weather-image
26°
Jahrgang 2019 Nummer 26

Tradition des Kalkbrennens lebt alle fünf Jahre wieder auf

Einst ein Zuerwerb vieler Bauern in der Diepertinger Region

»Wir verbrennen hier keine Autoreifen«, witzelte Kalkbrenner-Vorstand Franz Gröll angesichts des dunklen Rauchs, der immer wieder vom Kalkofen aufstieg. (Fotos: Hans Eder)
Schön schwer: Das Einbringen der Steine, um über dem Schürloch das selbsttragende Gewölbe aufzubauen, ist nicht nur eine schwere Arbeit, die viel Gefühl und Know-How erfordert, sondern ist auch nicht ungefährlich; denn die Steine haben ein ordentliches Gewicht.
Schweißtreibend ist die Arbeit am Kalkofen; rund um die Uhr müssen die bis knapp drei Meter langen Hölzer nachgelegt werden.
Pferdefuhrwerke und ein Oldtimer wie dieser angejahrte Lanz-Bulldog verleihen dem Austragen des frisch gebrannten Kalks ein historisches Flair.
Kalkbrenner-Vorstand Franz Gröll, selbst schon zum siebten Mal dabei, hat vor der aktuellen Heizperiode den Großreiter Sepp besucht, der bis vor zehn Jahren federführend beim Kalkbrennen vor Ort war und mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung den aktuellen Ottinger Kalkbrennern beigebracht hat, wie man den Ofen richtig anheizt und ihn in Betrieb erhält.

Genau 40 Jahre ist es her, dass sich um Dieperting herum eine Schar von Männern zusammenfand – mit dem Ziel, die alte regionale Tradition des Kalkbrennens wieder aufleben zu lassen. War doch die Kalkbrennerei bis Anfang der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein verbreiteter Zuerwerb zum kargen Einkommen der hiesigen Bauern gewesen. Seitdem wird der alte Kalkofen des Schuster-Hofs in Dieperting alle fünf Jahre wieder angeschürt, wie es vor gut zehn Tagen ein weiteres Mal geschehen ist; dieser ist der einzige von gut zehn solcher Öfen, der erhalten geblieben ist. Am heutigen Samstag steht das Austragen an: Das heißt, der fertige Kalk kann abtransportiert werden – unter anderem mit Bulldog-Oldtimern und Pferden.

Mit Josef Helmberger, dem »Großreiter Sepp«, wie er nach dem Namen des Familienanwesens in Großreut von allen genannt wird, hatte die neue Generation der Ottinger Kalkbrenner einen Experten vom alten Schlag, einen Ratgeber, der in seiner Jugend selbst noch das alte Handwerk erlernt hatte; dieses Wissen hat er an die interessierten Nachfahren weitergegeben, die sich ganz lose zum Kalkbrennerverein zusammengeschlossen haben: vom Einrichten des Kalkofens bis zum Austragen des Kalks. Er ist, wie es in einem Beitrag des Bayerischen Fernsehens einmal formuliert wurde, »der letzte Kalkbrenner im Chiemgau«.

Bis vor fünf Jahren war er jedes Mal sehr aktiv mit dabei, wenn die neue Kalkbrenner-Saison wieder begann. Inzwischen reichen die Kräfte des 86-Jährigen dazu nicht mehr aus, wie er bei einem Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt bei sich zu Hause feststellen musste. Franz Gröll, zum siebten Mal dabei und seit 15 Jahren Vorstand des Vereins, lud ihn dabei ganz herzlich dazu ein, auch diesmal wenigstens nochmals vorbeizuschauen, was er auch tat. Und trotz seines hohen Alters hatte der Sepp für die Heizer am Ofen noch den ein oder anderen guten Ratschlag parat.

