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Jahrgang 2019 Nummer 6

Aus dem Dornröschenschlaf erweckt

Von der Ruine zum Märchenschloss – Heimatbund rettete vor 50 Jahren Schloss Pertenstein

»Durch diese seine Lage auf dem Traunfelsen wird Pertenstein zum schönsten Prunke im Pfarrbezirke«, heißt es in einer schriftlichen Quelle über Schloss Pertenstein. Dem Heimatbund Schloss Pertenstein ist es zu verdanken, dass das über 700 Jahre alte Wasserschloss auch heute noch am linken Traunufer zwischen Traunwalchen und Matzing thront. Das Richterhaus der Pferdefreunde (im Vordergrund) wurde 1990 gebaut. (Fotos: Gabi Rasch)
Vor 50 Jahren wurden die ersten Pläne geschmiedet, um die Ruine Schloss Pertenstein wieder zum Leben zu erwecken. Unser Foto zeigt von links Dr. Gratsch vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, Hans Veit Graf zu Toerring-Jettenbach sowie die Vertreter einer Restaurationsfirma aus Altötting und den Traunreuter Architekten Julius Wachsmann.
Im Marstall-Gebäude finden heute zahlreiche kulturelle und private Veranstaltungen statt. Das frühere Wirtschaftsgebäude viel 2002 einem Großbrand zum Opfer. Lediglich das Erdgeschoß mit seinem 39 Joch Gewölbe konnte gerettet werden.

Seit über 700 Jahren steht Schloss Pertenstein, früher auch Tähenstein genannt, auf einem Felsen am linken Traunufer zwischen Traunwalchen und Matzing. Im Jahre 1290 wurde es von Engelbrecht von Taching erbaut nach dessen Frau Perchta von Toerring Perchtenstein benannt. Der reiche Kindersegen von Engelbrecht und Perchta soll vermutlich der Grund für den Bau gewesen sein. Über 30 Mal wechselte das Schloss seine Besitzer. Bis vor 50 Jahren schien das Schicksal des dem Verfall preisgegebenen Schlosses besiegelt. Eine Situation, in der sich das kleine Schloss in seiner 700-jährigen Geschichte schon öfters befand. Dem Heimatbund Schloss Pertenstein ist es zu verdanken, dass es wieder aus dem Dornröschenschlaf erwacht ist. Seit 1969 bemüht sich der Verein um die Erhaltung eines der bedeutendsten profanen Baudenkmäler des Landkreises Traunstein. Aufwändige Renovierungsarbeiten ließen aus einer Ruine nicht nur ein stattliches Vorzeige-Schloss werden: Als Kultur- und Begegnungsstätte genießt das Schloss der Grafen zu Toerring-Jettenbach weit über den Chiemgau hinaus großes Ansehen. Die 50-jährige Erfolgsgeschichte des Heimatbundes wird heuer das ganze Jahr hindurch mit Veranstaltungen gefeiert.

Laut Quellenangaben soll das Schloss um 1300 nur aus erdgeschoßigen Räumen bestanden haben. Um 1311 dürfte das Gebäude architektonischen Merkmalen nach zu urteilen dann aufgestockt worden sein. Wann die Räume an der Nord-West-Seite angestückelt wurden, lässt sich ebenso wenig exakt bestimmen, wie die Bauzeit des Pferdestalls und der darüber liegenden Wasserzimmer an der Ostbeziehungsweise Traunseite des Schlosses. 1382 erbten die Torringer zu Toerring und Tüßling die Veste Pertenstein, die sie jedoch nur selten bewohnten. In den folgenden 150 Jahren wechselte Pertenstein häufig die Besitzer, welche jedoch meist die größeren Toerringschen Besitzungen bewohnten. In dieser Zeit wurde das seit 1508 gänzlich unbewohnte Schloss wahrscheinlich auch zum Jagdschloss umfunktioniert. Dies lässt sich aber nicht eindeutig beweisen. Erst ab 1544 wurde es wieder bewohnt.

Barbara Lucia von Toerring ließ das Schloss umfangreich sanieren

Eine umfassende Renovierung und Erweiterung verdankt Schloss Pertenstein Barbara Lucia von Toerring, geborene von Greiffensee, die Pertenstein 1600 als Witwensitz bezog. Sie ließ die Sankt-Anna-Kapelle im ersten Stock des Ostflügels renovieren und prächtig ausstatten. Außerdem ließ sie Veränderung an den Wohntrakten und am südlich stehenden Schlossturm vornehmen. Die Verbindung des Turmes mit den Zimmern des westlichen Schlosstraktes wurde durch Arkaden-Gänge hergestellt. Barbara Lucia starb 1632 in ihrem 98. Lebensjahr und liegt auf dem Friedhof in Traunwalchen begraben.

