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Jahrgang 2004 Nummer 48

Ein römischer Soldat entdeckt eine heilsame Quelle

Bad Adelholzen ist das älteste Heilbad in Bayern

Etwa auf halben Weg von Siegsdorf nach Bergen zweigt beim Weiler Alzing ein schmales, kurvenreiches Sträßchen ab, das nach Bad Adelholzen führt, und eine Umkehr ersparend, hinter dem Ort wieder an die Straße nach Bergen anschließt. Die Adelholzener Primusquelle, der heute unser Besuch gilt, ist ein Kind der Berge. Die sanften Hügel, auf denen dunkle Wälder mit saftigen Wiesen wechseln, schleichen sich ganz sacht hinauf zum Hochfelln, der mit 1730 m Höhe zu den großen Aussichtsbergen des Chiemgaus gehört.

Heilsames Wasser aus den Tiefen der Berge
Unter dem gewaltigen Bergmassiv des Hochfelln hat das Mineralwasser der Quelle seinen Ursprung. Wertvolle Mineralien und Spurenelemente, die in dieser Reinheit nur der geologischen Schichtung der Alpen zu verdanken sind, machen die besondere Note der Primusquelle von Adelholzen aus. Undurchlässige Tonschichten schließen das Grundwasser an der Erdoberfläche ab, schützen es vor Verunreinigung und bewirken so seine Reinheit und heilkräftige Wirkung. Das durch die eigenartige Schichtung der Ablagerung an die Oberfläche gedrängte Grundwasser wurde vom heiligen Primus als Quelle um das Jahr 286 n. Chr. entdeckt.

Bad Adelholzen liegt im Herzen des Chiemgaus, einer Landschaft, die von den Seen und von den Bergen geprägt ist. In der Eiszeit waren die schon vorher durch gewaltige Verschiebungen gefalteten Berge vom Eis der Gletscher bedeckt. Das Eis schmolz und schob mit seinem Geröll das Bett des Chiemsees und der kleinen Seen im Norden des Chiemsees aus. So schuf die Eiszeit diese reizvolle Landschaft des Chiemgaus, die seit dem Mittelalter die Menschen in ihren Bann gezogen und Künstler zu Bauwerken von einmaliger Schönheit inspiriert hat. Die Kirchen und Schlösser am Chiemsee sind dafür ein beeindruckendes Zeugnis.

Unter diesem Blickwinkel ist auch die Primusquelle von Bad Adelholzen zu sehen. In dieser harmonischen Umgebung von Bergen, Seen und der darauf abgestimmten Landschaft hat ein Heiliger eine den Menschen heilbringende Quelle gefunden. Auch wenn Sagen und Legenden nicht immer historisch fixierbar sind, so enthalten sie doch immer eine bedeutsame Kernaussage. Die Sage erzählt, dass Primus, ein römischer Legionär, in einem Wald, den man das Holz des Andlo nannte, gelebt hat.

Primus, ein römischer Legionär aus Bedaium

In dieser Zeit gehörte das Land vor den Bergen bis zur Donau zur römischen Provinz Rätien. Undurchdringliche Wälder und Moore mit den Bergen im Hintergrund erschienen den Menschen bedrohlich. Die Römer hatten Straßen angelegt, indem sie Schneisen in die Wälder schlugen und den moorigen Untergrund mit Baumstämmen überbrückten. So etwa ist die von Salzburg nach Augsburg im Norden des Chiemsees entlang führende Straße zu sehen, die Bedaium, die Römersiedlung an Stelle des heutigen Seebrucks als Stützpunkt einbezog. Primus war wohl als Soldat bei einer römischen Einheit stationiert. Vielleicht ist es gar nicht so weit hergeholt, wenn wir Primus bei der römischen Militäreinheit in Bedaium vermuten. Hier war er durchaus nicht nur auf militärischen Einsatz beschränkt. In dem noch unkultivierten Land war der Straßenbau und der Unterhalt der Straßen ebenso von Bedeutung wie das Auskundschaften der Wälder nach feindlichen Umtrieben. Wie dann Primus zum Christentum kam, ist der Legende nicht zu entnehmen. Ebenso taucht sein zu Christentum übergetretener Bruder Felicianus in der Sage etwas unvermittelt auf. Er begleitete Primus auf seiner Reise nach Rom und fand dabei den Martyrertod.

