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Jahrgang 2011 Nummer 26

Die Grassauer Ausstellung im Sommer 1948

Es war eine Leistungsschau einer Gemeinde in der Nachkriegszeit

Mit diesem Plakat wurde für die Grassauer Leistungsschau 1948 geworben.

Mit diesem Plakat wurde für die Grassauer Leistungsschau 1948 geworben.
Bürgermeister Häringer, 1949.

Bürgermeister Häringer, 1949.
Ausstellungsstücke auf kleinstem Raum: Keramiken, Bilder, Schreinerarbeiten und ein Pferdehalfter.

Ausstellungsstücke auf kleinstem Raum: Keramiken, Bilder, Schreinerarbeiten und ein Pferdehalfter.
Am 22. Juli 1948 machte Gemeinderat Rudolf Harbeck dem Grassauer Bürgermeister Häringer den Vorschlag, eine Kunstausstellung zu veranstalten und so einen Gegenpunkt zu der sehr ernsthaften und beschwerlichen Nachkriegszeit zu setzen.

Häringer war sofort von der Idee begeistert und so wurde eine Liste der in Frage kommenden Künstler erstellt und diese sofort angesprochen. Bereits am folgenden Tage waren so viele Zusagen erfolgt, dass die Ausstellung schon gesichert war. Schon am 31. Juli 1948 erteilte auch der Gemeinderat seine Zustimmung. In einem Aufruf wurden alle kulturell Schaffenden zur Teilnahme aufgerufen.

Aufruf!
Die Gemeinde veranstaltet in der Zeit vom 8. August 1948 bis (voraussichtlich) 1. September 48 eine Ausstellung, die einen Querschnitt durch das kulturelle Schaffen innerhalb der Gemeinde bringen wird. Vorgesehen sind folgende Ausstellungsgruppen:

Malerei Buch
Bildhauerei Presse
Kunsthandwerk Foto
Kunstgewerbe

An alle jene Gemeindeangehörige, die auf obigen Gebieten schöpferisch tätig sind, ergeht hiermit der Aufruf, sich an dieser Ausstellung zu beteiligen. Alle Aussteller werden höflichst gebeten, am Dienstag den 3. August Nachmittag (14 – 18 Uhr) auf der Gemeindekanzlei vorzusprechen bzw. eine Liste der von ihnen vorgesehenen Ausstellungsstücke dazu Name u. Vorname einzureichen.

Nachdem anfänglich nur Kunst und angewandte Kunst gezeigt werden sollte, zeigte zunehmend auch das Handwerk, Gewerbe und die langsam entstehende Industrie Interesse, sich zu beteiligen.

Mit der Ausstellung sollte einerseits der Kontakt der örtlichen Künstler und Gewerbetreibenden untereinander gestärkt und andererseits aber auch Besucher von außerhalb in die Gemeinde gelockt werden. Dazu wurde versucht Kontakte zu Reisebüros und den Bayerischen Fremdenverkehrsverband aufzunehmen.

Bereits am 4. August erschien der erste Hinweis auf die Ausstellung im Südost-Kurier.

Unter Beteiligung der Aussteller wurden zwei Räume im neuen Schulgebäude als Ausstellungsräume hergerichtet. Dazu wurde ein kleiner Ausstellungsführer gestaltet.

Am 8. August um 11. Uhr vormittags konnte die Ausstellung nur wenig mehr als 2 Wochen nach dem Vorschlag eröffnet werden.

In seiner Eröffnungsrede sagte Bürgermeister Häringer:

»Als Vertreter der Gemeinde Grassau möchte ich Sie alle herzlich begrüssen.

In schwerer sorgenvoller Zeit, will diese kleine Schau einen Querschnitt geben durch und über das Schaffen in unserer Gemeinde.

Die Ausstellung, die zu eröffnen ich heute die Ehre habe, wurde vor 10 Tagen angeregt. Mit 8 Malern haben wir begonnen, 15 sind es geworden, dazu kamen Schriftsteller und Schriftstellerinnen, Garphiker, Lichtbildner und Lichtbildnerinnen, Bildhauer, Kunstgewerbler, ferner das Handwerk aus allen Richtungen und unsere Industrien. Einige Aussteller beschicken die Ausstellung aus technischen Gründen etwas später. Vor 9 Tagen war die Mitarbeit des Grossteils der Aussteller gesichert und damit die Durchführung beschlossen.

