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Jahrgang 2011 Nummer 50

An Weihnachten endlich daheim

Die kleine Elisabeth fährt an Weihnachten zum ersten Mal allein mit dem Zug zu ihren Großeltern

Es war im Dezember 1948, zehn Tage vor dem Hl. Abend, als der Postbote mir einen Brief von meinen Großeltern brachte, darin stand, dass meine jüngste Tante krank war und mich deshalb heuer an Weihnachten nicht abholen konnte. Weil wegen der Stallarbeit sonst niemand aus Pittersdorf solange weg konnte, hatte der Großvater gemeint, ob ich nicht alleine mit dem Zug kommen würde?

Es war das dritte Weihnachten, an dem ich am Hl. Abend nicht bei »meiner großen Familie« sein konnte, darum hatte mich die letzten beiden Jahre meine Tante mit dem Zug abgeholt.

Ohne langes Nachdenken, war ich fest entschlossen, alleine zu fahren und sagte dies auch gleich meiner Mutter. Diese jedoch wollte keinesfalls einwilligen, dass ich alleine mit dem Zug so weit fahren wolle, noch dazu müsste ich von Matzing aus noch den langen Weg zu Fuß gehen. Doch ich gab nicht auf und beruhigte die Mutter, dass ich doch mit meiner Tante schon öfters diese Strecke gefahren sei. Auch wüsste ich genau, in welchen Zug ich ein- und umsteigen musste und außerdem war ich ja schon neuneinhalb Jahre alt. Schließlich meinte sie, so müsse ich halt in Gottes Namen alleine fahren.

Am Hl. Abend schlich ich mich bald in die Kammer hinauf, um am Weihnachtsmorgen auch ausgeschlafen zu sein. Schon bald in der Früh, wachte ich auf und zog mich schnell an, denn in der Kammer war es eiskalt. In den großen Rucksack hatte ich gestern schon meine Sachen eingepackt, aber vorsichtshalber schaute meine Mutter noch nach, ob ich auch nichts vergessen hatte.

Es war kurz nach acht Uhr, als mir die Mutter endlich den schweren Rucksack fest auf meine kleinen Schultern schnürte. Ein eiskalter Wind empfing mich, als ich gleich darauf den Antritt vor der Haustür hinunterstieg. Meine Mutter gemahnte mich nochmal, doch auch gut aufzupassen, sodass ich auch wohlbehalten bei den Großeltern ankäme und daheim solle ich alle schön grüßen.

Dass ich das alles tun werde, rief ich meiner Mutter noch zurück und machte mich eiligst auf den Weg. Nach gut einer halben Stunde war ich schnaufend bei dem kleinen Bahnhäuschen in Staudach angekommen und verlangte auch gleich eine Fahrkarte nach Matzing. Der Schalterbeamte schaute mich freundlich an, als er mich fragte, ob ich heute am Weihnachtstag alleine schon so bald in der Früh so weit fortfahre? Mit einem stolzen Nicken steckte ich meine Fahrkarte tief in die Manteltasche und ging hinaus vor die Tür. Als kurze Zeit darauf der kleine Zug mit lautem Pfeifen sein Kommen ankündigte und pfauchend anhielt, kletterte ich, meinen Rucksack fest unklammernd, die paar Stufen zum Waggon hinauf. Drinnen saßen nur wenige Leute, so konnte ich leicht einen Fensterplatz finden. Ein älterer Mann setzte sich mir gegenüber, er schaute mich eine Zeitlang an, als er schließlich fragte, wo ich denn hinwolle, ganz allein?

Dass ich zu den Großeltern fahre, weil dort für mich das Christkind gekommen ist, erzählte ich schließlich freudig. Er nickte mir zu und wünschte mir, als er bei der nächsten Station ausstieg, ein gutes Heimkommen.

Nun ließ ich keinen Blick mehr weg vom Fenster, denn bald musste der große Bahnhof von Traunstein kommen, dort musste ich umsteigen. Bald konnte ich auch schon die vielen Gleise sehen, hastig stand ich von der harten Holzbank auf und nahm schnell meinen Rucksack auf den Rücken. Als gleich darauf der Zug mit einem Ruck anhielt, war ich bei den ersten, die aus dem Waggon herauskamen. Es war eisig kalt draußen, darum schlüpfte ich in die warmen Handschuhe und machte mich schnellstens auf die Suche nach dem Matzinger Zug.

Das letzte Mal war es Sofie, die mit mir die Strecke gefahren war und ich hatte geglaubt, mir die Gleise gut eingeprägt zu haben. Nun, angesichts der vielen Menschen wurde mir jetzt doch langsam Angst. So fragte ich scheu einen gerade auf mich zukommenden Schaffner, wo denn der Zug nach Matzing sei? Er schaute mich schmunzelnd an und lächelnd sagte er dann zu mir, dass gleich da vorn mein Zug stehe, ich mich aber »schicken« müsse, weil dieser gleich abfahre

