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Jahrgang 2011 Nummer 30

Sommer auf dem Bauernhof meiner Großeltern

Mancherlei heitere Erinnerungen aus der Kindheit

Trotz der Abgeschiedenheit unseres Einödhofes glich, dank der großen Familie bei meinen Großeltern in die ich hineinwuchs, kein Tag dem anderen. Meine fünf Tanten waren noch jung, die jüngste ging noch in die Volksschule und Marie mußte noch zur »Feiertagsschule gehen«.

Im Frühjahr gehörte mit zu den aufregensten Tagen für mich das »Austreiben". Mit einem langen Stecken wartete ich draußen vor der Stalltüre aufgeregt,bis die erste Kuh aus dem Stall heraus gekommen war. Die zweite gleich dahinter, so sprangen sie, ihren Schwanz weit in die Höhe schwenkend, knapp an mir vorbei den Abhang hinunter. Gleich darauf rannten auch die anderen wie wild hinterher und wir waren alle froh, als endlich auch die letzte der »wilden Herde«, drinnen in dem festen Stacheldrahtzaun war. Eine Zeitlang stand ich mit meinem Großvater noch bei den Kühen, bis diese nach ihrem wilden Rennen durch die frische Weide, schließlich friedlich »zu grasen" (zum Fressen) anfingen. Mein Großvater lobte mich jedesmal, weil ich mit meinem Stecken so furchtlos bei den Kühen geblieben bin.

Natürlich hatten wir in Pittersdorf auch einen großen Gemüsegarten.Dort wuchsen neben dem vielen Gemüse und Salat,auch rote und schwarze Johannisbeeren- auch etliche Stachelbeerstauden waren darunter.

Unser kleineres Gart`l neben dem Kirchenweger`l, mochte ich besonders gerne. Dort hatte Tante Marie die verschiedensten Blumen gesät, die bis in den Herbst hinein in leuchtenden Farben blühten. Mit meiner Freundin Muschi schaute ich dort oft lange den vielen bunten Schmetterlingen zu.

Ein kleines Beet gehörte mir ganz alleine, dort säte ich Radieschen, Vergißmeinicht und vieles mehr. Manchmal an stillen, sonnigen Tagen sehe ich mich mit der Großmutter und Muschi dort in dem friedlichen Gärtchen.

Nur ein paar Schritte waren es von unserem Dengelhäuschen hinunter, zur »Schwemm« dem Entenweiher. Jeden Tag in der Früh half ich der Großmutter unsere Entenschar dorthin zu »treiben«. Dort tummelten sie sich den ganzen Tag, Muschi und ich saßen dort oft lange und schauten den Entlein zu, wie diese lustig auf und untertauchten.

An den Stellen wo der kleine Abhang am abschüssigsten war, wuchsen jedes Jahr viele süße, saftige Walderdbeeren. Das war auch die Stelle, an der Muschi sich soweit zu einem kleinen Entchen hinunter beugte, daß sie plötzlich ausrutschte und laut schreiend in der Schwemm strampelte. Mit einer Hand einen dünnen, hinabhängenden Ast umklammernd, streckte sie die andere nach mir aus. Nach einigen mißglückten Versuchen, konnte ich meine Freundin endlich mit aller Anstrengung aus dem trüben Wasser herausziehen. Es ist damals ein warmer Nachmittag gewesen, so war Muschis dünnes Kleid, das wir an einen Strauch hängten, schnell wieder trocken.

Manchmal ist auch der um etliche Jahre jüngere Nachbarsbub, der Obermeisinger Hubert, zu uns nach Pittersdorf heraufgekommen. Wenn das erste Gras abgemäht war, machten Muschi, Hubert und ich oft Purzelbäume über die Wiese, den Abhang hinunter und jeder wollte am weitesten kommen. Muschi, der ich erst einmal selbigen vormachen mußte, hatte kein bisschen Angst, so purzelten wir zu dritt, lustig und fröhlich das Bergerl hinunter.

Ungefähr zehn Minuten zu Fuss war es, bis zu unserer Kiesgrube, fast gegenüber von dem kleinen Anwesen Obermeising, auf der anderen Seite der Kiesstraße. Manchmal kam auch meine andere Freundin, die Mathilde vom Bubenbauern in Grilling, zu mir zum Spielen.Mitsamen spazierten wir des öfteren dorthin,auch ihr gefiel es dort ebensogut wie mir. Hier gab es außer den kleinen süßen Walderdbeeren noch etwas ganz besondere - es wuchsen dort die damals schon selteneren - wunderschönen »Schuastanagei«. Diese waren klein und zierlich - in einem tiefen Blau blühend - fast ähnlich einer winzigen Enzianblüte und dennoch wieder anders. Schon meine Tanten hatten dieses seltene, liebliche Blümlein, dort schon als Kinder gerne gemocht. Von Zeit zu Zeit aber bekamen diese betreffs besagter Kiesgrube, von meiner Großmutter einen »ganz besonderen Auftrag«.

Eine große Hühnerschar hatte sie zu versorgen und dementsprechend viele Eier konnte sie dem »Karer«, der immer auf den Hof gekommen war, verkaufen. Weil in dieser damaligen Zeit auch auf einem größeren Hof recht sparsam gelebt wurde, darum hatte auch jedes einzelne Ei seinen Wert. Nicht daß meine Großmutter etwa geizig war, ganz im Gegenteil war sie darauf bedacht, für die große Familie gut zu sorgen. Gerade deshalb war es verständlich,daß sie nicht so einfach hinnahm, daß die Igel, die in der dortigen Zeit auch anderweitig genug Nahrung fanden, die kostbaren Eier aus den Nestern ihrer Hühner holten. Deshalb nahm sie, wenn es ihr »zu dumm« wurde, die Eierstehler, legte diese in einen alten Blechkübel und meine Tanten mußten diesen zur Kiesgrube tragen. Dort ließen sie den oder die Igel herauskrappeln und schauten diesen eine Weile zu, wie sie gemächlich unter etliche Stauden die dort wuchsen, hineinkrochen. Schließlich brockten sich meine Tanten noch etliche reife Erdbeeren und schlenderten mit dem leeren Blechkübel wieder heimzu.

Natürlich blieb es nicht bei diesem einenmal, sondern im Laufe des Sommers mußten diese mit ihrem Kübel noch öfters den Weg zu der Kiesgrube gehen. Freilich ist es meistens ein und dasselbe Igelpäärchen gewesen, dem die frischgelegten Eier so gut geschmeckt haben, daß sie den »ungewöhnlichen Transport« scheinbar gerne hinnahmen.


Elisabeth Mader



30/2011