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Jahrgang 2011 Nummer 36

Das harte Los der Tagelöhner

Unstetes Leben am ständigen Existenzminimum – Bauern vermieteten Wohnraum an Besitzlose

Dampfdreschen im Jahr 1899 in Nunhausen: Zu derartigen Tätigkeiten wurden oft Lohnarbeiter herangezogen.

Dampfdreschen im Jahr 1899 in Nunhausen: Zu derartigen Tätigkeiten wurden oft Lohnarbeiter herangezogen.
Arbeitsmöglichkeiten für Tagelöhner ergaben sich auch in waldreichen Gegenden: sowohl beim Schlagen von Holz wie auch bei der an

Arbeitsmöglichkeiten für Tagelöhner ergaben sich auch in waldreichen Gegenden: sowohl beim Schlagen von Holz wie auch bei der anschließenden Verarbeitung.
Ein typisches Zuhaus, wie es damals an Inwohner vermietet wurde.

Ein typisches Zuhaus, wie es damals an Inwohner vermietet wurde.
Wer heute in einem der zahlreichen Bauernhausmuseen der Region in die Welt vergangener Generationen einzutauchen versucht, dem bleibt ein Bereich so gut wie versperrt: Der Blick auf das Leben von Tagelöhnern. Angesiedelt am unteren der Rand der damaligen Gesellschaft, bleiben sie für uns ein Heer von Namenlosen, über deren Existenz es nur wenig an schriftlicher Hinterlassenschaft gibt.

Bis weit ins vergangene Jahrhundert war die ländliche Gesellschaft streng in zwei Gruppen geteilt: Auf der einen Seite die Besitzenden, die über Haus und Grund und im Idealfall auch über einen gewissen finanziellen Rückhalt verfügten, auf der anderen Seite die meist Besitzlosen: Dienstboten, Kleinhandwerker und Tagelöhner.

Die mundartliche Bezeichnung »Tagwerker« verdeutlicht, wie ein Tagelöhner bzw. eine Tagelöhnerin den Lebensunterhalt verdiente: Maß für ihre Bezahlung war das »Tagwerk «, also die Arbeit, die sie pro Tag verrichteten.

Die Gruppe der Tagelöhner war ebenfalls durch eine Zweiteilung gekennzeichnet: Ein Teil verfügte über ein eigenes Dach über dem Kopf. Die Bezeichnungen Kleinanwesen, (Leer) Sölde, Häusl etc. beschreibt diese Art von Unterkünften. Meist handelte es sich bei deren Besitzern um Handwerker, die sich mit der Tätigkeit als Tagelöhner ein Zubrot verdienen mussten, weil das Handwerk allein sie und ihre Familie nicht ernähren konnte. Vor allem Schuster, Schneider oder Weber lebten oft am Existenzminimum und brauchten zusätzlich Geld für ihren Lebensunterhalt.

Um überhaupt ein Handwerk ausüben zu können, war Voraussetzung, eine Erlaubnis zu Sesshaftigkeit sowie eine Konzession zu erhalten, die jedoch nur gewährt wurden, wenn der Betreffende ein Mindestmaß an Besitz aufweisen konnte. Und dazu gehörte damals auch eine eigene Unterkunft. Wer kein Dach über dem Kopf sein eigen nennen konnte, dem blieb auf dem Land nur die Möglichkeit, sich bei größeren Bauern als »Inleute« einzuquartieren. Während die frühere Forschung dieser Gruppe von Tagelöhnern eine zahlenmäßig nur geringe Bedeutung beimaß, kommen neuere Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass bis zu einem Drittel der Tagwerker zur Miete wohnte. Großer Unterschied zu heutigen Mietverhältnissen war allerdings, dass sie ihre Unterkunft nicht finanziell vergüteten, sondern beim Hausherrn »abarbeiteten«.

Dass dieser Teil der Tagelöhner in der Geschichte bisher im Dunkeln geblieben ist, liegt schlicht und ergreifend daran, dass sie durch fast alle schriftlichen Quellen rutschten: Ohne Besitz tauchen sie in keinen Steuerlisten auf und auch in Wählerverzeichnissen sind sie nicht vertreten, denn wählen durften nur Männer, die über (Grund)besitz sowie über das Bürgerrecht in der jeweiligen Gemeinde verfügten. Vereinzelt finden sich in Kirchenbüchern Hinweise auf Inwohner, die als Tagelöhner arbeiteten, zum Beispiel in Sterbematrikeln. Selten haben Historiker so ein Glück wie Rita Huber-Sperl, die für die Pfarrei Emertsham ein Ortsfamilienbuch gefunden hat, in dem über den Zeitraum von 1650 bis 1850 rund 300 Inwohnerfamilien separat zu den ansässigen Familien aufgeführt sind. Huber-Sperl setzt nach einer Analyse der Daten für Emertsham einen Anteil von 20 Prozent Inwohnern im Vergleich zur Gesamtbevölkerung an; ein Wert, der zumindest für die südostbayerische Region in Richtung Bayerischer Wald, wo sich bis zu 30 Prozent Inwohner ausmachen lassen, als durchaus realistisch anzunehmen ist.

