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Jahrgang 2011 Nummer 38

»Die Alpen, die lockenden Alpen!«

Salzburger Residenzgalerie zeigt Bergwelt zwischen Erhabenheit und Auflösung

Robert Russ: »Gebirgsbach nach dem Gewitter«, Ölgemälde auf Leinwand, 1891.

Robert Russ: »Gebirgsbach nach dem Gewitter«, Ölgemälde auf Leinwand, 1891.
Friedrich Gauermann: »Hirsch, von einem Luchs verfolgt«, Ölgemälde auf Leinwand, 1831.

Friedrich Gauermann: »Hirsch, von einem Luchs verfolgt«, Ölgemälde auf Leinwand, 1831.
Alfons Walde: »Skihügel«, Öl auf Leinwand, 1924.

Alfons Walde: »Skihügel«, Öl auf Leinwand, 1924.
Ein junges, alpin gekleidetes Ding, unverkennbar nicht aus dem hohen Norden, sondern eher in Tirol daheim, benützt den Rücken ihres Onkels zum Schreiben einer Karte aus dem »Gebirg‘« – wo immer die beiden bei ihrem nachmittäglichen Aufstieg auch gerade sein mögen. Der Onkel, sich den Bauch haltend, macht ein gar unglückliches Gesicht, als ob ihm was wehtät‘… Soweit die Schwarzweiß- Illustration des ziemlich unbekannten Zeichners Theodor Grätz aus den »Fliegenden Blättern«, Jahrgang 1899. Unter dem Titel »Nachschrift auf einer Ansichtspostkarte« steht: »…Entschuldige die schlechte Schrift, ich schreibe diese Karte auf dem Rücken des Onkels, und der ist furchtbar unruhig…«

Warum, das erfährt der Leser sogleich. Nicht etwa weil das Bergwanderer- Paar sich im »Gebirg‘« verstiegen hat, ein Unwetter droht oder ein wildes Tier aus dem Gebüsch lugt, nein: »… weil er (der Onkel) diesen Mittag zwei Pfund Lachs gegessen hat«.

Man soll halt nicht mit vollem Magen einen steilen Aufstieg wagen. Gleich zu Beginn der Ausstellung »Alpen – Sehnsuchtsort & Bühne« fallen dem Besucher mehrere ähnliche Blätter ins Auge. Vergrößert, unübersehbar schmücken sie, für gute Stimmung sorgend, die Wand des schmalen Gangs in die hellen, weiten Räume der Salzburger Residenzgalerie, die wieder einmal quasi die Festspielzeit um gut zwei Monate verlängert und mit einer bemerkenswerten Schau bis fast in den Advent hinein aufwartet. Für die »Nachzügler« grad recht. Nicht durchwegs sind sie alpin interessiert, damit ist zu rechnen. Also ist es nur zu begrüßen, dass sie auf das Beste zugleich belehrt und unterhalten werden.

Erholung, Befreiung, Wolkennähe

Das vollführen (gut beschriftete) Bildwerke unterschiedlichen Genres: Gemälde in romantischer, klassischer oder moderner Art. Grafik – Originale und in Zeitungen, Zeitschriften, auf Postkarten und Poster gedruckt. Künstlerische und durchaus auch einige laienhaft anmutende Fotos, die den Amateur-Knipser ebenso verraten wie sie darauf hinweisen, dass nicht nur ausgekochte Alpinisten sich »in die Berge« begeben, nicht nur Sportliche, sondern auch Erholung, Befreiung, Wolkennähe, Horizonterweiterung Suchende. Riesige, dunkel gehaltene Fotoarbeiten fallen aus dem Rahmen, die aus der Richtung des nicht immer »passenden« zeitgenössischen Designs stammen.

Eine Arbeit von Michael Reisch hängt sich da gleich ein, nachdem man eine Reihe der üblichen »schönen« Alpen-Bilder genießen durfte: »Gebirgsbach nach dem Gewitter« von Robert Russ (1891), »Watzmann« von Josef Mayburger (1866), »Bad Gastein mit Wasserfall« von Thomas Ender (um 1829) und dergleichen hochgemut stimmende naturgetreue Darstellungen, die die Erhabenheit der Alpen, ihre Feierlichkeit, ihr Verlockungs-Potential demonstrieren. Ganz selten Tiere – wie sie etwa anmutig, beschaulich Edmund Mahlknechts »Landschaft bei Zell am See« um eine Sennerin versammeln lässt. »Bei der Kuppe im Mittelgrund erscheint der offenbar sehnsüchtig Erwartete«, kommentiert Astrid Ducke im Katalog – dem reich bebilderten und hervorragend getexteten Begleitbuch, das ebenso zur Vertiefung wie als Nachschlagewerk dienen
kann und großartige Aufsätze von acht Experten und der Herausgeberin Erika Oehring selbst enthält.

