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Jahrgang 2019 Nummer 10

Eine Reise durch ehemalige deutsche Kolonien in Afrika

Niederbayerische Schriftstellerin durchquerte vor 80 Jahren den Schwarzen Kontinent – Teil I

Typisches Kolonialwaren-Geschäft.
Schokoladen-Werbung.
Komfortables Buschhotel.
Herero-Schöne mit stammesüblicher Pfeife.
Marktgedränge in Woga.
Lendenschurz als Geldbörse?

Vorgeschichte

Manchmal ist es an der Zeit, den Dachboden von Dingen zu befreien, die sich im Lauf der Jahre angesammelt haben, die aber im Endeffekt wirklich nicht mehr gebraucht werden. Die Tage zwischen den Jahren bieten hier eine ideale Möglichkeit. Während des intensiven Ausmusterns kam diesmal auch das Regal mit den alten Büchern an die Reihe. Zwischen längst vergangenen Bergsteiger- Bestsellern wie Gaston Rebuffat's »Sterne und Stürme«, Blanchet's »Als Letzter am Seil« oder den »Kameraden der Berge« von Luis Trenker (sie alle fanden in der Alpenvereins-Bibliothek in Traunstein eine neue Bleibe), entdeckte ich ein Exemplar mit hellrotem Einband und dem fragenden Titel »Wann kommen die Deutschen endlich wieder?« Als ich es in den Händen hielt und in den abgegriffenen Seiten blätterte, erinnerte ich mich daran, dass ich als Schulbub mehrmals die wenigen Schwarzweiß-Fotos angeschaut hatte, aber mit dem Inhalt und seiner Thematik nicht viel anzufangen wusste. Was wusste man als Knirps schon groß von Weltpolitik, Kolonien, Afrika, und dergleichen?

Der Schwarze Kontinent war gefühlt so weit weg wie heute der Mond oder gleich gar der Mars. Und unsere kindliche Welt bestand hauptsächlich aus Cowboy- und Indianer-Spielen, oder wir rannten wie Lassie durch den Wald. Wenn man im Alltag mit Kolonien indirekt in Berührung kam, dann war es die exotisch anmutende Abteilung »Kolonialwaren«, die jeder Kramer-Laden auf dem Land für seine Kunden vorhielt: überseeische Lebensund Genussmittel wie Kaffee, Tee, Tabak, Gewürze, Kakao, Kokos, aber auch Rohr-Zucker und Reis.

Kolonialer Wettlauf europäischer Mächte

Umso mehr war das unerwartete Auffinden dieses 214 Seiten umfassenden Buches eine gute Gelegenheit für lange Winterabende, sich etwas näher mit der Geschichte der Kolonien des Deutschen Kaiserreichs zu befassen. Oder besser gesagt, mit der postkolonialen Geschichte, mussten doch die »überseeischen Schutzgebiete«, wie sie Reichskanzler Otto von Bismarck bezeichnete, gemäß dem Versailler Vertrag von 1919 an die Siegermächte des I. Weltkriegs abgetreten werden. In Afrika waren dies Kamerun und Togo (Deutsch-Westafrika), Tansania, Burundi und Ruanda (Deutsch-Ostafrika) sowie das heutige Namibia (Deutsch-Südwestafrika). Damit endete – gemessen an der Präsenz anderer Kolonialmächte wie England, Frankreich, Holland, Spanien, Portugal, Belgien – eine relativ kurze, aber doch recht prägende Zeitspanne, deren Spuren auch heute noch sicht- und spürbar sind. Seit sich Deutschland politisch ernsthaft am Hegemoniestreben der europäischen Mächte im 19. Jahrhundert beteiligt hatte, waren bis dahin erst gut drei Jahrzehnte vergangen. Dass man die betreffenden Gebiete nun auf diese Weise verloren geben musste, wurde schmachvoll als zweite Niederlage empfunden, hatte doch die sprichwörtliche deutsche Gründlichkeit perfekte Aufbauarbeit in Sachen Infrastruktur, Verwaltung, Gesundheitswesen und dergleichen geleistet. Da war das anerkennende Statement des englischen Kolonialpioniers Cecil Rhodes (Namensgeber für Rhodesien, das heutige Simbabwe) lediglich ein schwacher Trost, in dem er konstatierte: »Deutschland hat in der kurzen Zeit etwas geschaffen, wozu England 100 Jahre brauchen würde.«

Sein Landsmann, der bekannte Lord Rothermere forderte sogar in einem Beitrag in der Daily Mail vehement die Rückgabe der abgetretenen Gebiete. Rückblickend ist es jedoch müßig, darüber zu spekulieren, wie sich eine solch tiefgreifende Maßnahme auf die betroffenen Länder und die Weltpolitik im Allgemeinen ausgewirkt hätte. Interessante Reisebeschreibung

