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Jahrgang 2019 Nummer 8

Ludwig Thoma hat Spuren im Chiemgau hinterlassen

Scharfer Satiriker, pointierter Dramatiker, exzellenter Erzähler – und fehlgeleiteter Polithetzer

Ludwig Thoma, nach einem Porträt in Öl von Karl Klimsch, vermutlich 1909. (Repros: Giesen)
Ludwig Thoma – ein Porträt von Walter Angerer dem Jüngeren, 2011.

Die »Lausbubengeschichten« von 1964 und natürlich »Heilige Nacht«, die Ludwig Thoma schon im Jahr 1917, während des Ersten Weltkriegs schrieb, haben den bayerischen Autor unvergessen gemacht. Dabei war Ludwig Thoma viel mehr als das – ein scharfer Satiriker, pointierter Dramatiker, exzellenter Erzähler und – in späteren Jahren – übler Hetzer und bösartiger Polit-Irrläufer.

Ludwig Thoma wurde als fünftes von acht Kindern am 21. Januar 1867 in Oberammergau geboren. Seine Eltern, konservativ und königstreu, zogen ihn behütet in einem abgeschiedenen Ort nahe der Tiroler Grenze in Vorderriss auf. Sein Vater war Förster wie bereits dessen Vater, Großvater und Urgroßvater. 1874, als Ludwig erst sieben Jahre alt war, starb der Vater und die bis dahin glückliche Kindheit fand ein jähes Ende. Das Forsthaus wurde aufgelöst, die Familie auseinander gerissen. Die von Ludwig zärtlich verehrte Mutter Katharina musste sich und sieben kleine Kinder danach mühsam durchbringen. Der kleine Ludwig kam zu einem Onkel in die Pfalz. Er reagierte zunehmend aggressiv, war in die wildesten Raufereien verwickelt und wechselte fünfmal die Schulen – von Gymnasien in Landshut/Pfalz, Neuburg an der Donau, Burghausen, München und Landshut, wo er endlich das Abitur schaffte. Seine schulischen Kämpfe gegen Scheinautorität und Doppelmoral inspirierten ihn später zu seinen berühmten »Lausbubengeschichten«, die das Bayerische Fernsehen nicht müde wird, auch heute noch mindestens einmal pro Jahr zu wiederholen.

Spuren in Traunstein und Seebruck

Von 1886 bis 1897 studierte Thoma erst Forstwissenschaft in Aschaffenburg, dann Jura in München und Erlangen. Durch seine Mutter, die sich zu einer umtriebigen Gastwirtin entwickelt hatte, kam Ludwig Thoma in verschiedene Chiemseegemeinden wie Seebruck, wo die Mutter zum Beispiel das Hotel zur Post betrieb, nach Prien und Traunstein. Denn sein Referendariat zum Juristen absolvierte Thoma zwischen dem ersten und zweiten Staatsexamen von 1886 bis 1897 in Traunstein. Von September 1890 bis Mai 1891 arbeitete er als Rechtspraktikant am Königlichen Amtsgericht Traunstein, bis März 1892 am Königlichen Landgericht in Traunstein und anschließend absolvierte er bis Januar 1893 die Vorbereitungspraxis am Königlichen Bezirksamt Traunstein. Hier lernte er nach seinen Worten sehr gründlich »wie sich die Vorgänge von selbst erledigen« entweder durch »Liegenlassen« oder ständiges »Hin- und Herschieben«.

In diesen Jahren schloss Thoma auch seine Promotion in Erlangen mit dem Titel »Zur Lehre von der Notwehr« ab. Von seinen Professoren wurde diese Arbeit lediglich mit »rite«, das heißt der am schlechtesten möglichen Note bewertet, so dass er nach den mündlichen Prüfungen auf den damals noch nicht zwingend notwendigen Druck der Arbeit verzichtete. Deshalb bekam er zwar kein Diplom, durfte aber trotzdem den Titel »Dr. jur.« tragen.

Geht man heute durch die Höllgasse direkt hinter dem Stadtplatz in Traunstein sieht man am Gebäude des ehemaligen Höllbräus eine Gedenktafel für Ludwig Thoma, bei der allerdings die Jahreszahlen nicht ganz stimmen: Denn bereits am 1. September 1890 trat Thoma seinen Dienst am Amtsgericht in Traunstein an, den er rückblickend ziemlich desillusioniert kommentierte: »Ich wollte ein unbeugsamer Hüter der Gerechtigkeit sein. Von da ab brachte mir fast jeder Tag Enttäuschungen, bis ich von allen Illusionen geheilt war.«

Traunsteiner Bier und Josef Filser

Weniger enttäuschend waren offensichtlich seine fröhlichen Aufenthalte im legendären Hutter-Sailer-Saal im Hofbräuhaus Traunstein. Hier ließ er sich gerne bei einer frischen Maß Bier inspirieren. In Ludwig Thomas »Erinnerungen« von 1919 bekennt er sich nicht nur zum süffigen Bier, sondern beschreibt auch recht süffisant den Chiemgauer Menschenschlag, wie er zum Beispiel in einer seiner populärsten Figuren deutlich wird: Josef Filser. Als Vorbild dazu diente ihm der Ruhpoldinger Bürgermeister und Landtagsabgeordnete Georg Eisenberger, der unvergessene »Hutzenauer«. Mit ihm porträtierte Thoma einen Chiemgauer, der von Uniformierten mehrfach attackiert wurde, weil er eine Gebirgstracht trug – besonders wenn Eisenberger mal wieder in seiner Funktion als Abgeordneter »zum Regieren « Erster Klasse im Zug von Ruhpolding nach Berlin fuhr.

