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Jahrgang 2019 Nummer 13

Aschauer lassen Brauch wieder aufleben

Das barocke Heilige Grab dient als Kulisse für ein außergewöhnliches Passionsspiel

Das Heilige Grab von Aschau nimmt mit einer Höhe von zehn Metern, einer Breite von sieben Metern und einer Tiefe von sechs Metern den gesamten historischen Altarraum der Pfarrkirche ein. Die Anlage aus dem späten Barock zeigt in der Mitte einen achteckigen Grabtempel, an den seitlich Arkadenhallen anschließen. Zwei der drei Stockwerke sind begehbar, so dass die Anlage zugleich die Kulisse für ein Passionsspiel bildet. Tafelfiguren von Grabwächtern, Engeln und Propheten beleben das Heilige Grab, geschmückt wird es von rund 150 beleuchteten, mit gefärbtem Wasser gefüllten Glaskugeln. Die Anlage entstand in den Jahren 1797 bis 1799. Zuletzt war sie in den 1950er Jahren aufgebaut gewesen.

Rote, grüne, blaue und gelbe mundgeblasene Glaskugeln erleuchten die historische dreistöckige Kulisse, sie füllt fast den ganzen Altarraum. In der Pfarrkirche in Aschau im Chiemgau steht erstmals seit Jahrzehnten wieder das Heilige Grab aus der Barockzeit. Zu Ostern werden Laiendarsteller aus der Umgebung dort die Geschichte vom Leben und der Auferstehung Christi zeigen. Damit lebt ein jahrhundertealter Brauch wieder auf. Aschau hat ein Passionsspiel, wie es – wenngleich in anderer Form und vor anderem Hintergrund – vor allem von Oberammergau her bekannt ist.

Das Aschauer Grab sei eines der größten und wichtigsten Heiligen Gräber, sagt Hans Rohrmann vom Erzbischöflichen Ordinariat. Das Besondere sei das liturgische Theaterspiel, das die Einheimischen auf die Beine stellen, um die biblische Erzählung lebendig werden zu lassen. Etwa 30 Laiendarsteller spielen vor Ostern das Leben Jesu, nach Ostern zeigen 60 Darsteller mit einem ebenso großen Chor die Geschichte der Auferstehung.

Damit wirken zwar nicht so viele Einheimische mit wie in Oberammergau. Dass ein Passionsspiel in der Kirche und in einem Heiligen Grab gezeigt werde, sei jedoch einzigartig, sagt Rohrmann.

Fünf Jahre haben Restauratoren die Teile zusammengesetzt, die über Jahrzehnte auf dem Dachboden der Kirche lagen. »Wir haben vor einem großen Puzzle gestanden«, sagt Restauratorin Eva Wiegerling-Hundbiß. An manchen Figuren der Engel, Grabwächter und Apostel habe ein Stück gefehlt, eine Lanzenspitze etwa oder gar ein Kopf. Die 140 Glaskugeln wurden mit Draht gesichert – damit sie nicht herunterfallen, wenn die Holzkonstruktion bespielt wird. Derartige Glaskugeln sorgten früher für eine mystische Atmosphäre, wurden aber auch von Handwerkern verwendet, um das Licht der Kerze zu bündeln und besser arbeiten zu können.

Allein das Füllen der Kugeln und das Färben des Wassers mit Ostereierfarbe habe einen ganzen Tag gedauert, sagt der Aschauer Pfarrer Paul Janßen. Früher sei für die roten Kugeln manchmal Rotwein verwendet worden – weshalb vor allem der Abbau der Grabes gelegentlich zur lustigen Angelegenheit wurde.

Zuletzt war die Anlage Mitte der 1950er Jahre aufgebaut worden, bevor mit der Erneuerung der Liturgie das Auferstehungsspiel eingestellt wurde. »Wir sind als Bistum bei Heiligen Gräbern eher zurückhaltend. Mit der heutigen Liturgie hat das eigentlich nichts zu tun. Es gibt viele Pfarrer, die sagen, das geht heute nicht mehr«, sagt Rohrmann. Hier überwiege aber der künstlerische und historische Aspekt. Tatsächlich war es früher in der Kirche offenbar hoch hergegangen, wenn es um die Darstellung der Passion ging. Nach den auf Latein vorgetragenen Psalmen sind den Berichten älterer Aschauer zufolge bengalische Feuer gezündet worden, um die Auferstehung darzustellen. Etwa ab dem 10. Jahrhundert wurde es Brauch, ein geistliches Spiel in Heiligen Gräbern in die Osterliturgie einzubinden. Diese Spiele waren im späten Mittelalter Attraktionen. Teils wurden sie von Jahrmärkten begleitet – und deshalb kritisch gesehen. Während der Säkularisation unter Kaiser Joseph II. wurden sie um 1782 verboten – man sah die Leidensgeschichte Jesu als Unterhaltung herabgesetzt.

Erstmals dokumentiert ist das Aschauer Grab 1618. In den Jahren 1797 bis 1799 erhielt es die Form, in der es bis heute erhalten ist. Vor einigen Jahren gab der örtliche Heimat- und Geschichtsverein den Anstoß, das Ensemble zu restaurieren. Die Kosten von rund 350000 Euro finanzierte im Wesentlichen das Erzbistum München und Freising.

Während die Restauratoren an der Kulisse arbeiteten, schrieb Gemeindereferent Werner Hofmann schon am Text für die beiden Teile des Auferstehungsspiels. Es sei kein Text überliefert; es sei nicht einmal bekannt, wann das letzte Mal ein ganzes Spiel aufgeführt wurde, sagt Hofmann. Ausdrücklich habe man sich entschlossen, nicht zuletzt in Zeiten eines wiederaufflammenden Antisemitismus im ersten Teil jüdische Glaubenslieder zu spielen – »damit alle merken: Jesus war Jude. Das war uns ganz wichtig.«

Am heutigen Samstag hat das erste Stück Premiere, es befasst sich mit dem Leben Jesu Christi und stellt biblische Figuren wie Johannes den Täufer, Petrus, Judas und Maria Magdalena vor. Das kammerspielartige Bühnenstück wird durch hebräische Gesänge und Instrumentalstücke ergänzt. Ab Ostermontag (22. April) wird der zweite Teil des Auferstehungsspiels aufgeführt. Er erzählt vom auferstandenen Jesus Christus, seinen Begegnungen mit den Aposteln und den ersten Christen. Vorgaben zur Haartracht wie in Oberammergau, wo Haareschneiden und Rasieren bis zur Passion verboten sind, gibt es zwar nicht – dem Vernehmen nach sprießt aber doch mancher Bart ein bisschen.

 

Sabine Dobel

 

13/2019