Das Einrichten und Brennen

Kalksteine kommen in der Region um Dieperting in großen Mengen vor. Der Nachschub für die Kalkbrenner kommt aus Baugruben: Wenn Häuser gebaut oder Kanäle gegraben werden, finden sich immer wieder Kalksteine, die dann – die Menschen in der Gegend wissen Bescheid – den Kalkbrennern überlassen werden. Diese Steine sind oftmals sehr groß und sehr schwer, da kann einer, wie Altmeister Sepp Helmberger aus langer Erfahrung weiß, schon mal 150 Kilogramm und mehr wiegen. Vor Ort wird mitunter ein Bagger eingesetzt, der die Steine so zerkleinert, dass man sie auch verarbeiten kann. »Das Ausgraben der Kalksteine ist unsere Winterarbeit gewesen«, erzählt der Großreiter Sepp, der diese anstrengende Arbeit noch aus seiner Jugend kennt. Damals wurde noch bis zu sieben Mal im Jahr Kalk gebrannt. Aber dann hat sich irgendwann die schwere Arbeit nicht mehr gelohnt.

Dabei ist das Kalkbrennen auch heute noch eine aufwändige und anstrengende Tätigkeit. Die Ottinger Kalkbrenner müssen schon kräftig hinlangen, ehe alles Notwendige dafür getan ist. Die Arbeit beginnt etwa Ende April mit dem Einrichten der Kalksteine in den Ofen – eine wahre Kunst! Und wegen der schweren Steine nicht ganz ungefährlich!

Der alte Kalkofen, wie er in Dieperting steht beziehungsweise sich dort im Boden befindet, ist eine Art Silo mit einem Durchmesser von drei und einer Höhe von etwa vier Metern. Er ist innen mit Steinen gemauert und außen mit Erde hinterfüllt, damit das Material dem Druck der Kalksteine standhält. Viel Wissen und Umsicht erfordert das Einrichten der Kalksteine in dieses »Silo«. Die Steine werden nach altem Vorbild zu einem selbst tragenden Gewölbe aufeinandergeschichtet. Diese Konstruktion hat dann in etwa die Form eines Iglus, das so stabil ist, dass sich die Gesamtmenge von insgesamt rund 700 Zentnern Kalkstein darauf aufschichten lässt. Unter den Steinen befindet sich das Schürloch, in dem das Feuer entzündet wird.

Wenn das Gewölbe fertig ist, kann mit dem Auffüllen des Ofens bis ganz nach oben begonnen werden. Die schweren Steine werden sorgfältig mit dem sogenannten Galgen, einem langen Holzbalken, der die Hebelwirkung ausnutzt, in den Ofen hinuntergelassen und weiterhin mit viel Gefühl aufgerichtet, um die Belastung gut zu verteilen. Ist der Ofen voll, wird oben der sogenannte »Gupf« aufgesetzt. Dieser besteht aus kleineren Steinen, die ebenfalls sorgfältig angeordnet werden. Vor dem Anzünden des Kalkofens wird dieser »Gupf« mit Stroh oder Daxen abgedeckt und mit Kalkmörtel gut abgedichtet, damit das Feuer nicht herausbrennen kann.

Das Anzünden des Ofens ist immer mit einer kleinen Zeremonie verbunden. Zunächst ziehen die Kalkbrenner – angetan mit Holzschuhen, einem blauen Schurz und den typischen Hüten – in einer kleinen Prozession zum Ofen, wo ein Segensgebet gesprochen wird. Ein geweihter Holzbesen wird dann entzündet, und mit diesem wird das Feuer im Kalkofen entfacht.

Der Ofen erreicht während des Brennens eine Temperatur von bis zu 1200 Grad. An fünf Tagen und vier Nächten wachen die Vereinsmitglieder darüber, dass der Ofen auch genügend Nachschub bekommt. Teams mit drei Mannen arbeiten in vier Schichten am Kalkofen und tragen die Verantwortung für den Dauerbrand. Durchschnittlich muss pro Stunde etwa ein Ster Holz eingeheizt werden: Da ist schon einiges zu tun; das Holz muss schließlich auch an das Schürloch herangeschafft werden. Auch aus diesem Grund – damit die Arbeit nicht so eintönig ist und damit sich rundum etwas rührt – sorgt der Verein für ein umfangreiches Rahmen- Programm mit Musik und Unterhaltung, wie diesmal mit einem Oldtimertreffen und althergebrachten Handwerkstechniken.

