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Jahrgang 2019 Nummer 29

Ohne Navi und Karte im Brummi zu den Saudis

Franz Paul Fuchs fuhr mit seinem Lkw in den 70ern 50 Mal in den Orient

Franz Paul Fuchs erinnert sich beim Durchblättern seines Fotoalbums – die meisten Bilder schoss er von seiner Fahrerkabine aus – gern an seine Orient-Fahrten. (Foto: Mergenthal)
In einen Ausdruck seines Enkels von Google maps zeichnete Franz Paul Fuchs die Variante ein, die er damals mangels anderer guter Straßenverbindungen fahren musste – über Tabuk und Medina. (Foto: Mergenthal)
Eine sogenannte »gut bürgerliche Gaststätte« an der türkischen Sandpiste. Mit auf dem Bild ist (5.v.li. Sitzend) Franz Paul Fuchs. (Fotos: Archiv Fuchs/Repro: Mergenthal)
So schaute in den 70er Jahren eine Raststätte in der Türkei aus.
Begegnung mit der Wüstenpolizei in Jordanien, die sich mit einer kleinen Motoröl-Gabe schnell besänftigen ließ.
Bei allen Aktivitäten des Kammerer Transporteurs war sofort eine Kinderschar als Beobachter zur Stelle.
Die beiden Lkws von Franz Paul Fuchs im Taurusgebirge.
Wegweiser in der endlosen Weite: das Ziel rückt näher...
Es entstanden auf den vielen Reisen auch Freundschaften, beispielsweise zu Houshang (rechts), der vor dem Schah-Sturz 1979 stellvertretender Erdölminister im Iran war.

Ein Mann, ein Lkw, acht Länder und 12000 Kilometer hin und zurück, in 20 Tagen: Die »Morgenländische Reise« des Franz Paul Fuchs aus Kammer, die sogar 1978 vom Bayerischen Fernsehen dokumentiert wurde, war das reinste Abenteuer. 50 Mal war er insgesamt zwischen 1974 und 1980 unten, bis 1976 im Iran und später in Saudi-Arabien. Vor seiner ersten Fahrt zu den Saudis wusste er nur, dass er in Ankara rechts abbiegen muss – statt wie bisher links wie bei den etwas kürzeren Fahrten in den Iran. Navi oder Handy gab es noch nicht, und eine Landkarte vom Gebiet war nirgends erhältlich.

Der damals junge Familienvater aus Kammer hatte früher ein Taxi-Unternehmen in Traunstein und spezialisierte sich in den 70er Jahren auf Transporte von Baumaterial und Ersatzteilen in den Orient. Lkw-Transporte zu den Arabern und Persern waren deshalb zu der Zeit so gefragt, weil der Seeweg über den Suezkanal durch die Arabisch-Israelischen Kriege gesperrt war. Erst nach dem israelisch-ägyptischen Friedensvertrag 1979 normalisierte sich die Lage wieder. Die Schiffe mussten in den 70ern umständlich über das Kap der Guten Hoffnung um den ganzen afrikanischen Kontinent fahren und waren nach Saudi-Arabien vier bis fünf Monate unterwegs.

Auf dem Hinweg Ersatzteile und auf dem Rückweg Orangen

In seinem kleinen Transportunternehmen verfügte Fuchs über einen Skania-Lkw und einen Magirus. Einen fuhr er selber, den zweiten steuerte ein angestellter Chauffeur. Nach seinen beiden »persischen Jahren« im Auftrag der Firma Translloyd in München beförderte der Kammerer für die damals auch in München und heute nur noch in Österreich ansässige Baugesellschaft »Held & Franke« Baumaterial und Ersatzteile, ungefähr 20 Mal nach Burayda, wo ein Zementwerk entstand, und fünf, sechs Mal nach Riad. Auf den Baustellen waren unter anderem Reifen, Felgen und vor allem Hydraulik-Teile für Kühlaggregate zum Betonieren gefragt. »Das Wasser kommt in der Wüste mit 25-30 Grad aus der Erde und würde ohne Kühlung sofort abbinden«, erklärt der Lkw-Fahrer.