Die niederbayerische Schriftstellerin Senta Dinglreiter (1893 - 1969) startete im März 1933, dem Jahr der Machtergreifung Adolf Hitlers, ihre einjährige Reise durch die ehemaligen Kolonien und schrieb darüber das besagte Buch, das im März 1935 im Verlag Koehler & Amelang in Leipzig (heute Verlagsgruppe Seemann Henschel) erschien; natürlich streng zensiert durch die NS-Prüfungskommission. Wer die Finanzierung übernahm (evtl. durch den Verlag) oder die Reise spionagemäßig motiviert war, wie von französischer Seite vermutet, ist aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehbar und so gesehen auch ziemlich zweitrangig. Was das Buch so außerordentlich interessant macht, sind die sozialen, wirtschaftlichen und politisch besonders instabilen Verhältnisse, man könnte auch sagen »Zustände«, die die Autorin vorfindet und sehr authentisch in einer Art Zustandsbericht beschreibt. Dem Leser eröffnet sich dadurch ein repräsentativer Einblick in ein Afrika vor fast hundert Jahren, das völlig ausgeliefert zum Spielball der Kolonialmächte wurde und bis heute auf der Suche nach seiner Identität ist. Allerdings muss man dazu die ziemlich stark ideologisch eingefärbten Kommentare und politischen Anspielungen der Niederbayerin ausblenden. Deshalb liegt das Hauptaugenmerk dieser »Nachreise« auf ihren realen Erlebnissen.

Dinglreiter schildert die Überfahrt Richtung Westafrika an Bord des Dampfers »Nienburg« über die Kanarischen Inseln und vorbei an den Kapverden mit Zwischenstationen auf Teneriffa, wo sie mit Schiffsoffizieren einen Abend im »Bremer Ratskeller«, vermutlich der dortigen In-Kneipe der Seeleute (?) verbringt und der als trostlos bezeichneten Insel Sao Vicente, deren männliche Bewohner sich saisonweise in Südamerika verdingen müssen, um ihre Familien ernähren zu können.

Je näher der Zielhafen in Portugiesisch-Guinea (heute Guinea-Bissao, seit 1973 unabhängig) rückte, umso mehr beherrschte das Schreckgespenst Malaria den Gesprächsstoff an Deck, das wie ein Damoklesschwert über den Reisenden hing, »Chinin auf dem Tisch, in der Tasche, überall! Westafrika ist der schlimmste Malariaherd«, heißt es an allen Ecken. Doch die Autorin bewahrt trotz flimmernder Hitze, die den Teer in den Fugen der Schiffsplanken schmelzen ließ, kühlen Kopf. Sie vergleicht die Situation mit ihren Reisen nach Indochina und Indien, weil ihr dort ungezählte Moskitostiche nichts anhaben konnten. Um es vorwegzunehmen: Auch diese Reise übersteht sie ohne tropische Krankheit.

Den damaligen Sitz der portugiesischen Behörde, die heutige Hauptstadt Bissao beschreibt sie als kleines Nest mit versandeten Straßen, doch immerhin mit »elektrischer Lichtanlage«. Zwischen den mit Stroh gedeckten Lehmhütten stampften Menschen, nur mit einem Lendenschurz bekleidet, ihren Reis, schmutzverkrustete Schweinchen und Kinder wälzten sich auf dem sandigen Boden, ein Schwarzer trommelte im rhythmischen Takt auf einer großen Blechtrommel und eine kunterbunte Gruppe mit und ohne Kleider tanzte dazu, gibt sie fasziniert ihre ersten Eindrücke wieder: »Das war Afrika, echtes Afrika…!«

Auch widmet sie den am 11. und 12. Breitengrad vorgelagerten Bissagos-Inseln ein Kapitel, nicht nur wegen ihrer paradiesischen Lage und Vegetation. Die Besonderheit dieses Archipels besteht offenbar darin, dass hier seit langer Zeit das Mutterrecht, das Matriarchat herrscht.

Die Frau ist Gebieterin und Herrscherin, wählt und verfügt über ihren Mann, kann ihn also kurzerhand wieder entbinden und ist zugleich Königin über Land und Leute. (Noch heute spielen Frauen eine wichtige Rolle im sozialen Leben und es gibt fast kein Haus, in dem nicht an besonderen Stellen Frauen-Statuen aufgestellt werden, d. Verf.) Ihre gesellschaftliche Bedeutung untermauert auch diese Geschichte: Als die Bissagosis' wieder einmal keine Steuern zahlen wollten, nahmen die Portugiesen im Gegenzug ihre Königin in Gewahrsam. Die »hohe Frau« trat daraufhin in den Hungerstreik, worauf die Portugiesen einen Aufstand befürchteten und ihr vermeintliches Faustpfand schnellstens wieder frei ließen. Wie der Steuerstreit letztlich endete, darüber lässt uns die Autorin allerdings im Unklaren.

In Liberia, zu damaliger Zeit die einzige Republik auf afrikanischem Boden, (1847 als Staat konstituiert) macht sie auf dem Weg zu einer Missionsstation unliebsame Bekanntschaft mit Wanderameisen, den sogenannten »Treibern«, die imstande sind, ein ausgewachsenes Pferd zu töten. Sogar Elefanten nehmen vor ihnen Reißaus. Ihre Karawanen sind gewöhnlich zwei bis drei Meilen lang und alles, was ihrem Wanderzug in die Quere kommt, wird vertilgt: Mäuse, Vögel, Schlangen und anderes Kleingetier.

