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Jahrgang 2019 Nummer 16

Arbeiten und Beten war sein Leben

Der Altöttinger Laienbruder Konrad von Parzham starb vor 125 Jahren

Bruder Konrad 1894 auf dem Totenbett – das einzige Foto, das es von dem Kapuzinerbruder gibt. (Repros: Mittermaier)
Das Elternhaus von Konrad in Parzham auf einer historischen Aufnahme.
Der heilige Konrad auf einem Andachtsbild mit Kindern.

Gleich zwei Jubiläen stehen heuer für Konrad von Parzham zu Buche: Vor 125 Jahren, am 21. April 1894, starb der Laienbruder und vor genau 85 Jahren wurde er von Papst Pius XI. heiliggesprochen, und das, obwohl das Leben des Pförtners im Altöttinger Kapuzinerkloster, das heute seinen Namen trägt, auf den ersten Blick vollkommen unspektakulär erscheint, denn Bruder Konrad praktizierte als Mönch nur das, was er schon als Bauer getan hatte: arbeiten und beten, und das rund um die Uhr. Was ihn dabei aber selbst von den eifrigsten Mitbrüdern unterschied, war die Art und Weise, wie er seine asketischen Übungen betrieb, kaum aß, kaum schlief, jede freie Minute zum Gebet nutzte und dabei auch noch die Kraft aufbrachte, vier Jahrzehnte lang den anstrengenden Dienst des Klosterpförtners zu versehen, stets freundlich, gelassen und hilfsbereit für jeden Bedürftigen, der ein Stück Brot oder einen guten Rat suchte.

Dabei hätte Konrad, der als Johann Birndorfer am 22. Dezember 1818 im heutigen Bad Griesbach im Rottal zur Welt kam, als Sohn eines wohlhabenden Bauern ein viel bequemeres Leben führen können. Die Zeiten sind nach den jahrelangen Napoleonischen Kriegen und etlichen Missernten damals zwar hart, doch Bartholomä Birndorfer und seine Familie stehen im Vergleich zu vielen Zeitgenossen gut da: Der Venushof zu Parzham ist ein stattliches Gut und Bartl und seine Hausfrau Gertraud sind ein strebsames Paar, das zu wirtschaften weiß und nicht nur ihre Kinderschar und die Dienstboten gut durch die mageren Zeiten bringt, sondern auch noch freigiebig jene unterstützt, mit denen es das Schicksal nicht so gut meint – ein Charakterzug, den auch der kleine Hansl verinnerlichen wird, der als elftes von zwölf Sprösslingen zur Welt kommt, wobei vier Kinder schon im Babyalter starben.

Johann und seine Geschwister wachsen in einem gottesfürchtigen Elternhaus auf, und der spätere Kapuziner hat schon als junger Bub ein großes Bedürfnis zum Gebet. Nach den Gottesdiensten bleibt er oft lange allein in der Kirche, während seine Altersgenossen längst wieder draußen spielen und toben.

Mit fünf Jahren kommt Johann dann das erste Mal in Kontakt mit jenem Ort, an dem er über 40 Jahre lang wirken sollte. Bartholomä Birndorfer nimmt seinen kleinen Sohn 1823 mit zu den Kapuzinern nach Altötting, denen er eine von ihm und seiner Frau gestiftete Fuhre Fleisch und Mehl bringt. Dass er dort selbst dereinst als Pförtner Besucher empfangen würde, dürfte sich Johann damals kaum ausgemalt haben – und bis es so weit sein wird, sollten auch erst noch einige Jahrzehnte vergehen. Nach der Schulzeit, über die es keine Aufzeichnungen gibt, arbeitet er als Knecht auf dem elterlichen Hof. Als er 14 ist, erliegt seine Mutter überraschend einem Herzschlag und zwei Jahre später stirbt auch der Vater. Der erst 16-Jährige Johann muss nun die Verantwortung für den Venushof und die dazugehörigen 125 Tagwerk übernehmen, eine Rolle, die ihm nicht leicht fiel, zumal er wohl schon damals gespürt hat, dass er eigentlich nicht zum Bauern gemacht war.