Sein Bekenntnis zum Christentum hat dann Primus wohl zur Flucht in die Einsamkeit der Wälder gezwungen, wo er vielfältigen Gefahren ausgesetzt war und sich als Christ auch noch vor den Kameraden verborgen halten musste. Die Entdeckung einer Quelle muss Primus wie ein Wunder vorgekommen sein. Trinkwasser war für den Einsiedler zum Überleben notwendig. So mag er die Entdeckung der Quelle als Fügung Gottes verstanden und das Wasser bald auch auf seine Heilswirkung hin erprobt haben. So fügte sich der Satz in die Heiligenlegende: »Er unterrichtete die Menschen im christlichen Glauben und heilte Kranke durch Gebet und mit der Heilkraft des Wassers.« Wenn nun die Quelle schon bald als Heilquelle zu hohem Annsehen kam und schon 959 urkundliche Erwähnung fand, so ist dies sicher auch auf ihren heilig gesprochenen Entdecker zurückzuführen.

Als sich Primus zusammen mit seinem Bruder zur Rückkehr in seine Heimat nach Italien veranlasst sah, ereilte ihn der Martyrertod. Der damals regierende Kaiser Diokletian hatte sich als grausamer Christenverfolger einen Namen gemacht. Nach vorausgegangenem Prozess wurden Primus und Felicianus im Jahre 286 am 15. Meilenstein der Straße von Rom nach Mantua enthauptet. Das vorhergegangene Martyrium wird in der Legende Grauen erregend geschildert. Wahrscheinlich lag dem die Vorstellung zugrunde, die Tapferkeit der den heidnischen Folterern widerstehenden Christen und damit ihre verdient erworbene Heiligkeit besonders hervorzuheben.

Die Legende berichtet, dass ein Engel die Brüder aus dem Gefängnis befreit habe. Danach sei Felicianus wiederum gefangen gesetzt worden. Die Folterer hätten Nägel durch seine Hände und Füße geschlagen. Primus habe flüssiges Blei trinken müssen, das in seinem Mund kühlendes Wasser geworden sei. Vielleicht ist hier ein versteckter Hinweis auf das aus der Erde sprudelnde, von Primus entdeckte und geheiligte Wasser zu sehen. Als man schließlich Löwen und Bären auf die Unglücklichen gehetzt habe, seien diese augenblicklich zahm geworden und hätten sich ihnen zu Füßen gelegt. Als alles nichts geholfen habe, seien die beiden Brüder enthauptet worden. Ihre Gebeine seien von Christen bestattet und in die Kirche Santo Stephano Rotondo in Rom übergeführt worden, wo sie auch noch heute verehrt werden.

Schon im Mittelalter ein reger Badebetrieb

So steht eine Heiligenlegende am Anfang der Geschichte von Bad Adelholzen. Vielen, nicht nur gläubigen Menschen, mag dies ein Zeichen für die heilsame Wirkung der Quelle gewesen sein. So erlebte Bad Adelholzen bald eine Blütezeit. Einer Aufzeichnung des Arztes Dr. Bopp aus dem Jahre 1629 ist zu entnehmen, dass bereits »vor vil hundert Jahren« ein reger Badebetrieb in Adelholzen zu verzeichnen war. Dr. Bopp berichtet auch von der Genesung des Patienten Wolf Nadenberger, der »ausgedörrt und übel aussehend, als ob ihm schon die Seele auf der Zunge lege, hierher gekommen« und durch die Gnade Gottes und die Kraft des heilsamen Wasser wieder gesund geworden war.

Votivbilder als beachtliche Zeugnisse einer im Volk verwurzelten Kunst, berichten uns, dass Gläubige nicht nur durch Bäder sondern auch durch die von einem Heiligen entdeckte Quelle und ihrem Glauben Genesung gefunden haben. Besonders eindrucksvoll ist ein Votivbild, das eine Nonne mit der Fraueninsel im Hintergrund zeigt. In den Wolken thront die Gottesmutter über den beiden Martyrern von Adelholzen sowie die Heiligen Benediktus und Scholastika, die auch in Frauenchiemsee verehrt werden. Die beiden Wappen von Frauenchiemsee und Adelholzen deuten die enge Verbindung beider heiligen Stätte an.

