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Jahrgang 2011 Nummer 37

Sein Herz gehört uns allen

Vor der vergoldeten Herz-Urne Ludwigs II. in Altötting

Vollendetes Kunstwerk: Die vergoldete Herz-Urne König Ludwigs II., geschaffen von dem Münchner »Hofsilberarbeiter« Eduard Wollen

Vollendetes Kunstwerk: Die vergoldete Herz-Urne König Ludwigs II., geschaffen von dem Münchner »Hofsilberarbeiter« Eduard Wollenweber.
Vorzeige-Stück im »Herzen Bayerns«: Gnadenaltar der Schwarzen Muttergottes von Altötting, geschmückt mit rosa Rosen und goldenen

Vorzeige-Stück im »Herzen Bayerns«: Gnadenaltar der Schwarzen Muttergottes von Altötting, geschmückt mit rosa Rosen und goldenen Ringen um die Altarkerzen.
Die Pilger stürmen die Gnadenkapelle. Der Schwarzen Muttergottes wegen? Besonders heuer, anlässlich des 125. Todesjahres von König Ludwig II., steht oftmals nicht sie sondern die Herz-Urne mit dem Herzen des »Märchenkönigs«, im Zentrum des Interesses. Nicht wenige Wallfahrer fallen vor der vergoldeten Silberprunkschale auf die Knie.

Kaum fassbar. Wo doch die Kirche, namentlich die katholische, sich nicht anfreunden mag mit dem als homosexuell erkannten Außenseiter. Sie spielt mit der Herz-Metapher. So wie Maria, die Mutter Christi, den Erlöser der Menschheit unter ihrem Herzen trug… Bayerns Wittelsbacher-Könige sind ganz mit dem Herzen bei der Mutter des Herrn, halten ehrenvolle Leibwache in ihren Urnen… Altötting liegt »im Herzen Bayerns«, nein: im Herzen Europas… Der bischöfliche Besorger der Heiligen Kapelle zu Altötting, Ludwig Limbrunner, wies in der Frühmesse am Festtag Mariä Himmelfahrt auf diese Herz-Bezüge hin. Ludwigs II. Herz gehört uns allen… »Wir haben aber seine Reliquie so aufgestellt, dass sie den direkten Blick auf die Gnadenmutter durch das Gitter zum Zentral-Heiligtum freigibt«, sagte er einer Rundfunkjournalistin.

»Im Angesichte der Patrona Bavariae«

Die Beisetzung der Herzurne König Ludwigs II. von Bayern erfolgte am 16. August 1886, zwei Monate nach dem Tod des 41-jährigen Herrschers. Die Bewilligung für die Beisetzung in der Gnadenkapelle von Altötting holte sich der Bürgermeister der Stadt, Max Beck, schriftlich ein. Er richtete eine Bittschrift an den »Allerdurchlauchtigsten Großmächtigsten König«, also an (den geistig umnachteten, unfähigen) Otto, zu Händen »des Reichsverweser« Prinz Luitpold von Bayern. Er brachte als Begründung vor, dass seit 1745 die Herzen der regierenden Fürsten des Hauses Wittelsbach »in der heiligen Kapelle ihre letzte Ruhestätte« gefunden hätten. König Ludwigs II. Herz sollte »im Angesichte des Bildnisses der Patrona Bavariae« mit den kostbar gefassten Herzen seines Urgroßvaters, Großvaters und Vaters »vereinigt werden«…

Ob Ludwig II. mit seinem Herzen überhaupt nach Altötting tendierte? Eine »letztwillige Verfügung« über die Bestattung seiner Majestät, ob seines unfassbaren und mysteriösen Todes am 13. Juni 1886 im Starnberger See »im ganzen Volke aufs Allertiefste betrauert und beweint«, fehlte nämlich. Ludwig hat in der Tat während seiner Amtszeit Altötting nie besucht. Im Gegensatz zu ihm: der Urgroßvater Maximilian I., der Kurfürst, auf den die Herzbeisetzungen in Altötting zurückgehen. Er hatte mit seinem eigenen Blut einen »Verlöbnis«-Brief an die Schwarze Muttergottes im Herzen Bayerns geschrieben.

