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Jahrgang 2019 Nummer 15

Fußwaschung in der Residenz in München

Mit dem Ende der Monarchie verschwand der alte Brauch

Max I. Joseph, Gemälde von Simon Klotz.
Chor der Hofkapelle in der Residenz.

Gründonnerstag in der Münchner Residenz: Ministerpräsident Markus Söder hat zwölf hoch betagte Männer aus ganz Bayern in den festlich geschmückten Herkulessaal eingeladen. Der Landesvater gürtet sich ein weißes Leinentuch um die Hüften und beginnt, den Zwölfen eigenhändig die Füße zu waschen.

Eine unsinnige Vorstellung? Nun, bis vor hundert Jahren gehörte die durch den höchsten Repräsentanten des Staates vollzogene Fußwaschung an zwölf Landeskindern zum jährlich wiederkehrenden Zeremoniell der Karwoche. Der Regent folgte damit dem Beispiel von Jesus beim letzten Abendmahl, der seinen Jüngern mit dem Akt der Fußwaschung ein Beispiel der Demut und der Selbstverleugnung geben wollte.

Am Münchner Hof war die Fußwaschung eingebunden in den Ablauf der Gründonnerstagliturgie und endete mit einer Bewirtung der Apostel, denen der Landesvater persönlich die Speisen auftischte. Die Gäste durften ihr Festgewand behalten und erhielten zusätzlich ein Geldgeschenk.

Der bayerische Herzog – später Kurfürst bzw. König – trug an diesem Tag eine Mönchskutte und besuchte zunächst mit dem Hofstaat die Messe in der Hofkapelle. Von dort zog man in feierlicher Prozession in den festlich geschmückten Herkulessaal. Die zwölf Apostel nahmen auf erhöhten Sitzen Platz, der Regent umgürtete sich mit einem weißen Fürtuch und wusch unter der Assistenz des Oberstkämmerers den zwölf Auserwählten die Füße.

Die eingeladenen Männer stammten aus den untersten Volksschichten und waren Taglöhner, Handwerksgehilfen, Bauernknechte und Austragler. Für sie fielen für einen Tag alle Standesschranken. Der Glanz der prunkvollen Residenz mag ihnen wie der Vorgeschmack des Himmels erschienen sein.

»Die Wohltaten, welche die Apostel bei der Feier erhalten, helfen ihnen auf einige Zeit, ihr ärmliches Leben leichter zu fristen«, heißt es in einem Bericht aus dem Jahre 1818. »Die freundliche Behandlung söhnt sie mit mancher Zurücksetzung in ihrem Leben aus und gießt einen Tropfen Öl in die verlöschende Lampe ihres Daseins«.

Später bürgerte sich der Brauch ein, dass außer zwölf Männern am Gründonnerstag auch zwölf arme Mädchen im Alter zwischen 10 und 13 Jahren festlich eingekleidet und verköstigt wurden – eine frühe Form der Frauenquote. Nach ihren dunkelblauen Kleidern hießen sie die »blauen Mädchen« oder die »blauen Dienerinnen«. Ihre Bewirtung und die Überreichung der Geschenke waren Sache der Landesmutter. Auf eine Fußwaschung mussten die Mädchen allerdings verzichten.

Es blieb der Aufklärung vorbehalten, den ehrwürdigen Brauch der Fußwaschung am Gründonnerstag gegen den Willen der Bevölkerung als »nutzlose Sitte« abzuschaffen. Kritiker bemängelten, sie sei zu einer leeren Show verkommen; vor allem sei es nicht Sache des Staates, eine rein religiöse Zeremonie zu vollziehen, das komme den kirchlichen Vertretern, in erster Linie den Bischöfen zu. Doch die Münchner Bevölkerung bedauerte den Wegfall der Fußwaschung durch den Landesvater. Schon ein Jahr später erzählte man sich in München von merkwürdigen Ereignissen, die sich in der Nacht des Gründonnerstags zugetragen hatten. Vor der Frauenkirche seien zwölf alte, schwarz gekleidete Männer erschienen, die sich zu einer Prozession formierten und lautlos zur Residenz zogen, wo sie im Toreingang verschwanden. Dass eine solche Erscheinung nichts Gutes bedeuten könne, liege ja wohl auf der Hand, wurde gemunkelt.

Erst König Max I. Joseph (1799 bis 1825) nahm die alte Tradition der Fußwaschung am Gründonnerstag wieder auf. Seitdem wurde sie weiter gepflegt, zuletzt von Prinzregent Luitpold. Erst mit dem Ende der Monarchie kam endgültig das Ende für diese Zeremonie, in der die Verbundenheit zwischen Landesvater und Landeskindern einen sinnfälligen Ausdruck gefunden hatte.

 

Julius Bittmann

 

15/2019