In den Folgejahren wechselte das Schloss weiter seine Besitzer. Zwischen 1744 und 1759 ließ Feldmarschall Ignaz Graf von Teorring das heruntergekommene Familienschloss einer umfassenden Reparatur unterziehen. Dessen Sohn, Emanuel, ließ es weiter verschönern, indem er den Altar der Sankt-Anna-Kapelle umarbeiten und die gesamte Kapelle mit Rokokomalereien schmücken ließ. Auch die Wasserzimmer wurden bemalt und neu stuckiert.

Der Verfallsprozess und seine Gründe

Die weiteren Erben überließen das Schloss weitgehend sich selbst und besuchten es höchstens zur Jagdzeit. Nur Graf Maximilian, der das Fideicomiss 1826 erbte, lebte wenige Jahre in Pertenstein. Er ließ den Holz-Gang noch einmal instand setzen und den westlichen Trakt des Ökonomiehofes neu bauen. Die Gründe, warum das Schloss dem Verfall preis gegeben wurde, konnten nie eindeutig aufgedeckt werden. Historiker vermuten, dass das Schloss der Konkurrenz der prächtigeren Toerring-Besitzungen, wie beispielsweise Jettenbach bei Kraiburg, Winhöring bei Altötting oder Gutenzell in Württemberg erlag. Es wird auch darüber spekuliert, dass es vom Gutshof, dessen Bedeutung permanent zugenommen hatte, in sein Schattendasein gedrängt wurde.

Die Verwalter, die den Ökonomiehof bewirtschafteten, waren auch für das Schloss verantwortlich. Das alte Gemäuer wurde aber kaum und wenn, dann nur unzureichend saniert. Erst 1891, als der seit 1835 stetig vorangetriebene Eisenbahnbau auch Matzing erreicht hatte, ließ man Schieferplatten kommen, um das mittlerweile schadhaft gewordene Schlossdach neu einzudecken. Der Turm, der zuvor eine Zwiebelhaube hatte, erhielt seine heutige Form. In dieser Zeit wurde das Schlossgebäude nur noch als Kornspeicher des Gutes verwendet und war damit als eigenständiges Bauwerk praktisch bedeutungslos.

Als letzte offizielle Baumaßnahmen wurde 1930 der Nagelfluh-Felsen, den die Traun im Lauf der Jahre ausgehöhlt hatte, mit Beton befestigt. Diese Baumaßnahme verhinderte den drohenden Einsturz des gesamten Westflügels. Bereits während des Zweiten Weltkriegs war Pertenstein so verfallen, dass es für die Einquartierung der Flüchtlinge als ungeeignet eingestuft wurde. Trotzdem richteten sich einige Familien im jüngsten Teil des Schlosses, der dritten Etage des nördlichen Traktes ein, wo sie zum Teil noch bis in die 1970er Jahre lebten.

Nach dem Krieg wurde das Schloss noch einmal von einem Toerring´schen Verwalter in Eigenregie notdürftig repariert. Er ließ unter anderem neue Fensterstöcke einsetzen und das Dach ausbessern. Nicht zuletzt durch diese bis zu fünfstelligen Investitionen, die das Schloss vor dem frühzeitigen Einsturz bewahrten, jedoch den Gutsbetrieb laufend in »rote Zahlen« brachten, sah sich der Generalbevollmächtigte Domänendirektor, Dr. Pfister, gezwungen, die Gutsverwaltung Pertenstein aufzulösen und an die von Jettenbach anzugliedern. Der Gutshof wurde daraufhin zum reinen Ackerbaubetrieb umgewandelt, alle Arbeiter und Angestellten wurden entlassen.

Von einer Ruine zum Märchenschloss

Seit 1968 untrennbar mit Schloss Pertenstein verbunden ist der Name Hans Lauber. Mit nur wenigen Gleichgesinnten erreichte er eine Erbpacht, die den damaligen Besitzer, Hans Veit Graf zu Toerring-Jettenbach, vor weiteren Kosten und die Gebäude vor dem Verfall bewahrte. In vielen freiwilligen Arbeitsstunden waren nach vier Monaten der heutige Carl-Orff-Saal und zwei angrenzende kleinere Räume nebst einer primitiven WCAnlage voll nutzbar. Allen Beteiligten war jedoch klar, dass der Verfall in rein privater Initiative kaum aufzuhalten ist. So wurde am 9. Februar 1969 der Heimatbund Schloss Pertenstein als eingetragener Verein gegründet. Noch im selben Frühjahr wurden die schadhaften Dächer repariert, was am Turm jedoch nur teilweise gelang. Dieser konnte ein Jahr später provisorisch gesichert und begradigt werden.

