weather-image
25°
Jahrgang 2019 Nummer 3

Acht Polit-Pionierinnen gegen 172 Männer

Bei der Landtagswahl 1919 können Frauen erstmals von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen

Bei der Landtagswahl 1919 konnten erstmals auch Frauen den Gang an die Urnen antreten.
Rosa Kempf hielt als erste Frau eine Rede im Bayerischen Landtag.
Bessere Arbeitsbedingungen für Frauen wie diese Arbeiterinnen einer Lebensmittelfabrik um 1920 waren eine der Forderungen der Polit-Pionierinnen. (Repros: Mittermaier)

Ihre Namen kennt heute kaum jemand, doch ohne den streitbaren Einsatz von Persönlichkeiten wie Rosa Kempf und Ellen Ammann hätte es noch viel länger gedauert, bis Frauen in Deutschland den Männern rechtlich und sozial gleichgestellt oder gar in so einflussreiche Ämter wie das einer Bundeskanzlerin gewählt werden. Die beiden Polit-Pionierinnen gehören zu den acht Frauen, die bei der Wahl zum Bayerischen Landtag 1919 als erste weibliche Abgeordnete ein Mandat erhielten. Möglich gemacht hatte dies ein Erlass durch Ministerpräsident Kurt Eisner, der im Dezember 1918 das allgemeine Wahlrecht für den neu ausgerufenen Freistaat Bayern verkündet hatte. Und zahlreiche Frauen machten von ihrem neuen Recht dann auch Gebrauch, wie die Wahlbeteiligung von insgesamt 86 Prozent bei der Wahl zum ersten ordentlichen Landtag nach dem Krieg zeigt. Die acht Sitze, die damals an weibliche Kandidaten gingen, waren zwar gegenüber 172 männlichen Parlamentariern prozentual nicht wirklich bedeutend, doch angesichts der Tatsache, dass es Frauen nur zehn Jahre zuvor noch nicht einmal erlaubt war, an politischen Veranstaltungen teilzunehmen, waren auch diese wenigen Mandate ein Meilenstein. Dass es mit der Gleichstellung von Mann und Frau damals insgesamt nicht weit her war, zeigte sich nicht nur in der Politik, sondern praktisch in allen Lebenslagen, angefangen von der Familie, wo Ehemänner ungehindert über das Geld ihrer besseren Hälfte verfügen und diesen überdies verbieten konnten, einen Beruf auszuüben; und in der Arbeitswelt sah es auch nicht besser aus: Frauen bekamen für die gleiche Tätigkeit immer noch weit weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen und viele Posten waren ihnen allein wegen ihres Geschlechts ganz verwehrt.

Für Rosa Kempf und Mitstreiter stand in ihrer politischen Arbeit deshalb die Förderung von Frauen in Familie und Beruf an erster Stelle. Ihr schlagkräftiges Argument: Von der weiblichen Emanzipation würden nicht nur die Betroffenen selbst, sondern die Gesellschaft insgesamt profitieren: Bereits 1911 war Rosa Kempf im Rahmen ihrer Doktorarbeit zu dem Fazit gekommen, dass »der Zustand der Welt sich bessern und die männliche Politik sozialer, menschlicher und friedlicher werden würde, wenn Frauen mitbestimmen, mitregieren und mitentscheiden dürften.«

Die 1874 in Birnbach geborene Tochter eines Landarztes war aber Realistin genug, um zu erkennen, dass den Gegnern der Emanzipation mit dem Wahlrecht für Frauen allein noch lange nicht der Wind aus den Segeln genommen war. Im Februar 1920 gab sich Kempf bei einer Rede im Landtag, der damals noch im alten Gebäude an der Prannerstraße tagte, bewusst kämpferisch: »Ich freue mich, dass ich im Leben schon oft ›Frauenrechtlerin‹ genannt wurde, und hoffentlich gehe ich als solche ins Grab; denn wir werden noch lange zu kämpfen haben, bis im Leben die Gleichberechtigung der Frauen durchgedrungen ist.«

