in der Mitte des 15. Jahrhunderts zu einem bedeutenden Wallfahrtsort geworden.

Als die kleine Kirche den Strom der Pilger nicht mehr fassen konnte, entschloss sich Abt Stephan Mösinger zu einem Neubau. Mit der Planung wurde der fürstbischöfliche Baumeister, Ingenieur und Artillerie-Oberst Balthasar Neumann beauftragt. Als der ausführende Baumeister seine Pläne eigenmächtig veränderte, wollte er sein Werk aus Verärgerung nicht mehr vollenden. Zuletzt gelang ihm aber trotzdem eine geniale Lösung. Er schuf eine Kirche, die als Krönung der deutschen Barockkunst anzusehen ist. In die Mitte des Kirchenschiffes setzte er den Gnadenaltar mit den Figuren der vierzehn Nothelfer.

Helfer in der Not

St. Achatius (22. Juni) war ein Martyrer des frühen Christentums und wurde als Helfer in vielen Nöten und in Todesangst angerufen.

St. Ägidius (1. September) starb in Frankreich in seinem Kloster Saint-Gilles in der Provence. Er gilt als Nothelfer bei Viehkrankheiten, bei Dürre, Feuer und Sturm.

St. Barbara (4. Dezember) ist eine der drei Frauengestalten im Nothelferkreis. Um ihr Leben ranken sich viele Legenden. Sie wurde verehrt als Helferin für eine gute Sterbestunde und für die Armen Seelen.

St. Blasius (3. Februar) war Bischof in Armenien und rettete nach der Legende einem Jungen das Leben, dem eine Fischgräte im Hals stecken blieb. Er sollte vor Hals- und Kehlkopfkrankheiten schützen.

St. Christophorus (24. Juli) war ein Riese und soll nach der Legende das Jesuskind durch einen reißenden Fluss getragen haben. Er ist der Patron der Schiffer und Fuhrleute, der Reisenden und Pilger und wurde angerufen um eine gute Sterbestunde, bei Wassergefahr und Unwetter.

St. Cyriakus (8. August) soll die Tochter von Kaiser Diokletian von einem Dämon befreit haben. Er ist der Patron der Unterdrückten und Nothelfer bei allerlei Versuchungen.

St. Dionysius (9. Oktober) war Bischof von Paris und wurde enthauptet. Auf Darstellungen hält er sein Haupt in den eigenen Händen. Man rief ihn als bei Kopfweh und Kopfkrankheiten.

St. Erasmus (2. Juni) war Bischof in Italien und ist der Patron der Seeleute und Schiffsreisenden. Er sollte helfen bei Bauch- und Unterleibsschmerzen.

St. Eustachius (20. September) ist der Patron der Jäger und Förster und Helfer in den Anliegen des Natur- und Tierschutzes.

St. Georg (23. April) wird als Drachentöter verehrt. Er soll die Reiter und Bauern, die Pferde und das Vieh (Georgiritte) beschützen.

St. Katharina (25. November), dargestellt mit einem zerbrochenen Rad, ist hoch verehrt als Patronin der Gelehrten, Lehrer, Schüler und Studenten und sollte bei vielen Krankheiten helfen.

St. Margareta (20. Juli) besiegte einen Drachen, mit dem sie auf Darstellungen zu sehen ist. Sie wurde angerufen als Helferin für Fruchtbarkeit der Felder und bei Geburtsnöten.

St. Pantaleon (27. Juli) nagelte man die Hände auf den eigenen Kopf. Deshalb rief man ihn an bei Kopfschmerzen. Er ist der Schutzpatron der Ärzte, Hebammen und Kranken.

St. Vitus (15. Juni) wurde angerufen als Helfer bei Nervenkrankheiten, Epilepsie und Veitstanz, bei Tollwut und Unfruchtbarkeit.

Regional verehrte Nothelfer, die gegen Dionysius und Cyriakus ausgewechselt wurden, sind St. Leonhard (6. November), St. Magnus (6. September), St. Nikolaus (6. Dezember), St. Sebastian (20. Januar) und St. Wolfgang (31. Oktober).


Dr. Albert Bichler



9/2011