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Jahrgang 2019 Nummer 11

Eine Reise durch ehemalige deutsche Kolonien in Afrika

Niederbayerische Schriftstellerin durchquerte vor 80 Jahren den Schwarzen Kontinent – Teil II

Brücke von Edea.
Werkstatt einer Palmölfabrik.
Badestrand bei Lüderitz.
Immer zuverlässig: Laster Marke Ford.

Mehrmals schlug sie die Einladung zu einem traditionellen Fufu-Essen aus, nachdem sie gehört hatte, dass es für die Köchinnen ganz üblich sei, beim Stampfen der Maniokwurzeln in die breiige Masse zu spucken. Während eines Missionsbesuchs konnte sie aber die Zubereitung genau mitverfolgen und so das scharfe Nationalgericht mit Hühnchen und viel Curry bedenkenlos genießen. Auf der Fahrt in die Savanne, den endlos scheinenden Gras- und Buschsteppen, vorbei an unzähligen, fünf bis sechs Meter hohen Termitenhügeln sucht sie immer wieder die direkte Begegnung mit den Eingeborenen. Beeindruckt nimmt sie die allgegenwärtige Präsenz der Fetische wahr, mit denen sich die Menschen umgeben. Sie gelten als Abwehr gegen böse Geister und zugleich als Glücksbringer. Ob als Amulett, geknetete Ton-Figur, als Gebilde aus Eierschalen auf Grasdächern, als Leopardenzahn-Kette oder Armband aus Kauris-Muscheln – der Vielfalt sind keine Grenzen gesetzt, um ihrer Zauberkraft Ausdruck zu verleihen.

Wieder zurück in Lomé wird sie der politischen Agitation bezichtigt. Man hatte ihre Begleiter als Spitzel auf sie angesetzt und ihre journalistischen Recherchen als Aufwiegelung der Einheimischen ausgelegt. Es folgten Verhöre, Gepäckdurchsuchungen, Papiere wurden bis kurz vor Ausreise zurückbehalten, Fotomaterial und Reiseschreibmaschine beschlagnahmt.

Angefressen sarkastisch erinnert sie sich: »Mehrere Beamte kümmerten sich liebevoll um mein Gepäck. Ein Schwarzafrikaner machte sich über meine Sachen her und zerrte Stück für Stück aus dem Koffer, während drei bis vier Franzosen amüsiert zuguckten. Es ist nicht angenehm für eine Dame, die Sachen so ausgebreitet vor aller Augen zu sehen.« Letztlich geriet die strenge Visitation dann doch zur unfreiwilligen Lachnummer, als sich ein verdächtiges Teil nicht wie vermutet als Rohrbombe, sondern als harmlose Erbswurst entpuppte.

Über Britisch-Nigeria, wo sie in der Hauptstadt Lagos nun ungehindert ihre Artikel und Fotonegative zur Post geben konnte, gelangte sie nach Kamerun, das ebenfalls in französische und britische Verwaltungszonen aufgeteilt war. Die herrliche Landschaft in der Bucht von Viktoria (heute Limbé), überragt von der 4020 Meter hohen Spitze des Kamerunbergs ließ sie die Schikanen der vergangenen Tage vergessen. »Einer blitzenden Muschel ähnlich liegt sie da, eingebettet im offenen Halbkreis der Berge und mit üppiger Vegetation,« schwärmt sie von dem grandiosen Ausblick, »und wie smaragdgrüne Edelsteine verstreut schmücken kleine Inseln das Meer.«

Erneute Ansiedelung in Kamerun

Eine davon hatte ein findiger Deutscher für drei Mark erstanden und darauf ein Häuschen mit Garten gebaut. Nach Deutschland zurückgekehrt, suchte er als Besitzer einer »ganzen Insel« im Atlantischen Ozean offenbar mit Erfolg solvente Investoren für seine Plantagenprojekte. Ebenso wie dieser findige Auswanderer konnten anfangs der 20er Jahre viele der Plantagenbetreiber ihre ehemaligen Besitzungen zurückersteigern. Waren die deutschen Interessenten bei der ersten Auktion in London noch unerwünscht, 1924 klappte es: Angeblich über einen englischen Strohmann kam ein Gebiet in der Größe des damaligen Baden wieder in deutschen Besitz. Möglich wurde der Schachzug auch deshalb, weil die Briten nur wenig Interesse an der wirtschaftlichen Ausbeutung in eigener Regie hatten. Dies war auch der Grund, warum zu dieser Zeit dreimal mehr Deutsche als Engländer in Kamerun lebten. Noch heute gilt der deutschen Bau- und Ingenieurskunst die Bewunderung im Land; wie etwa der 160 Meter langen Fachwerkbogen-Brücke von Edea, gebaut von der »Gutehoffnungshütte « in Oberhausen (1986 vom MAN-Konzern übernommen), die immer noch in hervorragendem Zustand ist.

