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Jahrgang 2011 Nummer 40

Jeder Bayer spricht Latein

Zahlreiche Wörter unserer Alltagssprache stammen von den Römern ab

Typisch bayerische Spezialitäten mit langer Tradition und lateinischen Wurzeln.

Typisch bayerische Spezialitäten mit langer Tradition und lateinischen Wurzeln.
Generationen von Lateinschülern haben sich schon gefragt, warum sie ausgerechnet mit einer toten Sprache gequält werden, die kaum jemandem tatsächlich von Nutzen ist, von wenigen Berufen vielleicht abgesehen.

Doch so tot, wie es scheint, ist die »Lingua latina« gar nicht. Wer’s nicht glaubt, muss bloß folgenden Satz nachsagen:

»Zur Vesper mog I a Brez‘n, an Kas mit Pedersoi‘ und a Semme. Dazua no an Butter, an Radi und a Bier.« Allein in diesem Satz verbergen sich acht Wörter mit lateinischer Wurzel, eines davon im wahrsten Sinn des Wortes, nämlich der Radi, lateinisch »radix« = Wurzel.

»Na Servus«, werden Sie sich jetzt vielleicht sagen und sich freuen, dass Sie auch ein lateinisch-bayerisches Wort beitragen können. In diesem Fall ist das »Servus« aber kein Relikt der Römer, sondern wahrscheinlich eine Verballhornung von »Na so was«“, nur halt etwas genuschelt. »Servus« als Begrüßung oder Verabschiedung wiederum stammt tatsächlich vom Lateinischen »servus«, dem Diener ab. Der Benützer dieser Begrüßungsformel drückt damit aus, dass er »der gehorsame Diener« desjenigen ist, den er grüßt. Dass der Bayer zu jemandem »Servus« sagt, ist aber erst seit gut 100 Jahren der Brauch, wie in der Zeitschrift »Goggolori«, nachzulesen ist, die von der Kommission für Mundartforschung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München herausgegeben wird. Das »Servus« war ein Ersatz für den bis dahin populären Abschiedsgruß »Adé«. Dem gaben die Bayern im Ersten Weltkrieg das »Adé«, da der »Franzos« und damit auch dessen Spracheinflüsse auf das Bayerische ausgemerzt werden sollten.

Doch zurück zu erfreulicheren Themen, der oben geschilderten Brotzeit: Etliche Wörter unserer Alltagssprache gehen tatsächlich auf das Lateinische zurück. Um die Ursache dafür zu ergründen, muss man erst einmal knapp 2000 Jahre in der Geschichte zurückblicken. Nachdem die Römer sich im Zeitraum um Christi Geburt große Teile des heutigen Bayern in ihr Weltreich einverleibt hatten, lebten die Besatzer mit der keltisch-germanischen Bevölkerung bis zum Abzug der Truppen im 5. Jahrhundert mehr oder wenig friedlich Tür an Tür. Dabei ergaben sich mit der Zeit natürlich in allen Belangen enge Kontakte, die auch den Austausch der Sprache mit sich brachten. Als das römische Reich vor dem Zusammenbruch stand und die Truppen nach Rom zurückbeordert wurden, blieben zahlreiche Romanen in unserer Gegend, wobei die Vermischung der Völker schon weit vorher begonnen hatte und viele ursprünglich römische Einwanderer schon vor Generationen mit der heimischen Bevölkerung verschmolzen waren. Die Bajuwaren, die im Zuge der Völkerwanderung aus dem Osten kamen und sich in unserer Gegend ansiedelten, verwechselten die »Reströmer« offenbar mit dem keltischen Volk der Volei und bezeichneten sie als »Walchen«. So entstanden dann die Ortsnamen Traunwalchen, Litzlwalchen, Katzwalchen, Walchensee, Walchenberg etc., deren Name bedeutet, dass sie von eben dieser romanisch-keltisch-germanisch gemischten Bevölkerung gegründet worden sind.

