weather-image
25°
Jahrgang 2019 Nummer 12

Aufbruch zu neuen Horizonten

Seltene Druckwerke der frühen Neuzeit in der Ausstellung »Gott, die Welt und Bayern«

1441 schuf Gerhard Mercator den bis dahin größten bedruckten Erdglobus. (Foto: Bayerische Staatsbibliothek)
Simon Marius wurde von Galileo Galilei des Plagiats beschuldigt.
Makabre Waffentechnik in Gestalt von lebenden Katzen, die mit Sprengkörpern versehen wurden. Zeichnung aus dem Handbuch für Feuerwerkskunst von 1564.

Der Aufbruch zu neuen Horizonten, geographisch wie auch geistig, steht im Mittelpunkt des zweiten Teils der Ausstellung »Gott, die Welt und Bayern« in der Münchner Staatsbibliothek. Bis zum 7. April sind dort seltene Bücher, Karten und Globen des 16. und 17. Jahrhunderts aus dem Besitz der staatlichen Bibliotheken zu sehen. Die kostbaren Exponate sind Zeugnisse einer Zeit, in der Erfinder und Entdecker ausbrechen aus althergebrachten Bahnen und Wege beschreiten, ohne die unsere heutige Welt nicht denkbar wäre. Einer der wichtigsten Schritte in Richtung Moderne war damals die Erfindung der Druckerpresse mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg, der eine Revolution auslöste, die nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in den Studierstuben stattfand. Texte und Bilder mussten nun nicht mehr mühsam von Hand kopiert, sondern konnten maschinell und damit in Serie hergestellt werden. Während sich im Mittelalter nur Könige und Klöster umfangreiche Literatur hatten leisten können – und dann oft entsprechend über die Werke wie auch ihre Inhalte wachten, wurde Wissen dank des Buchdrucks zu einem Gut, das sich nun auch bürgerliche Zeitgenossen wie Kaufleute und Gelehrte leisten konnten. Wer genügend Bares in der Tasche hatte, ließ sich seine erworbenen Werke entsprechend personalisieren, mit prächtigen Einbänden, auf denen zum Beispiel das geprägte Konterfei des neuen Besitzers prangte, auffallenden Exlibris oder fein kolorierten Wappen im Inneren: Gedruckte Bücher waren damit, wie zuvor schon per Hand hergestellte und oft reich verzierte Manuskripte, nicht nur Gebrauchsgegenstand, sondern auch Mittel, um den persönlichen Status des Besitzers zu demonstrieren.

Während die Gesellschaft im Mittelalter noch weitgehend starr war, bekommen die führenden Schichten von Adel und Klerus mit Beginn der Frühen Neuzeit im 15. Jahrhundert Konkurrenz: Dank gutgefüllter Kassen gelingt so manchem Unternehmer damals ein rasanter sozialer Aufstieg. Das Zaubermittel dazu waren weitverzweigte Handelsnetze, die weit über Europa hinausreichten.