Zunächst war vorgesehen, Kunst und angewandte Kunst zu zeigen. Das grosse Interesse an der Ausstellung zeigte sich aber überall und vor 6 Tagen wurden Handwerk und Gewerbe dazu gebeten. Der vergangene Dienstag war Anmeldeschluss; am Mittwoch ging der Katalog zur Druckerei; der Donnerstag war der Haupttag für die Anlieferung; am Freitag sind die einzelnen Gegenstände an ihre Plätze gebracht worden und gestern um 6 Uhr abends habe ich, als eine der letzten Arbeiten, die Kataloge in der Druckerei abgeholt.

Ich glaube nicht, dass in dieser kurzen Zeit eine solche Ausstellung schon erstellt worden ist. Diese kurze Zeit war nur ausreichend durch die unermüdliche Mithilfe aller Aussteller und der Hängekommission. Ihnen allen danke ich im Namen der Gemeinde. Besonders danken möchte ich meinem Mitarbeiter Herrn Harbeck und meiner Gefolgschaft.

57 Aussteller, Einheimische, Flüchtlinge und Evakuierte zeigen insgesamt 583 Arbeiten.

Es ist vorgesehen im Rahmen der Ausstellung einige kleine kulturelle Veranstaltungen zu bringen, wie Leseabend, Musikabend usw., vorausgesetzt, dass sich die erforderlichen Kräfte zur Verfügung stellen, wozu ich herzlichst bitte.

Wenn wir mit unserer Ausstellung erreichen, dass unsere Künstler sich kennenlernen untereinander, dass unser Handwerk und unsere Industrie sich kennenlernt, kurzum, dass wir uns alle kennenlernen in unserem Tun und Arbeiten, dann haben wir einen grossen Teil unseres Ziels erreicht.

Wenn wir aber erreichen, dass unsere Künstler, unsere Handwerker und unsere Industrie sich wechselseitig anregen, dann ist unser Weg, den wir beschritten haben, der rechte und wir werden, trotz der schweren und sorgenvollen Zeit die Öffentlichkeit für uns gewinnen und damit doch, wenn auch kleine Erfolge haben.

Und nun meine Damen und Herren sind Sie mit unseren Räumen und mit unserer Ausstattung, die nur in einfachster Art sein konnte, zufrieden; urteilen Sie nicht zu hart, aber urteilen Sie.

In diesem Sinne eröffne ich hiermit die Ausstellung!«

Der Bürgermeister konnte bei der Eröffnung der Ausstellung zwar keine Vertreter der Nachbargemeinden, des Landkreises, der Bezirksregierung oder des oberbayerischen Fremdenverkehrsverbandes begrüßen, dafür aber 483 Besucher.

In einem Artikel im Südost-Kurier vom 25. August 1948 gab August Sieghardt einen ausgezeichneten Überblick über die Ausstellung unter dem Thema Handwerk und Industrie in der Grassauer Ausstellung:

»Zwanzig Firmen als Vertreter des heimischen Handwerks und der Industrie im Gemeindegebiet Grassau haben in der Leistungsschau der Gemeinde Grassau im neuen Volksschulgebäude ihre Erzeugnisse zur Schau gestellt und der Öffentlichkeit damit schon der Zahl nach einen überraschenden Einblick in die Entwicklung, die die Landgemeinde Grassau, die sonst in der Hauptsache nur als Fremdenverkehrsort bekannt gewesen ist, in den letzten Jahren nach dieser Richtung genommen hat. Es handelt sich hier freilich nicht nur um einheimische, alteingesessene Betriebe, sondern vielfach auch um solche, die erst in der Kriegs- und Nachkriegszeit hierher übergesiedelt sind oder um solche, deren Inhaber dem Kreis der Flüchtlinge angehören.

