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Jahrgang 2019 Nummer 14

»Geh hin und sündige nicht mehr!«

Wie einst der gute Katholik nachwies, ob er seinen österlichen Pflichten nachkam

Osterbeicht- und Osterkommunion-Zeugnisse (Abb. 1). (Fotos: Hans Gärtner)
Beichtzettel der Pfarrkirche Teisendorf (Abb. 2).
Sammlungsstück der Pfarrkirche Hietzing (Abb. 3).
Osterkommunion-Zeugnis der Ulmer Stadtpfarrkirche (Abb. 4).
Mariazeller Osterbeicht-/kommunion-Zeugnisse (Abb. 5).
»Testimonium« aus der Wiener Kirche (Abb. 6).
Um die Jahrhundertwende wurde kein Latein mehr verwendet (Abb.7).

Wie »Leitplanken an der Autobahn« seien die fünf Kirchengebote, an die sich ein katholischer Christ zu halten hat. Unter den Nummern 2041 bis 2043 stehen sie im »Katechismus der katholischen Kirche«. Mit dem Bild von den Autobahn-Leitplanken, das von dem Regensburger Universitäts-Theologen Herbert Schlögel (69) stammt, böten die Kirchengebote ein »sicheres Gelände« und »hilfreiche Eckpunkte« zur Glaubensorientierung an. Keineswegs die beiden wichtigsten Kirchengebote, an deren erster Stelle die Einhaltung der Sonntagspflicht steht, seien Beichte und Kommunion. Wenigstens einmal im Jahr aber sollte jeder katholische Christ seine Sünden bekennen und Christus in der Eucharistie begegnen.

»Und zwar zur österlichen Zeit« – diese Formulierung ging in manchen katholischen Familien in den Schatz der auch ohne Bezug auf die beiden Sakramente verwendeten Redewendungen scherzhaft ein. Die Ablegung der Osterbeichte mit nachfolgendem Empfang der Osterkommunion werden heute vermutlich weniger strikt als noch vor etlichen Jahrzehnten eingehalten, vor allem in ihrer aufeinander bezogenen Konsequenz: Auf die Osterbeichte hat unbedingt die Osterkommunion zu erfolgen bzw. es gibt keine Osterkommunion ohne vorausgegangene Osterbeichte.

Aus alter Zeit sind zwar unscheinbare, nichtsdestotrotz da und dort für bewahrenswert erachtete »Belege« für die erfolgte Beichte und Kommunion »zur österlichen Zeit« erhalten. Von dem Brauch einer schriftlichen Bestätigung mit geradezu amtlichem Charakter für den Beichtenden und Kommunizierenden durch den Seelsorger wurde in der Regel schon längst abgesehen. An papierenen »Zeugnissen« blieben vielerorts noch Andenkenbildchen zur Erstkommunion erhalten.

Eine kleine Privatsammlung

Die beiden unscheinbarsten papierenen »Beichtzettel« und Osterkommunion-Belege der kleinen Privat-Sammlung (Format: 7,5 x 2,5 cm) kommen aus einem Ort in Österreichs Waldviertel, wo, wie es in einer Werbeanzeige von 2019 heißt, »noch heute die Natur das Tempo des Tages bestimmt«: Nondorf. Das prachtvolle Kurhotel dieser auch im ferneren Bayern keineswegs unbekannten »Wellness-Gemeinde« trägt den italienisierten Namen des heiligen Leonhard. Fromm waren die Leute dort also schon immer. Und bescheiden dazu. Zwei kleine »Testimonia Confessionis et Communionis Paschalis« können dafür als Nachweis gelten. Nur zwei Druckzeilen genügten. In die Freistellen des Textes wurden Ort (Nondorf ./. W.; Nondorf) und Jahr (1879; 1884), so wird vermutet, vom Pfarrer eingetragen. Ob er selbst oder eine Hilfskraft die Zettel vom Druckbogen ausgeschnitten hat? Auf dem älteren der in Abbildung 1 gezeigten Osterbeicht- und Osterkommunion-Zeugnisse ist gerade noch, der Ausschneide-Person sei Dank, der »Verlag von J. Weinstabl in Horn« lesbar geblieben.

Vor etwa 150 Jahren war noch das Kirchenlatein im Schwange – und seine Verwendung auf den Osterbeichtzetteln hob diese in eine Sphäre höherer Bedeutung und ernsthafter Glaubwürdigkeit. Nicht einmal die kleine Gemeinde Teisendorf im Berchtesgadener Land wollte aufs Lateinische verzichten, sodass man auf den Zettel mit der Jahreszahl 1891 (Abbildung 2) nicht etwa »Pfarrkirche«, sondern »parochia« drucken ließ. Die beigegebene, schöne Kruzifix-Darstellung hat allein schon deshalb mit dem Teisendorfer Gotteshaus zu tun, als es dem Apostel Andreas geweiht wurde. Eine Kreuzdarstellung befindet sich auf dem südlichen Seitenaltar.

