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Jahrgang 2019 Nummer 7

Förster Georg Kiendl wurde vor 100 Jahren ermordet

Der Jägermord bei Kammer am Steilufer der Traun geschah am 15. Februar 1919

Das neue Marterl von der Holzbildhauerin Senta Eberhardt erinnert an die grausame Bluttat am 15. Februar 1919. (Foto: Walter Staller)
Die Todesanzeige des Försters Georg Kiendl im Traunsteiner Wochenblatt.
Das alte Marterl, geschnitzt von Georg Wallner aus Rettenbach. (Foto: Walter Staller)
Erinnerung an Herrn Georg Kiendl.

Mit diesem Bericht soll an den Rettenbacher Förster Georg Kiendl erinnert werden, der vor 100 Jahren bei Ausübung seines Dienstes ermordet wurde.

Laut Sterbeeintrag Nr. 3 vom 26. Februar 1919 im ehemaligen Standesamt Kammer (jetzt Traunstein), hat das Amtsgericht Traunstein unterm 18. Februar 1919 mitgeteilt, dass der Förster Georg Kiendl, 58 Jahre alt, wohnhaft in Rettenbach, Gemeinde Kammer, geboren zu Graseck, Bezirksamt Garmisch, im Mühlgraben, Distrikt 3a, am 15. Februar 1919 nachmittags zwischen zwei und drei Uhr tot aufgefunden worden sei.

Der Sterbeort liegt im heutigen Truppenübungsplatz am rechten Steilufer der Traun.

Wie der Todesanzeige im Traunsteiner Wochenblatt (heute Traunsteiner Tagblatt) vom 17. Februar 1919 zu entnehmen ist, fanden die »Beerdigung und die heiligen Seelengottesdienste am Donnerstag 20. ds. vormittags 9 Uhr in Kammer statt«.

Ebenfalls in der Ausgabe vom 17. Februar berichtet das Traunsteiner Wochenblatt über den Mord:

»Von Wilderern ermordet. Ein Opfer seines Berufes wurde der Förster Herr Kiendl von Rettenbach, Gemeinde Kammer. Herr Kiendl begab sich am Samstag nachmittags in sein Revier in der Nähe von Laiderting, wo schon seit längerer Zeit ein ganz frecher Wilderer sein Unwesen trieb. Als er gegen die Regel um 5 Uhr noch nicht zurück war, machten sich erst die Angehörigen auf die Suche und da diese ergebnislos verlief, streiften sie noch in der Nacht nebst einigen Männern des Dorfes mit Hund und Laternen ausgerüstet den Wald ab. In der Abteilung Mühlgraben im Eichenforst fanden sie endlich die Leiche. Vermutlich hat Herr Kiendl einen Wilderer beim ausweiden eines Rehes überrascht. Da es gegen seinen Grundsatz war zu schießen, so wird er nach früher gemachten Äußerungen die Absicht gehabt haben, mit erhobenem Gewehrkolben den Wilderer zur Ergebung aufzufordern. Dieser aber drang mit dem Weidmesser auf ihn ein und versetzte ihm unter der linken Schulter einen tödlichen Stich in die Brust. Dann versuchte er, zur Verdunkelung der Tat, sein Opfer in die Traun zu stürzen, da er den Toten über den gewiß 10 Meter hohen, steilen Abhang warf. Er hätte sein Vorhaben auch erreicht, wenn der Leichnam nicht an einem Gebüsch hängen geblieben wäre. Er hielt das geladene, nicht gespannte Gewehr noch in der Hand, als er gestern von der Gerichtskommission (mittels Seilen) geborgen wurde. Die Uhr tickte noch und die geliebte Pfeife steckte in der Tasche. Der Rucksack, welcher ein Fuchsköder enthielt, war ausgesucht worden. Der Wilderer hat sich mit seiner Beute nach den vorhandenen Blutspuren zu schließen in der Richtung Traunstein entfernt.

Der Getötete hinterläßt eine Frau und eine 20-jährige Tochter. Er wohnte seit 17 Jahren im Orte und war allgemein beliebt bei den Bauern, welchen er alles Entgegenkommen hinsichtlich Holz und Streu erzeigte und bei seinen Holzknechten, denen er ein wohlwollender Vorgesetzter war. Auch sonst stillte er manches Leid im Stillen und war ein musterhafter Familienvater. Das Bedauern über die ruchlose Tat ist daher auch allgemein. Den schwergeprüften Hinterbliebenen auch unser aufrichtiges Beileid.«

Zwei Tage später, am 19. Februar, berichtet das Traunsteiner Wochenblatt über den Sachstand nach der Obduktion:

»Traunstein. Wir verweisen auf die Aufforderung des Staatsanwaltes in der Untersuchungssache Kiendl – die gerichtliche Leichenöffnung läßt schließen, daß der 58-jährige Mann erst über den Anhang geworfen und dann den tödlichen Schuß (nicht Stich) erhielt. Das Geschoß drang von der linken Schultergegend in den Körper, zerriß innere Organe und blieb in der Hosentaschengegend auf der gleichen Körperseite stecken. Der Mord ist also mit voller Überlegung erfolgt, was umso verwerflicher ist, als Herr Kiendl während seiner 40-jährigen Pflichterfüllung nie zu Klage über allzu rigoroses Vorgehen gegen Waldfrevler Anlaß gab.«

