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Jahrgang 2019 Nummer 20

»O Maria, hör auf mich!«

Nicht nur erbaulich, auch werbewirksam, mystisch und kurios: Altöttinger Wallfahrtsbildchen

»Andenken an Altötting«, 10 x 6 cm, Verlag A. Steiner, Altötting, um 1890 (Abb. 1).
Rückseite von Abbildung 1, handschriftliche Eintragung vermutlich von Kinderhand (Abb. 2 ).
Rückseite von Abbildung 3, handschriftliche Eintragung von Vroni Jändl (Abb. 3 ).
»Wundertätiges Gnadenbild U. L. Frau von Altötting«, 8 x 5,5 cm, Verlag A. Steiner, Altötting, um 1900 (Abb. 4).
»Schleier am Gnadenbilde berührt«; »Das über 12 Jahrhundert wunderthätige Bild U. L. Frau von Altötting «, 11 x 7 cm, spätes 19. Jahrhundert (Abb. 5).
»hl. Maria zu Altötting.«; »Ich habe im Gebete an Sie gedacht …«, Schleier über Kupferstich, 8,5 x 5,5 cm, Verlag Bobleter, München, Mitte 19. Jahrhundert (Abb. 6).
Diverse Schleierbildchen, das größte 9 x 4,5 cm, 19./20. Jahrhundert (Abb. 7).
Diverse Wallfahrtsbildchen, davon ein -heftchen, das größte 10,5 x 5,5 cm, frühes 19. - 20. Jahrhundert (Abb. 8). (Abbildungen von Sammler Prof. Dr. Hans Gärtner)
Wallfahrtsbildchen, davon ein Heftchen, mit hinter div. religiösen Motiven verborgenen Darstellungen von Gnadenbild und -ort, das größte 9,5 x 6 cm, 19./20. Jahrhundert (Abb. 9).
Bedruckter, mit Oblaten beklebter Faltbrief »Jungfrau, Mutter Gottes mein …«, 8 x 8 cm, Verlag Franz Schemm, Nürnberg, Ende 19./20. Jahrhundert (Abb. 10).
Diverse Wallfahrtsbildchen: Holzschnitt, Kupferstich, Schleier, Goldprägung, div. Verlage, zwischen 11 x 7,5 cm und 4,5 x 3,5 cm, 18. - 19. Jahrhundert (Abb. 11).
Wallfahrtsbildchen, das eine schau-, das andere rückseitig, beide zu haben bei Joh. v. G. Mayer, Altötting, 9,5 x 5,5 cm bzw. 7,5 x 5 cm, um 1910 (Abb. 12).

Wie alt das kleine Andachtsbild mit dem Aufdruck »Andenken an Altötting« (Abb. 1) ist, lässt sich nur schätzen. Sagen wir: mindestens 120 Jahre. Dass es seither nicht nur einmal zur Hand genommen wurde, ist gewiss – so zerknittert, verschmutzt und abgegriffen ist es! Die Schauseite: 14 Engel, die 3 »Rangstufen« angehören, umschweben das gekrönte, bekleidete, auf einer Wolke mit Mondsichel stehende Gnadenbild der europaweit bekannten Schwarzen Muttergottes mit dem Kind auf dem rechten Arm und dem Zepter in der linken Hand, darunter der von Wallfahrtszügen belebte und von markanten Gebäuden – gut erkennbar: die Stiftspfarrkirche St. Philippus und Jacobus – umstellte Kapellplatz. Die »uralt heilige« Kapelle vor der Redemptoristen-, später St. Magdalenen-Kirche geht beinah unter auf der idyllisch anmutenden Darstellung, einer biedermeierlichen Stadtansicht des Gnadenorts »im Herzen Bayerns«.

Das Pilgerlied – zum Jodeln?

