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Jahrgang 2019 Nummer 24

»Alles drängt und hastet nach den Städten«

Soziale Veränderungen führen zu eklatantem Mangel an Arbeitskräften auf dem Land um 1900

Während der Erntezeit mussten Dienstboten wie hier eine Magd auf einem Gemälde von Julien Dupré um 1895 rund um die Uhr rackern. (Repros: Mittermaier)
Viele Landarbeiter wollten lieber in städtischen Fabriken arbeiten. Das Bild von 1905 zeigt eine Messinggießerei.

Die Klagen stießen alle ins gleiche Horn: »Dienstboten wollen auf dem Lande nicht mehr dienen, das beschränkte häusliche Leben ist ihnen zu langweilig; in der Stadt finden sie mehr Gelegenheit, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, ihren Körper zu pflegen. In den Städten gibt es Fabriken, da verdient man schönes Geld und kann damit leben und machen, was man will. Kein Mensch beansprucht dort das Recht, eine arbeitende Person zu kontrollieren wegen ihres Betragens, wegen Übung ihrer religiösen Pflichten, wegen ihres täglichen Umgangs« schreibt das »Neue bayerische Volksblatt« aus Regensburg im Juni 1863 zum Dienstbotenmangel in der Landwirtschaft.

Der Artikel ist damals nur einer von vielen über ein Phänomen, das bis zum Ersten Weltkrieg anhalten und so gut wie alle Regionen zwischen Würzburg und Berchtesgaden betreffen sollte. »Das Land draußen wird einsam und einsamer und der Dienstbotenmangel wird größer und größer«, resümiert 1868 das »Straubinger Tagblatt« und »Der Volksfreund« in München warnt 1873, dass die »sozialen Zustände« noch weit drohender seien als bislang angenommen: »Die Städte schwellen an und das Land verödet; dort drückt die Wohnungsnot und hier der Dienstbotenmangel.«

Auslöser der als »Landflucht« bezeichneten Bevölkerungsverschiebung sind damals tiefgreifende Veränderungen auf politischer, wirtschaftlicher und sozialer Ebene. Dienstboten und Handwerker sind aufgrund der im Lauf des 19. Jahrhunderts gesetzlich festgelegten Freizügigkeit bzw. der Zunftfreiheit nicht mehr an einen bestimmten Ort gebunden, was zur Folge hat, dass es immer mehr Menschen in die Städte zieht in der Hoffnung, hier vielleicht ein besseres Leben zu führen als auf dem Land.

Als Folge fehlten in der Landwirtschaft immer mehr Hände, wobei sich das Problem bis zur Jahrhundertwende immer weiter verschärfte: »Noch selten war der Mangel an Arbeitskräften so fühlbar wie jetzt, und mit Bangen sehen die Landleute der Ernte entgegen. Alles drängt und hastet nach den Städten«, klagt das »Brucker Wochenblatt« im Juni 1900, und bezieht sich dabei nicht nur auf bayerische Ballungsräume, in denen ländliche Dienstboten auf ein besseres Leben hoffen.

Allein in den vier Jahrzehnten zwischen 1870 und 1910 wanderten über 250000 Bayern in die Vereinigten Staaten aus, der Großteil von ihnen ebenfalls Angehörige der besitzlosen Unterschicht, die neben einem besseren Auskommen in Übersee meist auch auf einen gesellschaftlichen Aufstieg hofften.

Der anhaltende Dienstbotenmangel beschäftigte mit Beginn des neuen Jahrhunderts dann auch zunehmend Fachverbände und Wissenschaftler. Die Jahrzehnte zuvor hatte sich in der öffentlichen Wahrnehmung noch das Bild des undankbaren, vergnügungssüchtigen Gesindes zementiert, das, anstatt strebsam zu arbeiten, die Herrschaft im Stich ließ, um sich in der Anonymität der Stadt einem sittenlosen Lebenswandel hinzugeben.

Dass die Schuld an der Landflucht vielleicht nicht allein bei den Dienstboten lag, sondern auch an den Arbeitsverhältnissen bzw. den Arbeitgebern, war eine Erkenntnis, die erst langsam in den Köpfen der Kritiker ankam. Der Verband süddeutscher katholischer Arbeitervereine und die Zentralstelle der christlichen Bauernvereine Bayerns starteten 1906 unabhängig voneinander zwei Fragebogenaktionen, mit denen der Alltag der ländlichen Dienstboten genauer unter die Lupe genommen werden sollte, um dann ein umfassenderes Bild zu bekommen, warum es, obwohl sich das Leben als Fabrikarbeiter inzwischen ebenfalls als nur selten rosige Existenz herausgestellt hatte, immer noch so viele Menschen vom Land in die Städte zog.