Die in der Staatsbibliothek gezeigte Welserkarte ist Zeugnis des wirtschaftlichen Erfolgs der Augsburger Kaufmannsdynastie, die auf dem Gipfel ihrer Macht im 16. Jahrhundert Teile des heutigen Venezuela als Kolonie im Besitz hat. Geschaffen hat die 1530 entstandene Darstellung der Welt einer der bedeutendsten Kartographen seiner Zeit, Diogo Ribeiro, der in Diensten des spanischen Königs Karl V. stand. Die Herrschaft des Habsburgers ist eng verbunden mit der Geschichte der Welser: Karl V. hatte sich 1519 etliche der Stimmen, mit denen er zum Römischen Kaiser gewählt wurde, teuer erkaufen müssen. Das dafür nötige Geld stammte aus den Kassen der Augsburger Kaufmannsfamilien Fugger und Welser. Als der finanziell ständig klamme Kaiser den Kredit anschließend nicht zurückzahlen kann, verpfändet er den Welsern 1528 die erst vor kurzem in Südamerika entdeckte und für Spanien reklamierte Provinz Venezuela. In der Karte von Ribeiro ist diese Transaktion bereits mit einem Hinweis vermerkt, dass dieses Gebiet dem berühmten Haus der »Belzero«, wie die Familie im Spanischen genannt wurde, gehört. Die Gestaltung der Welserkarte ist noch stark dem bisher bekannten Muster verhaftet: Die Rundungen der Erde sind noch nicht graphisch dargestellt, und statt der Darstellung von Flüssen, Straßen und Höhen tummeln sich auf den Kontinenten skizzierte Tiere, Gebäude und Pflanzen. Ob die Karte, die wohl im Auftrag der Welser entstanden sein dürfte, ursprünglich als Reisebegleiter oder bloßes Schmuckstück gedacht war, ist leider nicht bekannt. Später ereilte die beiden heute noch erhaltenen beiden Fragmente allerdings ein komplett zweckentfremdetes Dasein als Büchereinband. Entdeckt und von ihrem unfreiwilligen Schicksal als Buchschutz befreit wurden die mehr als 400 Jahre alten Kartenteile erst Mitte des vergangenen Jahrhunderts.

Fast zeitgleich mit der Welserkarte ist einer der frühesten, seriell hergestellten Globen entstanden, der sich heute im Besitz der Provinzialbibliothek Amberg befindet. Der gebürtige Flame Gerhard Mercator hat die plastische Darstellung der Erde 1541 geschaffen, die mit einem Durchmesser von 41 Zentimetern der größte bis dahin gedruckte Globus war. Die Verwendung der Drucktechnik brachte damals zwei wichtige Vorteile: Es konnten im Vergleich zu handschriftlichen Exemplaren wesentlich mehr Informationen untergebracht werden und zudem war damit eine serielle Fertigung möglich, die sich nicht nur auf die Produktionszahl, sondern auch die Qualität der Informationen auswirkte, da die vor allem für die Seefahrt nötige Exaktheit der Linien und Daten nur einmal für die Druckvorlage und nicht wie bei handbeschrifteten Globen bei jedem Exemplar neuerlich geprüft werden musste. Das Weltbild wurde in der Technik des Holzschnitts hergestellt und anschließend auf Papierstreifen gedruckt, die, oben spitz zulaufend und an den Seiten leicht abgerundet, aneinander gereiht auf den Globus aufgeklebt wurden. Der Kugelkörper war aus Pappe gefertigt und mit Kreidefarbe grundiert.

Zehn Jahre nach seinem Erdglobus hat Gerhard Mercator 1551 einen ebenfalls in der Staatsbibliothek zu sehenden Himmelsglobus geschaffen, der das Universum in der heliozentrischen Version darstellt. Bei dem damals vor allem von klerikaler Seite noch heftig bekämpften Modell dreht sich die Welt um die Sonne, womit nicht, wie von der kirchlichen Dogmatik behauptet, die Erde der Mittelpunkt alles Geschehens war.

Ein Gesicht, und zwar in Form des einzig von ihm bekannten Porträts, erhält in der Ausstellung auch ein fränkischer Himmelsforscher, der völlig zu Unrecht im Schatten berühmterer Zeitgenossen steht: Simon Marius, 1573 in Gunzenhausen geboren und einer der ersten Verwender des damals gerade neu entwickelten Fernrohrs, hat im Januar 1610 die vier großen Jupitermonde entdeckt, seine Erkenntnisse darüber aber erst 1614 veröffentlicht – worauf ihn sein heute weit berühmterer Zeitgenosse Galileo Galilei des Plagiats bezichtigte. Der Italiener hatte die Monde zeitgleich mit Marius entdeckt und dies unmittelbar veröffentlicht, und dem Bayern dann unterstellt, bei ihm abgeschrieben zu haben. Moderne Forschungen haben inzwischen ergeben, dass Marius tatsächlich völlig unabhängig von Galilei geforscht hat und seine Beobachtungen überdies auch noch exakter waren, als die seines empörten Kollegen. Besonders tragisch war in dem Fall, dass die Anschuldigungen Galileis den Ruf Marius' als Wissenschaftler dauerhaft beschädigt haben.

