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Jahrgang 2011 Nummer 23

Das mysteriöse Leben des Märchenkönigs

Auch 125 Jahre nach seinem Tod ist und bleibt Ludwig II. ein Rätsel

Am 13. Juni 1886 starb der »Kini« im Starnberger See.

Am 13. Juni 1886 starb der »Kini« im Starnberger See.
Der spätere »Märchenkönig« Ludwig II. von Bayern war als Kronprinz eine stolze und schöne Erscheinung mit zauberischer Ausstrahl

Der spätere »Märchenkönig« Ludwig II. von Bayern war als Kronprinz eine stolze und schöne Erscheinung mit zauberischer Ausstrahlung.
Legenden umgeben den bayerischen König Ludwig II. (undatiertes Archivbild), der mehr den schönen Künsten als der Staatsführung z

Legenden umgeben den bayerischen König Ludwig II. (undatiertes Archivbild), der mehr den schönen Künsten als der Staatsführung zugetan war. Sein Tod im Jahre 1886 gibt noch immer Rätsel auf und seine von Heerscharen von Touristen besuchten Schlösser erinnern noch heute an den »Märchenkönig«.
Der 13. Juni 1886 war der Geburtstag eines bayerischen Mysteriums. Es war der Todestag von Bayerns Märchenkönig. Ludwig II. starb unter Umständen im Starnberger See, die bis heute ungeklärt sind. War es ein Unfall? Selbstmord? Oder gar Mord? Für jede dieser Theorien gibt es leidenschaftliche Verfechter. Die bayerische Ludwig-Fangemeinde, die sich »Königstreue« nennt, ist sich sicher: Es gab ein Komplott, ihr »Kini« wurde umgebracht. Die offizielle Version aber lautet schlicht: Ludwig II. ertrank – kurz nach seiner Entmündigung.

Dieses rätselhafte Ende passt zum sagenumwobenen Leben des Monarchen, den der französische Dichter Paul Verlaine den »einzigen wahren König dieses Jahrhunderts« nannte und der wie kein anderer zur bayerischen Ikone wurde. Zahlreiche Filme, Theaterstücke und Bücher haben folgendes Bild geprägt: Ludwig II. war extravagant, egozentrisch und feingeistig – und zerbrach letztlich an der Rolle, die seine Geburt ihm vorschrieb.

Der Historiker Rudolf Reiser vermutet zwar nicht den König, sondern einen italienischen Kammerdiener als Ludwigs Vater, die offizielle Version aber lautet so: Ludwig II. von Bayern wurde am 25. August 1845 in Schloss Nymphenburg in München geboren. Er war der älteste Sohn von König Maximilian II. und dessen Frau Marie von Preußen. Als Thronfolger des Hauses Wittelsbach kam er in den zweifelhaften Genuss einer sehr strengen Erziehung von Eltern, die ihn stets auf Distanz hielten und wenig liebevoll mit ihm umgingen – so, wie das für Königskinder in der Zeit nicht unüblich war.

Ludwig aber empfand seine Kindheit als unglücklich und möglicherweise wurde schon sehr früh der Grundstein gelegt für seine spätere Entfremdung von der Welt. Seine lebhafte Fantasie und sein Hang zum Einzelgängertum sind von früher Kindheit an bezeugt. Seine Mutter bemerkte schon in jungen Jahren seine Liebe zur Kunst. »Ludwig kostümierte sich gern (...), zeigte Freude am Theaterspielen, liebte Bilder und dergleichen«, schreibt sie in der Familienchronik.

Der plötzliche Tod seines Vaters muss ein Schock gewesen sein – in doppelter Hinsicht: Denn dessen Tod machte den attraktiven und umschwärmten Ludwig am 10. März 1864, mit nur 18 Jahren, zum jüngsten regierenden Fürsten Europas. Unerfahren wie er war geriet er schnell in die Mühlen der Macht und in Konflikt mit Parlament und Regierung.

Dass Politik ihn nicht interessierte, legen seine Fans gerne als Pazifismus aus. Schon zwei Jahre, nachdem er den Thron bestiegen hatte, unterlag Bayern den Preußen im »Deutschen Krieg« – seitdem war Bayern außenpolitisch von Preußen abhängig. 1870 musste ausgerechnet er, die bayerische Ikone, den berühmten Kaiserbrief schreiben, der Bayern in das Deutsche Reich integrierte. »Ich bin überhaupt viel zu früh König geworden. Ich habe nicht genug gelernt«, soll er dem Historienschriftsteller Felix Dahn gesagt haben. »Plötzlich ward ich herausgerissen und auf den Thron gesetzt.«

Den Gegenpol zu dieser verhassten Welt fand Ludwig in der Musik – vor allem in der Richard Wagners, den er nahezu wie einen Gott verehrte und den er vor dem finanziellen Ruin rettete, indem er ihn nach München holte. Dort ermöglichte er Wagner-Uraufführungen und hatte damit großen Anteil daran, dass München vorübergehend zu Europas Musikhauptstadt wurde.

Immer öfter floh der als Naturfreund geltende König vor seinen höfischen Verpflichtungen in München aufs Land, wo er sich prächtige Schlösser bauen ließ und Bayern damit an den Rand des Ruins trieb. Ausländische Banken drohten mit Pfändungen – aber so entstanden die Prunkschlösser Neuschwanstein, Linderhof oder Herrenchiemsee. Das Volk bekam seinen König kaum mehr zu Gesicht. Er galt als »Träumer auf dem Thron« – und gleichzeitig als Tyrann, dessen Diener vor ihm kriechen mussten.

Vor allem um das Liebesleben des Königs ranken sich viele Gerüchte. War er schwul oder nicht ist eine Frage, die Fans und Wissenschaftler entzweit. Wasser auf die Mühlen derer, die von seiner Homosexualität ausgehen, ist seine Verlobung mit Sophie, einer jüngeren Schwester der von ihm verehrten Sisi, im Jahr 1867. Ludwig löste die Verlobung kurz bevor es ernst wurde.

Für die Selbstmord-Theorie spricht, dass Ludwig II. schwer depressiv gewesen sein soll. Am 10. Juni 1886 wurde er entmündigt und in Schloss Berg am Starnberger See unter Hausarrest gestellt, nachdem sich die Anzeichen für eine Geisteskrankheit verdichtet hatten. Drei Tage nach seiner Entmündigung waren er und sein Psychiater, der ihn für verrückt erklärt hatte, tot. Die tatsächliche Todesursache ist – wie so vieles in Ludwigs Leben – bis heute unklar. »Ein ewiges Rätsel will ich bleiben mir und anderen«, schrieb der Märchenkönig einmal.

Britta Schultejans



23/2011