weather-image
Jahrgang 2011 Nummer 8

Das orientalische Flair begeisterte schon immer

Auch in Bayern war alles Ägyptische sehr gefragt

Figurine (Detail) einer Tänzerin mit Geierhaube.

Figurine (Detail) einer Tänzerin mit Geierhaube.
Nähmaschine der Marke »Singer« mit geflügelten weiblichen Sphingen.

Nähmaschine der Marke »Singer« mit geflügelten weiblichen Sphingen.
Taschenuhr, auf dem Deckel eine altägyptische Szenerie in »Wüsten-Braun«.

Taschenuhr, auf dem Deckel eine altägyptische Szenerie in »Wüsten-Braun«.
Alle Welt schaut in diesen Tagen auf Ägypten. Der Präsident trat, nach langem Zögern, zurück. Nach 18 Tagen friedlicher Demonstrationen vor allem junger Ägypter herrscht großer Jubel am Nil. Die eingeforderten menschlichen Grundwerte der Freiheit und Demokratie sollen ein diktatorisches Regime ablösen. Auf eine neue Verfassung nach westlichem Muster werden die Ägypter noch warten müssen. Vor ihnen liegt eine Zukunft, die so ungewiss ist wie die vergleichbarer Staaten der arabischen Welt, Tunesien, Algerien, Jemen…

Mit ihrem exotischen Flair begeisterte »der Orientalismus« die Europäer schon immer. Das »Orientalische« ließ (schon römische) Herrscher, viele Wissenschaftler und auch Künstler nicht eher ruhen, bis die Kulturen des Nahen Ostens, der Nordküste Afrikas »erobert«, was so viel bedeutete wie »vereinnahmt« waren - nicht unähnlich der friedlichen Revolution im Ägypten des Jahres 2011. Napoleon Bonaparte war vor 200 Jahren allerdings mit Besitzansprüchen gegen Ägypten zu Felde gezogen, in den Jahren 1798 bis 1801. Sein anmaßendes militärisches Unternehmen scheiterte, wie wir wissen. Doch war es - wenigstens - wissenschaftlich ertragreich. Was, beispielsweise, seinen Niederschlag in der Publikation »Description de l‘Egypte« fand, erschienen in Frankreich zwischen 1809 und 1829.

Seither ist - wohlgemerkt bezogen auf ganz Europa - von einer Stilepoche die Rede, die »Retour d‘Egypte« - Zurück nach Ägypten - genannt wird. Die »ägyptische Manier« wurde en vogue. Häuserfassaden richteten sich nach ihr aus, Brunnenanlagen und Gebäude trugen ägyptisches »Design«. Europäische Städte atmeten bald das Flair des Alten Orients. Friedhöfe erhielten orientalische Bauelemente, ebenso gerne auch Bibliotheken. Von ihren Reisen in den Nahen Osten ließen Architekten sich nicht weniger anregen wie bildende Künstler. Orientteppiche und Amphoren gaben Salons und Gemächern, auch öffentliche Gebäuden, eine spezifische Note. Palästina wurde nach Europa geholt - »Panoramen« entstanden, die die Landschaft, in der sich das Leben und Leiden Jesu Christi abspielte, vor Augen führte und gleichzeitig die Menschen zu Pilgerfahrten nach Jerusalem motivierten.

Als der bayerische Kronprinz Maximilian 1833 eine Orientreise unternahm, begleitete ihn der Maler Johann Michael Wittmer. In der Neuen Pinakothek zu München hängt sein üppig bevölkertes Gemälde »An den süßen Wassern Asiens, Konstantinopel 1837«. Von Friedrich Gärtner stammt das in der Städtischen Galerie im Münchner Lenbachhaus befindliche kleinformatige Ölbild »San Cristo de la Luz« von 1848, das in die »ehemalige Moschee in Toledo«/Spanien blicken lässt. Steingewölbe, getragen von mächtigen Rundsäulen, maurische Fensterdurchbrüche, ein Springbrunnen im Innengärtchen, dazu drei langgewandete ältere bärtige Männer mit Turban, Säbel und Gewehr geben einen geradezu monumentalen, aber auch idyllisch-friedvollen Eindruck vom »Tor nach Nordafrika«, als welches das vielbereiste Spanien des 19. Jahrhunderts galt.

Noch als Kronprinz ließ der antikenbesessene König Ludwig I. von Bayern für seine geplante Glyptothek einige Stücke in Paris erwerben, die aus der Villa Hadriana in Tivoli nahe Rom stammten. Darunter war eine spätptolemäische (2. - 1. Jahrhundert v. Chr.) Statue eines Mannes aus Rosengranit. Sie ist nach dem Vorbild der so genannten Stand-Schreitfiguren des Alten Reiches gearbeitet. 1816 kam sie, »Roter Anubis« genannt, nach München. Der Kopf könne nicht altägyptisch sein, befanden die Archäologen, sondern sei vermutlich römisch. Kaiser Hadrian hatte ihn nicht ergänzen lassen, wie anzunehmen ist. Also stammt er wohl aus dem späten 17. Jahrhundert - damals ergänzte man zahlreiche antike Statuen in Rom. Seit dem 2. Weltkrieg fehlte der Kopf der Rosengranit-Statue in der Glyptothek. Ob er während seiner Auslagerung verschwand? Jedenfalls tauchte er Ende der 1970er Jahre im Münchner Kunsthandel auf und wurde dem Staatlichen Ägyptischen Museum überantwortet.

