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Jahrgang 2007 Nummer 1

Herzog Luitpold und Schloss Ringberg

Für den Maler Friedrich Attenhuber wurde das Schloss zum Gefängnis

Das Haupthaus von Schloss Ringberg.

Das Haupthaus von Schloss Ringberg.
Im Treppenhaus hängt ein Gemälde Attenhubers, das Herzog Luitpold und seinen Bruder zeigt.

Im Treppenhaus hängt ein Gemälde Attenhubers, das Herzog Luitpold und seinen Bruder zeigt.
Das Eßzimmer des Schlosses mit der stilvollen Einrichtung.

Das Eßzimmer des Schlosses mit der stilvollen Einrichtung.
Hoch über dem Tegernsee liegt das Schloss Ringberg, von dem man einen prachtvollen Blick hinunter auf den See und in das Kreuther Tal genießen kann. Der tausend Meter hohe Ringberg bildet die Flanke des Hirschbergs (1709 m) und leitet seinen Namen vom Ringsee ab, einer ringförmigen Ausbuchtung des Tegernsees. Der Bauherr des Schlosses Ringberg war Herzog Luitpold in Bayern aus der Pfälzer Nebenlinie der Wittelsbacher, ein Neffe von König Ludwig II. und von Sissi, der Kaiserin Elisabeth von Österreich sowie Patensohn des Prinzregenten Luitpold. Nach dem Tod des unverheiratet gebliebenen Herzogs im Jahre 1973 kam das Schloss in den Besitz der Max-Planck-Gesellschaft und dient seit dem umfassenden Um- und Ausbau als internationale Begegnungs- und Tagungsstätte von Wissenschaftlern aus aller Welt.

Wer heute Schloss Ringberg besucht, wundert sich wohl über die merkwürdige Architektur und die künstlerische Ausgestaltung des Schlosses, mit seiner Mischung verschiedener Stilarten und mit stark archaisierenden Tendenzen; er kann aber nicht ahnen, dass sich in diesen Mauern das tragische Leben eines Künstlers abspielte, von dem wir zwar einige Einzelheiten kennen, das aber letztlich geheimnisvoll bleibt.

Der im Jahre 1894 geborene Herzog Luitpold verlor früh seine Eltern. Er wuchs in der Familie eines Onkels auf und lernte schon bald die Besitzungen der Wittelsbacher am Tegernsee kennen. Nach dem Abitur studierte er Philosophie und Kunstgeschichte und bildete sich »systematisch in der Malerei aus«, wie er in seinem Lebenslauf bemerkt. Sein Lehrer war der 13 Jahre ältere Kunstmaler Friedrich Attenhuber.

Die Idee, am Ringberg ein Schloss zu bauen, kam Herzog Leopold im Jahre 1911, als er auf der Jagd am Ringberg Rast machte. Ursprünglich hatte er an ein kleines Jagdschlösschen gedacht, aber im Verlauf der Planungen nahm das Projekt immer mehr burgähnlichen Charakter an mit einem Bergfried, Türmen und zinnenbewehrten Mauern. Für die Finanzierung veräußerte Luitpold die elterlichen Schlösser Possenhofen und Biederstein. Als er im Jahre 1914 am Ringberg einzog, war das Hauptgebäude im wesentlichen fertig, nun ging es weiter mit der Errichtung von Nebengebäuden wie einer Reithalle, einem Wasserturm, einer Kegelbahn, einem Eiskeller und einem Kinosaal, mit Terrassen und mit gedeckten Wehrgängen. Den Herzog hatte eine fast manische Bauwut erfasst, die an seinen Onkel König Ludwig II. erinnert. Sowohl mit der architektonischen Gestaltung wie mit der Innenausstattung von Schloss Ringberg beauftragte der Herzog seinen Lehrer Friedrich Attenhuber, der bald zum Hausarchitekten und zum Hausmaler aufstieg und ihm unentbehrlich wurde. Attenhuber wohnte 25 Jahre lang, von 1922 bis zu seinem Tode im Jahre 1947 auf dem Ringberg, führte die Bauaufsicht, verhandelte mit den Handwerkern, sorgte für die Materiallieferungen und entwarf die gesamte Inneneinrichtung von den Möbeln und Bodenbelägen bis zu den Lampen und Aschenbechern.

Über Attenhubers Lebensweg sind wir nur sehr lückenhaft unterrichtet. Er kam im Jahre 1877 in Burghausen als Sohn einer Fabrikarbeiterin zur Welt. Nach vier Jahren zog die Mutter nach München und heiratete den Kindsvater. Friedrich zeigte schon früh Begabung fürs Zeichnen und studierte an der Münchner Akademie der Bildenden Kunst. Seit 1909 besaß er in München ein eigenes Atelier, beteiligte sich an Ausstellungen, stand mit Max Liebermann und Lovis Corinth in Verbindung und war an der Ausmalung des Reichstagsgebäudes in Berlin beteiligt.

