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Jahrgang 2019 Nummer 19

400 Jahre Holzknecht-Vinzenzi-Verein Ruhpolding

Er zählt zu den Vorläufern der ersten Sozialversicherung

Der Ruf der Holzknechte. Nach 400 Jahren Holzknecht-Vinzenzi-Verein immer noch aktuell. Dieses Denkmal wurde 1959 vom Ruhpoldinger Bildhauer Andreas Schwarzkopf geschaffen.
Als Patron der Holzknechte wurde der Heilige Vinzenz von Saragossa auserwählt, hier die Statue in der Ruhpoldinger Pfarrkirche St. Georg.
Am Vinzenzitag wird jedes Jahr beim Kirchenzug am Holzknechtdenkmal ein Gesteck zu Ehren der verstorbenen und verunglückten Holzknechte niedergelegt.
Die heutige Vorstandschaft des Holzknechtvereins (von links): Michael Rappl, Richard Kecht, Vorsitzender Georg Bichler, Hans Mader, Karl Schauderna und Kajetan Förg.
So sahen die Holzknechtunterkünfte früher aus. In selbst gebauten Rindenkobeln wurde auch übernachtet.
Der erste Lehrgang 1938 an der Waldarbeitsschule in der Laubau.
Holzknechte im Jahr 1951.
Die Seilbahn von Seegatterl ins Unkental war zur Holzbringung nach dem großen Föhnsturm 1919 notwendig geworden. (Fotos: siehe Festschrift »400 Jahre Holzknecht-Vinzenzi-Verein Ruhpolding« von Karl Schauderna)

Man schrieb das Jahr 1619. Dieses Jahr wird allgemein als das Gründungsjahr des Holzknecht-Vinzenzi-Vereins angenommen. Er ist damit der zweitälteste, noch bestehende, Verein in Ruhpolding. 1619 wurde auch die Saline Traunstein von Herzog Maximilian I. gegründet, um die Salinenwälder um Bad Reichenhall zu schonen. Neben Herzog Maximilian I. von Bayern war während der Gegenreformation Ferdinand II. (1619 bis 1637) als deutscher König und römischer Kaiser die stärkste Stütze des katholischen Glaubens »in einer Stunde der größten Gefahr für die römische Kirche«.

Das Gründungsjahr fällt in eine schwere Zeit. 1616 herrschte eine »große Viehseuch im Ysenbach« (Miesenbach), der viel Vieh zum Opfer fiel. 1618 hatte zudem der 30-jährige Krieg begonnen, der jede Menge Schrecken und Not brachte. Ruhpolding blieb wohl von Schwedeneinfällen verschont, aber leider waren es nicht nur die Feinde, die raubend und plündernd durchs Land zogen, brandschatzten, die Frauen schändeten und die Bauern halbtot schlugen. Auch die einheimische Soldateska trieb verwildert und entmenscht die eigenen Landsleute zur Verzweiflung. Ob es im Ysenbach auch Übergriffe gab, ist nicht nachgewiesen.

Es war absehbar, dass die Saline in Traunstein mit ihren vier Sudpfannen viel Holz benötigen würde. »Als im Jahre 1619 das Salzsudwesen in Traunstein errichtet wurde, wurde das Forstamt Ruhpolding unter die Oberleitung des churfürstlichen Salzmeieramtes gestellt, unter gleichzeitiger Umwandlung des Forstamtes in das Salinen- und Waldmeisteramt Traunstein«, schrieb 1924 Pfarrer Peter Bergmaier in seinem ersten Ruhpoldinger Heimatbuch. In diese Zeit fällt auch der Bau der vermutlich ältesten Pipeline der Welt. Das »gute Salzflüssel« strömte durch hölzerne und bleierne Rohre 31 Kilometer weit von Reichenhall zur neu errichteten Saline in Traunstein. Diese Soleleitung ließ ebenfalls Herzog Maximilian I. bauen und war mit ihren sieben Pumpwerken eine technische Meisterleistung. Zusammen mit seinem Sohn, dem Hofbrunn- und Zimmermeister Simon Reiffenstuel, leitete Hanns Reiffenstuel von 1617 bis 1619 den Bau der Soleleitung von Bad Reichenhall nach Traunstein. »Kurfürst Maximilian I. hat mit Entschließung vom 4. Oktober 1628 der Saline 65 verschiedene Gebirge und Forste zugewiesen, darunter auch das Gebiet Ruhpolding-Miesenbach«, ergänzte Bergmaier seine Ausführungen. Damit war auch das Triftwesen aus den Seitenbächen und durch das »Tal der Weißen Traun« ins Leben gerufen.