Ludwig Thoma im Achental

Spuren von Thomas Familie finden sich auch im Achental. Am Gasthof Jägerwinkl in Niedernfels, das heute zu Marquartstein gehört, weist eine Gedenktafel darauf hin, dass hier von 1858 bis 1861 Max Thoma, nämlich Ludwig Thomas Vater, als königlicher Förster wohnte. Ludwig schrieb dazu später. »Aus einem anregenden Kreise trat meine Mutter 1857 (Jahr der Heirat), um ihrem Ehemanne nach Piesenhausen bei Marquartstein zu folgen. …In Piesenhausen wohnten meine Eltern mehrere Jahre in glücklicher Ehe, der zwei Kinder, mein Bruder Max und meine Schwester Marie, entsprossen.« Mit dem Pfarrer von Grassau, einem passionierten Jäger, pflegte Max Thoma allem Anschein nach eine enge Freundschaft. Erzählt wurde, dass der Geistliche einmal während eines Gottesdienstes die Wandlung vergessen habe, weil vor der Kirche das Jagdhorn zum Aufbruch blies. Wie eng Ludwig Thomas Name gerade im Chiemgau verankert ist, zeigen nicht zuletzt öffentliche Einrichtungen wie die Ludwig-Thoma-Grundschule in Traunstein oder das Ludwig- Thoma-Gymnasium in Prien.

Literarische Würdigung

»Aus literaturtheoretischer Perspektive ist es Thomas Verdienst, die einfachen Leute, die Armen, die Verlierer und vor allem die Bauern literaturfähig gemacht zu haben.«, schreibt Professor Engelbert Thaler in seiner Würdigung des großen literarischen Werkes von Ludwig Thoma. Und Gerhard Polt, großer bayerischer Komiker meint dazu: »Ich glaube, er gehört zu den ersten Autoren, die den Bauern eine Individualität geben. Wo die Bauern nicht nur Dekor und romantische Figuren sind, wo sie ein eigenes Schicksal haben und sich mit der herrschenden Moral und Zeit auseinander setzen müssen.« Thoma war vor seiner freien Schriftstellerei Rechtsanwalt in Dachau und erlebte dort in allen Facetten die Eigenarten der Bauersleute.

Scharfzüngiger Satiriker

In den Jahren zwischen 1897 und 1907 zog Ludwig Thoma nach München, kam in Kontakt mit der satirischen Wochenschrift »Simplicissimus« und veröffentlichte erste eigene Artikel unter dem Pseudonym »Peter Schlemihl« (eine literarische Gestalt von Chamisso). 1899 gab er seine Tätigkeit als Rechtsanwalt auf und wurde Chefredakteur des »Simplicissimus«. Dass er den Nerv seiner Zeitgenossen traf, bewies sein Erfolg: 1906 musste er eine sechswöchige Haftstrafe absitzen, weil sich Mitglieder eines Sittlichkeitsvereins von dem Simpl-Gedicht »An die Sittlichkeitsprediger in Köln am Rheine« 1904 beleidigt fühlten. »Was wissen Sie eigentlich von der Liebe / Mit ihrem Pastoren-Kaninchentriebe / Sie multiplizierter Kindererzeuger / Sie gottesseliger Bettbesteiger?« Solche deftigen Beleidigungen bescherten Thoma eine Verurteilung wegen »Beleidigung und der öffentlichen Beschimpfung einer Einrichtung der christlichen Kirche mittels Presse«. Die sechswöchige Haftstrafe verbüßte der nicht reuige Sünder vom 16. Oktober bis 27. November 1906 in Stadelheim. Der Skandal zementierte sein Image als dreinhauender, Moral zersetzender Oberbayer.

Auch die Geschichte vom »Münchner im Himmel« kennt jeder. Alois Hingerl, Dienstmann Nummer 172, geht nach seinem erzwungenen Aufenthalt liebend gern auf die Welt zurück, weil er »für den Himmel nicht zu gebrauchen ist«, wie Petrus und der Herrgott bald unschwer erkennen. Jetzt soll er der bayerischen Regierung die göttlichen Ratschläge übermitteln. Weil er stracks ins Hofbräuhaus einkehrt, ein Bier nach dem anderen bestellt und dabei seinen Auftrag vergisst, wartet »die bayerische Regierung bis zum heutigen Tag auf die göttlichen Ratschläge…«. Auch über diesen letzten Satz konnte die bayerische Justiz nicht lachen und verurteilte Thoma zu einer Geldstrafe.