Von der Romantik bis zur Gegenwart

Ja, die Sehnsucht. Sie wird, neben der Bühne, stark thematisiert in so manchem Detail des Dargestellten. Zeigt sich besonders in den Augen der Betrachtenden, die durch die schöne Ausstellung schreiten: Voll Bewunderung und Hingabe blicken sie auf die oft monumentalen Alpen-Bilder - von der Romantik bis zur Gegenwart. Geradezu heilig ragt die Bergkette empor, die Deutschland vom Sehnsuchtsland schlechthin trennen: »Italien liegt gegenüber! / Während, einer Wache gleich, / Die Alpen / Die lockenden Alpen / Für immer dazwischen stehn!« So dichtete die Amerikanerin Emily Dickinson, 1886 mit 56 Jahren gestorben. Wir Bayern haben, mit den Österreichern, gottgegebenermaßen großen Anteil an dieser »Trennwand«. Und gen Salzburg rücken die Alpen schon merklich heran, doch sind Großvenediger und die Marmolata, die Drei Zinnen, ja sogar die Zillertaler, Ötztaler oder die Hohen Tauern noch eine ganze Latte weit weg.

In elf Räumen breitet sich die Ausstellung aus, mit Bildern, Objekten und Installationen (wie etwa der schwer zugänglichen des 59-jährigen Münchners Stephan Huber, »Shit happens 2« betitelt), mit wunderlichen »Fallstudien zur Tourismusindustrie« von Jules Spinatsch, 1964 in Davos geboren (aus der Serie »Snow Management«) und anderen Arbeiten modernistischen Zuschnitts, die einem jegliche Berg-Illusion rauben, weil sie Technik zeigen und nicht Romantik, das Virtuelle und nicht das Naturgemäße. Nur wenige lustig stimmende Karikaturen sind zu sehen, auch stilisierte Alpenkulissen (wie sie in zahlreichen Werbe-Plakaten zum Vorschein kommen und für ein Lächeln beim Betrachter sorgen).

Zwischen Schwere und Leichtigkeit chargiert diese Ausstellung, zwischen Ernst und Heiter, zwischen Sonnenhängen und Schattenwerfern, zwischen Erhabenheit und – dem völligen Verschwinden des Sich-Erhebenden. Bald zeigt sich das Alpengebiet als Unglücks-Szenarium mit Bergsteiger- Pech, das mit dem Tode endet, bald als Freudenbringer: Wenn fesche Brettl- Renner auf Alfons Waldes »Skihügel« von 1925 dicht gedrängt den Schnee zerfurchen. Oberhalb von Kitzbühel natürlich, wo Walde geboren wurde, lebte und wirkte und immer wieder auch für den leicht ironischen Blick auf die hochheiligen Gipfel und Hänge seiner touristisch ausgenützten Heimat werfen ließ, wo es anscheinend immer strahlendes Wetter hatte, um die Großstädter, die von allen Seiten ins weltberühmte Wintersport-Dorf Tirols strömten, nur ja nicht zu vergrätzen.

Mit einem leichten Augenzwinkern

Mit Hubert Kostners »Domenica«-Plastik (2009/10; um diese bitte ganz herumgehen und sie lange und evtl. mit der Lupe betrachten!) verliert die Ausstellung einmal mehr ihre Gewichtigkeit, die sie mit zahlreichen großformatigen »Schinken« aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert über Gebühr beansprucht: Kostner zeigt einen angurtbaren Holzblock, auf dem er ein Rasenstück platzierte und ein Baukasten-Bäumchen wachsen ließ – und auch ein paar winzig kleine, vergnügte Männlein dazusetzte – gefahrvolle Abgründigkeit und Glückseligkeit des Bergeinsamen wird in einer »Gestalt« mit leichtem Augenzwinkern vorgeführt. Dagegen sind die zahlreichen Verbrämungen von Türstürzen mit Edelweiß-Ansammlungen, wohl mit Absicht kitschig pastelltönend grundiert, eher traditionell, um nicht zu sagen reaktionär. Obwohl es verdienstvoll ist, dass ein 82-jähriger Tiroler einem Künstlerkollektiv auf einer Almhütte in Serfaus die Technik des Edelweißschnitzens aus frischen Birkenstäben beigebracht hat. Juhu, ohne Edelweiß kein Alpenverein…!

Ach ja, die vorher angesprochene Arbeit von Michael Reisch, die sich – eingehängt hat! Der Aachener Fotokünstler, Jahrgang 1964, ist ein Radikaler, wenn man so will. Er löst auf seinem Bild »ohne Titel 8/005« die Landschaft total auf. Schwarz wird es einem nur noch vor Augen. Ins Grau versinkt alle Schönheit und Größe. Reisch will den End-Zustand zu verstehen geben, den Auflösungs-Status. Kein Berg. Kein Tal. Kein Mensch. Kein Vieh. Nichts. Nichts? Eben die Auflösung. Wo sind sie hin, Emily Dickinsons »Alpen / Die lockenden Alpen«?

Die Ausstellung »Alpen. Sehnsucht & Bühne« hält die Salzburger Residenzgalerie noch bis zum 6. November täglich außer Montag von 10 bis 17 Uhr geöffnet.


Dr. Hans Gärtner



38/2011