In manchen Biographien ist davon die Rede, dass Johann sich im Alter von 19 Jahren bemüht haben soll, ins Priesterseminar in Metten aufgenommen zu werden, aber wegen seiner geringen Lateinkenntnisse abgewiesen wurde, doch tatsächliche Belege dafür gibt es offenbar nicht. Falls dem wirklich so war, hat das Johanns religiösem Hang auf jeden Fall keinen Abbruch getan, denn der Jungbauer betet inzwischen praktisch Tag und Nacht. Noch vor Sonnenaufgang pflegte der »Birndorfer Hansl«, wie er genannt wurde, aufzustehen und sich auf den Weg nach Weng in die Pfarrkirche zu machen, um dort vor dem Tabernakel zu beten. Anschließend ging er wieder nach Hause, um seine Arbeit zu erledigen, wobei er ebenfalls unablässig betete, manchmal sogar mit dem Gebetbuch in der Hand, was einmal sogar dazu führte, dass er mit einem Wagen voller Heu im Graben landete. Und selbst in der Nacht gönnte sich Johann keine Ruhe: Statt sich von den Strapazen des Tages zu erholen, betete er auf den Knien vor seinem Hausaltar, oft sogar, ohne überhaupt ins Bett zu gehen, wie seine Schwester Therese berichtete, die 1893 ein Jahr vor ihrem Bruder für damalige Verhältnisse hochbetagt im Alter von 87 Jahren starb und Johann von den Geschwistern am längsten begleitet hatte.

Einer seiner wichtigsten Weggefährten war für den späteren Mönch auch der Geistliche Franz Dullinger, den Johann 1839 beim Leonhardiritt in Aigen am Inn kennengelernt hatte. Dullinger wurde in den folgenden Jahren nicht nur Beichtvater des Venusbauern, sondern auch Freund und Berater. Johann pflegte in diesen Jahren alle zwei Wochen nach Aigen zu pilgern. Dazu stand er um ein Uhr nachts auf und machte sich zu Fuß, ohne einen Bissen zu essen, selbst bei Regen und Schnee auf den 20 Kilometer langen Weg, nahm in Aigen an der Frühmesse teil, kehrte anschließend, noch immer ohne jegliche Nahrung im Magen, wieder nach Hause zurück, um dann mit seinem Tagwerk zu beginnen. Neben Aigen besuchte Johann auch zahlreiche andere Pilgerorte in der Umgebung und war darüber hinaus Mitglied in neun Bruderschaften, wodurch er sich bei seinem eh schon riesig großen Pensum an Messen, Andachten und Gebeten noch zusätzliche religiöse Pflichten auflud.

Für Johann stellte sich dabei immer mehr die Frage, wie es in seinem Leben weitergehen sollte: Eine Familie gründen und den Hof weiterführen, war für ihn offenbar kein Thema, zumal er sich auch innerhalb der Dorfgemeinschaft immer mehr als Außenseiter fühlte, denn er nahm weder an geselligen Treffen teil, ging nicht ins Wirtshaus und Frauen interessierten ihn ebenfalls nicht. Aussagen von Zeitgenossen zufolge habe zwar nie jemand ein böses Wort über den Venusbauern und seine ständige Beterei verloren, doch Johann spürte auch so, dass er nicht in diese Art von Leben passte. Ende 1849 tat er dann den entscheidenden Schritt: Am 7. Dezember unterzeichnete er beim Notar Loichinger in Griesbach eine Urkunde, mit der er seinen Anteil am Hof den Geschwistern überschrieb. Die entsprechende Summe ließ er sich auszahlen, und verteilte das Geld sofort für gute Zwecke.

Sein neues Zuhause wurde nun das Kapuzinerkloster in Altötting, wo er als Gehilfe des Pförtners zunächst das Postulat, wie das Vorbereitungsjahr genannt wurde, durchlief. Während des anschließenden Noviziats mussten sich die Kandidaten dann entscheiden, ob sie tatsächlich ein Leben hinter Klostermauern führen wollten. War dem so, dann wurde das in der Profess mit einem Gelübde besiegelt. »Bruder Konrad« – den Namen hatten seine Oberen für ihn ausgesucht – fiel seine neue Aufgabe in der fremden Umgebung alles andere als leicht, denn als Bauer hatte er ja kaum Kontakt mit Fremden gehabt und plötzlich standen tagtäglich Dutzende von Besuchern und Bittstellern vor seiner Pforte. Die ersten Berichte über den Neuling fallen aber trotzdem sehr positiv aus: »Johannes Birndorfer tut ohne leisesten Widerspruch, was man ihm anschafft. Gestern ließ ihn der Bruder Crispin den Zellengang im ersten Gang auf den Knien bürsten. Der frühere Bauer vom Venushof verrichtete diese Arbeit, bei der sonst drei Brüder zusammenhelfen, allein. Er hat sich die Haut an den Händen blutig gerieben. Als ich an ihm vorbeikam, wollte er dies vor mir verbergen. Ich stellte ihn deswegen zur Rede, doch meinte er: »Man soll net so wehleidig tun, an der Arbeit ist noch keiner gestorben«, notiert sein Guardian wohlwollend. Nach eineinhalb Jahren in Altötting wird Konrad dann für drei Monate nach Burghausen geschickt, um einen kranken Mitbruder zu pflegen und von dort geht es nach Laufen, wo er sein Noviziat ableisten soll. Dort fällt er vor allem wegen seiner mehr als strengen Askese auf: Er isst und trinkt gerade so viel, um nicht zu verhungern, und um keinen Genuss zu verspüren, vermischt er seine kargen Speisen mit Asche und trinkt dazu nur schales Bier. Das übermäßige Selbstkasteien bleibt nicht ohne Folgen; Konrad wird immer blasser und dünner, bis seine Oberen ihm schließlich befehlen, mehr Nahrung zu sich zu nehmen.

