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Jahrgang 2019 Nummer 28

Erste Pipeline der Welt

Soleleitung von Reichenhall nach Traunstein ging vor 400 Jahren in Betrieb – Teil II

Zeugnisse aus der Vergangenheit sind heute noch am Soleleitungsweg zu sehen. (Fotos: Pültz)
Die Soleleitung führte durch unwegsames Gelände. Zum Teil musste der Weg in den Fels geschlagen werden.
Georg von Reichenbach konstruierte zu Beginn des 19. Jahrhunderts neue Pumpen. Ein Original steht im Salinenpark in Traunstein.

Die erste bayerische Soleleitung erfuhr zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Erweiterung und Modernisierung. Der bayerische Staat, damals bereits ein Königreich, setzte sich zum Ziel, die eigene Salzgewinnung auszuweiten. Und wie schon im 17. Jahrhundert suchte er sich auch jetzt wieder eine waldreiche Gegend für die Errichtung eines weiteren Betriebes. Seine Wahl fiel auf Rosenheim. In der Umgebung besaß er nicht nur große Wälder, die früher zum Kloster Tegernsee gehört hatten und über die Säkularisation in seinen Besitz gefallen waren, sondern auch Moore, die mit ihrem Torf auch jede Menge neues Brennmaterial erahnen ließen, das das alte – das Holz – ersetzen konnte. Wie Traunstein verfügte aber auch Rosenheim über keine Sole. Und so musste der Staat auch in diesem Fall wieder den mühsamen Weg einschlagen und das Salzwasser über die Berge tragen. So baute er eine neue, dann zweite Leitung. Von Reichenhall bis Siegsdorf lief der neue Strang neben dem alten, dann trennten sich die Wege. Im Rahmen dieser Erweiterung erfolgte auch eine Modernisierung der alten, von 1617 bis 1619 errichteten Soleleitung. Insbesondere erfuhr sie eine technische Aufrüstung: Die alten Pumpen wichen neuen, die um ein gutes Stück leistungsstärker waren.

Die Vorarbeiten für die Soleleitung von Reichenhall nach Rosenheim begannen im August 1806. Eine Begehung der Trasse von Siegsdorf nach Rosenheim erfolgte. Der Auftrag zum Bau ging zunächst an Joseph Baader. Als er aber keine realisierbaren Pläne vorlegen konnte, beendete man die Zusammenarbeit mit ihm. Allerdings hinterließ auch er Spuren: So entwickelte er neue Pumpwerke, die in Fager, Seebichl und Reichenhall Einzug hielten. Nach der Trennung von Baader gab der bayerische Staat im Juni 1807 dann dem Ingenieur und Techniker Georg von Reichenbach den Auftrag, die Soleleitung von Reichenhall nach Rosenheim zu bauen und in diesem Zusammenhang auch leistungsfähigere Solehebemaschinen zu entwickeln, die mehr Salzwasser pro Tag höher hinauf pumpen konnten.

Das gewünschte Bauwerk wuchs in den Jahren 1807 bis 1810 Kilometer um Kilometer. Wie schon vor knapp 200 Jahren war am Ende eine weitere besondere Leistung vollbracht. Im Rahmen des Baus der zweiten bayerischen Soleleitung waren auf 81 Kilometer Deicheln und Druckleitungen verlegt. Erstere bestanden nach wie vor aus Holz, letztere jedoch nicht mehr wie früher aus Blei, sondern aus Gusseisen.

Reichenbach schuf leistungsstarke Pumpen, sogenannte Wassersäulenmaschinen. Er entwickelte verschiedene Typen, die allesamt – wie seinerzeit die Hebewerke von Reiffenstuel – Aufschlagswasser nutzten, das Druck erzeugte und Kolben antrieb. Die neuen Pumpen waren um ein Vielfaches leistungsstärker als die alten: Im Rahmen der Erneuerung der Soleleitung stattete Georg von Reichenbach zum Beispiel 1809 das Brunnhaus Nagling mit einer doppelt wirkenden Wassersäulenmaschine des sogenannten Typs II aus. Zweifach in nur einer Auf- und Abwärtsbewegung gab das Aufschlagswasser dem Kolben, der die Pumpe betrieb, einen Schub: Ventilgesteuert floss das Wasser abwechselnd von oben und von unten ins System und bewegte den Kolben. Die Pumpleistung dieser Wassersäulenmaschine belief sich auf 440000 Liter oder 440 Kubikmeter Sole in 24 Stunden.

Schritt für Schritt hielten die Wassersäulenmaschinen von Reichenbach Einzug in die Brunnhäuser. Die alten Hebemaschinen, die noch aus der Zeit der Erbauung der Soleleitung aus dem 17. Jahrhundert stammten, hatten ausgedient. Weil die neuen Pumpen so stark waren, ergaben sich Erleichterungen. Allein die Anlage in Nagling war nun in der Lage, die Sole von Weißbach nach Zwing zu hochzudrücken – womit man das Brunnhaus Lettenklause, das zweite Hebewerk, das auf dieser Strecke lag, stilllegen konnte.

Fast 300 Jahre erzeugte der bayerische Staat Salz in Traunstein. 1619 hatten die Kamine zu rauchen angefangen. 1910 entschied der Landtag, die Saline in Traunstein zu schließen und die Erzeugung nach Reichenhall zu verlegen. Zwei Jahre später erfolgte der letzte Sud. Das Unternehmen stellte die Produktion ein, der Betrieb benötigte kein Salzwasser mehr, die Sole musste nicht mehr zum Unternehmen gepumpt werden – eine Leitung, deren Erstellung im 17. Jahrhundert eine technische Meisterleistung gewesen war, hatte ausgedient.

 

Gernot Pültz

 

Teil 1 in den Chiemgau-Blättern Nr. 27 vom 6. 6. 2019

Die Geschichte der Soleleitung ist in einer neuen Dauerausstellung im Albertistock dargestellt, die der Förderverein Alt-Traunstein erarbeitet hat. Der Albertistock neben dem neuen Salinenpark ist eines der alten Arbeiterwohnhäuser in der Au, die noch aus der Gründerzeit der Saline im 17. Jahrhundert stammen. Führungen durch die Ausstellung werden angeboten. Weitere Auskünfte erteilt die Tourist-Info im Rathaus, Telefon 0861/65500.

 

28/2019