Die bei diesen Aktionen ausgefüllten Fragebögen – an die 2000 insgesamt – dienten dem Doktoranden Georg Ernst aus Buchbach bei Mühldorf als Material für seine 1908 veröffentlichte Dissertation über »die ländlichen Arbeitsverhältnisse im rechtsrheinischen Bayern«. Ernsts Untersuchung ist, 110 Jahre nach ihrer Entstehung, nicht nur aus sozialpolitischer, sondern vor allem auch kulturhistorischer Sicht interessant, denn sie ermöglicht einen ausführlichen Blick auf den Alltag damaliger Dienstboten, angefangen von der Verpflegung über die Wohnverhältnisse bis hin zu den »sittlichen Verhältnissen«, die vom ursprünglich zum Priester ausgebildeten Autor besonders kritisch unter die Lupe genommen wurden.

Georg Ernst lässt in diesem Punkt auch stark seine eigene persönliche Haltung durchblicken, was in einer Doktorarbeit eigentlich nichts verloren hat, doch die wissenschaftlichen Standards steckten damals vielfach noch genauso in den Kinderschuhen wie die soziale und politische Gleichberechtigung aller Bevölkerungsschichten. Ernst folgt in seinem Gesellschaftsverständnis noch dem althergekommenen Modell, bei dem ein Brötchengeber, sprich Bauer oder Handwerksmeister, seinen Arbeitnehmern gegenüber nicht nur während der Arbeitszeiten weisungsberechtigt war, sondern auch über deren Privatleben wachte. Dass diese Kontrolle und die damit verbundenen Einschränkungen aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen längst nicht mehr zeitgemäß und mit ein Grund waren, warum Mägde und Knechte ihren Dienst aufkündigten, war ein Umstand, der in den Köpfen sowohl der Bauern wie auch des Klerus' erst ankommen musste.

Bei einem weiteren Punkt, der, wie die Umfragen zeigten, maßgeblich zum Dienstbotenmangel beitrug, waren sich Arbeitgeber und Bedienstete aber weitgehend einig: »Die Dienstboten klagen allgemein über die lange Arbeitszeit; sie ist auch ein Grund, warum viele dem landwirtschaftlichen Berufe den Rücken kehren, wie es öfters drastisch zum Ausdruck kommt: »Da gehe ich übers Jahr in die Stadt, ich plage mich nicht mehr bei einem Bauern«, sei ein Argument, das praktisch in allen analysierten Fragebögen zu finden sei. Im Sommer mussten Mägde und Knechte demnach durchschnittlich 15 Stunden rackern und oft sogar noch erheblich länger, wie die Schilderungen eines typischen Arbeitstags während der Erntezeit zeigt: »Aufstehen um drei oder vier Uhr, manchmal sogar noch früher, und dann wurde durchgehend gearbeitet bis neun oder zehn Uhr abends, nur unterbrochen von kurzen Pausen zu den Mahlzeiten.« In besonders krassen Fällen bekamen Dienstboten noch nicht einmal ein paar Stunden Schlaf, zum Beispiel wenn Mäharbeiten anstanden: »In aller Frühe wird aufs Feld gezogen, zuvor aber müssen die Tiere gefüttert und besorgt werden; und abends wenn auf dem Felde die Arbeit beendet ist, harrt der Müden noch einmal die Pflege der Tiere. … Zur Zeit des Mähens wird schon um zwei Uhr angefangen, und wenn ein weiter Weg, was öfters vorkommt, zurückzulegen ist, dann wird bereits um ein Uhr gegangen.« Dadurch komme es vor, dass Knechte während der Zeit des Mähens sogar tagelang gar keinen Schlaf bekamen. Tagelöhner kamen hier noch etwas besser davon: Sie arbeiteten in der Regel von 6 Uhr früh bis 16 Uhr; waren Überstunden gefragt, mussten diese normalerweise zusätzlich vergütet werden, wobei hier allerdings nicht immer Geld floss; oft wurde die Mehrarbeit auch mit einem Humpen Bier oder einer zusätzlichen Mahlzeit abgegolten.

