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Jahrgang 2019 Nummer 17

Ludwig Ganghofer lebte einige Zeit in Ruhpolding

Enger Freund von Ludwig Thoma und anderer berühmter Persönlichkeiten seiner Zeit

Der junge Ludwig Ganghofer. (Repros: Giesen)
Ludwig Ganghofer.
Die Schattenskulptur des Schriftstellers Ludwig Ganghofer, die der Siegsdorfer Künstler Walter Angerer, der Jüngere, im Jahr 2010 für die Aussichtsterrasse des Hotels auf dem Obersalzberg schuf.
Grab von Ludwig Ganghofer.

Nicht nur der berühmte bayerische Dichter und Schriftsteller Ludwig Thoma (1867 bis 1921), sondern auch der kaum weniger berühmte Autor Ludwig Ganghofer (1855 bis 1920), der ebenso ein leidenschaftlicher Jäger war, lebte einige Zeit in Ruhpolding und sammelte hier und in der Umgebung wichtige Eindrücke für seine Romane. Ludwig Ganghofer, am 7. Juli 1855 in Kaufbeuren geboren, und am 24. Juli 1920 am Tegernsee gestorben, schrieb in seinem Leben viele Romane und Bühnenstücke, darunter zum Beispiel »Der Jäger von Fall«, 1883, »Der Klosterjäger«, 1892, oder »Das Schweigen im Walde«, 1899, welche vielleicht seine bekanntesten Texte sind. Sein erstes Bühnenstück »Der Herrgottschnitzer von Oberammergau« schrieb Ganghofer 1880 für das Münchner Gärtnerplatz-Theater. Es wurde dort 19-mal aufgeführt, in Berlin über 100-mal. Seine über 100 Bücher haben eine Gesamtauflage von über 32 Millionen erreicht. 50 Filme wurden bisher gedreht, allein »Der Jäger von Fall« in sieben Versionen.

Kindheit als Förstersohn

Wie Thoma Förstersohn wuchs Ganghofer in verschiedenen bayerischen Orten auf. Einen Teil seiner Kindheit (1859 bis 1865) verbrachte er in Welden bei Augsburg, und nach dem Abitur 1873 am Königlich-Bayerischen Gymnasium in Regensburg, arbeitete er ein Jahr als Schlosser in einer Augsburger Maschinenfabrik. 1875 begann er ein Maschinenbaustudium am Polytechnikum in München, wechselte aber bald zu Literaturgeschichte und Philosophie in München, Berlin und Leipzig, wo er 1879 promovierte. Erst über 30 Jahre später trat er als Alter Herr der neu gegründeten Burschenschaft Rheno-Marchia Münster bei.

Unter seinen Werken befindet sich auch die dreiteilige Autobiographie »Lebenslauf eines Optimisten«. Eingeteilt ist sie in »Buch der Kindheit« von 1909, »Buch der Jugend« von 1910 und »Buch der Freiheit«, 1911. Diese Autobiographie endet bereits zu Beginn von Ganghofers »Wiener Zeit«, Anfang der 1880er Jahre. Wenige Monate nach Ludwig Ganghofers Tod erschien der vierte Band der Biographie mit dem Titel »Buch der Berge«, 1921, herausgegeben von Ludwig Thoma. Dieser bewies damit wenige Monate vor seinem eigenen Tod 1921, dass Ganghofer seine Biographie eigentlich hatte fortschreiben wollen. Das von Ludwig Thoma veröffentlichte Fragment deckt jedoch selbst nur einen kleinen Teil der noch fehlenden Jahre des Lebenslaufs von Ganghofer ab.

Mittelpunkt dieses vierten Bands »Buch der Berge« bildet Ruhpolding und der Übergang nach Berchtesgaden, Königssee. Die recht ausführliche Beschreibung der Ruhpoldinger Zeit lautet zum Beispiel »... Was ich dabei entdeckte und in mich aufnahm, gab Jahre später meinem ›Unfried‹ und damit auch noch der ›Fuhrmännin‹ den landschaftlichen Hintergrund ...«

Ganghofer schreibt darüber hinaus, dass er im Rahmen des Aufenthalts in Ruhpolding nicht nur literarische Inspirationen gefunden, sondern auch viel geschrieben hat. 1883 entstanden »Auf zum Tanze«, »Bergluft«, »Heimkehr«, wenn natürlich auch nicht gesagt werden kann, ob diese Werke tatsächlich in einem zeitlichen Zusammenhang mit dem Ruhpolding-Aufenthalt stehen und hier ganz oder nur teilweise geschrieben wurden. Ganghofer teilt allerdings mit, dass seine Novelle »Rachele Scarpa«, die in Konstantinopel spielt, teilweise in Ruhpolding entstand.

Ruhpolding diente Ganghofer als »Sprungbrett« für Berchtesgaden und Königssee, wo er danach viele Jahre lang wohnte. Am Ende seiner Ruhpoldinger Zeit erhielt er die Nachricht, dass in Berchtesgaden die Jagderlaubnis für das königliche Leibgehege im Raum Berchtesgaden eingetroffen war. König Ludwig II. hatte diese dreijährige Jagderlaubnis für die königlichen Leibgehege Ramsau, Berchtesgaden und Königssee kurz zuvor in Schloss Linderhof unterzeichnet. Der Plan für Ganghofers Romanzyklus »Die Watzmannkinder« reifte dort. Denn das Schiffmeisterhaus mit herrlicher Aussicht wurde von nun an zu seinem alljährlichen Sommeraufenthalt.