Um ihren Anliegen im Plenum entsprechend Gehör zu verschaffen, zeigten sich die Polit-Pionierinnen auch über die Parteigrenzen hinweg solidarisch mit den Forderungen ihrer Geschlechtsgenossinnen: Als Maria von Gebsattel, Ellen Ammann, Therese Schmitt, und Aloisia Eberle, die alle der Bayerischen Volkspartei angehörten, im Februar 1920 einen Gesetzesantrag zur Förderung der Mädchenbildung einbrachten, unterstützte Rosa Kempf, die die Deutsche Demokratische Partei vertrat, mit einer wortgewaltigen Rede die Forderungen ihrer Kolleginnen: Das Argument, wonach Frauen geistig und körperlich gar nicht in der Lage seien, anspruchsvollere Tätigkeiten auszuüben, sei mittlerweile ja hinlänglich widerlegt, weshalb es auch keinen Grund gebe, Frauen – wie bislang der Fall – von Gremien im Kultusministerium auszuschließen, in denen über die zukünftige Bildung junger Mädchen entschieden werde: »Die Frauen haben in der Kriegszeit gezeigt, dass sie auf allen Gebieten, Industrie, Handel, Gewerbe, Kunst, Schule, überall hervorragend tätig waren, was als bewundernswert allseitig anerkannt wurde. Wir sehen gar nicht ein, dass nur die Männer allein in der Lage sein sollen, die Mädchenbildung, die Mädchenschule auszubauen, zu organisieren und zu beraten«, so Kempf.

Die promovierte Staatswissenschaftlerin sprach dabei aus praktischer Erfahrung. Kempf hatte zunächst eine Ausbildung zur Volksschullehrerin in der Königlichen Kreisbildungslehranstalt in München absolviert und in ihrer nachfolgenden Tätigkeit als Pädagogin hautnah miterlebt, wie schlecht es um die Chancen für Mädchen, weiterführende Schulen zu besuchen oder eine qualifizierte Ausbildung zu absolvieren, stand. Rosa Kempf selbst gehörte zu den wenigen, weiblichen Studenten, die sich nach Einführung des Frauenstudiums in Bayern 1903 ordentlich an einer bayerischen Hochschule immatrikulieren konnten.

1911 schloss die Niederbayerin ihr Studium an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität mit einer erfolgreichen Promotion in Staatswissenschaften ab. Thema ihrer weit beachteten Doktorarbeit war das Leben junger Fabrikmädchen in München, wofür Kempf sogar einige Wochen selbst in Fabriken gearbeitet und dabei erlebt hatte, unter welch katastrophalen Bedingungen die Frauen, die oft noch halbe Kinder waren, schuften mussten, um dann so wenig Lohn zu erhalten, dass sie sich nicht einmal ein ordentliches Mittagessen leisten konnten, geschweige denn ein eigenes Zimmer oder gar eine Wohnung. Viele der Arbeiterinnen, die oft vom Land in die Stadt gekommen waren in der Hoffnung auf ein besseres Leben, endeten als sogenannte Schlafgeher, wie Personen genannt wurden, die sich bei Familien einlogierten, die ihre meist schäbigen, beengten Behausungen mit Fremden teilen mussten, weil sie selbst die Miete dafür nicht aufbringen konnten.

Auch Ellen Ammann hatte in ihrer jahrzehntelangen, karitativen Arbeit – sie rief die katholische Bahnhofsmission in München ins Leben und war überdies Gründungsmitglied und Vorsitzende des Katholischen Frauenbunds – das Elend der Unterschichten miterlebt. Die gebürtige Schwedin, die einen Münchner Arzt geheiratet hatte, war wie Rosa Kempf überzeugt, dass der Dreh- und Angelpunkt für Frauen in einer besseren Ausbildung lag, und das betraf nicht nur berufliche Tätigkeiten, sondern auch die Rolle als zukünftige Gattin und Mutter: Nur mit einer besseren Allgemeinbildung wie auch entsprechenden Kenntnissen in Haushaltsführung und Kinderpflege, so Ammann, konnten die jungen Frauen dafür sorgen, dass ihre eigenen Sprösslinge in besseren sozialen Verhältnissen aufwuchsen, als sie selbst.

Ein wichtiger Schritt dazu war für Amman die Professionalisierung von bislang nicht als Beruf anerkannten Tätigkeiten im Bereich Hauswirtschaft, Pflege und Fürsorge. Schon während der Kriegsjahre war die Öffentliche Wohlfahrtspflege mit immer neuen Problemfeldern konfrontiert worden, wie die Versorgung der stetig steigenden Zahl versehrter Soldaten, Witwen und Waisen, und die schlechten wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse insgesamt hatten sich auch nach 1918 nicht wirklich gebessert.

Ellen Ammann hatte schon vor dem Krieg erkannt, dass zur Bewältigung der sozialen Probleme einer sich rasant verändernden Gesellschaft die bislang in vielen Bereichen von ehrenamtlichen Helfern ausgeübte Fürsorge nicht mehr ausreichte und 1909 in München die sozial-caritative Frauenschule gegründet. Damit, so Ammanns Überlegung, konnten gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: Die Fürsorge bekam die notwendige Spezialisierung und Professionalisierung und für junge Frauen bot sich damit ein neues Berufsfeld als Alternative zu schlecht bezahlten Tätigkeiten oder der Abhängigkeit von einem Ehemann.