Kein gewöhnliches Altötting-Bildchen ist dieses wohl seinerzeit tausendfach aus der »Antonius-Buchhandlung, A. Steiner, Altötting« getragene Exemplar. Schon deshalb nicht, weil die Rückseite (Abb. 2) das »Altöttinger Pilgerlied« trägt. Die dritte und letzte Strophe enthält die zum Schmunzeln reizende Zeile »O Maria, hör auf mich!«. Als ob der kleine, bedürftige Erdenpilger, ihr, der großen, gnadenvollen Himmelskönigin etwas zu melden hätte, geschweige denn, sie auffordern dürfte, auf mich zu achten! »O Maria, hör mich an!« hieße es trefflicher. Dass die 1884 gegründete, noch heute existierende Antonius-Buchhandlung am Kapellenplatz 22 gegen Schluss des Liedtextes nicht den Hinweis vergaß, dass dieser Text »auch als Volkslied mit Orgelund Blechbegleitung« im eigenen Verlag erschienen ist, mag man dulden; bedurfte doch die Kirche schon damals auch der Propaganda. Wohl von Kinderhand gekritzelt steht – nebst Schreibübungen der Buchstaben »y« und »J« – über dem Lied-Titel deutlich lesbar das wie eine Anweisung klingende Wort »Jodler«. Ob jemals jemand versuchte, das »Altöttinger Pilgerlied« zu jodeln?

Schleier als Schutz- und Machtsymbol

Die Rückseite der Wallfahrtsbildchen gibt dem Betrachter manchmal mehr zu denken als die Schauseiten. So wendet sich am Schluss des »Gebets zu Maria« (Abb. 3) eine gewisse »Jändl Vroni« schriftlich an ihr Patenkind: »bete dießes Gebet fleißig«, sondern auch der Verlag an den Erwerber: »Vor Nachdruck oder Nachbildung wird gewarnt. Gesetzlich geschützt«. Der Verleger »A. Steiner, Altötting« brachte das Marien-Gebet auf die Rückseite eines Schleierbildchens (Abb. 4). »Seit alter Zeit«, so ist auf einem nur wenig älteren Exemplar zu lesen, »ist es Gebrauch, das Gnadenbild der Muttergottes in Altötting am hl. Karfreitag mit einem Schleier zu verhüllen. Der mit dem Gnadenbilde in Berührung gekommene Schleier wird benützt, um die sogenannten Schleierbilder herzustellen. Dieser Schleier auf dem Bilde der Gnadenmutter mit dem göttlichen Kinde sinnbildet ihre Macht, von unseren Herzen den Schleier wegzuziehen, damit wir auf Erden ihr göttliches Kind als wahren Gott erkennen und einmal droben im Himmel den Sohn Gottes mit dem Vater und dem Hl. Geist unverhüllt schauen. Der Schleier sinnbildet aber auch den Schutz Mariens vor dem blendenden Lichte der Sinnlichkeit und Leidenschaft, damit es in unseren Herzen nicht versenge den Glauben, die Hoffnung und die Liebe, ohne die es unmöglich ist, Gott zu gefallen.« Altöttinger Schleierbildchen, die noch heute fabriziert, vertrieben, von Wallfahrtsgeistlichen am Gnadenbild berührt (Abb. 5) – was Kritiker bezweifeln –, angeboten und von den Käufern als rare Dedikationen verwendet werden, verdienten es, in ihnen die Sinnhaftigkeit zu erkennen. Unter der Nummer 425 ließ die »GFCHKM« (Gesellschaft für Christliche Kunst, München) »verschleierte« Bildchen mit der im Gewölk von Engeln umgebenen, idealisierten Figur des Gnadenbildes verbreiten. In Frakturschrift darüber: »Schleier von der Umhüllung des Gnadenbildes in der Charwoche«, drunter: »Altehrwürdiges Gnadenbild Unserer Lieben Frau von Altötting«.

