weather-image
26°
Jahrgang 2019 Nummer 27

Erste Pipeline der Welt

Soleleitung von Reichenhall nach Traunstein ging vor 400 Jahren in Betrieb – Teil I

Im Auftrag von Herzog Maximilian I. bauten Hans Reiffenstuel und sein Sohn Simon 1617 bis 1619 die Soleleitung von Reichenhall nach Traunstein. Eine Gedenktafel am Soleleitungsweg erinnert an sie. (Fotos: Pültz)
Aus ausgehöhlten Baumstämmen, »Deicheln« genannt, bestand die Soleleitung. Einige Exemplare sind heute noch am Soleleitungsweg zu sehen.
Auf dem Weg von Reichenhall nach Traunstein musste man die Sole an mehreren Stellen nach oben pumpen. Besonders groß war der Höhenunterschied zwischen Weißbach und Inzell. Steil bergan führte die Leitung – und ebenso steil war die »Himmelsleiter«, die Treppe, die dem Brunnenmeister zur Kontrolle diente.
Den höchsten Punkt erreichte die Soleleitung an der Hochreserve von Nagling auf 725 Metern im Streckenabschnitt zwischen Weißbach und Inzell.

Was für ein Bauwerk: 32 Kilometer lang war die Leitung, 8300 ausgehöhlte Baumstämme, Deicheln, wie man sie nannte, lagen aneinandergereiht auf der langen Strecke über die Berge. Und an sieben Stellen standen Brunnhäuser mit Hebewerken, die das kostbare Nass nach oben pumpten. Zwei Jahre lang bauten Hans und Simon Reiffenstuel im Auftrag von Herzog Maximilian I. an der Soleleitung von Reichenhall nach Traunstein. 1619, heuer vor 400 Jahren, war das Werk vollbracht. Die Nachwelt war und ist begeistert: Die Röhrenleitung, die die Saline Traunstein mit Salzwasser versorgte, war, so der Tenor, eine technische Meisterleistung.

Das Bauwerk war keineswegs das erste seiner Art, aber allemal ein ganz besonderes. Schon im Mittelalter hatten Salzherren Leitungen errichtet, um den Rohstoff für die Gewinnung des »weißen Goldes« zu transportieren. Doch diese Konstrukte blieben in überschaubaren Größenordnungen. In offenen Holzrinnen floss Sole über nur kurze Strecken in die Produktionsstätten. Ende des 16. Jahrhunderts waren es dann die Habsburger, die eine Verbindung über eine große Entfernung schufen: Sie errichteten eine 65 Kilometer lange Soleleitung, die die Salinenorte Ischl, Ebensee und Hallstatt miteinander verband. 1595 ging sie in Betrieb. Wie alle seine Vorgänger nutzte auch dieses Bauwerk allein das natürliche Gefälle zum Transport der Sole: Bergab floss das Salzwasser.

Erst rund 20 Jahre später entstand das erste System mit Hebemaschinen, die das Salzwasser aus der Tiefe in die Höhe brachten und damit die Möglichkeit eröffneten, auch bergiges Gelände überwinden zu können. Diese Soleleitung, die erstmals überhaupt Pumpen benutzte und damit wie eine Pipeline neueren Datums funktionierte, errichtete der bayerische Herzog. Mit ihr war er in der Lage, das Salzwasser von Reichenhall in das 250 Meter höher gelegene Traunstein zu bringen.

Die 1617 bis 1619 gebaute Salzwasserstrecke als »erste Pipeline der Welt« zu bezeichnen hat durchaus seine Berechtigung. Denn sie besaß auch Hebewerke und überwand damit Anstiege im Gelände. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die Pumpen die Sole nicht direkt und ununterbrochen durch die Leitung drückten, sondern dass sie das Salzwasser nur jeweils an den Brunnhäusern über eine kurze Strecke von der Nieder- zur Hochreserve, vom unteren zum oberen Bottich, hoben. Im Wesentlichen nutzte man auf der 32 Kilometer langen Strecke das natürliche Gefälle. Moderne Pipelines hingegen arbeiten ausschließlich mit Druck, ob das Gelände eine abfallende Tendenz aufweist, ist in diesem Zusammenhang ohne Belang.

Den Anlass für den seinerzeit tollkühnen Entwurf für eine Soleleitung über die Berge gaben die Pläne von Herzog Maximilian, eine neue Saline in einem waldreichen Gebiet zu errichten. In Reichenhall entdeckte man eine reichhaltige Solequelle, doch nach jahrhundertelanger Ausbeutung verfügten die schon ausgelichteten Wälder in der Umgebung nicht mehr über genügend Holz und damit Brennmaterial, das für die Verarbeitung auch dieser neuen großen Mengen ausgereicht hätte. Der Landesherr änderte die Ausrichtung in seiner Salzgewinnung: Hatte er bisher immer das Holz zur Sole gebracht, transportierte er nun die Sole zum Holz. So plante er, eine Saline in der waldreichen Gegend um Siegsdorf zu errichten – was mit einschloss, ein Bauwerk zu schaffen, das den neuen Betrieb dann mit Salzwasser versorgte.