»Jeder von ihnen wusste, wie gefährlich die Arbeit im Wald war«, schreibt Karl Schauderna in seiner Festschrift zum 400-jährigen Jubiläum. Sozialversicherungen gab es damals noch nicht und so lag es nahe, sich zusammenzutun und einen Verein zu gründen, der die Holzknechte und ihre Familien absichern sollte. Der Vinzenzi-Verein machte sich zur Aufgabe, in gegenseitiger Unterstützung bei Arbeitsunfähigkeit oder Todesfall infolge eines Arbeitsunfalles dem Mitglied oder seiner Familie zu helfen. Damit war auch ein Vorläufer der heutigen Sozialversicherung aus der Taufe gehoben worden.

Als Schutzpatron wurde der heilige Vinzenz von Saragossa gewählt. Vinzenz (lat.: »Der Siegreiche) war nach der Überlieferung Archidiakon des Bischofs Valerius von Saragossa und wurde mit diesem nach Valencia verbannt. Dort wurde er wegen seines christlichen Glaubens nach einer glänzenden und wortgewaltigen Verteidigung am 22. Januar 304 zu Tode gemartert. Schon im frühen Mittelalter entstand an seinem Grab und bei seinen Reliquien ein blühender Kult, der sich später auch in Frankreich und den deutschen Sprachraum ausdehnte. Eine sehr schöne Figur des Schutzpatrons der Holzknechte steht übrigens auch auf dem rechten Seitenaltar der Ruhpoldinger Pfarrkirche St. Georg.

Der Namenstag des Patrons St. Vinzenz am 22. Januar ist für die Mitglieder jedes Jahr ein Festtag. In Ruhpolding begeht man das Fest seit Jahrzehnten an dem Samstag, der dem 22. Januar am nächsten liegt. In einem Festzug ziehen die Vereinsmitglieder mit Blasmusik zur Kirche zum Festgottesdienst, voraus die Kirchenfahne, die die Aufschrift »Verein der Holzknechte Ruhpolding gegründet 1619« trägt. Unterwegs wird am Holzknechtdenkmal in der Ortsmitte ein Gesteck niedergelegt und der verunglückten und verstorbenen Holzknechte gedacht. Dieses Denkmal, das den Ruf der Holzknechte zur Gewinnung künftiger Waldfacharbeiter symbolisiert, wurde 1959 vom einheimischen Bildhauer Andreas Schwarzkopf geschaffen. Danach trifft sich eine erfreulich große Zahl von Mitgliedern zur Generalversammlung, die in diesem Jahr auch im Zeichen des 400-jährigen Vereinsjubiläums stand.

Die Namen der Vereinsvorstände lassen sich bis 1910 zurückverfolgen. Damals war Bartl Gstatter der Vorsitzende. 1999 hat Georg Bichler als 20. Vorstand die Leitung der Geschicke des aus derzeit 250 Mitgliedern bestehenden Holzknecht-Vinzenzi-Vereins übernommen. 1953 beteiligte sich der Verein an den Kosten der sogenannten »Vinzenziglocke« für die Schlosskapelle. Sie wird am Vinzenzitag und bei Beerdigungen von Vereinsmitgliedern geläutet. Eine besonders beliebte Veranstaltung war immer der »Holzknechtball«, der bis zum Jahre 1992 immer am Faschingssonntag stattfand. Im Jahr 2009 hat der Verein die ehemalige »Dagn-Stub'n« im Bacherwinkl als Vereinsheim angemietet. Als »Hüttenverwalter « stellte sich Herbert Hallweger zur Verfügung, der die Hütte mit dem gesamten Umgriff bestens betreut und instand hält.