Begnügte man sich hier mit der Befestigung des die Abbildung gänzlich bedeckenden, aber an 3 Seiten lösbaren Tüll-Fetzchens durch eine geprägte Goldpapierleiste, gibt es auch Schleierbildchen mit Goldlitze an allen 4 Seiten, sodass die darunterliegende Szenerie mystisch entrückt wirkt (Abb. 6). Es ist eines jener Wallfahrtsbildchen, die nicht zur Erinnerung an die Pilgerfahrt nach Altötting, sondern als Mitbringsel dienten: »Ich habe im Gebete an Sie gedacht, / Und zur Erinnerung dieß Bildniß mitgebracht.«

Briefmarkengroße, am Wallfahrtsort als Andenken, Gebetsanregung oder Mitbringsel erworbene, in der hl. Kapelle zur Weihe gegebene Schleierbildchen (Abb. 7) waren wohl schon deshalb beliebt, weil sie in jede Brieftasche oder als Beilage in ein Briefkuvert passten, das an Adressaten mit dem Zusatz »Hallo, ihr Lieben, ich bin von der Wallfahrt zurück!« verschickt wurde.

Unverblümtes und Blumiges in bunter Fülle

Aufgelöster Rand, Zierleisten, Papierprägung, ausgeschnittene und aufgeklebte Ovale mit der über dem Kapellplatz im Wolkenhimmel schwebenden Gnadenmutter, von Rosen und Vergissmeinnicht umrankt – so präsentieren sich, man könnte sagen: unverblümt auf »kostbar« getrimmte, den Anschein von Reichtum und Wohlergehen erweckende mittelgroße Altötting-Bildchen (Abb. 8). Mit oft aufdringlichem Zierrat, den die technisch raffiniert arbeitende Massenfabrikation den deutschen Bildchen-Produzenten und ihren Dependancen in den Nachbarländern bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert ermöglichte, stellen sie sich den dunklen, ernsten, traurig stimmenden Schleierbildchen entgegen. Sie zielten auf Abnehmer in gehobenen Gesellschaftskreisen, die sich gerne mit Glitzer und Glimmer umgaben, um eine anstrengende Pilgerschaft belegen zu können, für die sie weder Mühen noch Aufwand scheuten. »Nimm, mein Herz, das lang genug für die Welt geschlagen: / Wunderbarer Gnade Zug hat‘s zu Dir getragen: / Mutter Gottes in Altötting«. Dieser Spruch füllt rückseitig das stehende Foto-ähnliche Gnadenbild-Oval, das die goldgerahmten Zeichen »IHS« und »MARIA« ziert. Ein aufklappbares Bildchen übertreibt das Blumige – mit einem um ein Vergissmeinnicht-Sträußchen gewundenes Text-Band: »Weil ich zu Marias Füßen / Voller Lieb gedachte Dein, / Sollen diese Blümlein grüßen / Dich von ihrem Gnadenschrein!«

Die zunächst verborgene Tröstung

Ein Geheimnis machte die Wallfahrtsbildchen-Industrie im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert aus der Altöttinger Gnadenmutter: Sie versteckte sie unter hochklappbaren Bild-Auflage-Teilen, die gewiss etwas mit der Mutter Jesu, doch so gut wie nichts mit Altötting zu tun hatten (Abb. 9): der mit weißen Tauben spielende Jesusknabe im blauen Umhang und roten Kleid, der thronende kindliche »Salvator Mundi« mit Segensgestus, dem langgewandete Engel huldigen, die heilige Familie, die den heranwachsenden Jesus als Gehilfen seines Vaters Josef in der Schreinerwerkstatt zeigt, dann aber auch eine zarte Hand mit Rose und Freundschafts-Billett. Als Highlight: ein »Andenken an Altötting« mit einem Marienbild-Typus, der nichts mit der Schwarzen Madonna aus dem Tabernakelschrein der Gnadenkapelle zu tun hat. Erst dem, der das Lese-Heftchen aufschlägt, erscheint sie über dem Kapellplatz am lichtblauen Himmel.