Maximilian ordnete im April 1616 an, eine Soleleitung zu bauen. Geometer Tobias Volkmer senior und junior erhielten den Auftrag, die Strecke zu vermessen. Ihre Untersuchungen erstreckten sich insbesondere auf die ersten 14 Kilometer der Strecke von Reichenhall Richtung Inzell: auf jenen Abschnitt in den Bergen, der viele Anstiege im Gelände beinhaltete und damit die großen Herausforderungen im Rahmen des Baus der gesamten Leitung darstellte. Nach der Vermessung beauftragte Herzog Maximilian den Hofbaumeister Hans Reiffenstuel und dessen Sohn Simon, eine Röhrenleitung von der Saline Reichenhall bis in die Gegend von Siegsdorf zu schaffen.

Im Frühjahr 1617 begann der Bau. Während der Arbeiten veränderte man die Zielsetzung: Nicht mehr in Siegsdorf wollte man die neue Saline errichten, sondern vielmehr in der Au bei Traunstein. Das Salzwasser musste somit 17 Kilometer länger, als ursprünglich vorgesehen war, transportiert werden. Der Mehraufwand war jedoch im Vergleich zu den Anstrengungen, die bis dahin konzipierte Strecke im Gebirge mit vielen Steigungen zu verwirklichen, vergleichsweise gering, denn von Inzell über Siegsdorf nach Traunstein fiel das Gelände – weitere Hebewerke waren nicht vonnöten, die Sole floss dem Gefälle folgend aus den Bergen hinaus ins flache Land. Mitte des Jahres 1619 war die Soleleitung fertig, die Saline in Traunstein erhielt das erste Salzwasser und nahm die Produktion auf.

Lang war die Leitung von Reichenhall nach Traunstein – und hoch der Berg an Materialien, die für deren Bau vonnöten waren. 8342 Deicheln aus Fichtenholz, die alle rund vier Meter lang waren, verlegten die Arbeiter im Dienste des Herzogs.

Die Herstellung der Rohre war aufwändig. Mit einem von Hand betriebenen Bohrer musste man jeden Baum einzeln aushöhlen – was für die Beteiligten kräfteraubend und schweißtreibend war. Der Durchmesser des Hohlraumes betrug etwa zwölf Zentimeter.

Die Soleleitung verlief in der Regel an der Oberfläche, die Rohre waren sichtbar. Damit die Kontrolleure die Deicheln regelmäßig in Augenschein nehmen und sie auf mögliche, undichte Stellen überprüfen konnten, schuf man neben der Leitung einen Weg. Regelmäßig liefen die Helfer auf diesen Strecken und beseitigen dann Löcher, die sie entdeckten.

Um die Steigungen auf der Strecke von Reichenhall nach Traunstein überwinden zu können, bauten Hans und Simon Reiffenstuel insgesamt sieben Brunnhäuser. Sie statteten alle Gebäude mit Hebewerken aus, die die Sole gemäß den jeweiligen Erfordernissen im Gelände zwischen 31 und 60 Höhenmeter von der Nieder- in die Hochreserve nach oben hievten. Die Anlagen konnten bis zu 130 Kubikmeter Sole pro Tag von dem einen in den anderen Bottich heben. Ein oberschlächtiges Wasserrad, angetrieben von aus der Umgebung herbeigeleitetem Aufschlagswasser, betrieb eine Nockenwelle, die dann ihrerseits eine Pumpe in Bewegung setzte, die die Sole in einem Bleirohr nach oben drückte. Die Hebewerke blieben fast zwei Jahrhunderte in Betrieb. Auf dem Weg von Reichenhall nach Traunstein errichteten Hans und Simon Reiffenstuel die Brunnhäuser Fager in Karlstein (Höhendifferenz von der Nieder- zur Hochreserve: 54 Meter), Seebichl (60 Meter), Unternesselgraben (48 Meter), Obernesselgraben (49 Meter) – diese beiden letzteren Hebeanlagen folgten unmittelbar hintereinander – Grub in Weißbach (31 Meter), Nagling (54 Meter) und Lettenklause (50 Meter). Die Pumpen an diesen Stationen beförderten die Sole insgesamt 346 Meter in die Höhe. Nachdem die Sole jeweils künstlich nach oben gedrückt worden war, floss sie im Anschluss natürlich auf Grund des Gefälles bergab.

Unterstützt von den Hebewerken transportierte man die Sole von Reichenhall, gelegen auf einer Höhe von 482 Metern über dem Meeresspiegel, nach Traunstein auf 580 Metern. Ihren höchsten Punkt erreichte die Soleleitung an der Hochreserve von Nagling auf 725 Metern. Nach dieser letzten Pumpstation floss das Salzwasser aus den Bergen ins flache Land hinaus nach Traunstein.

Die Durchflussmenge schwankte immer wieder, vor allem auch deswegen, weil die Leitung leckschlug. Um diese Schwankungen im Transport der Sole über die Berge ausgleichen und die Saline Traunstein gleichmäßig mit Sole versorgen zu können, baute der Landesherr in Hammer – und damit wenige Kilometer vor Traunstein – eine große Reserve. Dort war stets eine große Menge vorhanden. Und wenn einmal die Zulieferung aus Reichenhall ins Stocken geriet, dann konnte man in Hammer von den Vorräten zehren und die kontinuierliche Versorgung der Saline auch in diesen Zeiten aufrechterhalten.

 

Gernot Pültz

 

Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 28 vom 13. 6. 2019

 

27/2019