1925 hatte der Wiederaufbau der stark vernachlässigten Plantagen begonnen. Den Farmern bot sich ein trostloses Bild. Schädlinge und die gefürchtete Braunfäule hatten sich den Pflanzungen bemächtigt; eine Folge von zehnjähriger Misswirtschaft, aber auch durch die enormen Niederschläge in der Gegend um Debundschah. Dieses Gebiet zählt neben Regionen im Himalaja zu den regenreichsten Orten der Erde. Durchschnittlich fällt an einem Tag so viel Regen wie in Berlin das ganze Jahr, erwähnt die Afrikareisende. Das ganze Ausmaß wurde ihr deutlich während der Besichtigung einer Kakaoplantage. Bis zu 90 Prozent waren die Schoten befallen; die Bohnen brachten nurmehr ein Fünftel des Normalertrags, und das noch dazu in minderer Qualität. Trotz des zermürbenden Klimas während des Monsuns, das Kleider vermodern und sogar Hornknöpfe zerbröseln lässt, stellten viele Farmer auf Kakao und Bananen um. Der Grund: Palmölund Gummigewinnung waren zu der Zeit unrentabel geworden.

Meilenschwindel an der Lüderitz-Bucht

In den nächsten sechs Kapiteln ihres Buchs befasst sich die abenteuerlustige Niederbayerin mit der nicht nur aus deutscher Sicht tragischen Historie (gemeint ist damit der Herero-Aufstand) ihres nächsten Reiseziels, der Kolonie Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia). 1883 landete der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz in der Bucht, die heute noch seinen Namen trägt und kaufte von einem Hottentotten- Häuptling, so die Autorin, die Sandwüste in der Größe des damaligen Bayern und Württemberg für 600 Pfund Sterling und 200 Gewehre. Wie es scheint, hatte es Lüderitz auf die immensen Bodenschätze (Diamanten, Kupfer usw.) abgesehen, die man dort vermutete. Der Deal ist als sogenannter »Meilenschwindel« in die Geschichte eingegangen, da man den »Vertragspartnern« vormachte, es handle sich nicht um englische (1,6 km), sondern um preußische Meilen (7,5 km). Auf diese Weise erschlich man sich ein sechzehnfach größeres Territorium. Soweit die überlieferten Vorgänge. Doch zurück zur Reisebeschreibung. Angenehm überrascht bekommt sie heimatliche Gefühle: »Deutsch sprechen die Menschen hier um mich, ob groß ob klein, ob schwarz ob weiß, und deutsch leuchten die Schilder von den Straßenfronten: Kaiserstraße, Bismarckhotel, Helmeringhausen, Mariental, ...« registriert sie erfreut die immer noch existierenden, deutschen Strukturen. Trotz systematischer Ausweisung deutscher Siedler und verstärkter Ansiedlung von Buren (Nachfahren holländischer Auswanderer) gilt Deutsch zu dieser Zeit noch als Landessprache, obwohl Englisch und Afrikaans als Amtssprachen angeordnet sind. Von praktikablem Erfindergeist zeugt folgende Geschichte: Ein deutscher Tischler baute zwischen Walfisch- Bay und Swakopmund eine künstliche Insel ins Meer zur Gewinnung des begehrten, phosphathaltigen Guano-Düngers. Entgegen allen Unkenrufen installiert er ein spezielles Holzgerüst auf einer Rundeisenplattform, das jedem Wellengang standhält und Jahr für Jahr erstklassigen Guano liefert, den über 10000 Brutpaare erzeugen. Zur Zeit ihres Besuchs leben 30000 Weiße, darunter viele Deutsche im Land, die seit drei Jahren sehnsüchtig auf Regen warten und mit Dürre, Heuschreckenschwärmen und Viehseuchen zu kämpfen haben. Dies änderte sich schlagartig, wie sie später zuhause einen Nachtrag anfügt, als monatelanger Regen schweren Schaden anrichtet und viele Farmer um ihre Existenz bringt. »Dämme, Häuser, ganze Farmen, Felder und Gärten, Großund Kleinvieh wurden mitgerissen; ganz Südwest ist überschwemmt,« beschreibt sie die fatale Situation.

Goldrausch in Südwest

Seit sich um die Jahrhundertwende (19./20. Jahrhundert) die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitete, in Rehoboth (südlich von Windhuk) sei ein dreieinhalb Kilogramm schwerer Goldklumpen gefunden worden, erfasste ganz Südwest der Goldrausch. Auch die Hanseatische Minen-Gesellschaft stieß auf der Suche nach Mineralien auf das wertvolle Metall. Durch den Kontakt zu einem Landpächter hatte Dinglreiter die Gelegenheit, einige der 800 akribisch abgesteckten Schürffelder zu besichtigen. Die Chancen für die Glücksritter standen nicht schlecht, zumal die Vorkommen im Vergleich zu Johannesburg die doppelte Ausbeute versprachen. Für viele Arbeitslose, Tagelöhner und Notstandsarbeiter war die Aussicht auf den großen Fund ein letzter Strohhalm. Angesichts der Streitigkeiten und horrenden Auflagen seitens der Behörden hatte sich die Autorin die Goldgräberei allerdings bedeutend romantischer vorgestellt.