Die Textilfabrikation steht dabei an erster Stelle; sie ist bemüht, in der Fabrikation besonders der Bodenständigkeit Rechnung zu tragen, indem sie sich weitgehend auf die Erzeugung heimischer Trachtenkleidung einstellt. Auf diesem Gebiete sieht man in der Grassauer Ausstellung ganz reizende Proben geschmackvoller neuzeitlicher Textilfabrikate. Die Textilwerke Linnartz z. B. haben neben Arbeitskleidern wunderhübssche Damen- und Kinderdirndl ausgestellt, ebenso die Damenoberbekleidung Edith Kirchhofer. Gefällige Damenstrickkleider zeigen uns Hermann Meynen, reizende Trachtenkleidung die Damenschneiderei Annelies Bachmann, während die Maßschneidereien Erich Klingbeil, Franz Schleier und Franz Schmid hübsche Trachten- und Damenkleider, Herrenanzüge und Mäntel vorführen, in einer Art, die sich auch in der Großstadt sehen lassen kann. Recht ansprechend sind auch die handgewebten Möbelbezugsstoffe, Sofakissen und Läufer der Handweberei Hans Wimmer, die in Textildruck hergestellten Kleider und Kissen von Koch & Matz, die mit bunten Alpenblumen versehenen Filzarbeiten (Buchhüllen, Taschen, Gürtel) von Julia Pschierer, die rund und viereckig ausgenähten Decken von Margarete Kowal.

Das Grassauer Handwerk zeigt Spitzenleistungen, die mit Recht die einhellige Bewunderung aller Besucher finden. Künstlerische Intarsienbilder aus Edelholz und von Heidelberg beleben mit wunderschönen Holzdosen und Schatullen die Ecke, in der die Möbelschreinerei Josef Schmaus die in hellbrauner Eiche hergestellte vornehme Herrenzimmer-Einrichtung mit Schreibtisch, Konferenztisch, Bücherschrank u. dergl. ausgestellt hat. Florian Münch ist Spezialist in bleiverglasten Fenstern und verbleiten Spiegeln. Simon Münchs große barocke Glasvitrine enthält Gold- und Silberarbeiten, darunter auch prachtvolle Trachtenstücke, dass einem fast die Augen übergehen möchten. Stefan Kirchleitner leistet als Spenglermeister Tüchtiges in der Herstellung von Hängeampeln und kupfernen Weihbrunnkesselchen und die zwei prächtigen Pferdehalfter samt Hintergeschirr der Sattlerei und Tapeziererei Xaver Raffl stechen natürlich besonders unseren Roßbesitzern in die Augen. Komplette Skiausrüstungen und Rodelschlitten der Wagnerei Josef Schwaiger verraten mit Erzeugnissen der Sportschuhfabrik R. Beuthin (die seit mehr als 130 Jahren hier anäßig ust(, dass Grassau auch auf diesem Gebiet auf der Höhe ist. Aus dem benachbarten Schloß Niedernfels haben die Bayerischen Elektromechanischen Werkstätten (BELWE) gediegene Lampen und elektromedizinische und ähnliche Geräte beigesteuert, während Ernst Voß neuzeitliche Radio-Einbaugehäuse zeigt.

Schließlich betrachtet man noch die auf einem Tisch ausgebreiteten Pläne und Entwürfe der Bau- und Architektenfirma Math. Hörterer & Sohn fü den Neubau des Pfarrhauses und des Leichenhauses in Egerndach, für die Erstellung neuer Land- und Bauernhäuser in Grassau und Rottau und für einen Kapellenneubau in Niedernfels. – Beachtung verdienen auch die gedrechselten und eingelegten Holzteller von Imra Pincas. Die weiblichen Besucher werden die Damenhüte von Anny Lehmann interessieren. Georg Dietrich stellt sich als Bemaler von Bauernmöbeln und Vertäfelungen vor. Den herrlichen Blumenschmuck für die einzelnen Abteilungen der Ausstellung stellte die Gärtnerei Lackner.