Im Winter war die Arbeit für das Gesinde zwar in der Regel weniger, doch auch in der kalten Jahreszeit wurde kaum nach fünf Uhr früh aufgestanden und vor sieben Uhr Feierabend gemacht. Dass die Belastung auch in eigentlich weniger arbeitsreichen Monaten kaum geringer wurde, lag meist an der gesunkenen Zahl von Arbeitskräften: Viele Bauern hätten im Vergleich zu früher ein oder gar zwei Knechte weniger und das verbliebene Gesinde müsse entsprechend mehr leisten, so der Tenor. Als Gründe dafür wurden, neben dem Mangel an Dienstboten, die schlechte wirtschaftliche Situation vieler Bauern genannt, die sich keinen zusätzlichen Bediensteten leisten konnten, wobei in manchen Fällen auch bloße Gewinnsucht dahintersteckte: »Freilich ist es aber auch zuweilen Geiz und Habsucht, die den Bauern zur Rücksichtslosigkeit verleiten, seine Dienstboten über Gebühr auszunutzen, nur um an Kost und Lohnzahlungen einzusparen.«

Im Vergleich zu 15 oder noch mehr Stunden Schufterei, und das auch noch ohne geregelte Freizeit, mussten Tätigkeiten in der Industrie nach damaligem Verständnis geradezu als Verlockung erscheinen. Ab 1900 betrug die Arbeitszeit in Fabriken maximal zehn Stunden und der Sonntag war grundsätzlich frei, was bei landwirtschaftlichen Dienstboten auch nicht zwingend der Fall war. War darüber hinaus die Verpflegung nicht das Gelbe vom Ei und der Bauer womöglich ein wenig empathischer Patron, war es den Mägden und Knechten kaum zu verdenken, wenn sie ihre Säckel schnürten. Mehr über die in Georg Ernsts Doktorarbeit geschilderten Lebensverhältnissee im ländlichen Bayern um 1900 können Sie der nächsten Ausgabe der Chiemgau-blätter lesen.

 

Susanne Mittermaier

 

Vom Geistlichen zum Redakteur: Georg Ernst

Als Georg Ernst sich in seiner Doktorarbeit mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen der bayerischen Dienstboten beschäftigte, hatte er bereits einen ungewöhnlichen Lebensweg hinter sich: 1880 in Buchbach bei Mühldorf als Sohn eines Straßenwärters geboren, gehörte er eigentlich zu jener Klientel, über die er später schreiben sollte. Offenbar war Georg Ernst aber ein begabter und fleißiger Schüler, denn er bekam, trotz der geringen finanziellen Mittel seiner Eltern die Möglichkeit, weiterführende Schulen in Scheyern und Metten zu besuchen. Am Gymnasium in Freising legte er sein Abitur ab und studierte dann, ebenfalls in Freising, am königlichen Lyzeum Philosophie und Theologie.

1905 wurde der 25-Jährige zum Priester geweiht und war anschließend kurz als Stadtkaplan in Rosenheim tätig. 1906 hängte er die Soutane allerdings an den Nagel und nahm eine Stelle als Redakteur für das Blättchen »Der Arbeiter« an, der Verbandszeitschrift der Süddeutschen Katholischen Arbeitervereine. Parallel dazu begann Georg Ernst an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Staatswissenschaften zu studieren. 1908 promovierte er an der Universität Erlangen mit seiner Untersuchung über »Die ländlichen Arbeitsverhältnisse im rechtsrheinischen Bayern«. Danach setzte der Buchbacher seine journalistische Tätigkeit als Redakteur für den Verband Süddeutscher Arbeitervereine fort, der neben dem »Arbeiter« inzwischen weitere Zeitschriften, darunter »Die Arbeiterin« und das »Sonntagsblatt für die katholische Familie« herausgab.

Katholische Arbeitervereine, die sich in Süddeutschland 1891 zum Verband zusammengeschlossen hatten, waren von Klerikern aus der Taufe gehoben worden, mit dem Ziel, die wachsende Zahl von Arbeitern an ein konservatives, religiös geprägtes Umfeld zu binden. Die Gemeinschaft in den Vereinen sollte dabei als Gegenmodell zur sozial entwurzelten städtischen Arbeiterschaft fungieren, die aus Sicht der Kirche und konservativen Gesellschaftskreisen einen allzu freien, moralisch verwerflichen Lebenswandel führte. Die jeweiligen Vereine organisierten gemeinschaftliche Unternehmungen und stellten Bildungsangebote bereit. Darüber hinaus wurden auch Unterstützungskassen gegründet, die den Mitgliedern in Fällen von Bedürftigkeit finanziell unter die Arme griffen.

Die politische Arbeit spielte in der Anfangszeit dagegen kaum eine Rolle. Im Süddeutschen Verband, der seinen Sitz in München hatte, waren 1900 knapp 400 Vereine organisiert mit fast 60000 Mitgliedern. Eine maßgebliche Rolle bei der Gründung und Tätigkeit spielte in den ersten Jahren der Münchner Geistliche Lorenz Huber, der von 1891 bis 1903 das Amt des Verbandspräses innehatte. Huber war darüber hinaus auch die treibende Kraft bei der Gründung der Verbandsorgane, für die Georg Ernst als Redakteur tätig war.

 

24/2019