Auf die Angabe des Besitzer-Namens muss – so ist jedenfalls aus den vorliegenden Objekten zu schließen – mit vielleicht einer Ausnahme oder zwei Ausnahmen – verzichtet werden; vielleicht deshalb, weil der handschriftliche Eintrag »Ambros.« auf dem bilderreichsten und eloquentesten Objekt der kleinen Sammlung (Abbildung 3) durchaus auch der des bestätigenden Geistlichen sein könnte. Dieses Sammlungsstück, ausgegeben von der Pfarrkirche zu Unserer Lieben Frau zu Hietzing 1876, kommt in Aufbau und Bild-Aufwand einem Andachtsbildchen gleich. Kein Wunder, dass es in einem Wiener Kunstverlag (gerade noch, ganz unten rechts, lesbar: E. Sieger) erschienen ist.

Wie der Sperling aus der Schlinge

In einem Rahmen mit vier Haltepunkten (oben: Dreier-Symbol für »Glaube, Liebe, Hoffnung« mit zwei Osterpalmwedeln; unten: Herz Mariä mit Marienmonogramm; links: Hostienkelch; rechts: Osterlamm mit der Siegesfahne für die Auferstehung Christi) nimmt der lebendig und anschaulich gestaltete Bildteil den größten Platz ein. Die eifrig gestikulierende Jungmännergruppe bezieht sich auf die Figur des Hietzinger Marienheiligtums, die in einer hellen Ganzkörper-Aureole in einen blattdichten Eichbaum gestellt ist und von zwei Engeln einen Blumenkranz empfängt. »Unsere Seele ist gerettet wie der Sperling aus der Schlinge der Jäger – die Schlinge ist zerrissen und wir sind frei« wird Psalm 123 in einem Bogen über den üppig belaubten Baum zitiert. Die Sakramente des Sündenbekenntnisses und der dadurch würdig gewordene Empfang des Leibes Christi in der Kommunion sind in diesem Psalm in ein tragfähiges Bild gefasst: Wir sind frei. Frei von aller Schuld durch die Absolution, die uns freilich nicht davon entpflichtet, unsere Vergehen wiedergutzumachen.

Die drei Osterbeicht- und -kommunion-Zeugnisse aus der Ulmer Stadtpfarrkirche der Jahre 1882, 1886, 1889 (Abbildung 4) lassen den wachsenden Trend zur Bebilderung der kleinen Belegzettel deutlich erkennen: 1882 begnügte man sich noch mit einer Bordüre aus stilisierten Blüten, um vier Jahre später ein auf dem Buch mit sieben Siegeln ruhendes, fahnentragendes Osterlamm zu setzen, das aber weitere drei Jahre darauf einer süßlichen, dem Betrachter den Hostienkelch freundlich lächelnd entgegenhaltenden Jesuskind-Figur zu weichen hatte. Nicht auf Anhieb zu entdecken: Weintrauben und Kornähren als Spender von Wein und Brot, die »Essenzen« des Abendmahls.

In der Gruppe der schönen Mariazeller Osterbeicht-/kommunion-Zeugnisse (Abbildung 5) dominiert das Bild der vielbesuchten Steiermärkischen Wallfahrts-Madonna, in zwei Fällen sogar der ganzen prächtigen Mariazeller Altar-Architektur (1865; 1883) der Wallfahrtskirche Mariazell. Sie erhält da den lateinischen Beinamen »alma«, was so viel wie gütig, hold, selig bedeutet. Seltsam mutet die neugotische »Einkleidung« des Mariazeller Gnadenbildes auf dem Zettel von 1852 an – zu jener Zeit hat sich das Neugotische erst allmählich bekannt gemacht. Recht eigenwillig wurde, in ein stehendes Oval, die Mariazeller Muttergottes auf ein Podium verfrachtet, das in zwei kleinen, kaum wahrnehmbaren, gegeneinander gelegten Füllhörnern gipfelt – einem eher profanen Zeichen für Fülle und Fruchtbarkeit. Dieses »Testimonium peractae Sacramentalis Confessionis in alma Ecclesia D. V. Cellens in Styria= miraculosa«, datiert »A(nno) 1849«, ist das älteste Objekt der kleinen Sammlung.