Austragen

Am Ende der Kalkbrennerwoche, just am heutigen Samstag, haben die Aktiven arbeitsreiche Zeiten mit wenig Schlaf hinter sich: Mit dem Austragen des gebrannten Kalks aus dem Ofen, was per Handarbeit geschieht, und den Aufräumungsarbeiten ist nach wochenlangen Vorbereitungen und Aktivitäten die Kalkbrenner-Saison dann weitgehend abgeschlossen. »Antike« Fuhrwerke, von Pferden, Ochsen und einem alten Lanz-Traktor gezogen, kommen, um den fertigen gebrannten Kalk abzuholen. Mit Kellen, Schaufeln und Pickeln wird der Kalk – immerhin noch um die 350 Zentner, da sich durch das Brennen das Gewicht der Steine in etwa halbiert – aus dem Ofen heraus befördert, in die sogenannten »Metzen« gefüllt, das sind die überkommenen Holzgefäße, dann auf einer alten Dezimal-Waage gewogen und an die Interessenten mit ihren Fuhrwerken abgegeben. Und wenn dann am Schluss alles abgeräumt, verladen und zugesperrt ist, kann der Kreislauf von Neuem beginnen. Denn in fünf Jahren werden wieder um die 100 Ster Holz und 700 Zentner Kalksteine benötigt, damit diese Tradition nicht ausstirbt.

Um den Ofen herum ist viel los

Rund um den brennenden Ofen sorgt der Verein für ein umfangreiches Programm. Die Kalkbrenner haben im Lauf der Jahre die notwendige Infrastruktur geschaffen, damit hier auch Veranstaltungen stattfinden können. Bewirtung, Musik und ein Unterhaltungsprogramm sollen Geld in die Kasse bringen, um die nicht unerheblichen Unkosten zu decken. Zudem haben die für das Nachheizen eingeteilten Helfer dann auch etwas Unterhaltung. Auf Initiative der Frauen der Mitglieder, die ganz wesentlich die Verpflegung übernehmen, ist ein großer Steinbackofen gebaut worden. Hier wird während der Heizperiode Brot gebacken und Schweinsbraten gebrutzelt. Eine Spezialität aus diesem Ofen sind die »Hoaza-Fleckerl«, die sich die Frauen beim letzten Mal ausgedacht haben. Und als Tüpferl aufs »i« gibt es sogar ein eigens gebrautes Bier: die »Hoaza- Hoibe«, für die die Ottinger Brauerin Sabine Danzl verantwortlich zeichnet. Die Kalkbrenner von Dieperting sind wirklich mit Einsatz, Begeisterung und nicht zuletzt mit viel Kreativität und dem notwendigen Know-how bei der Sache.

Kirchenmaler legen Wert auf holzgebrannten Kalk

Auch die Kirchenverwaltung der Pfarrei Otting profitiert von dieser Tradition, wie Kirchenpfleger Heinrich Thaler informiert. Vor wenigen Tagen ist eine eigene Kalkgrube angelegt worden. Denn gerade jetzt, da die Renovierung der Filialkirche in Kirchhalling ansteht und auch der Pfarrstadel eines neuen Anstrichs bedarf, sei es praktisch, vor Ort selbst Kalk zur Verfügung zu haben, zumal der hiesige Kalk besonders gute Eigenschaften aufzuweisen habe. So werde man sich am Kalkofen die entsprechende Menge abholen, so Thaler.

Überhaupt wird der Diepertinger Kalk gern genommen, wenn es darum geht, Kirchen und andere alte Gebäude zu weißeln; gerade Kirchenmaler legen großen Wert auf holzgebrannten Kalk, wie Willi Haberlander bei einer Führung am Kalkofen erklärte. Denn dieser Kalk sei etwas ganz Besonderes. Rein mineralisch und ohne jegliche synthetischen Zusatzstoffe wirke dieser Anstrich feuchteregulierend, antibakteriell und hoch atmungsaktiv. Damit werde Schimmelbefall und auch allergischen Erkrankungen deutlich vorgebeugt. In Räumen, die mit diesem Kalk gestrichen sind, entstehe ein durch nichts zu übertreffendes Raumklima, heißt es.

 

Hans Eder

 

26/2019