Auf dem Rückweg bekam er manchmal in Griechenland noch Ladungen, zum Beispiel Orangen für die Großmarkthalle München.

Durch Österreich, Jugoslawien, Bulgarien, Türkei, Syrien und Jordanien waren bis zu den Zielorten in Saudi-Arabien gut 6000 Kilometer zu bewältigen. Der beträchtliche Naturstraßen- Anteil von 1800 Kilometern befand sich zu 90 Prozent in der Türkei. Ein Blick in sein privates Fotoalbum von der damaligen Zeit gibt einen lebendigen Eindruck vom Alltag mit seinem 36-Tonner auf diesen Sandpisten. Fuchs zeigt auf ein Foto von einem windigen Verschlag, aus ein paar Betonsteinen und einer Plane notdürftig zusammen gebaut, neben der Straße. Davor sitzen Männer gesellig auf Stühlen beisammen, Franz Paul Fuchs mittendrin. »Das ist eine gutbürgerliche Gaststätte«, erklärt er schmunzelnd. »Und das ist eine Raststätte«, sagt er, auf ein anderes Bild deutend: Dort fand der glückliche Lkw-Fahrer fließendes Wasser, um sich zu waschen und zu erfrischen – bei der Hitze ist Hygiene oberstes Gebot, um nicht krank zu werden –, und auf primitive Weise wurden Getränke in einer Tonne mit Quellwasser gekühlt.

Aasgeier streiten sich um ein totes Kamel

Auf einem Foto streiten riesige Aasgeier »wia da Deife um a totes Kamel, do kanns dann scho amoi passiern, dass oana rüber flattert«. Das Fahren auf den Sandpisten, wo zum Teil Tempo 30 schon zu schnell war, wurde bei den vielen Schlaglöchern und noch mangelhafter Federung zur Strapaze für die Wirbelsäule und ging auch ordentlich in die Arme. Des öfteren kreuzten wild laufende Esel oder Kamele die Straße. Eine Herausforderung waren die gefährlichen Pässe des Taurusgebirges ebenso wie die endlosen öden Pisten in der Ebene. Einmal wurde Fuchs in der Türkei Zeuge eines dramatischen Unfalls mit zahlreichen Toten: Ein Bus streifte einen Lkw und fuhr in einen anderen frontal hinein. Die Busse waren dort Bahn-Ersatz und fuhren entsprechend halsbrecherisch.

Ein kleiner Einblick in die BR-Dokumentation: »Wenn’s einmal läuft, muss man fahren«, philosophiert Fuchs in seiner Fahrerkabine vor sich hin und ersehnt die syrische Grenze, weil er dann endlich in Ruhe ausschlafen kann; in der Türkei ist die Gefahr, überfallen zu werden, zu groß.

Im Kaffeehaus in Syrien lässt er sich gleich vom fahrenden Barbier rasieren und meistert dann das Chaos in den Straßen von Damaskus. Langwierig und kostspielig sind die Formalitäten an den vielen Grenzübergängen. In den Weiten Jordaniens singt er lautstark einen arabischen Schlager, um sich wach zu halten, und ein Kamel scheint mitzusingen. Paradoxerweise trifft er trotz der immensen Entfernungen immer wieder alte Bekannte, wie den Kollegen Schorsch aus Rosenheim. Auch seine Begegnungen mit den in Palästinensertücher gehüllten Wüsten-Polizisten in Jordanien, die von ihm gerne Motoröl nahmen, hält er mit seiner »Ritsch-Ratsch-Kamera« fest.

