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Jahrgang 2011 Nummer 30

Einst Weisheitsspeicher, heute Warenhaus der Information

Doch hat die alte Bibliothek an kultureller Bedeutung nichts verloren

Die Bürgerbibliothek in der ehemaligen Wasserkirche zu Zürich, Stich bei J. M. Füsslin, 1719.

Die Bürgerbibliothek in der ehemaligen Wasserkirche zu Zürich, Stich bei J. M. Füsslin, 1719.
Allegorie der Weisheit, Titelkupfer (Detail) aus C. Clements »Musei«, Lyon 1635.

Allegorie der Weisheit, Titelkupfer (Detail) aus C. Clements »Musei«, Lyon 1635.
Die Hofbibliothek Wolfenbüttel, Modell nach H. Korb, 1707 – 13.

Die Hofbibliothek Wolfenbüttel, Modell nach H. Korb, 1707 – 13.
Da macht eine uralte Bibliothek von sich reden – und selbst Büchermuffel merken auf: Hat doch jüngst die Ernst von Siemens Kunststiftung auf einer Auktion bei Christie`s in London eine 500 Jahre alte Handschrift erworben – Titel: »Stifftung des Gotzhaus Kempten und Sant Hyltgarten Leben« – und dieses Kleinod mit 59 handkolorierten und lavierten Federzeichnungen eben dieser uralten Bibliothek als Dauerleihgabe übergeben. Die Empfängerin jubelt – und mit ihr das ganze Land. Denn sie ist eine Landesinstitution: die Bayerische Staatsbibliothek. Ihr Gebäude in der Münchner Ludwigstraße stammt aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Friedrich von Gärtner war der Architekt, der Nachfolger Leo von Klenzes, und die Staatsbibliothek war Gärtners erster Profanbau. Der Zweite Weltkrieg – Süd- und Ostflügel wurden da zerstört – schmälerte den Bestand um rund eine halbe Million Bücher. Vor 55 Jahren wurden die Wiederherstellungsarbeiten abgeschlossen.

155 Meter ist der dreigeschossige Blankziegel-Baublock lang. Er hat 25 Achsen rundbogiger Fenster über gerastertem Grundriss. Als Monumentalbau stuft Dehios »Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler« ihn ein. An der Freitreppe vier Sitzfiguren: Thukydides, Homer, Aristoteles und Hippokrates. Die Entwürfe der heutigen Nachschöpfungen schuf einst Ludwig von Schwanthaler.

Die vier sitzenden Geistsgrößen der Antike stehen für Geschichtsschreibung, Epik, Philosophie und Medizin. Sie verweisen auf die (heute um einige Zweige erweiterten und differenzierten) schriftlich fixierten Wissenschaften und Forschungsdisziplinen.

Bibliotheken wurden als Wissensspeicher errichtet. Unter ihrem Dach bewahrt man seit jeher das zuerst in handgeschriebenen, dann gedruckten Werken niedergelegte »gezeitigte« Wissen auf, um es kommenden Generationen verfügbar zu machen. Das »überlegene Wissen«, die Gelehrsamkeit wird mit Weisheit bezeichnet. Sie ist mehr als bloßes Gewusstes, nämlich einsichtige Klugheit, Lebenserfahrung, auch weise Lehre, kluge Aussage (wie Wahrig definiert). In den „Sprüchen« Salomons steht: „Die Weisheit hat sich ein Haus gebaut«. Viele »Bücherhäuser« haben sich dieses Motto zu eignen gemacht; wollen sie doch Weisheitsspeicher sein, Festungen des fass- (sprich: les-)baren Geistes.

Die Bayerische Staatsbibliothek gibt sich selbst gern als »Schatzhaus des kulturellen Erbes« aus und betont dabei das Traditionelle der Bibliothek als »Bücherhaus« – wie es sich von den Ägyptern (die berühmte Bibliothek von Alexandria, Topos für den umfassenden Sammlungsauftrag von Bibliotheken durch die Geschichte) über die Griechen und Römer auf die Klöster der westlichen Welt weitervererbte. Die Klosterbibliotheken sind heute viel besuchte und bewunderte Institutionen: St. Gallen in der Schweiz und Admont in der nördlichen Steiermark sind leuchtende Beispiele barock ausgestatteter Büchersäle. Ihre Bestände haben zwar musealen Charakter, dienen aber noch immer der Information ihrer Benutzer und werden aktuell erweitert.