Noch am Tag der Veröffentlichung des Berichts über die genaue Todesursache konnte ein verdächtiger Mann festgenommen werden. Es handelte sich um einen bekannten Wilderer, der zwar die Wilderei am Mordtag gestand, allerdings den Mord am Förster Georg Kiendl bestritt. Über die Festnahme des vermeintlichen Täters berichtete das Traunsteiner Wochenblatt am 21. Februar 1919:

»Traunstein 19. Februar. (Der mutmaßliche Mörder des Försters Kiendl entdeckt.) Den eifrigen Nachforschungen der Sicherheitsorgane ist es rasch gelungen, Licht in das geheimnisvolle Dunkel der Sache zu bringen. Der Verdacht fiel unter anderem auf einen Auer Inwohner, der wegen Wildfrevel bereits mit 1 Jahr vorbestraft ist. Die Personalbeschreibung, welche der Bürgermeister von Kammer von dem Manne gab, der ihm in fraglicher Zeit im Walde von weitem auswich, gab den ersten Anhaltspunkt. Herr Wimmer sagte sich mit Recht: ›Wenn das ein Hamsterer wäre, so würde er einem Bauern nicht ausweichen. Folglich muß er etwas anderes in seinem schweren Rucksack haben‹. Die durch die Gendarmerie vorgenommene Haussuchung förderte Wildbret an den Tag. Außerdem wurde ein größerer Vorrat an Dumdumgeschossen festgestellt. Die Verwendung eines Geschosses mit abgebrochener Spitze klärt den sonderbaren Weg auf, den die Kugel im Körper nahm. Die von den Schneespuren gemachten Gipsabdrücke stimmen mit dem Schuhwerk des Angeschuldigten überein. Endlich kann er sich nicht ausweisen, wo er am Samstag nachmittags gewesen ist. Auf diese dringenden Verdachtsgründe hin wurde gestern abend zur Verhaftung des Taglöhners (...) geschritten. Er ist soweit geständig, daß er den widerrechtlichen Erwerb des Wildbrets zugibt. (...) ist verheiratet und Vater von fünf Kindern; er stand vier Jahre im Feld, wo er zum Unteroffizier befördert und mit dem Eisernen und dem Militärverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Daß er von dem nach solchen Auszeichnungen anzunehmenden Heldentum vor dem Feinde in der Heimat weit ab gekommen ist, bezeugt eine Äußerung, die er des öfteren gemacht hat: ›'s Wildern laß i net, eher derschieß i no oan!‹.«

Einen Monat nach dem Tod von Förster Georg Kiendl, am 15. März 1919, kam es zur Verhandlung vor dem Volksgericht am Landgericht Traunstein, das den Beschuldigten letztendlich freisprach. Über den Prozess wurde wie folgt berichtet:

»Volksgericht am Landgericht Traunstein. Unter der schweren Anklage des Totschlags steht der verh. Taglöhner (...) von Traunstein vor dem Volksgericht. Er ist beschuldigt, den Förster von Rettenbach bei Kammer, als er von diesem beim Wildern ertappt wurde, erschossen zu haben. Die um 9 ¾ Uhr beginnende Verhandlung zog sich durch das Verhör des Beklagten, die Zeugenaussagen und die Sachverständigengutachten sehr in die Länge. Der Angeklagte stellt die Tat in Abrede, erkennt sich aber als Wilderer an. Der Staatsanwalt hält die Reihe der Glieder an der Kette der Schuld für geschlossen, läßt aber dem Beklagten die möglichst mildernden Umstände zugute kommen und beantragt, den Angeklagten wegen einfachen Totschlags zu 4 Jahren Gefängnis zu verurteilen unter Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf 5 Jahre. Der Verteidiger, der zunächst den Rechtsbestand der Volksgerichte bestreitet, plädiert auf Freisprechung ev. geringste Strafe. Das Urteil lautet: (...) wird freigesprochen. Es ist kein Zweifel, daß Förster Kiendl rechtswidrig getötet wurde und das Volksgericht hat nicht verkannt die lange Reihe von Umständen, die gegen (...) sprechen; es ist aber nicht ganz ausgeschlossen, daß eine zweite Person in Frage kommt und so ist das Gericht nicht in der Lage, ein schuldsprechendes Urteil zu erlassen. Der Urteilsbeschluß erfolgte einstimmig.«

Ein Marterl am Steilufer der Traun oberhalb des »Auwieselsteins« erinnert an die grausame Bluttat am 15. Februar 1919. Dieses – neue – Marterl wurde im Jahre 2005 von der Holzbildhauerin Senta Eberhardt (Tochter des früheren Exerzierplatz-Försters Hubert Eberhardt) geschaffen und hat folgende Inschrift:

»Hier starb am 15. Februar 1919 mit 58 Jahren Herr Georg Kiendl, Förster von Rettenbach. Am Morgen gingst Du gesund hinaus / Abends bracht man Dich tot nach Haus / Im Kampf mit einem Wildschütz kamst Du ums Leben / Der Herr möge Dir die ewige Ruhe geben«.

Der ursprüngliche Text auf dem alten Marterl (geschnitzt von Georg Wallner aus Rettenbach) lautete:

»Hier fand den Tod Herr Georg Kiendl Förster in Rettenbach im Alter von 58 Jhr. am 15. Febr. 1919. Am Morgen bist du gesund ins Forstrevier gegangen abends brachte man dich tot nach Haus. Ein Wildschütz dir ins Gehege kam es kam zum Kampf und es ward dein letzter Gang. Herr gib ihm die Ewige Ruhe«.

 

Josef Reischl /TTB

 

7/2019