Feine Grafik

An grafischer Feinheit nicht zu toppen: das »Testimonium« aus der lateinisch bezeichneten Wiener Kirche, welches das Bildnis der »Hilfreichen« Königin mit dem ebenfalls bekrönten, nackten Kind auf dem Arm ziert. Weder Monat (mensis) noch Tag (dies) werden verraten, wenigstens wird das Jahr 1860 genannt (Abbildung 6). Ein makelloser Abdruck von der Kupferplatte. Mit Bleistift hat sich eine »Terese Gutjahr« auf der Rückseite verewigt. Was sie oberhalb ihres Namens vermerkte, ist außer dem Wort »Lieber« unlesbar. Der hervorragende Erhaltungszustand des Blättchens lässt auf eine sorgsame Besitzerperson schließen.

»Gehe hin und sündige nicht mehr.« Kein Rufzeichen, sondern ein Punkt ist hinter die Mahnung aus dem Johannes-Evangelium (8, 11) gesetzt. Kein Latein mehr in der Zeit der zu überschreitenden Jahrhundertwende: »Zeugnis der abgelegten (statt »peractae«) heiligen Osterbeicht(e) im Jahre …« (Abbildung 7). Von der Osterkommunion ist nicht mehr die Rede. Das Bußsakrament war wohl damals allein ausschlaggebend. Die Ortsangabe fehlt in drei von den fünf vorliegenden Fällen: die Pfarrkirche Spital am Semmering. Das Exemplar ohne das 80er Jahr zu nennen (nur 188 – und ein kühn gezogener Haken sind zu sehen) zeugt von Nonchalance beim Ausschneiden: So genau ging‘s nicht!

Sind ja keine Lebens-Dokumente, die Osterbeicht-Nachweise. Oder doch? Es gab Zeiten und Regionen, da es zur »Osterpflicht« eines jeden katholischen Christen gehörte, sich zur Osterbeichte mit – meist am selben Tag – anschließender Osterkommunion zu begeben. Lois Crafonara weist in dem Aufsatz »Rund um Osterbeichte und Osterkommunion im Gadertal« (online unter diesem Titel) auf die bedingungslose Einhaltung der Osterpflicht in jener Südtiroler Gegend hin. Wer sich vor der Regelung drückte, galt als öffentlicher Sünder, dem ein kirchliches Begräbnis versagt blieb. Seit dem 4. Lateran-Konzil 1215 gab es im Gadertal zum Zweck der Kontrolle die Beichtzettel, die ein ebenso verlässliches Kontrollsystem wie eine Art Erziehungs- und Druckmittel darstellten. Im 19. Jahrhundert gingen österreichische Seelsorger nach Ostern von Haus zu Haus, um die Beichtzettel einzusammeln.

Schlicht und nüchtern

Um 1860 legten die Kinder einer Schule gemeinsam die Osterbeichte mit anschließender Osterkommunion ab, und zwar am Donnerstag vor dem Passionssonntag. Um 5.45 Uhr hatten sich die Kommunikanten zu Gewissenserforschung und Reueerweckung in der Schule einzufinden, um von dort aus zur Kirche zu ziehen und zu beichten. Durch eine kleine Öffnung in der Beichtstuhlwand wurde ihnen der Beichtzettel, genannt »pilora« (von Altbairisch »piladi«, also »Bildchen«) oder »zétola« (von Oberitalienisch »zedola«, also »Zettel«) zugeschoben. Der Kontrollabschnitt eines »Zettels« wurde in der nachösterlichen Zeit vom Seelsorger selbst bei einem »Kontrollgang« durch das Dorf eingesammelt. Pro eingeheimsten Kontrollabschnitt erhielt, wie aus dem Gadertal berichtet wird, der Geistliche ein Ei, in manchen Orten Niederösterreichs sogar zwei Heller.

Was die Gestaltung der Beichtzettel angeht, deckt sich die Erfahrung des Berichterstatters mit der des Sammler-Autors dieser Zeilen: » … sehr nüchtern und einfach, nur einseitig und schwarz bedruckt, aus weißlichem und schlechtem Papier, ein Bibelzitat oder sonst ein passender Gedanke zum Osterfest, meist mit Bezug zu Buße und Kommunion, die Angabe der Pfarrei bzw. Kuratie, die Jahreszahl und als Umrahmung eine Verzierung«.

Die Nüchternheit und zumeist fehlende »Bildhaftigkeit« mögen dazu beigetragen haben, dass den Osterbeichtzetteln nur von wenigen pastoral Interessierten ein gewisser Sammlerwert zugesprochen wurde. So erklärt sich wohl auch die Seltenheit der bis auf den heutigen Tag überkommenen Exemplare, die einer zusehends moderner gewordenen Seelsorge-Praxis in keiner Weise mehr entsprechen.

 

Dr. Hans Gärtner

 

14/2019