Dort ist die Statue aus Rosengranit mit dem romanesken Kopf als eine der Hüterinnen eines kleinen Schatzes aufgestellt, der die Kabinett-Ausstellung »Ägyptomanie en miniature« ausmacht. In Schaukästen liegen meist kleinformatige Gegenstände, vornehmlich aus den Bereichen Mode, Schmuck, Haushalt und Reklamewelt, die uns Heutige, die wir soeben Ägypten als Schauplatz politischer Umwälzungen erleben, auf die viel ältere (zum Teil noch anhaltende) Ägypten-Besessenheit hinweisen. Zum einen auf diejenige vor 200 Jahren, als Folgeerscheinung von Napoleons Feldzug gen Alexandria und Kairo, zum anderen auf die weit ausgreifende Ägypten-Renaissance, die ungefähr ein Jahrhundert später einsetzte, als nämlich 1922 das Grab des Tuanchamun entdeckt wurde.

Das Dekorative des Ägyptischen wird aufgegriffen, wie es sich an alten Grabstätten, Palästen und Tempelanlagen zeigt. Die Werbung macht sich die Ägypten-Sehnsucht der Bürgerlichen zunutze. Betuchte Reisende brechen an den Nil, aber auch ins Heilige Land und nach Griechenland auf. Künstler sind darunter, denen sich das strahlende Goldgelb der Sonne, das weiche Braun des Wüstensandes und die facettenreiche Farbigkeit der Mosaiken besonders einprägen, um sie - oft erst von ihrer Reise nach Hause zurückgekehrt - als Sujets ihrer Bildwerke zu verwenden.

Seinen optischen Niederschlag fand »das Ägyptische« auf allen möglichen Objekten - auf Möbeln ebenso wie auf Geschirr, Kaffeedosen, Zigarettenschachteln, Reklameschildern, Lampen und Schreibzeugen. Eine »Singer «-Nähmaschine weist goldfarbene weibliche Sphingen auf. Eine Reklametafel für »Cleo-Cola« wirkt mit einer Kleopatra-Darstellung erst attraktiv. Für Kaffeedosen eigneten sich vertikale ägyptische und orientalische Motive: Moscheen, Sphingen, Pyramiden - immer wieder die von Giza. Schöne bunte Sammelbildchen erhielt, wer »Liebigs« Fleischextrakt kaufte - und damit eine Reihe historischer Motive »Aus dem Lande der Pharaonen« erwarb, vor allem den Kindern zum Vergnügen und zur Belehrung. Ewige Dauer garantierten die Keks-Fabrikate von »Leibniz« und »Bahlsen«, die das »Djet«-Zeichen TET ihren Packungen aufdruckten.

Schmuckschatullen wurden noch im 20. Jahrhundert gern gekauft, wenn sie mit Lotusblumendekor versehen waren; erweckten sie doch so den Anschein verführerischer zeitlicher und räumlicher Ferne, aufgewertet durch die Farben der Pfauenfeder. Die geflügelte Sonnenscheibe schmückte Bilderrahmen. Tabletts mit Ritualszenen und Hieroglyphen-Imitationen erweckten den Eindruck edler ferner Kostbarkeit, ebenso Kerzenleuchter mit Figurinen, die direkt aus einem ägyptischen Tempel entsprungen zu sein schienen. Tänzerinnen trugen Geierhauben - in Anlehnung an Götterdarstellungen des alten Ägypten. Geflügelte Skarabäen zierten Trinkbecher, geflügelte Löwen Kaminuhren, Uräusschlangen Thermometer. Besonders stolz war die Hausdame, wenn sie Zuckerlöffel mit ägyptischen Götterbildnissen und auf dem Löffelfeld prangenden Sphingen dem Kaffeeservice beilegen konnte. Vielleicht trug sie bei der Einladung eine farbkräftige, in Kobaltblau gehaltene breite Brosche mit rätselhaften Hieroglyphen-Täfelchen und anmutigen schlanken Tänzerinnen. Die Herren erwiesen sich als »ägyptophil«, wenn sie eine Uhr aus der Sakkotasche zogen, deren Deckel ein in zarten Brauntönen gehaltenes altägyptisches Motiv trug, wenn sie dazu »Ramses«-Zündhölzer und einen Pfeifenstopfer mit ägyptisierender Dienerin als Griffmotiv verwendeten.

Unsere derzeitige Aufmerksamkeit für das Land am Nil gilt dem Volk und seinem Gouvernement. Frühere Vorlieben für das Ägyptische ließen den politisch-gesellschaftlichen Kontext fast völlig außer Acht. Allein die exotische Ästhetik des »Landes der Pharaonen« interessierte, regte an, trug bei zur Erhöhung des Alltags - freilich beinah ausschließlich in den Kreisen der Wohlhabenden. Die kleine Kabinettausstellung des Staatlichen Ägyptischen Museums, München korrespondiert gut mit der bis 1. Mai dauernden Hypo-Kunsthalle- Schau »Orientalismus in Europa«.

Dr. Hans Gärtner



8/2011