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Jahrgang 2011 Nummer 15

Ein Japan-Missionar aus dem Salzkammergut

Michael Moser (1853 - 1912) war der erste Fotograf des Tenno

Fotograf Michael Moser mit Gattin Fanny und Sohn Philipp um 1905.

Fotograf Michael Moser mit Gattin Fanny und Sohn Philipp um 1905.
Wohnhaus mit Atelier von Michael Moser in der Ischelerstraße 191 von Bad Aussee.

Wohnhaus mit Atelier von Michael Moser in der Ischelerstraße 191 von Bad Aussee.
Geschäftskarten des Bad Ausseer Fotoateliers von Michael Moser, Ende 19. Jahrhundert.

Geschäftskarten des Bad Ausseer Fotoateliers von Michael Moser, Ende 19. Jahrhundert.
Bad Aussee - ein gemütliches nordweststeirisches Landstädtchen von knapp 5000 Einwohnern. Malerisch gelegen. Ein Juwel des Salzkammerguts. Kurstadt mit dem weltberühmten Narzissenfest als frühlingshafte Tourismus-Attraktion Nummer eins, einem gesunden Salzquellen-Thermalbad mitten im Ort und dem Geburtshaus der Anna Plochl, Postmeisterstochter allhier, die - an der Seite ihres populären Ehemanns, des legendären Erzherzogs Johann von Österreich - als Gräfin von Meran zu einer allseits bewunderten Figur der Geschichte der »kleinen Leute« des Nachbarländchens wurde.

Im Kammerhofmuseum, beherbergt in einem dem ausgehenden 14. Jahrhundert zugehörigen Profanbau der Obersteiermark, hat die liebenswerte Bürgerstochter Anna Plochl (1804 bis 1885) einen Ehrenplatz - nachgeahmt ihrem Ausguck im Plochlhaus auf dem Meranplatz. Es ist der sogenannte »Annensitz«, ein (wie ihre Nachfahrin Maria Theresia von Wietersheim-Meran in ihrer 2010 exquisit verlegten Biographie, bei der »edition muße« in Gmunden erschienen, schreibt) »Podest am Fenster, von dem aus sie mit Hilfe eines kleinen Spiegels auf die Straße blicken konnte…«.

Wer weiß, ob sich Erzherzog Johanns Gemahlin, die als Witwe jeden Sommer ihren Geburtsort besuchte, und der kleine Moser Michl aus Altaussee gekannt haben. Michael ist 1853 zur Welt gekommen, da ist Annas (einziger, zehn Jahre lang heiß ersehnter) Sohn Franz schon 14 Jahre alt. Die Buben dürften sich kaum begegnet sein; lebte Franz doch viele Jahre mit den Eltern in Frankfurt am Main, wohin der Erzherzog, zum Leidwesen seiner Frau, als deutscher Reichsverweser von seinem Kaiser entsandt worden war.

Jedenfalls wäre die erzherzogliche Familie stolz gewesen auf ihren tüchtigen Landsmann, der in Altaussee geboren wurde. Als 14-Jähriger sehen wir ihn als Lehrling des Wiener Fotografen Wilhelm Burger. Und der nimmt ihn als Assistenten auf eine »k. k. ostasiatische Mission« mit, die in Triest beginnt. Stationen sind Gibraltar, Kapstadt, Singapur, Bangkok, Shanghai, von wo aus Michael Moser nach Japan aufbricht. Am 2. Oktober 1869 trifft er in Yokohama ein. Hier bleibt er als einziger der Mission allein zurück. Vier volle Jahre lang. Was ihn wohl dazu bewogen haben mag?

Der Fotograf aus Aussee im steirischen Salzkammergut fand in der japanischen Hafen- und Industriestadt Yokohama auf Hondo eben zunächst einmal seine Bleibe. Er lernte Japanisch. Er eignete sich die japanische Kultur an. Er war als Übersetzer und Dolmetscher tätig. Sein Beruf: Fotograf. Ein dem Museum vorliegender Brief des Vaters Joseph Moser »An den Photografen Michael Moser«, aufgegeben am 9. Februar 1873 auf dem Postamt in der Ausseer Kirchengasse 164, nimmt einen Weg, der aus den Stempeln nachvollziehbar ist: per Bahn geht er nach Brindisi, Italien, von hier durch den damals neu eröffneten Suezkanal per Schiff nach Hongkong, und erst am 12. April 1873, also nach 62 Tagen, erreicht er den Adressaten in Yokohama.

Da ist dieser aber schon auf dem Weg nach Wien. Hier ist er nämlich engagiert als Dolmetscher für die japanische Delegation bei der Weltausstellung, die der erste japanische Gesandte in Wien, Sano Tsunetami, leitet. Nach 138 Tagen wird der Vater- Brief nach Hongkong zurückgesandt und nach Österreich retourniert. Aussee leitet ihn schließlich nach Wien weiter, wo er am 28. November 1873 - nach 293 Tagen »Unterwegs-sein« und einer Reise um die halbe Welt - dem erstaunten Michael Moser ausgehändigt wird. Im Juni 1873 war dieser auf Kurzurlaub von Wien aus nach Hause gereist. Er sieht seine Eltern und die sechs Geschwister in Altaussee wieder.