»Ein Kunstwerk ersten Ranges«

Bereits zwei Tage nach dem Tod Ludwigs II. wurde auf Anordnung des Prinzregenten, des Onkels des Verstorbenen, das kostbare Herz entnommen, das bei der Aufbahrung des Leichnams Ludwigs II. am 19. Juni 1886 in der Alten Hofkapelle der Münchner Residenz bereits von einem gläsernen Gefäß gehalten wurde. Der bedeutende Münchner Architekt Franz Brochier war mit dem Entwurf beauftragt worden. Der in Leipzig erscheinenden »Illustrierten Zeitung« ist zu entnehmen, dass der Münchner »Hofsilberarbeiter« Eduard Wollenweber die Urne anfertigte, welcher »die Bezeichnung als Kunstwerk ersten Ranges« zukäme: »Der rühmlichst bekannten Firma war mit der Herstellung dieser Urne … eine eigenartige Aufgabe gestellt, welche aber, wie ein Blick auf das vollendete Werk zeigt, in sehr glücklicher Weise und zweckentsprechend gelöst wurde. Die deutlich ausgesprochene Herzform der Urne bringt deren Bestimmung sofort zur Anschauung. Die Ausschmückungen sind so gewählt, dass sie in sinniger und pietätvoller Weise andeuten, was das innen verwahrte Herz im Leben besonders beschäftigt und beglückt hat; die Urne ist nämlich in dem Stil gehalten, welcher dem verstorbenen König stets vor Augen schwebte, in dem Ludwigs XIV.; an beiden Seiten ist je ein Sträußchen Alpenrosen und Edelweiß, dem Schmucke der von dem König so sehr geliebten Berge, angebracht, während die Vorderseite das von einer Krone überragte verschlungene Doppel-L, die mit einem Verschlusse versehene Rückseite das bairische Wappen zeigt. In diese, als äußere Umhüllung dienende, auf einem schwarzen Marmorsockel, von dem sich die silbervergoldete Inschrift Ludwig II. König von Baiern wirkungsvoll abhebt, ruhende Urne ist das verlötete und versiegelte Zinnbehältnis mit dem Herzen des Königs ganz knapp eingefügt.«

»Edel und harmonisch«

»Edel und harmonisch« wirke das im Ganzen 60 Zentimeter hohe Kunstwerk, notiert der Schreiber des »Illustrierten«-Artikels: »Die nach der Natur getriebenen Alpenblumen sind wahre Cabinetstücke«, rühmt er die in Silber gefertigte, vergoldete Hülle des Herzens König Ludwigs II.

Einen Tag nach Mariä Himmelfahrt des Jahres 1886 traf das kostbare Reliquiar, »mit einem schwarzen Velum bedeckt«, per Eisenbahn am Bahnhof Eisenfelden bei Neuötting ein. (Erst 1897 bekam Altötting einen eigenen Gleisanschluss.) Bereits um halb sechs Uhr morgens war in der Alten Hofkapelle zu München eine heilige Messe gelesen worden, und ein sechsspänniger Wagen, begleitet von einem Schweren Reiterregiment, verbrachte die Urne im feierlichen Zuge durch die Maximilianstraße zum Ostbahnhof. In Altötting traf sie vor 9 Uhr ein – und wurde von renommierten Gemeindevertretern, Offizieren aus Burghausen und dem Bischof von Passau samt Diözesan-Klerus an der Pforte der Stiftskirche St. Philipp und Jakob empfangen.

Dazu Alfred Zellner, der Stadtarchivar von Altötting: »Tausende Menschen säumten den Weg, die Häuser trugen Trauerdekor, das Portal der Gnadenkapelle zierte ein überlebensgroßes Porträt des toten Königs, flankiert von zwei lateinischen Inschriften… Die mit der Überführung beauftragte Hofkommission konnte befriedigt berichten, dass in Altötting die Einheit von Kirche, Volk und Königshaus eindrucksvoll zelebriert werden konnte.«

Die Herzurnen aller Kurfürsten und Könige aus dem Hause Wittelsbach bis zu Ludwig III. füllen die Nischen der achteckig gebauten Gnadenkapelle von Altötting. 1954 wurde letztmals ein »königlich Herze« hier »heimisch«, das der Kronprinzessin Antonia. Eines, so der Stadtarchivar, »eines freilich blieb den Altöttingern verwehrt. Der entschlussfreudige Prinzregent Luitpold verfügte, neben seiner Gattin in der Theatinergruft beigesetzt zu werden – ausdrücklich mitsamt seinem Herzen«. Dazu wurde bisher in Altötting nicht Stellung genommen. Der im ganzen Bayernland sehr beliebte Prinzregent (nach ihm sind eine Prachtstraße und ein Theaterbau in der Landeshauptstadt benannt), hat also Altötting gegenüber ein kaltes Herz gezeigt?

»Geistliche Betrachtungen in der Herzkammer Bayerns« hält der Administrator der Heiligen Kapelle von Altötting, Prälat Ludwig Limbrunner, noch bis in den Marienmonat Oktober 2011 hinein, und zwar jeden Samstag vor der großen Lichterprozession auf dem Kapellplatz von 20 Uhr bis 20.30 Uhr, ausdrücklich »mit Blick auf die Königsherzen«. Kann ja sein, dass dabei auch ein Blick auf das Altöttingferne Prinzregentenherz geworfen wird.


Dr. Hans Gärtner



37/2011