Der Schwerpunkt des Heimatbundes bezog sich jedoch auf die Innenrenovierung. Neue Strom- und Wasserleitungen wurden verlegt und es wurde eine Heizungsanlage installiert, um den gesamten zweiten Stock und den Konzertsaal zu beheizen. Als 1973 die heutige Carl-Orff-Schule Traunwalchen erweitert werden musste, wurden zwei Klassen nach Pertenstein ausgelagert. In dieser Zeit wurden auch das »Tobi-Reiser-Stüberl« und das ehemalige Fürstenzimmer im Torhaus renoviert. Das gefährdete Gewölbe im Torhaus musste durch Stahlbetonträger befestigt werden, außerdem wurden im angrenzenden Holzraum einige Zwischenwände entfernt und der Schwertritterraum neu gefasst.

Bau einer Reithalle wirkte sich für das Schloss positiv aus

In den Folgejahren stagnierten die Instandsetzungsarbeiten, zumal die »Pferdefreunde«, die 1971 den Gutshof gepachtet hatten, zu dieser Zeit ihre Reitanlage und eine große Reithalle (Rundhalle) errichteten. Diese Maßnahme wirkte sich für das Schloss positiv aus: Sowohl die Zufahrt als auch das gesamte Umfeld des Schlosses wurden neu gestaltet. Bis 1978 bestritt der Heimatbund sämtliche finanzielle Aufwendungen für die Maßnahmen selbst. Erst als es dem Verein gelang, in Zusammenarbeit mit der Stadt, dem Landkreis und dem Bezirk Oberbayern die Restauration des Schlosses unter die Aufsicht des Landesamtes für Denkmalpflege zu stellen, konnten weitere Sanierungsmaßnahmen im größeren Umfang in Angriff genommen werden. Die Standfestigkeit des Turms konnte gänzlich wiederhergestellt werden, Dächer, Fenster, Räume und Außenfassaden wurden saniert. Die Sankt-Anna-Kapelle bekam wieder ihr historisches Gewand, das sie vor der Barockisierung in der Renaissance erhalten hatte, und nicht zuletzt wurden mit einem großen Aufwand die doppelstöckigen Arkaden freigelegt. Private Spenden hatten auch ermöglicht, dass im Auditorium eine Orgel eingebaut werden konnte. Mit einem großen Aufwand wurden auch die Wasseroder auch Fürstenzimmer ausgebaut.

Auf dem bis dahin Erreichtem hat sich der Heimatbund aber nicht ausgeruht. Der Verein war und ist nach wie vor bestrebt, Glanz und Leben in die alten Mauern des ehemaligen Adelssitzes zu bringen. So stehen auch in den nächsten Jahren auf der »ewigen« Baustelle umfangreiche Sanierungsmaßnahmen an. Vor rund 30 Jahren erwarb der Heimatbund auch das sogenannte Frauenbrunn- Häusl in Traunwalchen. Übrigens die einzige Immobilie, die dem Verein gehört. Schloss Pertenstein befindet sich nach wie vor im Besitz des Toerring´schen Adelsgeschlechts.

Marstall-Gebäude fiel einem Großbrand zum Opfer

Der Großbrand des früheren Wirtschaftsgebäudes hielt im Mai 2002 die Feuerwehr in Atem. Ein Großaufgebot mit 200 Einsatzkräften rückte am Nachmittag des 7. Mai den Flammen zu Leibe. Lediglich das Erdgeschoß mit seinem 39 Joch Gewölbe konnte gerettet werden. Noch im selben Jahr wurde damit begonnen, den Marstall wieder aufzubauen. Seither finden in der 2005 ernannten Orff-Begegnungs- und Gedenkstätte kulturelle und private Veranstaltungen statt.

Carl Orff besuchte 1979 Pertenstein

Der große bayerische Komponist, Carl Orff, war anlässlich der Namengebung der Carl-Orff-Schule Traunwalchen, die sich heuer zum 40. Mal jährt, persönlich in Pertenstein zu Gast. Ihm zu Ehren fand am 2. Februar 2002 im 1995 renovierten Zehentstadel, in dem auch eine große Orgel eingebaut wurde, die Welturaufführung des »Diptychon« statt, das die große Pertensteiner Orff-Familie einstudiert hatte. Das Orff´sche Bühnenwerk, das Weihnachten und Ostern zusammenfasst, war ebenso von Erfolg gekrönt wie die weiteren Werke (zum Beispiel Carmina Burana oder »Der Mond«) des großartigen bayerischen Komponisten, die in Pertenstein aufgeführt wurden. Die Kulisse Pertenstein hätte es ohne den Heimatbund nie gegeben, der aus dem Schloss mit seinen wechselhaften Schicksalsschlägen nicht nur eine Kulturstätte sondern auch einen noblen Ort der Gastlichkeit geschaffen hat.

Gabi Rasch

6/2019