Berühmt und gefragt ist sein Kaffee: Eine Zwei-Liter-Pumpkanne muss für den ganzen Tag reichen. Wenn er seinen Wasserkessel aufstellt, um damit wie jeden Tag seinen Bohnenkaffee frisch aufzubrühen, hat er im Nu eine große Schar von Beobachtern, lauter Kinder. Ein Liter Wasser kostete damals übrigens 1,40 Mark, ein Liter Diesel nur 8 Pfennig.

Reifenpanne bei 56 Grad und Sand im Leberkäs

Seine »Zweieinhalb Quadratmeter Bayern« hat er in Form seiner königlich-bayerischen Bettwäsche in der Schlafkabine immer dabei. Vielleicht hilft ihm diese auch, die stoische Ruhe zu bewahren, ohne die die Strapazen und Gefahren solcher Fahrten nicht zu bewältigen wären.

In Seelenruhe überquert eine ganze Kamelherde die Straße: Die Uhren gehen hier anders. Mitten in der Wüste legt Fuchs zünftige Schuhplattler-Musik ein. Da – der Supergau: ein »Botschn« in der Wüste. Fuchs muss bei 56 Grad Celsius den 80 Kilo schweren Reifen auswechseln. »I woaß net, wo do de Romantik sei soi«, schimpft er. In den flirrenden Lichtspiegelungen scheint in dieser Affenhitze auch die große Freiheit eine Fata Morgana zu sein. Als er danach den eigentlich für die Bauarbeiter in Riad bestimmten Leberkäse genießt, folgt die nächste schöne Bescherung: ein Sandsturm. Der Sand ist im Leberkäse, zwischen den Zähnen, sogar auf dem Tacho. »Hoffentlich find’ i de Straß’ wieder«, bemerkt er lakonisch. Er findet sie. Bei 53 Grad fährt er ins »Ziel« ein. Riad sei »ziemlich trostlos«, kommentiert er: »Koa Kino, koa Theater, net amoi a Frau sieht ma auf da Straß’.« Fuchs ist zufrieden mit sich. »6000 Kilometer in elf Tagen – des geht.«

Durch die Farbe des Sandes »die Wüste lesen«

Auf seiner ersten Fahrt zu den Saudis war er immerhin fast fünf Wochen unterwegs. Auf die Wüste sei er nicht vorbereitet gewesen, erzählt er. Die Beduinen hätten ihn damals aufgepäppelt. »De drei Dog bei de Beduinen ham mia guad do, und i hob fui g’lernt.« Zum Beispiel, sich einen Wasserdarm außen an den Lkw zu hängen, um immer kühles Wasser zu haben. Er lernte von ihnen auch, »die Wüste zu lesen« – wie man an der Farbe des Sandes erkennt, wo man gefahrlos fahren kann – und natürlich auch ein wenig arabisch.

Wenn sich ein Kollege im Sand festgefahren habe, habe man ihm nicht helfen können, erklärt Fuchs. Nur das Militär mit seinen Panzern habe einen Laster aus dem Sand ziehen können. Ein einziges Mal wählte Fuchs von Riad einen anderen Rückweg, die sogenannte »Tureif- Strecke«, nicht ahnend, dass die gesamte Strecke eine Sandpiste durch die Wüste ist. Alle 50 Kilometer stand eine rotweiße Tonne als Wegmarkierung. »I hob mi do an an Araber hingehängt; der hätt’ genau so woanders hinfahren kenna«, erzählt Fuchs.

Eine Klimaanlage hatte er bewusst nicht, obwohl es damals schon welche gab. Ein Schwede sei einmal auf der heißen Baustelle aus einem klimatisierten Lkw ausgestiegen und sofort umgefallen, erzählt Fuchs. Schnell habe man den Fahrer wieder in den Wagen gehievt, und er sei wieder zu sich gekommen. Nachts schlief er manchmal oben auf seiner Plane bei wohltuendem leichtem Wind.

