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Jahrgang 2008 Nummer 10

Unternehmen Otto oder der „Blumenkrieg“

Am 12. März 1938 rückte die deutsche Wehrmacht in Österreich ein – Teil I

Einzug deutscher Truppen in Salzburg

Einzug deutscher Truppen in Salzburg
Einmarschplan für die Truppen aus Traunstein, Bad Reichenhall und Füssen

Einmarschplan für die Truppen aus Traunstein, Bad Reichenhall und Füssen
Es ist nun schon 75 Jahre her, seit deutsche Truppen in Österreich einmarschierten und damit den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich einleiteten. Die nachfolgende Darstellung soll wertungsunabhängig die damaligen Ereignisse aufzeigen und auch die Rolle der Soldaten aus unseren heimatnahen Garnisonen schildern.

Das Geschehen kann man nur dann beurteilen, wenn man die Zusammenhänge der vorangegangenen zwei Jahrzehnte, also zurück bis 1918, zumindest in groben Zügen kennt.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurden der Vielvölkerstaat Österreich ebenso wie das Deutsche Reich durch die Siegermächte politisch, geographisch und wirtschaftlich stark beschnitten. Das kleine »Rest-österreich« schien nicht mehr lebensfähig zu sein. Diese Situation war der Ausgangspunkt für die Bestrebungen vieler österreichischer Politiker nach einem Zusammenschluss mit dem Deutschen Reich. Man versprach sich davon eine wesentliche Verbesserung der Lebenssituation beider Länder. Schon am 12. November 1918 stellte die Deutsch-Österreichische Nationalversammlung durch Beschluss fest, dass Deutschösterreich eine demokratische Republik und Bestandteil der Deutschen Republik sei.

Deutschland wollte damals den Anschluss ebenfalls und legte dies auch in der Weimarer Reichsverfassung vom 11. August 1918 fest. Auf Druck der Siegermächte mussten beide Vereinigungsgebote wieder aufgehoben werden. Mit Vertrag von Saint-Germain vom 16. Juli 1920 wurde Österreich der Anschluss an das Deutsche Reich untersagt. Und auch Deutschland wurde durch Artikel 80 des Friedensvertrages von Versailles vom 10. Januar 1920 verpflichtet, die Unabhängigkeit Österreichs anzuerkennen. Die gewünschte Vereinigung war somit nicht mehr zu realisieren, doch der Wunsch hierzu war damit nicht erloschen. In Tirol sprachen sich im April 1921 bei einer vom Landtag durchgeführten Abstimmung 98,8 Prozent der Wahlberechtigten für einen Zusammenschluss aus. In Salzburg waren es im Mai 1921 sogar 99,3 Prozent. Weitere Abstimmungen wurden aber dann von den Siegermächten verboten.

1931 wagten Deutschland und Österreich noch einmal einen Annäherungsversuch und zwar durch die deutsch-österreichische Zollunion. Aber auch da protestierten wieder die Siegermächte.

Die politischen Parteien Österreichs waren vor 1933 alle für eine Vereinigung mit dem Deutschen Reich, ausgenommen die kommunistische Partei. Der Nationalsozialismus hatte damals bereits eine schnell wachsende Anhängerzahl in Österreich und es musste damit gerechnet werden, dass diese Partei bei Neuwahlen eine starke politische Kraft werden würde.

