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Jahrgang 2019 Nummer 15

Eine ausgestorbene Kunstgattung

Seltene Transparent-Gemälde in der Stiftskirche in Altötting

Blick in den Kreuzgang der Stiftspfarrkirche. (Fotos: BLfD, Simon Mindermann)
2. Station: Jesus nimmt das Kreuz auf sich.
10. Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt.

Nur eine Woche lang – vom Palmsonntag bis Karsamstag – ist eines der eigenartigsten Kunstwerke von Altötting im Kreuzgang der Stiftspfarrkirche zu sehen: ein Kreuzwegzyklus in Transparentmalerei nach Motiven des Malers Joseph von Führich. Die Gemälde werden in der Karwoche in die zum Innenhof ausgerichteten Fensteröffnungen eingestellt und bewirken eine geheimnisvolle Verdunkelung des Kreuzgangs, die hervorragend zum Charakter der Kartage passt.

Die Entstehung des Bilderzyklus steht im Zusammenhang mit dem Bau der im Jahre 1912 eingeweihten St. Anna Basilika. An deren Innenausstattung waren eine Reihe Maler der Münchner und Wiener Kunstakademien beteiligt, die vermutlich auch die Transparentbilder malten. Als Bildvorlagen benutzten sie die Kreuzwegbilder des für seine sakrale Malerei bekannten Künstlers Joseph von Führich. Der im Jahre 1800 in Böhmen geborene Maler wirkte als Akademieprofessor in Prag, Wien und Rom und schuf unter anderem Kreuzwege für den Prager Laurenzisberg und für die Othmarkirche in Wien.

Führichs Passionszyklus hält sich an die überlieferten Kreuzwegstationen. Da deren Kenntnis heute nicht mehr selbstverständlich ist, seien sie in der traditionellen Reihenfolge aufgeführt:

1. Jesus wird von Pilatus zum Tode verurteilt,

2. Jesus nimmt das Kreuz auf sich,

3. Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz,

4. Jesus begegnet seiner Mutter,

5. Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen,

6. Veronika reicht Jesus das Schweißtuch,

7. Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz,

8. Jesus begegnet den weinenden Frauen,

9. Jesus fällt das dritte Mal,

10. Jesus wird seiner Kleider beraubt,

11. Jesus wird ans Kreuz genagelt,

12. Jesus stirbt am Kreuz,

13. Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt,

14. Jesus wird begraben.

Transparent-Bilder, auch Diaphane genannt, erfreuten sich im 19. Jahrhundert großer Beliebtheit, sowohl als Bildelemente bei der Inszenierung großer Feierlichkeiten, als auch zur Dekoration bei Heiligen Gräbern oder zur Unterhaltung und Belehrung in sogenannten Guckkästen. Vorteilhaft war der geringe Aufwand. Durch spezielle Techniken und mit Hilfe einer dahinter liegenden Lichtquelle ließ sich in abgedunkelten Räumen schnell eine illusionistische Wirkung erzielen.

Über die Einzelheiten der Herstellung von Transparent-Bildern sind wir wenig unterrichtet. Untergrund ist ein sehr dünnes, leichtes Leinengewebe, auf das eine dünne Vorleimung aufgelegt wird, um ein Aufsaugen der Farben durch das Gewebe zu verhindern. Darauf kommt mit Pinsel oder Stift die Vorzeichnung, dann der Farbauftrag in magerer Tempera- oder Leimtechnik. Durch den variierenden, dick- oder dünnflüssigen Farbauftrag ist es möglich, der Grad der Transparenz zu steuern.

Gewänder und Inkarnate werden mit malerischen Effekten gestaltet. Die großen Unterschiede in der malerischen Ausführung der Altöttinger Bilder machen es wahrscheinlich, dass hier unterschiedliche Künstler am Werk gewesen sind.

Leider lässt der Zustand der Transparentgemälde im Kreuzgang von Altötting inzwischen viel zu wünschen übrig. Die jährliche Aufstellung und der Abbau sowie die beengte Situation der Lagerung außerhalb der Karwoche haben ihre Spuren hinterlassen. Die Bildspannung ist locker geworden, in der Bildfläche sieht man Löcher und Risse, Wasserränder, Stockflecken und Schimmelauflagen. Eine weitere Aufstellung kann nach Ansicht von Stadtpfarrer Mandl und der Kirchenverwaltung nicht verantwortet werden.

In dieser Situation traten die Verantwortlichen in Kontakt mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege (BLfD). Nach einem Ortstermin und genauer Untersuchung eines Probebildes in den Restaurierungswerkstätten des Landesamts in München wurde einerseits die Notwendigkeit einer fachgerechten Renovierung festgestellt und andererseits die Erhaltenswürdigkeit des Kreuzwegs hervorgehoben. »Die Gemälde sind in ihrer Vollständigkeit und in ihrer Wirkung einmalig und man sollte nicht zögern, die Gesamtsituation der zum Teil recht fragilen Gemälde langfristig zu sichern«, heißt es im Gutachten des Landesamts.

Inzwischen haben Pfarramt und Kirchenverwaltung die Restaurierung der Gemälde beschlossen, einen Finanzierungsplan aufgestellt und an Pfarrangehörige und Wallfahrer appelliert, sich an den Kosten zu beteiligen. Die Bilder kommen nach München in die Werkstatt des Landesamts für Denkmalpflege. Wenn alles nach Plan läuft, kann dann der Kreuzweg in der Karwoche des Jahres 2020 in neuer Frische wieder seinen alten Platz einnehmen.

 

Julius Bittmann

 

15/2019