Doch um wen handelte es sich nun in dieser meist gesichts- und damit geschichtslosen Gruppe von Menschen? Wie setzte sich diese Schicht am unteren Rand der Gesellschaft zusammen? Wie waren ihre Lebensbedingungen?

Für uns heute kaum noch vorstellbar, war die Gesellschaft in früheren Jahrhunderten in allen Lebensbereichen strengen Reglementierungen unterworfen, und das betraf vor allem diejenigen, die eher als Last denn als Nutzen für die Allgemeinheit angesehen wurden: Wer sich und seine Familie nicht durch eigenen Besitz und Arbeit ernähren konnte, wer von dauerhafter Armut bedroht war oder schon in missliche Verhältnisse hineingeboren worden war, hatte nach Vorstellung von Staat und Kirche kein Recht eine eigene Familie zu gründen. Dem glaubte man entgegentreten zu können, indem man die Heirat sogenannter Unselbständiger so weit wie möglich verhinderte. Als Unselbständig galt, wer keinen Besitz hatte. Dies traf neben Tagelöhnern auch auf Mägde und Knechte zu. So lange sie in Dienst standen, konnten sie deshalb keine Ehe eingehen. Handelte es sich bei den Ehehalten, wie die Dienstboten in unserer Gegend bezeichnet wurden, um nachfolgende Bauernsöhne und -töchter, bot sich ihnen bei entsprechendem Heiratsgut noch die Chance, in einen Hof einzuheiraten und auf diese Weise zu eigenem Besitz zu kommen. Stammten Dienstboten jedoch schon aus »Dienstbotenverhältnissen«, waren sie gar unehelich geboren – auch keine Seltenheit früher, denn im 19. Jahrhundert kam jedes fünfte Kind bei uns »illegitim«, also außerhalb einer ehelichen Verbindung auf die Welt, dann war es für sie fast unmöglich aus der Klasse der Dienstboten heraus »nach oben« zu heiraten. Als mögliche Partner standen damit nur andere Dienende zur Verfügung.

Wollte ein Knecht eine Magd heiraten, mussten beide jedoch ihr Dienstverhältnis aufgeben und auf eigene Faust ihr Auskommen suchen.

Dass ein Partner »nach unten« heiratete kam dagegen öfter vor: So ehelichten die Kinder von Bauern durchaus auch Partner aus der Schicht der Besitzlosen, wobei dies auf Bauerntöchter noch mehr zutraf als auf Söhne. Huber-Sperl stellt fest, dass zwei Drittel der Inleute aus Kleinhandwerkeroder Tagelöhnerverhältnissen stammen, ein Drittel war bäuerlichen Ursprungs. In diesem Zusammenhang spielte sicher auch die Ablösung der Grundherrschaft Mitte des 19. Jahrhunderts sowie persönliches Schicksal eine Rolle: Wer nicht in der Lage war, seinen Hof gegenüber dem Grundherrn abzulösen oder Haus und Hof gar am Kartentisch verspielte, dessen Besitz kam auf die »Gant«, heute würde man dazu sagen der Bauer bzw. Hausbesitzer ging in Konkurs und stieg damit in die Schicht der Besitzlosen ab. Andersherum war der Weg bei weitem schwieriger: Mit viel Sparsamkeit und einer Portion Glück kam ein Tagelöhnerehepaar selbst auf ein kleines Häuschen – das Gros aber musste sich wohnungsmäßig in Abhängigkeit begeben. Auf größeren Höfen gab es meist ein Zuhaus, das bei Bedarf vermietet werden konnte, bei kleineren Höfen befanden sich die sogenannten Inleutstuben im Wohnhaus der Familie.

Die Vereinbarungen über das Mietverhältnis zwischen Bauer und Inwohner waren höchst unterschiedlich gestaltet. Als gemeinsamer Nenner lässt sich jedoch der Austausch von Arbeitsleistung gegen Wohnraum feststellen.