Am 1. Mai 1934, gleichzeitig mit der Errichtung des Ständestaates, ließ der damalige Bundeskanzler Engelbert Dollfuß die Partei der Nationalsozialisten verbieten. Dies löste den erfolglosen »Juliputsch« vom 25. Juli 1934 aus, bei dem Dollfuß erschossen wurde. Nach dem Putsch flüchteten viele NS-Anhänger von Österreich in das Deutsche Reich. Der militante Kern dieser Flüchtlinge formierte sich in Bayern zur »Österreichischen Legion«, einer überwiegend aus SA-Mitgliedern bestehenden Kampfeinheit mit bis zu 9000 Mann Stärke. Dazu kamen noch etwa 3000 Legionäre, die der SS angehörten. Die Legionäre waren kaserniert und uniformiert. Der Ausbildungsschwerpunkt lag in Lager-Lechfeld, weitere Lager befanden sich in Dachau-Schleißheim, Wöllershof, Graßlfing, Bad Aibling, Reichertsbeuren und Egmating.(1) Nach dem Tode des Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß wurde Kurt von Schuschnigg am 29. Juli 1934 zum neuen Bundeskanzler berufen. Zu den Maßnahmen seiner autoritären Regierungspolitik zählte auch die Abwehr der nationalsozialistischen Bedrohung. Schuschnigg musste aber versuchen, das durch die Dollfußpolitik gestörte Verhältnis zum Deutschen Reich zu verbessern. Es kam zum sogenannten »Juliabkommen« vom 11. Juli 1936. Unter anderem verpflichtete sich Österreich, die inhaftierten, damals illegalen Nationalsozialisten zu amnestieren. Weiterhin war Schuschnigg bereit, Vertrauensleute der Nationalsozialisten in seine Regierung aufzunehmen, so auch Arthur Seyß-Inquart als Staatsrat. Die folgende Politik Schuschniggs war darauf ausgerichtet, die Selbständigkeit Österreichs aufrecht zu erhalten. Die Partei der Nationalsozialisten, die NSDAP, blieb weiterhin verboten.

Dann kam das ereignisreiche Jahr 1938. Am 12. Februar bat Hitler Bundeskanzler Dr. von Schuschnigg zu einem Treffen auf den Obersalzberg. Hitler forderte von ihm, dass das Parteienverbot für die österreichischen Nationalsozialisten aufgehoben und ihnen die volle Agitationsfreiheit gewährt wird, andernfalls würde die Wehrmacht in Österreich einmarschieren. Zudem forderte Hitler die Ernennung des Nationalsozialisten Seyß-Inquart zum österreichischen Innenminister. Diesen Forderungen kamen die Österreicher nach. Da Schuschnigg befürchtete, die Loyalität seiner Regierungspartner verloren zu haben, gab er am 9. März 1938 bekannt, dass am 13. März eine Volksabstimmung zur Unabhängigkeit Österreichs erfolgen werde. Hitler reagierte auf diese Ankündigung mit der Entscheidung, gewaltsam gegen Österreich vorzugehen und ordnete die Mobilmachung der 8. Armee an. Gleichzeitig forderte er Schuschnigg ultimativ auf, die beabsichtigte Volksbefragung abzusagen. Am Nachmittag des 11. März willigte Schuschnigg ein. Noch am selben Abend erzwang Hitler den Rücktritt Schuschniggs und Seyß-Inquart wurde vom österreichischen Bundespräsidenten Wilhelm Miklas zum Bundeskanzler ernannt. Unmittelbar hierauf bat Seyß-Inquart die Reichsregierung um Entsendung von Truppen zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung in Österreich.

Soviel zur Vorgeschichte; und nun zum militärischen »Unternehmen Otto«. Der Standarddeckname »Unternehmen Otto« war wohl auf Otto I. zurück zu führen. Er galt nach Karl dem Großen als Neubegründer der südöstlichen Grenzmark.

Am 10. März 1938 mittags erhielt der Generalstab des Heeres von Hitler den Auftrag, den Einmarsch der Wehrmacht nach Österreich vorzubereiten. Demnach wurde ein Armeeoberkommando 8 aufgestellt, dem für den bevorstehenden Einsatz die beiden bayerischen Armeekorps VII (München) und XIII (Nürnberg) unterstellt wurden. Auszug aus der Aufmarschanweisung:

»8. Armee marschiert zur Wiederherstellung geordneter Zustände am 12. 3. 1938 in Österreich ein …Aufgabe der 8. Armee ist zunächst die Besetzung von Ober- und Niederösterreich, insbesondere die schnelle Besitznahme von Wien. …Die Inn-Salzach-Übergänge sind durch die zunächst eintreffenden Truppen, bzw. Truppen der Grenzstandorte, in die Hand zu nehmen. …« Als Gefechtsstand des Armeeoberkommandos 8 war Mühldorf und des VII. Armeekorps Traunstein bestimmt.(2) Am 11. 3. 1938 erließ Hitler als geheime Kommandosache die Weisung Nr.1 für den bewaffneten Einmarsch der Wehrmacht in Österreich; dem »Unternehmen Otto«. Das Heer erhielt den Auftrag zum Einmarsch nach Österreich mit dem Ziel, Oberösterreich, Salzburg, Niederösterreich, Tirol und Wien zu besetzen und die österreichisch-tschechische Grenze zu sichern. Die Luftwaffe hatte zu demonstrieren und Propagandamaterial abzuwerfen, österreichische Flughäfen zu besetzen und das Heer zu unterstützen. Die für das Unternehmen bestimmten Kräfte mussten ab 12. März 1938 spätestens 12.00 Uhr einmarsch- bzw. einsatzbereit sein. Nach dieser Weisung musste das ganze Unternehmen ohne Anwendung von Gewalt in Form eines von der Bevölkerung begrüßten friedlichen Einmarsches vor sich gehen. Jede Provokation war zu vermeiden. Sollte es aber zu Widerstand kommen, so musste dieser mit größter Rücksichtslosigkeit gebrochen werden.(3) Gott sei Dank kam es zu keinem Widerstand, denn das österreichische Bundesheer erhielt noch in der Nacht vom 11. auf den 12. März den Befehl, einem Vormarsch der deutschen Truppen keinen Widerstand entgegenzusetzen.(4)

Der Einmarsch deutscher Truppen in Österreich begann bereits am 12. März in aller Frühe. Um 9.30 Uhr starteten von den Flugplätzen Lechfeld und Fürstenfeldbruck je 30 Junkers JU 52 mit zwei Kompanien Soldaten eines Wachbataillons an Bord. Diese Maschinen landeten bereits eine Stunde später auf dem Flugplatz Wien-Aspern. Etwa gleichzeitig trafen auch 36 Bomber Dornier Do 17 ein. Auch die meisten anderen Flugplätze in Österreich waren in kurzer Zeit besetzt. Die Luftwaffe hatte an diesem Tag aber auch noch eine andere Aufgabe zu erfüllen, nämlich die Information der österreichischen Bevölkerung durch Flugblätter. 360 JU 52 und einige JU 34 warfen hauptsächlich über Ober- und Niederösterreich und über Tirol insgesamt 300 Millionen (!) Flugblätter mit folgendem Text ab: »Das nationalsozialistische Deutschland grüßt sein nationalsozialistisches Österreich und die neue nationalsozialistische Regierung in treuer, unlösbarer Verbundenheit. Heil Hitler!«(5) Für Propaganda- und Transportflüge waren bis zu 800 Flugzeuge im Einsatz; damit war dies die bis dahin größte Luftoperation der Geschichte. Bei diesem Einsatz wurden sieben Flugzeuge durch Absturz oder Bruchlandung zerstört, wobei vier Soldaten ihr Leben verloren. Mit der Führung der Luftoperationen war General der Flieger Hugo Sperle, der spätere Generalfeldmarschall, beauftragt. Dieser hatte schon am 10. März die erforderlichen Befehle an die Luftwaffenformationen erteilt. Die notwendigen Vorbereitungen liefen streng geheim unter »Alarm- und Verlegungsübungen«. In Burghausen wurde ein Funkfeuer und in Passau-Oberhaus und in Waigin je ein Peilsender installiert. In Erding bereitete man die für den Einsatz benötigte Verpflegung vor und für die Munitionierung der fliegenden Verbände wurde das benötigte Material bereitgehalten. Das waren rund 5000 Bomben verschiedenen Kalibers und Maschinengewehrmunition.(6)

Und nun zum Einsatz des Heeres. Zu den Einsatzkräften gehörten das VII. Armeekorps (München – dazu gehörten die Gebirgsdivision, die 7. und die 27. Infanteriedivision), das XIII. Armeekorps (Nürnberg - 10. und 17. Division) und das XVI. Panzerkorps. Dazu kamen Formationen der SS-Verfügungstruppe und der Polizei. Außerdem wurden dem Armeeoberkommando 8 seitens der Luftwaffe drei Nahaufklärungsstaffeln, zwei Fernaufklärungsstaffeln und eine Kurierstaffel zugeteilt.