An Bord eines Handelsschiffs der Hamburger Faktorei Woermann ging es entlang der französischen Elfenbeinküste nach Togo. Zwischendurch wurden noch Häfen wie Tahu, Sassandra, Lahou und weitere angesteuert, um die Franzosen mit heißbegehrten, deutschen Würstchen und Sauerkraut zu versorgen. Amüsiert fragt die Autorin an der Stelle, warum nur die Deutschen als »Sauerkrautpeople« bezeichnet würden – nicht auch der Franzmann angesichts seiner Vorliebe für deutsches Alltagsessen.

Togo bekannt als deutsche Vorzeige-Kolonie

Togo mit seiner Hauptstadt Lomé galt bis 1914 als deutsche Musterkolonie. Sie war am 5. Juli 1884 vom Afrikaforscher und Generalkonsul in Tunis, Gustav Nachtigal unter »deutschen Schutz« gestellt und mit Hochdruck innerhalb drei Jahrzehnten von Pionieren und Siedlern mit nahezu perfekter Infrastruktur ausgebaut worden: Straßen, Eisenbahnlinien bis ins Hinterland, effektive Verwaltung, Missions- und Regierungsschulen sowie rentable Kokos-, Palmöl- und andere Plantagen. Diese Überstülpung eines sogenannten »Schutzstatus« war gängige Praxis bei allen Imperial-Staaten und diente anfänglich in erster Linie der Absicherung aufgebauter Handelsbeziehungen und -wege. Nach der Übernahme zuerst kurzzeitig durch England und 1920 dann unter französischem Mandat verschlechterten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse zunehmend, Steuern und Arbeitslosigkeit (über 40 Prozent) stiegen und so blieben Aufstände und Revolten nicht aus. Zugleich verdichtete sich der Ruf nach deutscher Verwaltung, unter der es den Menschen offenbar viel besser ging, beschreibt Dinglreiter die damalige Lage im Land. Dazu ist anzumerken, dass nach Togos Besetzung Frankreich den östlichen, Großbritannien den westlichen Teil erhielt. 1922 stellte der Völkerbund Togo als Mandat unter beider Verwaltung. Der britische Teil wurde der Goldküstenkolonie eingegliedert, der französische Teil in den 30er Jahren mit Dahomé (heute Benin) vereinigt, ab 1936 als Teil des Generalgouvernements Französisch-Westafrika verwaltet.

Markttreiben und unhygienische Geldbörse

Ein besonderes Schauspiel lieferte der Markt in Woga, der Größte seiner Art, zu dem die Leute zu Tausenden im Umkreis von 70 Kilometern strömen. Beeindruckt von dem Marktgetriebe schildert sie das dichtgedrängte, für europäische Verhältnisse fast schon beängstigende Gewimmel, Mensch an Mensch, Kopf an Kopf und der darüber lagernden Atmosphäre an Gerüchen aller Art. Gehandelt wurde mit allem: grelle Stoffe, Emailgeschirr, Öl und Ölkerne, Mais, Kassawa (Maniokwurzeln), Bohnen, Früchte, alle erdenklichen Tiere, einfache Feldwerkzeuge, Federn, Steinchen und sogar Parfum »Marke 4711«. Dringend rät sie davon ab, Papiergeld anzufassen. Denn es wird zumeist unter dem Lendenschurz verwahrt und bei Bedarf, ebenso wie Erdnüsse (sie dienen zur Anfreundung) aus der nicht gerade hygienischen Geldbörse hervorgeholt.

Nicht nur hier in Togo unternimmt sie Exkursionen weit ins Landesinnere, um Flora, Fauna und die ursprünglichen Lebensgewohnheiten der verschiedenen Ethnien kennenzulernen und zu fotografieren. Manchmal stellt man ihr einen Wagen mit Fahrer samt Guide und Koch für die mehrtägigen Unternehmungen zur Verfügung, oder sie traut sich auch schon mal alleine mit Pferd oder zu Fuß in den Busch. Sie erzählt von geheimnisvollen Leopardenmännern, die in einer Art Femegericht über Angeklagte richten, indem sie ihr Boot zum Kentern bringen, dem Verurteilten einen Eisenhaken in die Ferse rammen und auf grauenvolle Weise zu Tode foltern, sie weiß vom »Zauberwald«, einer Art Urwaldschule zu berichten, die jedes Dorf zu besitzen scheint und in der Knaben und Mädchen getrennt mit teilweise martialischen Mitteln für das harte Leben im Busch vorbereitet werden und sie wohnt einem zeremoniellem Totentrunk bei, bei dem eine Kürbisschale mit weinähnlichem Getränk die Runde machte. Den Rest goss der Häuptling mit murmelnden Beschwörungen in den Sand, um böse Geister zu besänftigen.

 

Ludwig Schick

 

Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 11 vom 16. 3. 2019

 

10/2019