Ein Mal beging er den Fehler, während der Pilgerzeit der Araber zu fahren. Seine Route führte nämlich durch die muslimische Pilgerstadt Medina, die Fuchs natürlich umfahren musste, und in die Nähe von Mekka. Bei dieser zum falschen Zeitpunkt unternommenen Fahrt hing der Brummi-Fahrer 17 Tage im Zollamt von Tabuk im nordwestlichen Saudi-Arabien fest.

»Stempel« mit Markstück bewahrte vor Cholera-Überimpfung

Dass die Fahrten auch wirklich lebensgefährlich waren, zeigen seine Schilderungen von Gefängnisaufenthalten. Einmal, 1976, erwischte es ihn in der Türkei alleine. Er konnte entkommen, weil seltsamerweise jemand die Gefängnistüren offen ließ, fuhr Non-Stop bis Bulgarien durch und konnte erst in Jugoslawien zu einem »vernünftigen Preis« seine Frau anrufen, die mit drei kleinen Kindern ahnungslos daheim saß. Auch das Filmteam wurde drei Mal eingesperrt und drei Mal wieder freigelassen, weil ein Emir sauer war, da er persönlich keine Drehgenehmigung erteilt hatte. »Des war aber lustig, weil do war’n mia zu dritt.«

Um sich im Notfall freikaufen zu lassen, hatte er immer eine Bürgschaft über eine Million US-Dollar dabei. Sein Trick, fehlende Stempel mit einem Markstück zu imitieren, half ihm auch, seinen Gesundheitspass mit Nachweis der erforderlichen, regelmäßigen Cholera-Impfung selber zu machen. Sein Arzt hatte ihn nämlich eindringlich vor den Folgen einer Überimpfung gewarnt.

Wichtig war auch, was man zum Essen einpackte; es musste für drei Wochen reichen, und bestimmte Produkte, wie Schweinefleisch oder Alkohol, durften auf keinen Fall eingeführt werden. »Für eine Dose Bier gab es einen Tag Gefängnis«. Und im Gefängnis habe man sich mit vier Liter Wasser begnügen und sein Essen selbst »organisieren« müssen.

Tulpenzwiebeln für den Schah konfisziert

Amüsante Begebenheiten gab es natürlich auch etliche. So musste Fuchs einmal dem Schah in Teheran 2,5 Tonnen Tulpenzwiebeln bringen. Doch bei der Einreise wurde der Lieferant lange am Zoll aufgehalten, wussten die Zöllner doch nicht, wie sie diese seltene Ware verzollen sollen. »Das sind Zwiebeln für euren Chef«, erklärte ihnen Fuchs damals. Daraufhin zweigten die Zöllner, in der Meinung, es seien Zwiebeln zum Essen, einiges von der Ware ab und stopften sich die Taschen voll, denn in der persischen Küche sind Zwiebeln sehr beliebt.

Im Laufe der Jahre entstanden Freundschaften, zum Beispiel zum Zollchef von Jordanien, der ihn einmal zum Essen einlud und Familie Fuchs auch einmal in Kammer besuchte. Noch heute ist Fuchs in Verbindung mit Houshang, der damals im Iran stellvertretender Erdölminister war. »Seine Frau war Deutsche und ist über die Firma Krupp nach Persien gekommen.« Nach dem Sturz des Schahs 1979 ging die Familie ins Exil, zuerst nach London und dann nach Deutschland. »Einmal war Houshang in Bad Reichenhall auf Reha. Da hab ich ihm ein bisserl Bayern gezeigt.«

Ganz loslassen kann Fuchs das Steuern großer Gefährte noch nicht: Heute fährt der 74-Jährige noch für das Förderzentrum Traunstein Schulbus.

Der Film »Die Morgenländische Reise des Franz Paul Fuchs« wird am 24. Juli um 20.30 Uhr im Rahmen der »Chiemgauer Kulturtage« im Studio 16 in Traunstein gezeigt, bei schönem Wetter im Biergarten auf großer Leinwand.

 

Veronika Mergenthal

 

29/2019