Insgesamt waren 125 000 Mann eingesetzt; 27 Soldaten kamen ums Leben. Die Truppen waren teils motorisiert und teils bespannt. Die Panzertruppe war mit 184 Panzern des Typs I, 45 Panzer des Typs II und etwa 140 Panzerspähwagen beteiligt.(7)

Im Rahmen dieser Arbeit interessiert natürlich besonders der Einsatz unserer Soldaten aus den heimatnahen Garnisonen und zwar aus Traunstein, Bad Reichenhall und Füssen. Diese Soldaten waren in drei Marschgruppen gegliedert und zwar in die »Gruppe Freilassing«, die »Gruppe Reichenhall« und die »Gruppe Hallein«.(8) Herr Oberstleutnant a. D. Hans Daxer hat dem Autor den Auftrag und die Auftragsdurchführung dieser Einheiten ausführlich dargestellt und seine Schilderung wird nachstehend in gekürzter Form wiedergegeben:

»Die “Gruppe Freilassing” bestand aus dem III. Bataillon des Infanterie-Regiments 61 aus Traunstein, verstärkt durch verschiedene Truppenteile. Diese Gruppe sollte über Freilassing vorrücken, den Fluss auf der Eisenbahnbrücke überschreiten und dann nach Salzburg vordringen.

Die “Gruppe Reichenhall” aus Bad Reichenhall bestand aus dem Gebirgsjäger-Regiment 100 ohne das II. Bataillon und war ebenfalls verstärkt.(9) Diese Gruppe sollte bei Marzoll und am Walserberg die Grenze überschreiten und, über Viehhausen und Maxglan südlich der Eisenbahn vorgehend, den Ortsrand von Salzburg gewinnen. Anschließend vorrücken bis Eugendorf, um die von Osten und Norden zusammenlaufenden Straßen zu sichern.

Die “Gruppe Hallein” aus Füssen bestand aus dem Gebirgsjäger-Regiment 99 ohne das I. Bataillon und war auch zusätzlich verstärkt.(10) Diese Gruppe hatte den Auftrag, die Grenze bei Scheffau zu überschreiten, Hallein zu nehmen und dann auf dem Ostufer der Salzach nach Salzburg vorzugehen. Im Divisionsbefehl hieß es dazu: “Ihre Aufgabe ist, ein Entweichen der Garnison Salzburg nach Süden zu verhindern, oder ein verteidigtes Salzburg durch Angriff in den Rücken zu Fall zu bringen. Eine verstärkte Kompanie hatte den Pass Lueg gegen etwa von Süden anrückende Feindverstärkungen zu verteidigen.”

Alfred Staller

Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 11/2008

Anmerkungen:
1: NachRichten, Österreich in der Presse, Teil 2.; 2: Information durch Oberstleutnant a. D. Hans Daxer, Marquartstein; 3: Archiv A. Staller; 4: Truppendienst, Zeitschrift für die Ausbildung im Bundesherr, Februar 1988; 5: NachRichten, Österreich in der Presse, Teil 1; 6: Fliegerrevue extra, 2003; 7: wie 4; 8: Verstärkung: 1. Kompanie des Panzer-Regiments 25, 5. Schwadron des Kavallerie-Regiments 17 und 3. Kompanie des motorsierten Gebirgspionier-Bataillons 54; 9: Verstärkung: Stab, 1. Abteilung des Gebirgsartillerie-Regiments 79, schwere Artillerie-Abteilung 11/40 und Gebirgsnachrichten-Abteilung 54; 10: Verstärkung: 2. Kompanie des Gebirgspionier-Bataillons 54.



10/2008