Das Adelholzener Quellwasser wurde sowohl für Bade- wie auch als Trinkkur verordnet. Ein ärztliche Verordnung einer Bade- und Trinkkur des schon genannten Badearztes Dr. Bopp ist noch erhalten. Ein Stich aus dieser Zeit zeigt neben einem zentralen, mit einem Turm bewehrten Gebäude auf dem nach Süden zu geneigten Wiesenhang mehrere Badehütten.

Ein Blick in die Geschichte des Bades

Ursprünglich standen Grund und Badebetrieb im Eigentum des Salzburger Bistums. Danach wechselten private Eigentümer. Im Geschlecht der Herren von Schaumburg finden wir einen Herrn Friedrich von Adelholzen. 1629 wurde Adelholzen Hofmark, das war ein in bestimmten Bereichen eigenständiger Verwaltungsbezirk, dem auch die niedere Gerichtsbarkeit zustand. 1695 erwarb Caspar von Zuccalli Bad und Hofmark. Zucalli kam als Salzburger Hofbaumeister zu hohem Ansehen. Er baute dort die Erhards- und die Kajetanerkirche. Caspar von Zucalli ist 1717 in Adelholzen gestorben. Noch berühmter war übrigens sein Neffe Enrico Zucalli, dem München seine bedeutendsten Barockbauten wie die Theatinerkirche, Schloss Nymphenburg und Schleißheim zu verdanken hat.

1840 wurde zum Schicksalsjahr für Adelholzen, als das Schloss und die angrenzenden Gebäude einem Brand zum Opfer fielen. Der Sohn des damaligen Eigentümers Franz Sailer verlor bei diesem Brand sein Leben. Georg Mayr, der in Brunntal bei München eine Kaltwasser-Heilanstalt betrieb, kaufte Grund und Heilquelle und begann 1843 einen neuen Badebetrieb. 1895 wurde die Adelholzener Primusquelle in den Handel gebracht. Von 1907 an wurden die Flaschen mit dem heilsamen Quellwasser auch in überseeische Länder versandt. Im gleichen Jahr übernahm die Kongregation der barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul aus München den Badebetrieb. Ein Foto aus diesen Tagen zeigt die Schwestern mit ihren Flügelhauben an der noch von Hand betriebenen Abfüllanlage.

1919 wurde in Adelholzen eine hoch moderne, elektrisch betriebene Abfüllanlage in Betrieb genommen. 1939 wurde die Primusquelle als Heilquelle staatlich anerkannt. Die amtliche Anerkennung als Bad durch das bayerische Staatsministerium des Inneren folgte 1946.

Prominente Kurgäste

Lang ist die Liste derer, die in Bad Adelholzen Heilung von vielen körperlichen Leiden gesucht und gefunden haben. 1736 weilte Maria Amalia, die Gemahlin des bayerischen Kurfürsten und späteren deutschen Kaiser Karl Albrecht mit ihrem Gefolge in Bad Adelholzen. Der Ruf des Bades war damit gefestigt. Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., gehörte ebenso zu den Kurgästen von Bad Adelholzen wie die Kardinäle Michael Faulhaber, Josef Wendel und Julius Döpfer. Die Theologen Romano Guardini und Karl Rahner sowie Pater Ruppert Mayer S.J. suchten in Bad Adelholzen erfolgreich Genesung. Aber auch weltliche Kurgäste sah das Bad, wie Maria Theresia von Bayern, Gemahlin von König Ludwig I., sowie zahlreiche Prinzessinnen aus dem bayerischen Königshaus. Politiker und Künstler wie Huber-Solzemoos, Ruth Schaumann, Elisabeth von Schmidt-Pauli und Annette Thoma fanden im Wasser von Adelholzen Heil und in der reizvollen Umgebung zu sich selbst.