Ellen Ammann sollte allerdings bald erkennen, dass es von der Gründung einer privaten Lehranstalt bis zur staatlichen Anerkennung neuer Ausbildungszweige ein langer Weg war: Als 1919 die Bildung einer Reichsschulkonferenz im Raum stand, die das eigentlich in die Zuständigkeit der jeweiligen Länder fallende Schulsystem in Deutschland vereinheitlichen sollte, stellte Ellen Ammann im Landtag den Antrag, dass auch entsprechend weibliche Teilnehmer an dieser Konferenz teilnahmen. Was sich aus heutiger Sicht ziemlich banal anhört, sollte, wie die überlieferten Sitzungsprotokolle zeigen, tatsächlich zu heißen Diskussionen führen, die erahnen lassen, wie schwierig die Arbeit der weiblichen Abgeordneten der ersten Stunde tatsächlich war: Rosa Kempf, die als Mitglied des Ausschusses für Verfassungsfragen im Mai 1920 ihren Landtagskollegen von der Arbeit in diesem Gremium berichten sollte, stellte zu Beginn ihrer Rede zynisch fest, dass die Behandlung des Antrags, Mütter von Schulkindern in die Reichsschulkonferenz zu entsenden zwei volle Sitzungen des Verfassungsausschusses in Anspruch genommen habe. Wenn sie alles, was dort geäußert worden sei, wiedergeben solle, wäre das hohe Haus am Ende wahrscheinlich leer. Dabei sei es in der momentanen Situation in Bayern wie auch im gesamten Reich geradezu frevelhaft, über derartige Banalitäten zu debattieren, weil damit nur »von den wirklichen Nöten des Volkes und der Energie, die für den wirtschaftlichen Aufbau des Landes notwendig ist«, abgelenkt werde.

Tatsächlich trug aber auch das Thema Bildung dazu bei, dass der Bayerische Landtag 1919 nach nur gut einem Jahr schon wieder aufgelöst wurde und Neuwahlen angesetzt wurden. Grund dafür waren die steigenden Spannungen in der Regierungskoalition zwischen der Bayerischen Volkspartei und den Sozialdemokraten, unter anderem auch wegen erheblicher Differenzen um die zukünftige Rolle der Kirche im Kultusbereich.

Am 6. Juni 1919 wurden die bayerischen Bürger an die Urnen gerufen, erneut ihre Volksvertreter zu wählen. Diesmal erhielten neun weibliche Abgeordnete ein Mandat, wobei von den bisher vertretenen Politikerinnen Ellen Ammann, Aloisa Eberle, Maria von Gebsattel und Käthe Günther wieder ins Parlament einzogen.

Rosa Kempf wurde dagegen nicht mehr gewählt; sie kehrte an ihre alte Arbeitsstelle als Dozentin an der Frankfurter Frauenschule für Soziale Arbeit zurück. Die politischen Entwicklungen verfolgte die gebürtige Birnbacherin aber weiter und wie Ellen Ammann gehörte sie schon früh zu den schärfsten Kritikerinnen Adolf Hitlers. Dass sie auch öffentlich gegen den NS-Führer und seine Ideologie eintraten, verschaffte den beiden couragierten Frauen bald einen Eintrag auf der Schwarzen Liste der Nationalsozialistischen Partei (NSDAP). Ellen Ammann spielte überdies auch eine entscheidende Rolle bei der Niederschlagung des Putschversuchs der NSDAP im November 1923 in München, was ihr den besonderen Hass Hitlers einbrachte. Als ihr kurz vor dem Putsch am 8. November durch ein zufällig belauschtes Gespräch zu Ohren gekommen war, dass Hitler einen Umsturz plane, hatte Ammann kurzerhand alle Regierungsmitglieder in ihrer Frauenschule zusammengetrommelt und damit entscheidend zur Niederschlagung des Aufstands beigetragen.

Den Aufstieg Adolf Hitlers zum Reichskanzler sollte die resolute Kämpferin um die Gleichberechtigung der Frau dann nicht mehr erleben. Im November 1932 erlitt die damals 62-Jährige während einer Rede im Landtag – Thema war die Hilfe für kinderreiche Familien – einen schweren Schlaganfall, an dessen Folgen sie später starb. Rosa Kempf sollte ihre mutige Haltung gegen die NSDAP dagegen teuer bezahlen: Kurz nach der Machtergreifung im Januar 1933 erhielt sie ein Berufsverbot, das auch ihre Tätigkeit als Publizistin mit einschloss, was der Zeit ihres Lebens so aktiven Feministin psychisch und körperlich schwer zusetzte. Zunehmend gesundheitlich angeschlagen, blieb ihr nichts anderes übrig, als sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Rosa Kempf starb 1948 im Alter von 74 Jahren in Darmstadt.

 

Susanne Mittermaier

 

3/2019