Mit einem »Vergelts Gott« lief ich so schnell ich es mit dem großen Rucksack vermochte, auf den kleinen Zug zu, der mich endgültig zu meinen Großeltern bringen sollte. Schon kurz darauf ließ ich mich, ohne selbigen vom Rücken zu nehmen, aufschnaufend auf die harte Bank fallen und schaute nicht mehr weg vom Fenster. Als endlich an der dritten Station der Bahnvorsteher draußen laut rief: »Matzing«, da war ich auch schon draußen auf dem Trittbrett und hüpfte eiligst hinunter. Es hatte zu schneien angefangen und nach kurzem Überlegen entschloss ich mich, erst einmal in das Bahnhofhäuschen hineinzugehen. Es war leer. So setzte ich mich auf eine Bank in der Ecke und nahm den Rucksack herunter. Ich kramte das dicke Butterbrot heraus, das mir die Mutter eingepackt hatte. Nun merkte ich erst, dass ich Hunger hatte, war doch Mittag auch schon längst vorüber. Während ich mein Brot verzehrte, kam ein Mann von der Bahn herein. Er schüttelte sich den Schnee von seiner dicken Haube, schaute mich erstaunt an, als er mich schließlich fragte, wohin ich denn wolle mit dem großen Rucksack? Als ich daraufhin ganz bestimmt zu ihm sagte, dass ich zu meinen Großeltern zum Pittersdorfer hinaufwolle, entgegnete dieser staunend, dass ich da aber noch einen weiten Weg vor mir hätte. Ich solle gut heimkommen und dem Großvater schöne Grüße vom Bartl ausrichten, rief er mir noch nach, als ich mich nun schnellstens auf den Weg, der dem Wald zuführte, machte. Die Schneeflocken wurden immer dichter, ich stülpte mir den Mantelkragen über den dicken Schal und zog die Mütze tief ins Gesicht.

Mit Sofie war ich schon einmal an einem Weihnachtstag diesen einsamen Weg gegangen, heute aber war ich allein. An dem dichten Wald angekommen, schaute ich noch einmal kurz zurück. Kein Mensch war weit und breit zu sehen. Sollte ich umkehren, schoss es mir durch den Kopf. Nein, ich musste doch zu den Großeltern und kurz entschlossen stapfte ich hinein in den tief verschneiten Wald. Bald wurde der Weg immer schmaler und ich hatte keine Hand, die ich festhalten konnte. Ich getraute mich nicht mehr umzudrehen, denn überall sah ich dichte, graue Schatten hinter den Bäumen.

Eine gute halbe Stunde musste ich bestimmt schon gegangen sein und der Rucksack auf dem Buckel wurde immer schwerer, doch nur nicht stehen bleiben, dachte ich bei mir.

Da auf einmal, ich traute meinen Augen nicht, sah ich eine Gestalt vor mir auftauchen und blieb wie angewurzelt stehen. Er hatte etwas Riesengroßes auf seinem Rücken geladen, als ich endlich erleichtert aufschnaufen konnte. Ich hatte den Jäger erkannt, welcher schon des öfteren in Pittersdorf war und der nicht wenig staunte, mich allein mitten in diesem abgelegen Holz anzutreffen. Er müsse de‘ Reh‘ z‘ Weihnachten a‘ guat‘s Heu bringen, meinte er zu mir noch. Auf meine Frage, wie lange denn der Wald noch sei, sagte er, indem er mit der Hand nach vorne deutete, dass i glei‘ da vorn bei der Kurfn ausikomm. Da kam mir mein Rucksack gleich nicht mehr so schwer vor und mit einem »Pfüad di‘« beschleunigte ich meine Schritte. Endlich lichtete sich der Wald, ich schnaufte erleichtert auf und ohne nochmal umzuschauen, stapfte ich dem jetzt sichtbar gewordenen Gehöft zu. Dort brannte schon das Licht, es war ja auch schon fast dunkel und bestimmt würde es schon auf fünf Uhr zugehen, so dachte ich bei mir. Es hörte nicht mehr auf zu schneien, so war ich froh, als ich an der Weggabelung, wo es geradeaus nach Hart ging und rechts hinauf nach Pittersdorf, angekommen war. Jetzt musste ich nur noch das Stückchen Weg entlang eines Waldes hinter mich bringen. Vor der alten Hiefelhütte, die dort am Wegrand stand, fürchtete ich mich jedesmal, denn obwohl dort nur die Heuhiefeln für den Sommer waren, sah ich besonders ums Finsterwerden zwischen den Hiefeln, Gestalten sich bewegen. Also stapfte ich, trotz des vielen Schnees, so schnell ich konnte, ohne einen Blick darauf zu werfen, daran vorbei.

Jetzt konnte ich endlich das auf der Anhöhe stehende, vertraute Gehöft von Pittersdorf erkennen. Der scharfe Wind blies mir immer wieder die Kapuze vom Kopf und ich kam immer mühsamer vorwärts. Es war ganz dunkel geworden, als ich die Anhöhe nach Pittersdorf hinaufschnaufte. Einsam und friedlich lag das ganze Gehöft, von einem dicken Schneemantel zugedeckt vor mir. Die Hoflampe brannte und ich sah eine dunkle Gestalt, unweit der Haustür stehend, mir zuwinken. Froh beschleunigte ich, so gut es ging meine Schritte, – da erkannte ich meinen Großvater. Ich schrie ihm von Weitem zu: »Großvater i‘ bins«!

Da ging er mir mit seinem »wehen Fuß« ein paar Schritte durch den tiefen Schnee entgegen, er drückte meine Hand ganz fest und sagte zu mir: »Iatzt bist ja Gott sei Dank endlich da«.

Er nahm meinen Rucksack und während ich mir den Schnee vom Mantel schüttelte, dachte ich bei mir: Endlich daheim.

Drinnen in der heimeligen, bacherlwarmen Stube zog mir meine Großmutter die nassen Sachen aus, denn die Nässe war auch durch den dicken Mantel und die »hohen« Schuhe gedrungen. Der Großvater nahm meinen Arm, ich betrachtete liebevoll den Christbaum, der an seinem vertrauten Platz stand. Da war es auch für mich endlich Weihnachten geworden.


Elisabeth Mader



50/2011