Ebenfalls den Kosmos zum Thema hat auch der ausgestellte Himmelsatlas von Andreas Cellarius, der sich ursprünglich im Besitz des Zisterzienserklosters Waldsassen befand und heute in der Provinzialbibliothek Amberg aufbewahrt wird. Cellarius war Mathematiker und Astronom und arbeitete zehn Jahre lang an der Veröffentlichung des in zwei Bänden geplanten Atlas', von dem aber 1660 nur der erste erschien. Der Verfasser stellt in dem vorhandenen Werk die Entwicklung des Weltbilds von Claudius Ptolemäus bis hin zu Nikolaus Kopernikus und Tycho Brahe dar. Besonders reizvoll sind dabei die farbenprächtigen Kupferstiche, in denen die für die Bezeichnung der Sternbilder Pate stehenden Figuren abgebildet sind.

Von der bitteren Realität des realen Lebens, weit weg von himmlischen Sphären zeugt ein Exponat, das aus einer der schwärzesten Epochen unserer Geschichte stammt: Die Darstellung des Malefizhauses in Bamberg. Auf den ersten Blick zeigt die fein säuberliche Radierung ein bürgerliches Wohnhaus, das sich von ähnlichen Bauten allenfalls durch die ungewöhnliche Bewehrung unterscheidet. Hinter den steinernen Mauern des 1627 auf Geheiß von Fürstbischof Johann Georg Fuchs von Dornheim errichteten Gebäudes spielten sich jedoch menschenverachtende Szenen ab: In den 26 Gefängniszellen waren vermeintliche Hexen und Zauberer eingekerkert, die in einem angrenzenden Gebäude so lange befragt und gefoltert wurden, bis sie ein entsprechendes Geständnis der ihnen vorgeworfenen Taten lieferten. Wer von den Angeklagten nicht schon während der unsagbaren Torturen gestorben war, auf den wartete meist der Richtplatz. Insgesamt rund 1000 Personen fielen der Hexenverfolgung im Hochstift Bamberg damals zum Opfer. Das Malefizhaus wurde nach dem Abebben der Verfolgungswelle 1641 wieder abgerissen.

Ähnlich makaber in ihrer Bedeutung ist eine Zeichnung aus dem Handbuch der Kriegs-, Feuerwerker- und Büchsenmacherzunft, das von der Landesbibliothek Coburg stammt. Das 1564 entstandene Werk enthält Darstellungen von Feuerwaffen und Feuerwerkskörpern, die seit der Erfindung des Schwarzpulvers Mitte des 14. Jahrhunderts entwickelt wurden. Auf der in der Staatsbibliothek präsentierten Seite des Handbuchs sind mit der Feder gezeichnete und anschließend kolorierte Vögel und Katzen abgebildet, die als lebende Feuerwaffen mit Brandsätzen versehen wurden, mit der sie, wie die zeitgenössische Beschriftung verdeutlicht, »Flecken anzünden sollen, die man sonst nicht erreichen könne« – wie zum Beispiel eine bewehrte Stadt.

Wer seltene Zeugnisse der Geschichte mit eigenen Augen sehen möchte: Die Ausstellung ist geöffnet von Montag bis Freitag, jeweils von 11 Uhr bis 18 Uhr sowie an Sonntagen von 13 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos. Ebenfalls kostenlose Führungen gibt es jeweils am ersten sowie letzten Donnerstag und Sonntag im Monat (donnerstags 16.30 Uhr, sonntags 14 Uhr), Treffpunkt: Fürstensaal (1. OG), Bayerische Staatsbibliothek, Ludwigstraße 16, 80539 München, Telefon 089/28638 2322. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der vor Ort für 19 Euro erhältlich ist. Weitere Infos sowie eine virtuelle Führung in Form von Videos gibt es auf der Internetseite der Bayerischen Staatsbibliothek unter: www.gott-welt-bayern.de

 

Susanne Mittermaier

 

12/2019