Schon zu Beginn seiner Missionsreise führt Moser ein Reisetagebuch. Im Kammerhofmuseum, wo man dem berühmt gewordenen Ausseer, von dem allerdings lange Zeit kaum etwas bekannt war, derzeit eine Ausstellung widmet, ist die erste Seite seines handschriftlich geführten Diariums aufgeschlagen. »Mit Gott« beginnt Michael Moser seine Bleistift-Eintragungen. Und setzt auf die Seite daneben ein Andachtsbildchen vom berühmtesten steirischen Wallfahrtsort Mariazell.

Eines seiner Reisenotiz-Bücher betitelt er »Von Tokio nach Philadelphia«. Darin ist zu lesen: »Am 9. März 1876 fuhren wir mit der Eisenbahn nach Yokohama, wo wir in einem Teehause einkehrten. Die Bahn, die teilweise über ausgefüllt Dämme & Reisfelder geht, ist 8 Ri (Stunden) lang & die Fahrt dauerte 50 Minuten. - Da die meisten Japaner von ihren Familien begleitet waren, so wurde noch ein großes Abschiedsessen gehalten, wobei keine Leckerbissen fehlen durften & so der Abend noch eine gemütliche Unterhaltung nach japanischer Weise bot… Des anderen Tages um 10 Uhr vm. begaben wir uns auf das… Dampfboot ‘Oceanick‘, das um ½ 2 Uhr von Yokohama abging.« Diese Fahrt tritt Moser als Übersetzer der japanischen Delegation für die Centennial-Exhibition an. Er erkrankt an Typhus und muss drei Monate im Pennsylvania-Hospital verbringen.

In Wien hatte drei Jahre zuvor unser Japan-Fan aus dem Salzkammergut die »Mondscheinfotografie« bei Carlo Naya studiert. Dabei werden die Fotos bei Tageslicht aufgenommen, dann aber mit einem blauen Farbton entwickelt, so dass sich der sogenannte Nacht-Effekt ergibt, der obendrein mit Gouachen retuschiert wird. Solche Tricks wendet Moser nun daheim an. 1877 kehrt er nach Altaussee zurück - und betritt von nun an nie wieder japanischen Boden. Hier war es ihm vergönnt, als erster Fotograf den Tenno, den japanischen Kaiser, zu fotografieren. Die Ausstellung zeigt zwei Aufnahmen des 122. Tenno Japans namens Mutsuhito. »Er war«, so erfährt man, »ein wichtiges Symbol der Einheit des Landes und zentrale Gestalt des Shintokultes«. Mutsuhito führte seine Nation zur Industrie- und Seemacht. Unter seiner Ägide wurden das japanische Feudalsystem abgeschafft und das öffentliche Schulwesen sowie der Gregorianische Kalender eingeführt. Mutsuhito war beim Volk sehr beliebt.

1878 reist Michael Moser nach Paris, wieder als Übersetzer bei der Weltausstellung fürs Japanische. In Bad Aussee, inzwischen längst beliebter Sommerfrischeort mit Kurhausbetrieb, hat Michael Moser ein eigenes Fotoatelier, in der Ischlerstraße 191. Auf den erhaltenen Visiten- und Geschäftskarten weist er stolz auf Anerkennungsdiplome (unter anderem des K. K. Wiener Museums) und -preise hin. Sein Logo: ein aus einem Wolkenkranz ragender Berg, davor japanische Architektur mit japanischem Schriftzug: Erinnerung an die Zeit, da er in Yokohama Geishas und Pagoden im Mondschein, japanische Tempel und Straßenszenen, aber auch zahlreiche Familien fotografierte. In Bad Aussee setzt sich 1882 unter anderem der in Aussee kurende Dichter Peter Rosegger vor Mosers Atelier-Kamera.

Michael Moser ist 36 Jahre alt, als er Franziska (Fanny) Frühwirth heiratet, die ihm ein Jahr darauf den Sohn Philipp schenkt. Auf einer Photographie des Jahres 1905 lächeln die drei Mosers zufrieden in die Kamera - wohl des Herrn Papa selbst. Im 60. Lebensjahr stirbt Michael Moser in Bad Aussee.

Die Idee zu der von Richard Edelsbrunner unter Mitarbeit von Gerhard Gross gestalteten und von Max Aufischer konzipierten Ausstellung hatten Stella Avallone und Stefan Pehringer. Erika Selzer vom Bad Ausseer Kammerhofmuseum und Alfred Moser, Wien, wird für tätige Mitwirkung gedankt. Die Öffnungszeiten der Michael Moser-Schau im ehemaligen Salzamtsgebäude von Bad Aussee (Anfang Mai bis Ende Oktober) - das mit seinen erst jüngst freigelegten, entzückenden Wandmalereien und zahlreichen Exponaten zum ortsansässigen Trachtenhandwerk, zu Salzund Ortsgeschichte sowie Brauchtums- und Alltagskultur glänzt - sind per Telefon (0043-676-83622520) und per E-Mail zu erfahren: kammerhofmuseum@badaussee.at. Lohnend auch: Literaturmuseum und »Salzwelten « von Altaussee, der »Kaiserliche Stall« in Grundlsee und der »Alpengarten« in Bad Aussee.

Hans Gärtner



15/2011