Da sich das Zusammenwachseln von Alteingesessenen und Neuankömmlingen wohl einigermaßen friedlich abspielte, werden beide Seiten bald zusammen gegessen haben, zum Beispiel bei einer deftigen »Vesper« (lat. vespera = Abendzeit). Da die Römer Feinschmecker waren, tischten sie den Zuwanderern, ob zur Abendzeit oder auch am Nachmittag, entzieht sich erst einmal unseren Kenntnissen, etliche Spezialitäten auf, deren Namen die Bajuwaren übernahmen.

Dass sich Wörter wie Aussprache im Laufe der Zeit veränderten, ist ein normaler Vorgang, wobei das Bayerische sich im Vergleich zu den anderen deutschen Dialekten vom frühen Mittelalter bis in unsere Zeit nicht allzuviel veränderte, deshalb braucht man für die folgenden Wörter auch (fast) kein Wörterbuch: Aus lateinisch »bracchium« (Arm) entwickelte sich das romanische »bracciatello«, daraus das alt-hochdeutsche »brezzitella«, aus dem schließlich unsere Breze wurde, deren Bezeichnung an verschränkte Arme erinnern soll. Die Semmel stammt von »simila« = feines weißes Mehl ab, Käse oder bayerisch Kas heißt auf Latei-nisch »caseum« und Petersilie kommt von »petrosilium«.

Dass die bayerische Sprache übrigens grammatikalisch als durchaus feinsinnig gelten kann, zeigt die Butter, besser gesagt der Butter. Das Bayerische ist in diesem Punkt gegenüber dem Hochdeutschen weder grob noch ignorant, die Bayern haben einfach genauer hingehört und blieben dann der Tradition verhaftet – eine Eigenschaft, die wohl durchaus als typisch bayerisch gelten kann.

Der Butter hieß bei den Lateinern »butyrum« und war vom Geschlecht her »neutrum«, vergleichbar unserem Sächlichen. Die Romanen eliminierten im Laufe der Zeit schließlich das »neutrale« Geschlecht und wandelten alle betroffenen Ausdrücke in Wörter mit männlichem Artikel um. Aus »das Butter« der Lateiner wurde »der Butter« bei den Romanen.

Die Bajuwaren übernahmen dann in ihrer Sprache ganz einfach den männlichen Artikel »der« und haben ihn bis heute behalten. Prost Mahlzeit, kann man da nur noch sagen. Apropos Prost, das ist selbstverständlich auch ursprünglich lateinisch und lässt sich mit »es möge zuträglich sein« übersetzen, aber das nur nebenbei erwähnt. Auch das Wahrzeichen bayerischen Kulturguts schlechthin, das Bier, soll doch tatsächlich – zumindest was den Ursprung des Wortes betrifft – auf römischem Mist gewachsen sein. Behaupten zumindest manche Wissenschaftler, die die These vertreten, dass »bibor«, was »Trinkbares«heißt, daraus sei dann der Begriff »Bier« entstanden. Wessen bayerische Ehre den Umstand, dass Italiener Pate standen für unseren Gerstensaft, nicht verträgt, der kann sich an den guten alten Duden halten. Der sieht die Herkunft des Wortes Bier im Dunkeln, verrät aber, dass das italienische Wort »birra« vom deutschen »Bier« abstammt. Bei all den Erkenntnissen über Entstehung und Entwicklung unserer bayerischen Sprache wird sich in diesem Punkt also weiterhin die Frage stellen, wer zuerst da war: Die Henne oder das Ei. Das Ei oder »Oa« hat natürlich auch lateinische Wurzeln. »Was für ein alter Bart inzwischen«, meinen Sie? Apropos Bart ….


Susanne Mittermaier

Quellen:
Goggolori. Aus der Werkstatt des Bayerischen Wörterbuchs. Onlineausgabe 1999/2000 und 2004.
Gerald Huber: Lecker derbleckt. Eine kleine bairische Wortkunde, Frankfurt 2008



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