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Jahrgang 2002 Nummer 17

Moor und Mensch

Rosalinde, mittelalterlicher Moorleichenfund aus Peiting – Teil II

Die nach der Öffnung des Sarges vorgefundene Moorleiche "Rosalinde"

Die nach der Öffnung des Sarges vorgefundene Moorleiche "Rosalinde"
Unter Leitung von Professor Schlabow (4. von links) wird die Moorleiche samt Sarg am 29. Juli 1957 aus dem Moor geborgen

Unter Leitung von Professor Schlabow (4. von links) wird die Moorleiche samt Sarg am 29. Juli 1957 aus dem Moor geborgen
Die Gesamtanlage des Bayerischen Moor- und Torfmuseum. Torfbahnhof Rottau von Süden. Links das Museum, rechts der Bahnhof

Die Gesamtanlage des Bayerischen Moor- und Torfmuseum. Torfbahnhof Rottau von Süden. Links das Museum, rechts der Bahnhof
Im Mai 1990 besuchte ich das Torfwerk Hohenbrand zwischen Peiting und Peißenberg, dessen Stilllegung unmittelbar bevorstand. Beim Rundgang durch das Werksgelände erzählte mir Betriebsaufseher Georg Meier beiläufig von einem Moorleichenfund, der vor über 30 Jahren einiges Aufsehen erregt hatte. Mit einer interessanten Broschüre darüber und etlichen Schrottteilen im Kofferraum trat ich die Heimreise an.

Fünf Jahre später fiel mir beim Besuch der damaligen Prähistorischen Staatssammlung in München (heute Archäologische Staatssammlung) gleich nach dem Eingang zum Sammlungsraum I eine dunkle Vitrine auf. Bei näherem Hinsehen stellte ich darin eine hervorragend erhaltene weibliche Moorleiche mit drei kräftig geflochtenen Zöpfen fest. Das Alter dieses Fundes vermutlich aus dem Dachauer Moos wurde mit circa 400 Jahren angegeben.

Natürlich gab es in den weiteren Sammlungsräumen noch andere prähistorische Funde aus bayerischen Mooren und vor allem aus unserer Region zu bestaunen. So ein circa 30 Zentimeter langes Bronzemesser aus den Chiemseemösern oder die bekannten Vollgriffschwerter aus einem Hortfund von Preinersdorf bei Eggstätt. Alle diese urnenfelderzeitlichen Funde ließen mich aber nicht mehr von dem zuvor geschauten, an den Gliedmaßen zusammengebundenen Mädchenkörper los und erinnerten mich zugleich an den Moorleichenfund aus Peiting, der in diesem Hause nicht zu finden war.

Nach sorgfältigem Durchlesen der Broschüre des Fördervereins Textilmuseum Neumünster e.V. vom Jahr 1977 wurde mir rasch klar, wo »Rosalinde«, wie sie auf der letzten Textseite genannt wird, wohl zu finden ist, nämlich im dortigen Museum.

Nun das Wichtigste zur Bergung und Konservierung dieses bedeutenden Moorleichenfundes in Bayern.

Am 23. Juli 1957 stieß ein Bagger im Hochmoor »Schwarzer Laich« bei Peiting beim Abtragen einer Torfwand auf einen Sarg aus dicken Brettern. In ihm lag eine bekleidete junge Frau, die nahezu neue Stiefel trug. Nachdem in Bayern Moorleichenfunde sehr selten und vor allem in Hinblick auf wissenschaftliche Untersuchungen von Bekleidungsstücken keine Erfahrungen vorhanden waren, wandte man sich im Einvernehmen mit dem Landesamt für Denkmalpflege an den damals bekannten Wissenschaftler Professor Schlabow des Textilmuseums in Neumünster.

Professor Schlabow reiste mit einem Assistenten an, ließ den Sarg bergen und machte dann klar, die erforderlichen Untersuchungen und Konservierungsmaßnahmen nur an seiner Arbeitsstätte in Schleswig-Holstein durchführen zu können. So ging die Moorleiche auf eine weite Reise.

Wesentliche Einzelheiten zur Konservierung erläutert nachfolgend eine Info-Schrift des Deutschen Textilmuseums in Neumünster, in dessen Abteilung »Frühgeschichte des Webens« die Moorleiche seit 1962 ausgestellt ist, wie folgt:

Mit der Konservierung der Leiche und den an ihr haftenden Geweben wurde am 05.08.1957 begonnen. Die Leiche kam in ein Bad von Eichenlohe, in dem sie neun Monate blieb. Der Sarg aus Kiefernbohlen wurde im feuchten Zustand mit »Methylzellulose«, die Schaftstiefel mit »Degras« konserviert. Die Kleidung der Frau ließ sich verhältnismäßig gut rekons-
truieren: Sie trug ein gefältetes Kleid aus einem Wollgewebe in einfacher Tuchbindung mittelfeiner Qualität. Reste eines zweiten Wollgewebes und eines Leinengewebes gehörten möglicherweise zur Unterkleidung. Ein Wollband in Brettchenweberei umschloss die Kopfhaare. Die Schaftstiefel bestehen aus Ziegenleder (Schaft) und Rindleder (Stiefeloberteil, Sohle und Einlagen).

Datiert wird die Tote in das 12. Jahrhundert. Untersuchungen des Holzes nach der C 14-Methode ergaben, dass man die Kiefern 1110 nach Christus Geburt – 80 Jahre gefällt hat. Diese Untersuchung führte das Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Köln durch.