Am 4. Oktober 1852 legt Konrad seine ewige Profess ab und wird anschließend wieder nach Altötting versetzt, um dort die Stelle des Pförtners zu übernehmen. Es ist eine betriebsame Arbeit, denn die Klosterglocke läutet bis zu 200 Mal pro Tag. Konrad muss Pilger, Bittsteller und Geschäftsleute empfangen, Messstiftungen aufnehmen, Rechnungen auszahlen, Devotionalien verkaufen und nicht selten auch Trost und Gaben für Bedürftige spenden. 41 Jahre lang wird er diese Aufgabe pflichtgetreu erfüllen, Tag für Tag, wobei sich seine Arbeitszeiten vom frühen Morgen – er steht zwischen drei und vier Uhr auf – bis in die Nacht ziehen. Gelegenheit zum Ausschlafen hat er nicht, denn um Mitternacht müssen die Mönche aufstehen, um eine Stunde zu beten. Konrad legte sich anschließend oft gar nicht mehr hin, sondern verbrachte die Zeit bis zum Arbeitsbeginn betend in der Klostergruft. Obwohl sich der gebürtige Griesbacher körperlich bis an die Grenzen schindet, fastet, und sich selbst als Kranker keine Erholung gönnt, treffen die Besucher auf einen immer gleich freundlichen, geduldigen Pförtner, der alle Hebel in Bewegung setzt, um die Wünsche der Besucher zu erfüllen. Unter den Bittstellern, die sich einstellen, sind täglich auch bis zu 120 Bedürftige, denen Konrad alles, was er an Essbarem im Kloster auftreiben kann, überlässt und dabei selbst von seiner eigenen, eh schon mehr als kargen, Ration noch etwas abknappst. Der sonst so friedfertige Kapuziner scheute sich dabei auch nicht, sich mit jenen Mitbrüdern anzulegen, denen diese Freigiebigkeit zu weit ging. So sehr er sich um die Leiden anderer bemüht, vernachlässigt er seinen eigenen Gesundheitszustand. Schon 1864 hatte er in einem Brief an seine Geschwister geschrieben, dass es ihm wohl am Magen fehle, und dass er eigentlich nie richtig gesund sei. Trotzdem weicht er von seiner Aufopferung für andere und der gleichzeitigen Selbstkasteiung kein Stück ab. Selbst als er körperlich schon völlig am Ende war und die Ärzte ihm strikte Schonung verordneten, versah Konrad weiter seinen Dienst als Pförtner.

Am 18. April 1894, nach 41 Jahren ohne Rast, nachmittags musste der dann 76-Jährige dem Guardian gegenüber jedoch feststellen: »Ich mein, jetzt geht’s nicht mehr.« Drei Tage später, am 21. April 1894 stirbt Johann Birndorfer alias Bruder Konrad in seinem 44. Jahr als Kapuziner.

Seine letzte Ruhestätte findet er zunächst wie alle Mitbrüder in der Klostergruft – dort, wo er jahrzehntelang Nacht für Nacht gebetet hatte. Wie der Eintrag im Taufbuch der Pfarrei Weng verrät, wurde sein Leichnam am 13. Oktober 1912 »aus der Gruft erhoben und in die neue Kirche St. Anna übertragen«.

Bereits kurz nach seinem Tod hatten Pilger damit begonnen, sein Grab zu besuchen und wenig später wurden auch die ersten Stimmen laut, den Kapuzinerbruder selig zu sprechen, was am 15. Juni 1930 geschah. Nur vier Jahre später, an Pfingsten 1934 folgte dann die Heiligsprechung durch Papst Pius XI. Unzählige Pilger hat es seitdem zum Reliquien-Schrein von Bruder Konrad in der nach ihm benannten Kirche in Altötting gezogen.

Seit 1999 für Besucher offen steht auch sein Elternhaus, der Venushof in Parzham, um dessen Erhalt sich der Bruder-Konrad-Verein kümmert, wobei der Geburtsraum und die Schlafkammer noch im Originalzustand erhalten sind. In einem Museum wird zudem der Lebensweg des Heiligen nachgezeichnet.

 

Susanne Mittermaier

 

Quelle: Maria Zeindl: Bruder Konrad – Der stille Held: Ein Lebensbild. Norderstedt, 2018.

 

16/2019