Die Idee des ehemaligen Forstdirektors Josef Demleitner, in Ruhpolding ein Holzknechtmuseum zu errichten, fand die Unterstützung nicht nur bei den vielen Waldarbeitern, sondern auch beim Holzknecht- Vinzenzi-Verein und vor allem auch beim damaligen Landrat Leonhard Schmucker. Und somit konnte der Verein bei der Eröffnung am 24. Oktober 1988 auch die tatkräftige Unterstützung bei der Errichtung des Museums an seine Fahne heften. Immer wieder trägt der Verein durch Veranstaltungen im Museumsgelände dazu bei, dass das Museum attraktiv ist und bleibt. So konnte auch das 375-jährige Jubiläum im Oktober 1994 unter dem damaligen Vorstand Georg Plenk-Kress mit einem großen Festprogramm gefeiert werden.

Das gesamte »Holzknechtleben« hier darzustellen, würde den Rahmen sprengen. Doch einige Ereignisse sollen Eingang in die Geschichte des Holzknecht-Vinzenzi-Vereins finden. So wird immer noch erzählt, dass Pfarrer Peter Bergmaier in der Schule bei der Behandlung der Pflichten gegenüber Vorgesetzten einmal die Frage gestellt haben soll: »Was wollt ihr denn werden?«. Von den 32 Buben haben dann 27 geantwortet: »I werd' a Holzknecht«. Der Holzknechtberuf war also das erstrebenswerte Ziel der Jugend. Wie wichtig und angesehen dieser Beruf aufgefasst wurde, zeigt auch das Gebet, das früher bei jedem Pfarrgottesdienst vorgebetet wurde: »Lasset uns beten für Seine Majestät den König, das ganze königliche Haus, für alle Holzmeister und Holzknechte, auf dass sie Gott vor Unglück bewahre«.

Im Januar 1919 zerstörte ein gewaltiger Föhnsturm in den Bezirken der Forstämter Ruhpolding Ost, Reit im Winkl und im bayerischen Saalforstamt Unken riesige Hochwaldbestände. Um die ungewöhnlich großen Windwürfe abtransportieren zu können, unternahm die Staatsforstverwaltung die notwendigen Schritte zur Erbauung einer schmalspurigen Forstbahn. 1920 wurde mit dem Bau der »Waldbahn « begonnen und im Oktober 1922 mit der Eröffnung des Streckenabschnitts Ruhpolding - Seegatterl fertiggestellt. Für die Holzbringung wurde in Seegatterl mit einem großen Aufwand eine Seilbahn errichtet und ein Holzlagerplatz angelegt. Diese Holzseilbahn von Seegatterl ins Unkental wurde nach Planungen und unter der Bauleitung der Ruhpoldinger Firma Plenk gebaut. Der Arbeitseinsatz der Ruhpoldinger Waldarbeiter hat viel Zeit, Kraft und Anstrengungen erfordert. Eine historische Bilderserie, die sich im Besitz von Anton Plenk befindet, legt davon Zeugnis ab.

Der große Jubiläumsfesttag findet nun am Samstag, dem 18. Mai, auf dem Gelände des Holzknechtmuseums, auf benachbarten Flächen und im Bereich des Forstlichen Bildungszentrums Laubau statt. Den Besuchern wird bei diesem »Aktionstag« gezeigt, wie sich die Holzknechtarbeit in den letzten 400 Jahren verändert hat. Der Festtag beginnt um 11 Uhr mit einem Gottesdienst im Holzknechtmuseum und ab 13 Uhr stehen eine Vielzahl von Vorführungen auf dem Programm. Ein Besuch, der sich sicher lohnen wird!

 

Hannes Burghartswieser

 

Quellenangaben: Ruhpoldinger Heimatbuch 1924 von Peter Bergmaier; Ruhpoldinger Heimatbuch 2016 (Neuverfassung Helmut Müller, Alois Auer) St. 464 ff., 575; Karl Schauderna: Chronik Holzknechtverein Ruhpolding; Privatarchiv Anton Plenk.

 

19/2019