Neue Kunstwerke: Trotz dieser Reichhaltigkeit der Ausstellung vermisst man in der zweiten Abteilung noch den einen oder anderen bewährten Meister Grassauer Handwerkskunst, wohl aus dem Grunde, weil die Zeit der Vorbereitung für die Ausstellung etwas zu knapp bemessen war. Es haben sich aus diesem Grund noch einige Nachzügler – auch auf dem Gebiet der Malerei und des Kunstgewerbes – eingestellt, die wir der Vollständigkeit halber nicht ungenannt sein lassen wollen. Als ein feinsinniger Lyriker mit Pinsel und Palette offenbart sich Fritz Wolff in seinen aus starker Naturverbundenheit heraus gestalteten Oelbildern aus Grassau und Umgebung, die auch in punkto Technik nichts zu wünschen übrig lassen; das gilt besonders für das Bild "Grassau mit Westerbuchberg". Auf dem Gebieten des Aquarells kann man an Hand der Bilder von Prof. Csanke Denes* (Weiher bei Grassau und Grassauer Bauernhaus) und von Otto Obermaier (der famose Schwarzweißzeichnungen und Deckaquarelle ausstellt) die kontrastierende Auffassung einzelner Maler in der Kunstrichtung studieren. Obermaier beherrscht daneben auch recht gut das Gebiet moderner Tiermalerei. Ein erlesenes Stück ist vortreffliche Tuschzeichnung, die Hans Goderbauer in dem verlassenen Industriewerk von Staudach zeigt; sie hängt neben einem zweiten Meisterstück, der famosen Bleistiftzeichnung Hermann Schöllhorns, "Spinnerin" betitelt, die die 70jährige Türkenbäuerin Frau Anna Rieder in Mietenkam wiedergibt. Von dem genannten Künstler stammt auch ein Oelbild "Mietenkam im Schnee" und ein "Stilleben mit Obst und Brot", das eine Herausstellung verdient. Als eine begnadete Künstlerin des Scherenschnittes offenbart sich Erika Ekl. Die moderne Aquarellmalerei wird unterstrichen durch die "Schneeschmelze" und die "Sonnenblumen" des schon genannten Hans Goderbauer.

Damit glauben wir unser Chronistenpflicht der Grassauer Ausstellung gegenüber erfüllt zu haben. Wir konnten es mit gutem Gewissen tun, denn diese Leistungsschau einer Gemeinde von 3200 Einwohnern ist in jeder Hinsicht eine Tat, auf die Veranstalter und Beteiligte stolz sein können.

August Sieghardt«

Am 14. August fand bei recht gutem Besuch der erste Leseband mit Vorträgen von Dr. von Scherer und Horst Eggert statt. Sie lasen aus den Werken von Goethe, Schiller, Lenau, Rilke und Münchhausen.

Die Lesung wurde einerseits in der Presse gelobt, andererseits wurde aber eine »teilweise unzeitgemäße Tendenz in der Betonung soldatischen und landsknechtischen Mannestums« bemängelt. Bürgermeister Häringer verfasste sofort eine Richtigstellung und wies darauf hin, dass es sich um klassische Deutsche Literatur teils um Liebesgedichte handelt. Da eventuell der Vortrag von Münchausens komischer Ballade gemeint sein konnte, bemerkte er an, dass diese im amtlichen Deutschen Lesebuch IV, welches im Auftrag des Obersten Befehlshabers der alliierten Streitkräfte veröffentlicht wurde.

Am 15. August konnte der 1000. Besucher begrüßt werden, ein kleines Mädchen Hermine Frey aus München, welche nach Grassau evakuiert worden war. Sie erhielt ein Porträt der Firma Weidinger-Jäger, einen Satz Krüge, gestiftet von der Achental-Keramik und einen Puppenkopf, gestiftet vom Grassauer Kasperl, der Firma Harbeck.

Am Sonntag wurden insgesamt 837 Besucher gezählt.

Am 20. August fand die nächste Kulturveranstaltung unter dem Motto »Besinnlichkeit und Heiterkeit« mit Willy Reichert, Willy Hahn und Frau Maria Schütz-Seibold im Sperrer-Saal bei wiederum sehr guten Besuch statt. Die Gesamteinnahmen der Veranstaltung flossen dem Grassauer Kultur-Fonds zu.