Wie bei der Anstellung von Dienstboten, wurden die Mietverhältnisse mit Inwohnern meist auf Jahresfrist vereinbart. In dieser Zeit hatte der Tagelöhner dann eine festgelegte Anzahl an Arbeitstagen für den Bauer zu reservieren. Darüber hinaus konnte er bzw. sie, denn bei verheirateten Tagelöhnern musste auch die Frau mit anpacken, um die Familie durchzubringen, ihre Dienste anderen Personen anbieten. Manchmal bekam der Inwohner nicht nur Logis, sondern auch Kost, dementsprechend verringerte sich dann sein Barverdienst. Im 18. Jahrhundert verdiente ein Tagelöhner, der vom Bauern verpflegt wurde, drei bis fünf Gulden pro Jahr. Ein freier Tagelöhner bekam damals sechs Kreuzer pro Tag. Nimmt man den Jahresverdienst des Inwohners als Grundlage, musste der freie Tagelöhner für die gleiche Summe zwischen 30 und 50 Tagen arbeiten. Diese Anzahl an Tagen, in denen ein Tagelöhner übers Jahr gesehen tatsächlich Beschäftigung fand, ergab sich auch in anderen Untersuchungen für das 19. und sogar noch für das 20. Jahrhundert. Das heißt, dass ein Tagelöhner aufs ganze Jahr umgerechnet im Mittel nur drei bis vier Tage pro Monat Lohn erhielt. Für einen Handwerker, der sich ein Zubrot verdienen musste, war dies ein willkommener Zuverdienst; für reine Tagelöhner bedeutete dies aber ein ständiges Leben am Existenzminimum.

Angelika Baumann hat Ursachen und Folgen von Armut in der vorindustriellen Zeit in Bayern untersucht; ihren Erkenntnissen zufolge verdiente ein freier Tagelöhner Mitte des 19. Jahrhunderts 30 Kreuzer pro Tag. In der Woche waren dies bei sechs Arbeitstagen drei Gulden.

Das scheint auf den ersten Blick eine gewaltige Erhöhung im Vergleich zu jenen sechs Gulden Jahresverdienst hundert Jahre früher: Stellt man jedoch die Lebenskosten des 19. Jahrhunderts in Relation zum Tagelohn, ergibt sich ein ernüchterndes Bild: Pro Nase mussten damals circa sechs Kreuzer pro Tag für Grundnahrungsmittel veranschlagt werden, wobei z. B. Bier darin nicht enthalten ist. Eine Maß Bier kostete 1849 vier Kreuzer. Wollte ein Tagelöhner jeden Tag seine Maß trinken, ging allein ein Drittel seines Verdienstes für seine eigene Ernährung drauf, wobei sicher nur in Ausnahmefällen Fleisch oder Wurst auf den Tisch kam. Bei einer dreiköpfigen Familie ging theoretisch fast der gesamte Lohn für Nahrungsmittel drauf. Damit war aber noch keine Miete bezahlt und weder Brennmaterial noch Kleidung oder Hausrat erworben. Außerdem ist bei einer derartigen Rechnung ja auch zu berücksichtigen, dass dieser maximale Wochenverdienst nur zu Spitzenzeiten in die Lohntüte wanderte.

Eine Auflistung eines Tagelöhners, der 1912 als Holzknecht tätig war, zeigt für die Wintermonate einen monatlichen Verdienst von vier bis sechs Mark. Auf der anderen Seite musste er für seine fünfköpfige Familie - Frau und drei Kinder im Alter von ein bis vier Jahren zwölf Mark für Brot und elf Mark für Mehl ausgeben. Erst in den Sommermonaten verdiente er wieder deutlich mehr. Er hatte jedoch das Glück, ein kleines Häusl zu besitzen und konnte sich mit dem Verkauf von Schmalz, Milch und hin und wieder einem Kälbchen zusätzlich Geld verdienen.

Je nach Tätigkeit und Aufenthaltsort des Tagelöhners schwankten die Arbeitsmöglichkeiten oft stark: Auf dem Land war der Hauptverdienst in Erntezeiten zu erreichen. Gerade kleinere Bauern, die sich nicht das ganze Jahr über mehrere Dienstboten halten konnten, waren in diesen Monaten froh über Unterstützung durch Tagelöhner. Denn wenn die Ernte misslang, stand für den Bauern schnell die eigene Existenz auf dem Spiel. Helfende Hände wurden deshalb gerne angenommen, auch wenn der Bauer dafür zusätzlich zahlen musste. Weitere Einsatzmöglichkeiten für Tagelöhner waren der Straßen- und Wegebau, die Arbeit in einem Steinbruch, beim Haus- und Stallbau sowie für handwerkliche Tätigkeiten, vor allem als Holzknecht. Inwohner auf Bauernhöfen mussten die Arbeiten erledigen, die gerade anstanden.