Seine frühen Bilder zeigen Attenhuber als modernen, aber nicht avantgardistischen Künstler. »Attenhuber komponierte seine Bilder großzügig, malt farbenfroh«, schreibt die Kunsthistorikerin Helga Himen. »Der Einbindung in eine nachimpressionistische Malauffassung entspricht seine Orientierung an den Künstlerkolonien am Chiemsee und in Wessling.« Aber seit den Dreißiger Jahren geriet Attenhuber – möglicherweise unter dem Einfluss seines Gönners – in das Fahrwasser eines blutleeren Heimatstils, die fotografische Genauigkeit verdrängt den spontanen Ausdruck. Das trifft vor allem auf die Bilder zu, die zur Ausstattung von Schloss Ringberg zählen. Man hat den Eindruck, dass Attenhubers künstlerische Ausdruckskraft im Laufe der Zeit immer mehr erstarrt ist.

In den ersten Jahren ihrer Bekanntschaft bestand zwischen dem Herzog und Attenhuber, ungeachtet des Standesunterschiedes, ein freundschaftliches Verhältnis. Sie gingen gemeinsam auf Reisen, um Städte und Museen zu besichtigen, wobei sich Attenhuber als kundiger Führer erwies. Im Laufe der Jahre scheint die Freundschaft langsam abgekühlt zu sein. Attenhuber litt unter der Isolation im abgelegenen Schloss, es war ihm untersagt, fremde Aufträge anzunehmen, Besucher waren unerwünscht und durften nur in der Küche empfangen werden. Der Herzog hatte seinen Hauptwohnsitz nach München verlegt und ließ sich oft tagelang nicht im Schloss sehen. Außerdem war Luitpold äußerst unduldsam, beanspruchte in künstlerischen Fragen das letzte Wort und drängte vehement auf prompte Ausführung seiner Wünsche. Attenhuber geriet völlig in die Abhängigkeit seines Auftraggebers. Dazu bedrängten ihn Geldsorgen, da er keine Bezahlung erhielt, sondern nur für Verpflegung und Unterkunft arbeitete. Der Herzog hatte ihm lediglich zugesichert, falls das Schloss einmal verkauft werden sollte, dann werde er zehn Prozent des Verkaufspreises erhalten. Doch dieser Fall ist zu seinen Lebzeiten nicht eingetreten. Im Jahre 1931 schrieb Attenhuber einen Brief an den Chef der Wittelsbacher Nebenlinie, in dem es heißt: »Durch das Verhalten von S.K.H. Herzog Luitpold bin ich zum Betteln gezwungen. Möchte Sie bescheiden bitten, mir durch einige Mark auszuhelfen.« Der Brief blieb ohne Antwort. Erst 1945 erklärte sich Luitpold bereit, Attenhuber monatlich einhundert Mark in bar zu zahlen.

Aber der Lebensmut und die Schaffensfreude Attenhubers waren gebrochen. Bei der Rückschau auf sein Leben musste er sich eingestehen, dass er seine besten Jahre einem fragwürdigen Werk geopfert hatte und dass sowohl seine Entwicklung als Künstler wie seine persönliche Entwicklung in eine Sackgasse geraten waren. Was blieb ihm für die Zukunft? Sollte er auch die nächsten Jahre weiter wie in einem Gefängnis verbringen? Am 7. Dezember 1947 fand man den Künstler tot am Fuße des großen Schlossturms, von dem er sich herabgestürzt hatte.

Herzog Luitpold, der Attenhuber um 26 Jahre überlebte, verbrachte die letzte Zeit in einem Sanatorium in Kreuth. Bis zuletzt beschäftigte ihn die weitere Zukunft von Schloss Ringberg. Seine Verwandten hatten kein Interesse, es zu übernehmen, auch die Gemeinde Kreuth und die Stadt München lehnten sein Angebot ab, weil sie die hohen Nachfolgelasten scheuten. Erst die Max-Planck-Gesellschaft griff nach anfänglichen Zögern zu, nachdem ihr der Herzog für den Unterhalt des Schlosses auch sein beträchtliches Barvermögen vererbte. Nach der Modernisierung und Erweiterung zu einem modernen Tagungshotel, die mehrere Millionen Mark verschlang, können auf Schloss Ringberg heute bis zu 60 Gäste Platz finden. Vor allem ausländische Gäste sind von der herrlichen Lage des Schlosses in den bayerischen Voralpen hoch über dem Tegernsee begeistert.

Julius Bittmann



01/2007