Nach einem ausgedehnten Streifzug in die Kalahari, zu den Buschmännern im Norden, konnte sie während einer Foto-Safari die erhofften Aufnahmen knipsen und erlebte mit ihren Begleitern eine Nacht unter freiem Himmel in völliger Wildnis; umgeben von hunderterlei Geräuschen, schrillem Gelächter der Hyänen und dem durchdringenden Löwengebrüll nach erfolgreicher Jagd. Im Hinterkopf immer mit der Angst vor den gefährlichen Spukschlangen, die mit ihrem giftigen Sekret auf die Augen ihrer Gegner zielen, um sie zu blenden. Dass gerade mit Reptilien nicht zu spaßen ist, macht sie an zwei Erlebnissen hautnah deutlich, die glücklicherweise glimpflich ausgingen. Während einer Antilopenjagd flüchtete ein angeschossenes Tier in den nahegelegenen Fluss. Der jugendliche Treiber setzte ihr im Eifer nach, ohne auf die lauernde Gefahr zu achten: Krokodile! Im letzten Moment schaffte es der Junge noch, dem blitzschnellen Angriff zu entkommen und ans rettende Ufer zu gelangen. Auch die Autorin stand Todesängste aus, als sie im Hotelzimmer unverhofft Besuch bekam von einer schwarzen Mamba. Aus war es mit der Mittagsruhe! Das Gift Neurotoxin macht sie zur gefährlichsten Schlange, denn geringe Mengen können für den Menschen tödlich sein. Als das Biest bis auf Armlänge näher kam, riss sie die Bettdecke so ruckartig hoch, dass die Schlange erschrak und Reißaus nahm.

Um die ostafrikanischen Kolonien zu erreichen, wählte sie statt dem Seeweg um das Kap der guten Hoffnung herum die Route durch Portugiesisch-Angola und Belgisch-Kongo, um so den ganzen Kontinent zu durchqueren.

Weihnachten 1933 verbringt sie im Kreis einer gastfreundlichen Pflanzer-Familie. Als Christbaum diente ein Kasuarin-Bäumchen (buchenartiges Gewächs) mit brennenden Kerzen und »Stille Nacht« klang hinaus in die schwüle Tropennacht, notiert sie mit einer Portion Heimweh. Die Wochen vorher hatte sie noch genügend Zeit, die grandiosen Landschaften Tansanias zu erkunden, unter anderem das 1700 Meter hoch gelegene Iringa-Hochland, wo sie deutsche Wiederansiedelungen mit Tee-, Sisal- und Kautschukpflanzungen besichtigen konnte. Angetan von der Zuverlässigkeit ihrer Transportmittel, amerikanischen Pkw’s und Laster der Marke Ford, kann sie sich einen Seitenhieb auf die deutsche Autoindustrie nicht verkneifen. »Das müssten doch endlich auch unsere Autobauer schaffen.« Henry Ford hatte schon 1908 begonnen, Pkw's in großer Stückzahl per Fließband auf den Markt zu bringen.

Von Daressalam aus durchs Rote Meer, den Suez-Kanal passierend, übers Mittelmeer und den Atlantik erreicht sie wohlbehalten, mit unauslöschlichen Erinnerungen nach elfmonatiger Reise den Ausgangshafen Hamburg.

Nachspann

Ein dunkles Kapitel aus der Kolonialzeit des deutschen Kaiserreichs beschäftigt bis in die heutigen Tage den Berliner Bundestag: der blutig niedergeschlagene Herero-Aufstand in Deutsch-Südwestafrika, der von Historikern als Genozid eingestuft wird. 1904 erhob sich die Bevölkerungsgruppe der Herero und Nama gegen die jahrelange Rassentrennung und Unterdrückung innerhalb des Kolonialsystems. Es folgte ein brutaler Vernichtungskrieg der kaiserlichen Schutztruppen, dem schätzungsweise bis zu 80000 Menschen zum Opfer fielen. Überlebende wurden in Konzentrationslagern interniert und zur Zwangsarbeit herangezogen.

Die Bundesregierung lehnt nach mehreren Debatten eine offizielle Wertung als Völkermord ab und verweist in dem Zusammenhang auf die verstärkte Entwicklungszusammenarbeit. Seit 1990 belaufen sich demnach die Hilfszahlungen auf über 700 Millionen Euro.

Allerdings steht Deutschland in Sachen Kolonialverbrechen nicht alleine da. Der streitbare Gitarrist der Rockband Pink Floyd, Roger Waters, dessen Vater im 2. Weltkrieg umgekommen ist, brachte einmal seine Abscheu auf den Punkt: »Alle Nationen, die in der Vergangenheit Kolonialmächte oder rassistisch waren, tragen eine Schuldenlast. Was wir Briten in Indien, Stalin in Russland, König Leopold von Belgien im Kongo verbrochen haben oder der Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern – jede Form von Unterdrückung, Massenmord, Völkermord widert mich an«.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

Ludwig Schick

 

Teil I in den Chiemgau-Blättern Nr. 10 vom 9. 3. 2019

 

11/2019