Wie stellt sich heute Bad Adelholzen dem Besucher dar? Bad Adelholzen ist ehemaliger Kurort und gleichzeitig Standort eines modernen, industriell ausgerichteten Betriebes zur Abfüllung und zum Versand der mehrfach ausgezeichneten Adelholzener Alpenquelle. In der Fabrikhalle unterhalb des Parks, die 1972 fertig gestellt wurde, werden jährlich 393 Millionen Flaschen abgefüllt und zum Versand bereitgestellt. 390 Mitarbeiter sind im Betreib beschäftigt. Die in einer Senke gelegene, geschickt dem Gelände angeglichene Fertigungshalle stört nicht das Bild der harmonischen Landschaft.

Das Brunnenhaus und die Primuskapelle

Sehen wir uns in Bad Adelholzen ein wenig um. Der engere Bereich der Quelle ist durch eine Mauer eingefriedet, in deren Mitte das Brunnenhaus mit einem spitzen Satteldach und einem Bild an der Vorderseite steht. Das Bild zeigt Primus vor seiner Hütte mit einer Streitaxt und einem Hund. Ein Hirsch labt sich an dem Wasser der Quelle. Eine Aufschrift darüber erzählt: »Wie Primus der Römer, gestorben als Martyrer 286 im »Holz des Andlo« die heilkräftige Quelle fand.« Das Quellwasser genießt offensichtlich in der Umgebung einen guten Ruf. Das zeigt sich daran, dass an der Quelle einige Tankkanister zur privaten Abfüllung bereitstehen. In einem ausgehöhlten Baumstamm nahe der Quelle steht der Heilige mit Wanderstab und einer Wasserschale in den Händen vor uns. Blumen zieren die Statue, ein Zeichen der Dankbarkeit und der Verehrung des Heiligen. Vielerorts ist sein Name in der Benennung von Quellen, Brunnen, und Straßen noch heute gegenwärtig. Das vierstöckige ehemalige Kurhaus steht mitten in einem von Bäumen beschatteten Park, auf dessen Kieswegen wir uns Kurgäste mit Trinkgläsern in der Hand vorstellen. Im Jahre 1936 wurde der Kur- und Badebetrieb in Adelholzen aufgegeben. Es entstand ein Lazarett, das bis 1969 als internes Krankenhaus geführt wurde. Seit 1970 ist das Schwesternheim Fortbildungsstätte und Exerzitienhaus der Kongregation.

Oberhalb des Kurhauses steht die 1615 von Otto Lindl erbaute Primuskapelle, die 1730 erweitert wurde und zu dieser Zeit im Barock verändert wurde. Das Gewölbe mit den spitz zulaufenden Stickkappen ist dem Übergang von der Gotik zur Renaissance zuzurechnen. Gleich neben dem Altar finden wir den Grabstein des Salzburger Hofbaumeisters Caspar von Zucalli, von dem schon die Rede war. Der Marmoraltar selbst ist eine Stiftung von Fürstbischof Graf Kunigl aus Brixen, der nach erfolgreicher Badekur damit seine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen wollte.

Die Primuskapelle mit ihrem hochgezogenen Satteldach und dem aufgesetzten kleinen Zwiebelhauben-Tür-mchen, in dem ein Glöcklein zum Gebet ruft, ist sozusagen das geistliche Zentrum von Bad Adelholzen. Es hält die Erinnerung daran wach, dass die Quelle im Grunde einen religiösen Ursprung hat. Der römische Legionär Primus flüchtete sich vor seinen Verfolgern in die Wälder und erhielt vom Himmel in dem Quell ein Zeichen des Heils, das nicht nur ihm sondern Tausenden nach ihm Heil und Genesung brachte. In vielen alten Kulturen waren Quellen heilige Orte, die mit der Vorstellung verbunden waren, dass heilbringendes Wasser aus der Tiefe der Erde von unterirdischen Gottheiten gespendet wird. Diesen Gedanken, der die Entdeckung der heilkräftigen Quelle mit dem heiligen Einsiedler in Verbindung bringt, scheint in christlicher Verwandlung auch in Bad Adelholzen durch. Die Primusquelle als heilbringender Ouell für Leib und Seele hat auch 1700 Jahre nach ihrer Entdeckung nichts von ihrer gnadenspendenden und gleichzeitig heilsamen Wirkung verloren,

DD

Quelle: Festschrift »1700 Jahre Adelholzener Primus Quelle«.



48/2004