Die vorhandenen Daten zeigen, dass diese Gruppe von Tagelöhnern meist ein sehr unstetes Leben führte: Oft blieben sie weniger als ein Jahr auf einem Hof, selten so lange, dass sich – ähnlich wie langgediente Ehehalten – eine gewisse Zugehörigkeit zur Familie entwickelte, was in Alter und Krankheit den Vorteil einer Mitversorgung durch die Bauersfamilie mit sich brachte. Über die Gründe für oftmaligen Wechsel kann aufgrund fehlender Hinweise oft nur spekuliert werden. Auf jeden Fall verhinderte dauerndes Umziehen eine soziale Integration in die Dorfgemeinschaft, wobei hier auch zu vermuten ist, dass diese von den standesbewussten Bauern womöglich auch gar nicht gewollt war. Hinzu kommt, dass bei sehr mobilen Personen die soziale Kontrolle erschwert ist, weshalb die Gefahr, sich ein »schwarzes Schaf« auf den Hof zu holen, nicht außer Acht gelassen werden darf. Dazu wurden damals nicht nur wirklich straffällig gewordene Personen gezählt, sondern auch fahrendes Volk, Bettler, Hausierer und arbeitsscheue Menschen. Diesem Personkreis schlug oft von Haus aus Misstrauen von Seiten der Dorfbewohner entgegen, so dass man gar nicht darauf aus war, über das Arbeitsverhältnis hinaus Kontakt zu knüpfen.

Dass manchem Besitzlosen ohne Anstellung oft gar nichts anderes übrig blieb als zeitweise um Almosen anzusuchen und beileibe auch nicht jeder Arbeitswillige eine Tätigkeit fand, waren Faktoren, die erst mit Ausgang des 19. Jahrhunderts zunehmend in den Blickwinkel gezogen wurden. Damals herrschte die Ansicht vor, wer zu nichts kam, war auch selber schuld.

Dass die Aufnahme von Inwohnern von Seiten der Bauern Mitte des 19. Jahrhunderts offenbar an Attraktivität verloren hatte, beschreibt der Landgerichtsarzt Dr. Auer. Er beklagt in seinem Physikatsbericht – einer von König Max II für jeden Gerichtsbezirk angeforderten Zustandsbeschreibung – im Jahr 1861, dass im Bezirk Trostberg die Bevölkerung auch deshalb abnehme, weil Tagelöhner keine Ehen mehr eingehen könnten. Die Schuld daran gab er den Bauern: »Es war in früherer Zeit herkömmlich, dass die größeren Oekonomen auf den sogenannten Zubauhäusern … Tagelöhner heiraten ließen und sich verpflichteten, für dieselben in der Art sorgen zu wollen, dass sie der Gemeinde nicht zur Last fallen konnten.« Dr. Auer weiter: »Diese Sitte hat sich der übergroßen Klugheit der Besitzer zufolge fast verloren.« Die Behausungen seien im Laufe der Zeit meist so zerfallen, dass niemand mehr darin wohnen könne. Dem Landgerichtsarzt zufolge habe sich dies aber für die Bauern bitter gerächt: Die Tagelöhner waren abgewandert, um anderswo, eventuell auch in der Stadt, ihr Auskommen zu finden, und auf dem Land fehlten so Arbeitskräfte. Die hiesigen Bauern müssten deshalb oft auf auswärtige Dienstboten zurückgreifen. Diese arbeiteten zwar recht gut, verhielten sich aber sehr anmaßend, »keineswegs der Familie ergeben, sondern dieselbe nur zu verderben trachten, indem sie die Söhne und Töchter verführen, wohl auch Ehen erschleichen.« Damit scheint also doch noch der eine oder andere Besitzlose aus der so wenig angesehenen, unteren Gesellschaftsschicht einen kleinen Schritt nach oben gemacht zu haben. Vielleicht war das dann er Ausgleich für die zahlreichen Tagelöhner, die über Jahrhunderte hinweg eben nicht die Möglichkeit hatten, ihren harten und unsicheren Lebensbedingungen zu entfliehen.


Susanne Mittermaier



36/2011