Eine riesenhafte Bücherhalle – sie sollte sämtliche Druckwerke der damaligen Welt beinhalten – plante der Architekt Etienne-Louis Boullée 1785 für den französischen König. Selbst die großen Nationalbibliotheken des 19. Jahrhunderts (man denke an Wien) konnten diesen ungeheuren Anspruch nicht einlösen. Zwei Juristen aus Belgien, Paul Otlet und Henri La Fontaine, gründeten 1895 das »Institut Internationale de Bibliographie«. Es sollte die Bücherproduktion aller Zeiten und Länder in der Totale bibliographisch erfassen. Das Unternehmen heißt nun »Mundaneum« (lat.: mundus, die Welt). Es wies 30 Jahre nach seiner Gründung 15 Millionen Einträge auf. 1928 erhielt der bedeutende Bauhaus-Architekt Le Corbusier von Otlet den Auftrag, in seine Planung in Genf ein Weltmuseum, dazu Sportstätten und ein Konferenzzentrum aufzunehmen. Bei dem Vorhaben ist es allerdings geblieben. Etwa um dieselbe Zeit entwarf ein Russe, Ivan Leonidov, in Moskau ein »Lenin-Institut«, das eine turmhohe, allumfassende Bibliothek mit Lesesaal in Kugelform aufnehmen sollte.

Wie viele Bücher sind eigentlich, weltweit gesehen, gedruckt worden, seit Gutenbergs revolutionärer Erfindung? Schätzung: über 10 Millionen allein bis zum Jahr 1900. Seither ist mit einem jährlichen Zuwachs von etwa einer Million Bänden zu rechnen. Tendenz steigend.

Was bedeutet: Bibliotheksbauten werden nicht unmodern. Selbst die Möglichkeit, die Bücher elektronisch zu erfassen, wird die Bücher selbst nicht aus der Welt schaffen. Sie sind unverzichtbar. Einer ihrer feurigsten Anwälte ist der Schweizer Werner Oechslin, Kunst- und Architekturhistoriker an der ETH Zürich von 1985 bis 2010. Die Fakultät für Architektur der TU München verlieh dem Professor Emeritus im Juli 2011 die Ehrendoktorwürde. Oechslin gründete und stiftete 1998 nach Plänen von Mario Botta und eigenen Vorstellungen ein 2006 eingeweihtes modernes Bibliotheks-Gebäude im Schweizerischen Einsiedeln. Seine Sammlung umfasst rund 50 000 Bücher aus sechs Jahrhunderten. Quellenschriften zur Architektur und ihrer Theorie bilden den Schwerpunkt seiner auch Philosophie, Mathematik, Kunst, Archäologie und Geschichte berücksichtigenden Forschungsbibliothek.

Der Bibliophile Werner Oechslin konnte Winfried Nerdinger, den Lehrstuhlinhaber an der TU München und Architekturmuseumsdirektor (Pinakothek der Moderne) für seine grandiose Schau »Die Weisheit baut sich ein Haus. Architektur und Geschichte von Bibliotheken« (zu sehen bis 16. Oktober 2011) gewinnen. Eine imposante Wand nimmt in der Ausstellung eine Fotografie des Oechslin-Bestands ein, was allein schon beeindruckt. Oechslin und Nerdinger aber wollen mit ihren Abteilungen vor allem dies bekunden: »Infolge der Veränderungen der Formen von Information und Kommunikation durch digitale Medien wurde vielfach das Ende des gedruckten Buches und der traditionellen Bibliothek beschworen, in den vergangenen beiden Jahrzehnten entstanden jedoch mehr Neubauten denn je…« – Man gehe nur einmal ins oberbayerische Altmühltal, nach Eichstätt, wo Behnisch & Partner 1984 - 1987 eine offene, ebenerdige Bibliothek ans Flussufer stellten, die heute als Vorzeige-Stück des modernen Universitätsbibliotheks-Typus gilt.