Eine Todesursache ließ sich nicht ermitteln, doch hat die Frau kurz vor ihrem Tode ein Kind geboren. Die medizinischen Untersuchungen erbrachten außerdem, dass die Frau mit etwa 25 Jahren gestorben ist.

Was die Bestattung von Rosalinde im Moor infolge der nachgewiesenen Schwangerschaft angeht, gibt es zwei Theorien: Die eine spricht davon, sie wäre, wie etliche weibliche Moorleichenfunde in Norddeutschland ziemlich sicher vermuten lassen, im Moor versenkt worden, da sie einem Stamm oder ihrer Sippe Unehre gebracht hatte. Anders als bei diesen norddeutschen Moorleichenfunden ist jedoch festzuhalten, dass sie in einem Sarg lag.

Der bekannte Gerichtsmediziner Dr. Alfred Dieck, der sich über Jahrzehnte mit vor- und frühgeschichtlichen Funden in Mooren befasst hat, hält dagegen in einem wissenschaftlichen Beitrag von 1973, veröffentlicht als Sonderdruck aus Heft vier des Archäologischen Korrespondenzblattes folgende Deutung für wahrscheinlicher: »Die Tote war eine im Kindbett gestorbene Frau. Nach damaliger Lehre – es gibt seit dem Decretum Libri viginti des Bischofs Burchard von Worms vom Jahre 1025 viele Belege hierfür – galt die »ungesegnet gestorbene Wöchnerin« als »unrein«, »unheilig«. Es gebot der bis ins 18. Jahrhundert bezeugte kirchliche Brauch, dass der »Sarg einer Wöchnerin nicht auf den Schultern, sondern mit Stricken zu tragen« sei.

Der toten Wöchnerin in ungeweihtem Zustand harrte nach mittelalterlicher Vorstellung ein eigenartiges Weiterleben nach dem Tode, das sie viel wandern hieß. So nahm man auch an, die Verstorbene kontrolliere noch sechs Wochen lang die Versorgung ihres Kindes; hierzu musste sie entsprechend dem damaligen Volksglauben »mit neuen Schuhen ausgestattet werden, sonst hätte man ihre schlurfenden Schritte gehört«; die Stiefel der Frau von Peiting können als »neu« gelten, da sie nur ganz geringe Abnutzungsspuren aufweisen. Im übrigen ist darauf hinzuweisen, dass »aus Anstandsgründen« Frauen noch bis vor vier bis fünf Generationen in voller Bekleidung gebaren. Auf mittelalterlichen Bildern trugen die Frauen hierbei keine Schuhe. Die Stiefel der Frau von Peiting dürften ihr also – ebenso wie bei dem Parallelfund aus dem Kreis Nienburg an der Weser »1865 g Böhrder Moor« – nach erfolgtem Tod aus den oben erwähnten abergläubischen Gründen angezogen worden sein.

Bohlenweg und Rosalinde im Bayerischen Moor- und Torfmuseum

Nicht allzu weit vom Fundort des keltischen Bohlenwegs in der Rottauer Filzen liegt der Torfbahnhof Rottau, der seit etlichen Jahren das Bayerische Moor- und Torfmuseum beherbergt. Was lag näher, als sich auf die Suche nach Bohlen aus der Grabung von 1967 zu machen, die herausgenommen worden waren. Von Bernauern hörte man, es seien noch einige vorhanden, andere wussten von verbliebenen Bohlen bei der prähistorischen Staatssammlung. Etwa 15 dieser Bohlen tauchten tatsächlich in der Keltenausstellung auf, die im Jahr 1993 im Rosenheimer Lokschuppen stattfand. Wiederholte Versuche, einige dieser Bohlen für den späteren Ausbau des Museums zu sichern, blieben allerdings ohne Erfolg. Inzwischen ist dieser Bestand im südschwäbischen Vorgeschichtsmuseum in Mindelheim ein wesentlicher Teil derartiger Funde geworden.

Durch Information von Dr. Schmeidl wurde schließlich im Jahr 1998 bekannt, dass in einem Bernauer Keller noch etliche der Bohlen vorhanden sind. Die Eigentümerin, Frau Anna Obermeier, ließ sich von dem Vorhaben des Museums, eine Abteilung prähistorischer Moorfunde aufzubauen, überzeugen und schenkte zwölf dieser herausragenden Zeugnisse dem verein als Träger des Museums.

Es war von vornherein klar, die im Deutschen Textilmuseum in Neumünster vorhandene Moorleiche, die dort aus konservatorischen Gründen bestens untergebracht ist, nie mehr nach Bayern zurückführen zu können. Zweifelsohne ist das als Verlust anzusehen, zumal in norddeutschen Museen so zum Beispiel in Gottdorf bei Schleswig, Moorleichenfunde zur Schau gestellt werden. Nachdem sich auch in Peiting außer auf einigen Seiten im Heimatbuch bis jetzt über Rosalinde nachbilden zu lassen und zwar im Zustand des Fundes 1957.

So können nun die im Museum verlegten Bohlen ahnen lassen, wie einst die Kelten über den Weg vielleicht zu einem Moorheiligtum, verbunden mit einer Quelle, gezogen sind, um dort zu opfern. Der Moorleichenfund Rosalinde wiederum gibt uns ein Rätsel auf, weshalb ihr Körper im Moor versenkt wurde. Damit tritt uns eine »Schwes-
ter« vor Augen, deren persönliches Schicksal uns über die Jahrhunderte hinweg anrührt.

CDH

Teil 1: Siehe Chiemgau-Blätter Nr. 16/2002



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