Beklebt mit Oblaten und in den dreieckigen Feldern beschriftet mit bekannten volksfrommen Versen – »Maria ist die Himmelsbraut, / die huldvoll auf uns niederschaut« –: ein vom tüchtigen Altötting-Bilderproduzenten Franz Schemm in Nürnberg fabriziertes, besonderes »Andenken an Altötting« in Form eines Falt-»Briefes« aus bläulichem Karton (Abb. 10). Silberfischchen haben ihn schon angeknabbert. Erst nach dem Hochklappen der vier Dreiecke zeigt sich die »Himmelsbraut « über dem Kapellplatz – quasi fotografiert. Auf der Unterseite steht: »Ich habe aus der Ferne / Dir diesen Brief gebracht / Und wünsche gar so gerne, / dass er dir Freude macht. / Du siehst hier jene Stellen, / Wo Gottes Gnade fließt, / Und reichlich fromme Seelen / Dir Tröstung übergießt.«

Die heilige Kapelle als Insel – ohne Trambahnanschluss

Die Altöttinger Gnadenkapelle, ein frühmittelalterliches turmähnliches Oktogon mit kurz vor 1500 angebautem Langhaus, lässt erstaunen. Der überdachte Umgang – gelegentlich nützen ihn Hilfesuchende oder Sühnebereite, auch um eins der dort lagernden Holzkreuze zu schultern und es, Christus ähnlich, unter Gebetsgemurmel um den zentralen Sakralbau zu tragen – beschäftigt selbst Glaubensferne: Hier sind die Wände mit Votivtafeln vollgehängt, das älteste von 1501, eins der jüngsten dürfte die Jahreszahl 2019 tragen. »Das Beschreiben der Votivtafeln ist verboten«, wird man schriftlich ermahnt, was manch kritischem Leser nur ein Lächeln kostet, weil er statt »Beschreiben« lieber »Beschriften« gelesen hätte.

Einige Andenkenbildchen-Illustratoren sahen die »uralt heilige Kapell‘n vo‘ Oeding« als felsenfeste Insel, die aus dem Meer der, ach, so schlechten Welt wie eine rettende Arche ragt (Abb. 11). Von den hier gezeigten Exemplaren macht nicht nur das große neugotisch-feine aus dem Hause Lutzenberger, Burghausen, mit seinen Seufzer-Texten Furore, sondern – vielleicht noch mehr – das kleine Bild mit der angeblich burgundischen Wunder-Statue von 1330 im goldverzierten Rahmen. Für den, der mit der Lupe herangeht, trägt Maria ihr Kind statt auf dem rechten auf dem linken Arm.

Es ist nicht auszuschließen, dass das eine oder andere hier ausgebreitete Sammler-Stück bei Fidelis Mayer erstanden wurde, einst Inhaber des »ältesten Geschäfts in Wallfahrtsartikeln am Platz«, wie der rührige Geschäftsmann, der auch als Fotograf wirkte, auf die Rückseite seiner Andenken-Bildchen drucken ließ (Abb. 12). Die fürs erste stutzen lassende Adresse »Neuöttingerstrasse 4 - … in nächster Nähe der Trambahnhaltestelle« hat durchaus seine Richtigkeit; brachte doch vor 100 Jahren noch, genau: von 1906 bis 1930, eine Dampfstraßenbahn Zugreisende von der Station Eisenfelden via Neuötting – das übrigens damals der Orientexpress Richtung Konstantinopel passierte – in den Wallfahrtsort. Die Haltestelle lag bei der heutigen Post. Die Bischöfliche Administration der Kapellstiftung konnte verhindern, dass die Tram-Schienen für das »Bockerl«, von vielen Anliegern als »rumpelndes und rußendes Ungeheuer« verpönt, bis direkt vor die Pforte des Nationalheiligtums gelegt wurden. Der 2012 erschienene »City Guide Altötting« zeigt ein altes »Bockerl«-Foto von 1910. Er lässt auch wissen, dass Loks und Stellwägen verkauft wurden und zwei Waggons noch heute in Schweizer Restaurants als Gasträume dienen.

 

Dr. Hans Gärtner

 

20/2019