Aufenthalt in Seehaus

Der Vorsitzende des Ruhpoldinger Historischen Vereins, Altbürgermeister Ohl, hat bereits vor 20 Jahren intensive Nachforschungen zu Ludwig Ganghofer angestellt und pflegt seither auch Kontakte zur Ludwig-Ganghofer-Gesellschaft in Kaufbeuren. Für Ruhpolding war und ist es natürlich besonders interessant, wo Ganghofer vor etwa 130 Jahren in Ruhpolding mit seiner Familie wohnte. Valentin Fellner, der »Lampi-Voit«, der Ganghofers Autobiographie besitzt, half weiter. Ganghofer beschreibt darin seine Reise nach Ruhpolding an einem letzten Apriltag 1883. Er berichtet hier über die Auerhahnjagd in der Laubau, das Fischen von Forellen und Aschen in der Traun und von meterlangen Hechten im Löden-, Mitter- und Weitsee, aber auch von der vor kurzem geborenen Tochter und vieles mehr.

Ganghofer lebte einige Monate in einer kleinen Gastwirtschaft außerhalb von Ruhpolding im ersten Stock, wie es in seiner Lebensbeschreibung heißt. Alle überlieferten Fakten sprechen dafür, dass es im Gasthof Seehaus gewesen sein muss. Auch Walter Seiler, der ehemalige Förster (1962 bis 1991) schreibt in seinem Buch »Der Förster von Seehaus«, dass sich außer Politikern auch die Schriftsteller Franz von Kobell und Ludwig Ganghofer zur Jagd in Seehaus aufhielten. Die Wohnung der Familie Ganghofer befand sich anscheinend oberhalb der Gaststube. Denn zu oft beklagte sich Ganghofers Frau über den Lärm, der die ganze Nacht heraufgedrungen sei. »Und unten in der Wirtsstube das Huraxdax, die Klappermelodie der Bierkrüge und das Schuhgetrampel«. Und weiter schreibt er, »verzweifelt bestieg meine kleine Frau die hochbeinige Giraffe (vermutlich das hochbeinige Bett) und zog die Bettdecke über die Ohren. Ich arbeitete die ganze Nacht und hörte keinen Trampelschuh, keinen Krugdeckel und kein Huraxdax. Ferne dem ›genius loci‹ von Ruhpolding schrieb ich an meiner Novelle ›Rachele Scarpa‹, die in Konstantinopel spielt. Immer die Nacht, bis in die zweite und dritte Morgenstunde, gehörte der Arbeit – die unverdrossenen Zechbrüder von Ruhpolding erhielten mich bei wachen Fleiß ...« Ein Zweizeiler steht außerdem an den Rand gekritzelt in dem Manuskript, das Ganghofer während der Wochen in Ruhpolding entwarf: »Es führt jede Straße dem Guten zu. Die Wege sind da. Aber gehen mußt Du!«

Der Schriftsteller widmete in dem Buch seiner Zeit in Ruhpolding über 20 Seiten. Im »Internationalen Ganghofer-Jahr 2005« wurde, ausgehend von der erwähnten Ganghofer-Gesellschaft, auch eine »Ganghoferstraße« ins Leben gerufen. Diese »Straße« stellt auf einer Landkarte dar, wo Ludwig Ganghofer in seinem Leben gelebt und gearbeitet hat. Sie beginnt an seinem Geburtsort Kaufbeuren, wo es heute auch das Ganghofer-Museum und die erwähnte Gesellschaft gibt, und geht über München, Tegernsee, Wien, Ohlstadt, Mittenwald, Berchtesgaden, Ruhpolding, bis zu seinem Grab in Rottach-Egern. Insgesamt 28 Orte.

Ganghofer war Zeit seines Lebens begeisterter Jäger. Sowohl in München als auch auf seinem großzügigen Landhaus bei Leutasch, Tirol, wo er mit einigen Mitpächtern ein Jagdrevier von über 20 000 Hektar im Gaistal gepachtet hatte, verkehrten berühmte Persönlichkeiten seiner Zeit wie Maler, Musiker, Schauspieler und Schriftsteller, so Rainer Maria Rilke, Friedrich August von Kaulbach, Franz von Stuck, Franz von Defregger, Richard Strauss, Leo Slezak, Adele Sandrock oder Karl Valentin, die Ganghofer förderte.

Ganghofer und das Dritte Reich

Dank seiner ganz unterschiedlichen Biographie hatte Ludwig Ganghofer im Lauf der politischen Entwicklungen eine ganz andere Einstellung zum sogenannten »Dritten Reich« als sein Freund Ludwig Thoma. Wie dieser wurde er Mitglied der 1917 gegründeten nationalistischen Deutschen Vaterlandspartei, die einen »Siegfrieden« propagierte. Aber nach deren Auflösung Ende 1918 trat Ganghofer nicht mehr politisch in Erscheinung.

Möglicherweise sind der Grund auch seine hautnahen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg. Ganghofer arbeitete als Kriegsberichterstatter zwischen 1915 und 1917 direkt an der Frontlinie an der West- und Ostfront. In der Zeit entstand eine Vielzahl von patriotischen Kriegsgedichten, die auch Lobeshymnen auf Paul von Hindenburg und den Kaiser enthielten. 1917 erlitt Ganghofer eine schwere Kriegsverletzung und wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.

Etwas umstritten unter Forschern ist, ob Ganghofers Frau Jüdin war (siehe Wikipedia). Höchstwahrscheinlich war Kathinka Engel, die er 1882 in der Augustinerkirche in Wien heiratete, jüdischer Herkunft. Sicher ist, dass sie vor der Hochzeit aus dem jüdischen Glauben austrat und zur katholischen Kirche konvertierte. Kathinkas Eltern, der 1877 in Wien verstorbene Kaufmann Leopold Engel und seine Frau Babette, geborene Weiss, liegen beide auf dem jüdischen Friedhof in Währing begraben.

 

Christiane Giesen

 

17/2019