In einem Artikel für die Presse fasste Rudolf Harbeck am folgenden Tag seine Eindrücke zusammen:

»Die „Grassauer – Ausstellung“ zeigt: Willy Reichert!

Seit rund einem dutzend Jahren wohnt Willy Reichert in der Gemeinde Grassau. Hier fand er immer die Ruhe, die er braucht, um sich von seiner Arbeit zu erholen und – wie er es blos macht? – immer noch besseres zu schaffen. Still lebt er hier, so still, dass viele Grassauer gar nicht wußten, was für einen berühmten Mitbürger sie haben. Im Rahmen der „Grassauer Ausstellung“ aber, wo jeder künstlerisch oder sonst produktiv schaffende Grassauer seine Leistung der Öffentlichkeit zeigt, da hat auch Willy Reichert nicht gezögert und zu gunsten eines „Kultur-Fonds“ der Gemeinde am Freitag, den 20. August im Sperrersaal zu Grassau einen Abend gestaltet unter dem Motto „Besinnlichkeit und Heiterkeit“. Um es vorweg zunehmen: der Erfolg war so groß, dass heute ganz Grassau nur noch von unserem Willy Reichert spricht.

Brechend voll war der schön geschmückte Saal. Von Marquartstein, Übersee und vielen anderen Orten kamen Gäste. Mit launigen Worten begrüßte Bürgermeister Häringer die „Ausstellungsbesucher“ und dann…… ja dan schlug Willy Reichert alle in seinen Bann. Sofort sprang der Funke seines köstlichen Humors auf alle über und entfachte eine Stimmung, die im Laufe der 2 Stunden zur Flamme der Begeisterung anwuchs. Willy Reichert ist eben eine ganz besondere species unter den Humoristen: er wird niemals platt; er ist kein Witzbold; er braucht keine handgreiflichen Zweideutigkeiten; er – hat Humor. Ein Geschenk der Götter. Und er verwendet dieses Geschenk weise, schenkt wahre Freude und geht auch an den ernsten Dingen des Lebens nicht vorbei. In ihnen zeigt er uns die heitere Seite und in dem belustigenden Geschehen weist er auf das Besinnliche. Wie ein Zauberer wandelt er und schenkt viel mehr als brüllendes Gelächter: Besinnlichkeit und Heiterkeit.

Mit ihm war ein anderer hiesiger Künstler: Willy Hahn, ein virtuoser Pianist. Mit zwei Walzern von Chopin führte er sich ein. Und dann prasselte eine Flut von Uraufführungen los, die Willy Hahn als Komponisten zeigten. Premieren in Grassau / München, Stuttgart, Berlin kommen nach. Und wie sie gefallen haben? So gut, dass man wünscht, Willy Hahn möchte den ganzen Ringelnatz vertonen.

Mit einer Stimme, die vom Herzen kam und zu Herzen fand, sang Frau Maria Schütz-Seibold, Grassau (Sopran) Lieder von Mozart und Schubert und rundete so den Abend in einer glücklichen Form ab.

Ein stürmischer Applaus dankte allen, die diesen herrlichen Abend ermöglicht hatten. Und als die Gäste in die leicht verregnete Nacht hinein nach Hause gingen sprachen zueinander: „Ich hätt nicht geglaubt, was es alles in Grassau gibt.“

Rudolf Harbeck«

Am 22. August konnte der 2000. Besucher begrüßt werden. Die Glückliche war Maria Schreiner, welche ein Bild des Malers Th. Bleser erhielt.

Am 26. August folgte ein Vortrag zur Geschichte von Grassau von Herrn Pfarrer Hausladen. Der Vortrag mit vielen bislang nicht bekannten Fakten wurde leider nicht schriftlich niedergelegt.

Am 27 August kamen 450 Personen in den überfüllten Sperrer-Saal zur Aufführung des Grassauer Kasperls, ein Höhepunkt insbesondere für die Grassauer Kinder.