»Ist dies«, so fragt die Ausstellung, »ein letztes Aufbäumen, bevor sich Bibliotheken in global zugänglichen, virtuellen Datenspeichern auflösen? Verändern sich Bibliotheken zu einem hybriden Gemisch aus Buch und Datenbank, zu einem Warenhaus der Information? Wird die konventionelle Büchersammlung einen spezifischen Ort in der Mediengesellschaft finden oder nur noch als Museum einer historischen Informations- und Speicherform dienen?« – Die Ausstellung bietet sowohl »Rückblicke in die Geschichte« als auch »Ausblicke auf Entwicklungen von Bibliotheksbauten, um deren Bedeutung und Stelllung bewusst zu machen sowie Tendenzen zu reflektieren«. Dabei haben auch Utopie ihren Platz und ihre Berechtigung, etwa die des Grafikers Erik Desmazières , der sich die Bibliothek von Babel als einen seiner „imaginary places« vorstellt.

Werner Oechslin wird nicht müde, auf das Prinzip Ordnung zu verweisen, das den Alt-Bibliotheken zum Prinzip und Motiv wurde: Die Verortung des Wissens und der Bücher sei erste Aufgabe einer Bibliothek. Nur die Systematik lässt das Wissen (wieder)auffinden. Hersteller dieser Ordnung ist die Architektur. Oechslin bezieht sich auf Kants „Kritik der reinen Vernunft« (1781), in die der Philosoph den »Architektonik«-Begriff aufnahm, definiert als »Kunst der Systeme«. Oechslin: »Die Bibliothek ist das Monument der Wissensverwahrung mit einer notwendigen Ordnung. Dies bestimmt ihre universale Bedeutung in unserer Wissenskultur und -tradition.«

Wir kennen und unterscheiden heute öffentliche und private Bibliotheken (nach dem Benutzer), Pult-, Wand-, Magazin- oder Speicherbibliotheken (nach der Lagerung der Bücher), Kloster-, Universitäts-, Fürsten-, National-, Stadt-, Landesbibliotheken (nach dem Träger). Seit der Renaissance gibt es Saal-, Zentral- und Turmbauten, aber auch bereits freie Formen von Bibliotheken. Zu den bedeutendsten Universalbibliotheken Europas zählt die Bayerische Staatsbibliothek. Hohes Ansehen genießt sie als internationale Forschungsbibliothek und »multimedialer Informationsdienstleister für die Wissenschaft«, die – mit ihren digitalen Angeboten – dem Studierenden ebenso offensteht wie dem Forschenden. Sie ist aber auch „virtuelle Nationalbibliothek Deutschlands« – im Verbund mit der Berliner Staats- und der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt/Main und Leipzig. Für den Freistaat Bayern ist sie die zentrale Landes- und Archivbibliothek. Zu den derzeit fast zehn Millionen Bänden (und 55 000 laufenden Zeitschriften in gedruckter und elektronischer Form sowie über 90 000 Handschriften) kommen jährlich ungefähr 150 000 Neuerwerbungen.

Eine ihrer kostbarsten Handschriften ist die mit dem Zeichen »Cgm 9470« versehene Neuerwerbung, die sich in die Reihe von bisher sechs deutschsprachigen Handschriften fügt, kurz als »Kemptener Chroniken« oder „Kemptener Klosterchroniken« bezeichnet. Sie sind zur Hälfte im Besitz der Bayerischen Staatsbibliothek, die andere Hälfte verteilt sich auf Bibliotheken in Würzburg, Augsburg und St. Mang. Letztgenannte ist eine Bibliothek, die die Kirchengemeinde unterhält – eine recht seltene Bibliotheksart, was den Träger betrifft. Sie kommt am ehesten einer Bibliothek nahe, die sich ein Privatmann aufbaut, also in den eigenen Räumlichkeiten beherbergt. Ein solcher »Weisheitsspeicher« wird in den wenigsten Fällen unter Dach liegen, also »Speicher« im üblichen Sinn sein. Private Buchbesitzer umgeben sich mit ihren Schätzen im täglich verfügbaren Wohn- oder Arbeitsbereich. Auch sie können allerdings »Ordnung« nicht entbehren. Wollen sie ein Buch finden, müssen sie es nach bestimmten Gesichtspunkten »eingeordnet« haben. Nur dann macht dem »Büchernarren« sein Buchbesitz Spaß, wenn er wunschgemäß beanspruchen kann


Hans Gärtner



30/2011