Ludwig Thoma und die Frauen

Thoma war zwar zeitlebens sehr an Frauen interessiert, quälte sich aber ebenso mit ihnen. Vielleicht wegen des Vorbilds seiner Mutter hatte er für »Hascherl«, die er zuhauf hätte haben können, nichts übrig. 1905 lernte Thoma die schöne, auf den Philippinen geborene Tänzerin Marietta di Rigardo, genannt Marion, kennen. Sie war zwar mit einem Kabarett-Besitzer verheiratet, was aber den bayerischen Autoren nicht weiter störte. Gerne hätte der passionierte Jäger sich mit dem Ehemann duelliert, aber das wurde leider nicht gestattet. Da er inzwischen reich geworden war, kaufte er dem Mann die Frau seiner Träume einfach ab – für 16000 Reichsmark: Die beiden waren sehr verschieden, die emanzipierte Marion langweilte sich bald und zerstreute sich durch Seitensprünge. Heirat 1907, einvernehmliche Scheidung 1911.

In den Jahren nach dem Krieg entbrannte er in heftiger Liebe zu seiner alten, inzwischen verheirateten Jugendfreundin Maidi Liebermann. Sie stammte aus der jüdischen Sekt-Dynastie Feist-Belmont. Er warb leidenschaftlich um sie, aber der Ehemann verweigerte die Scheidung. Liebesentzug kompensierte er daraufhin mit leidenschaftlichen Liebesbriefen – über 800 davon schrieb er in nur drei Jahren an Maidi Liebermann, die reiche Sektfabrikantentochter, Halbjüdin und Sängerin, seine unerfüllte Liebe. »Es sind nie Werte, die da waren, so armselig verlorengegangen, wie uns. … Ich muss mich oft zusammennehmen, dass mir die Nerven nicht auslassen.«, schrieb er an sie.

In diesen Jahren verfiel der bisher eher liberal gesinnte Thoma der allgemeinen Begeisterung für den Krieg: vom Pazifisten zum Patrioten. Er meldete sich freiwillig als Sanitäter und trat in die deutsche Vaterlandspartei ein, die für einen kompromisslosen »Siegfrieden« eintrat. Erschüttert von der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg zog er sich verbittert in sein Haus auf der Tuften 12 in Tegernsee zurück. Hier schrieb er seine widerlichen antisemitischen und antidemokratischen, anonymen Hetztiraden, die er im Miesbacher Anzeiger veröffentlichen durfte. »Wie unter Tobsuchtsanfällen verwandelte sich der sensible Mann in eine politische Schreckensgestalt«, schrieb Simone Dattenberger 2011 zu Thomas 90. Todestag im Oberbayerischen Volksblatt. Thoma hatte im Miesbacher Anzeiger mehr als 100 hasserfüllte Pamphlete gegen Juden und die Weimarer Republik verfasst. Mit der Kapitulation war für ihn eine Welt untergegangen – weil er zum Kampf mit der Waffe zu alt war, kämpfte er mit der Schreibfeder »fürs Vaterland«. Nun waren Juden »Giftkröten, die er am liebsten tot treten« würde, »degenerierte Salonbuben«, »galizische Rotzlöffel«, »Brandstifter«. Wiederholt drohte er, der Antisemitismus könne »noch ganz andere Formen annehmen und sich nicht darauf beschränken, Hakenkreuze anzumalen«.

1989 enthüllten die Medien, allen voran der »Spiegel« in großem Stil, was eigentlich schon lange bekannt war: der berühmte Volksdichter war ein Volksverhetzer. Der bisherige »Säulenheilige der bayerischen Literatur«, wie der »Spiegel« schrieb, wurde als chauvinistischer Weiberheld und engstirniger Judenhasser »geoutet«.

Am 26. 8. 1921 starb Ludwig Thoma in Rottach-Egern am Tegernsee, wo er auf dem Gemeindefriedhof der Kirche St. Laurentius begraben ist. Hier liegt er zwischen seinem langjährigen Schriftsteller-Freund, ebenfalls Förstersohn, Ludwig Ganghofer (1855 bis 1920), und seiner großen, unerfüllten Liebe, Maidi Liebermann.

 

Christiane Giesen

 

Quellen:

»Literatur im Chiemgau«, 2010 herausgegeben von Professor Dr. Engelbert Thaler, sein Aufsatz zu Ludwig Thoma – »Dreinhauen, dass die Fetzen fliegen«.

Zeitungsartikel im Oberbayerischen Volksblatt zum 90. Todestag von Ludwig Thoma unter dem Titel »Sensibler Berserker« am 26.8.2011 von Simone Dattenberger.

 

7/2019