Auch die folgende Veranstaltung mit den Grassauer Schriftstellern wurde wiederum ein großer Erfolg. Im vollbesetzten Sperrersaal lasen Frau Schmitz, Frau Osann, Herr Sieghardt, Herr Pschierer und Herr Schaepper aus ihren Werken. Musikalisch wurde die Veranstaltung umrahmt durch die Herren Adam, Breit und Seibold. Nach den Worten von Bürgermeister Häringer war »diese Veranstaltung das, als was sie vorgesehen: unsere Schriftsteller mit der Öffentlichkeit bekannt zu machen, und das ist bestimmt erreicht worden.«

August Sieghardt übergab an diesem Abend auch der Gemeinde sein eigens erstelltes Gedicht offiziell der Gemeinde.

Am letzten Ausstellungstag, dem 29. August, erhofften sich die Aussteller den 3000. Besucher. Dazu hatten die Textilwerke Linnartz eine Ehrengabe zur Verfügung gestellt. Wegen des verregneten Vormitags kamen aber letztendlich »nur« insgesamt 2937 Besucher.

Die Gesamteinnahmen der Ausstellung und der begleitenden Kuturveranstaltungen betrug 1444,82 Mark, die Ausgaben 769,81 Mark. Somit ergab sich ein Überschuss von 675,01 Mark, der dem Kulturfonds zufloss und mit dem auch weitere kulturelle Veranstaltungen gefördert werden sollten.

Bereits am 16. September folgte ein Lichtbilder-Vortrag von Pfarrer J.M. Hausladen im Sperrer-Saal unter dem Titel »Die Grassauer Kirche« und am 30. September 1948 ein Leseabend mit Musik der Zeit im Weißbräu unter dem Titel »Aus 10 Jahrhunderten Deutscher Literatur - Vom XX. Jahrhundert«.

In einer Zusammenfassung seiner Erfahrungen mit der Ausstellung in Grassau betonte Bürgermeister Häringer bei einem Treffen aller Aussteller und Kulturinteressierten im Gasthof Sperrer am 13. Oktober: »Die Ausstellung hat gezeigt, dass Grassau tatsächlich größer geworden ist, dass die Betriebe sich vermehrt haben, dass Industrie entstanden ist und dass viele Menschen unter uns sind, die an einer Pflege kulturellen Lebens grosses Interesse haben und sich daran beteiligen. Ich möchte daher, das was die Ausstellung gezeitigt und geweckt hat, nicht verlieren, sondern weiterpflegen und ich glaube, Sie alle sind damit einverstanden, wenn ich Ihnen mitteile, in der nächsten Gemeinderatssatzung werde ich einen Antrag einbringen dahingehend, dass die Gemeinde zur Pflege des kulturellen Lebens einen ehrenamtlichen Referenten bestellen wolle.

Ich stelle mir vor, es muss der richtige Mann gefunden werden, der die Aufnahmefähigkeit und die Leistungsmöglichkeit für unser ländliches Dorf richtig abstimmt, denn dann ist Gewähr dafür gegeben, dass weder eine Überspannung, noch ein vorzeitiges Erschlaffen eintritt. Dass die Gelder, welche für kulturelle Zwecke erworben oder gespendet werden und nun schon bereits vorhanden sind, für diesen Zweck gesichert sind und bleiben, brauche ich Ihnen nicht besonders zu erklären. An Sie alle richte ich die Bitte, tun Sie mit und helfen Sie mit, dann können wir uns in dieser so arg hässlichen und schweren Zeit, wenigstens manche Stunde der Erbauung und Freude schaffen.«

Auch wenn sich der Wunsch aller Beteiligter nicht erfüllte, der Grassauer Ausstellung 1948 noch viele weitere folgen zu lassen, entwickelte sich Grassau in den folgenden Jahrzehnten zu einem kulturellen Zentrum mit vielfältigen Aktivitäten auf musikalischem Gebiet, Theater und auch einer Vielzahl von Ausstellungen.

Olaf Gruß

* Damit ist Denis Csanky gemeint, ein ungarischer Flüchtling, der in seiner Heimat als Kriegsverbrecher gesucht wurde.



26/2011