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Jahrgang 2004 Nummer 22

Ein österreichisch-bayerisches Kuriosum

Die Bayerische Saalforstverwaltung feiert heuer Jubiläum: 175 Jahre Salinenkonvention

Deckblatt der Salinenkonvention von 1829, dem ältesten noch gültigen Staatsvertrag Europas.

Deckblatt der Salinenkonvention von 1829, dem ältesten noch gültigen Staatsvertrag Europas.
Rechtlich gesehen sind die so genannten »Bayerischen Saalforste« im Pinzgau ein Kuriosum: seit genau 175 Jahren sind hier bayerische Forstbeamte und österreichische Holzknechte im Dienste des Freistaates Bayern tätig. In die Schlagzeilen waren die Saalforste erst vor wenigen Monaten, als sich das Gerücht verbreitete, der bayerische Staat wolle dieses Gebiet »verkaufen«.

Heute stehen mehr als 18 500 Hektar Wald und Gebirge auf österreichischem Hoheitsgebiet unter bayerischer Verwaltung. Zwei Beamte im Leitungsdienst am Dienstort St. Martin und sieben Förster sind deutscher, 25 Forstfacharbeiter, drei Berufsjäger und fünf Büroangestellte österreichischer Nationalität. Sie bewirtschaften den Wald auf 13 000 Hektar Waldfläche, achten auf den Wildbestand und sind auch zuständig für die Almen in diesem Gebiet, zum Beispiel für die 1400 Meter hoch gelegene Kallbrunn-alm. Österreichische und bayerische Almbauern haben dort auf ihrem Gemeinschaftseigentum Kaser. Nach den Worten von Forstdirektor Hans Sleik, der im Rahmen des Ruhpoldinger »Festes der Berge« über die Geschichte der Saalforste sprach, besteht ein durchweg sehr gutes Verhältnis zwischen bayerischer und österreichischer Seite.

Ältester noch gültiger Staatsvertrag
In der so genannten Salinenkonvention – dem ältesten, noch gültigen Staatsvertrag Europas – wurde am 18. März 1829 dieses Kuriosum endgültig festgelegt (in moderner Rechtschreibung): »Die Königlich Bayerische Regierung wird ermächtigt, den nachhaltigen Holzertrag ihrer sämtlichen Saalforste ohne Ausnahme irgendeiner Holzgattung zu fällen, auszutriften oder auszuführen; das Holz auf dem Stock (in Wald stehend) zu verkaufen wie auch alle Forstnebenprodukte zu benutzen und zu verwerten, ohne davon Stockgeld und Stockzins an die Kaiserlich Königliche Österreichische Regierung zu entrichten«, heißt es in der Salinenkonvention von vor 175 Jahren.

Was schon 600 Jahre zuvor der Wittelsbacher Herzog Ludwig, der Kelheimer mit dem Salzburger Erzbischof Eberhard II. ausgehandelt hatte, mündete nach jahrhundertelangen Fehden in diesen »unwiderruflichen und auf ewige Zeiten« abgeschlossenen Vertrag zwischen Bayern und Österreich.

Bei der Vertragsausfertigung der Salinenkonvention brachten die Hofbeamten gleich noch eine andere grenzüberschreitende Abmachung zu Papier. Da die Bayern gleichsam schon aus Tradition und überlieferten Altrechten in Österreich Wälder bewirtschafteten, sollten die Österreicher in der Salinenkonvention auch ihr Salzabbaurecht auf Berchtesgadener Boden besiegelt bekommen. Die Dürrnberger Knappen waren beim Graben nach dem »weißen Gold« nämlich an die unterirdischen Grenzen gestoßen. Jetzt wurde ihnen weiter vertraglich zugestanden, nach Norden unter Berchtesgadener Gebiet vorzudringen. Der Salinenvertrag verbriefte gleichzeitig die Rechte alteingesessener Berchtesgadener und Halleiner auf eine Arbeitsstelle im Dürrnberger Bergbau. Also wurden die Rechte zum Salzabbau und das auf der Pinzgauer Seite bayerisches Eigentum gewordene Gebiet gleichermaßen besiegelt.

Links und rechts der Saalach

Ihren Namen haben die Bayerischen Saalforste vom Fluss Saalach, dem sie auch ihre Existenz verdanken. Denn nur über die Strömung der Saalach konnte das Holz transportiert werden, mit dem die Salzsudhäuser der Reichenhaller Saline beheizt wurden. »Ohne Holz kein Sud!« lautete die Devise zu der Zeit, als die Saline Reichenhall noch Brennholz zum Sieden von Salz brauchte. Heute ist die Bayerische Saalforstverwaltung ein moderner Betrieb. Wie in anderen Waldgebieten des Freistaats gilt die romantische Vorstellung von strengen Förstern, zünftigen Jägern oder kernigen Holzknechten, die abends vor ihrer Hütte sitzen, Pfeifen rauchen und Bier trinken, natürlich auch hier schon lange nicht mehr. Die Arbeit ist hart und trotz modernster technischer Geräte immer noch gefährlich, da zwei Drittel der Waldflächen an sehr steilen Hängen liegen.

Der Freistaat Bayern ist der achtgrößte Waldbesitzer in Österreich. Zudem wurden die bayerischen Förster bereits mehrfach preisgekrönt, weil sie auf Naturverjüngung, also nachhaltigen Waldbau und »ewige Wälder« setzen, während die Österreichischen Bundesforste eher den weitläufigen Kahlschlag praktizieren. Von einem Flugzeug aus ist der Unterschied deutlich zu sehen. Im Bereich der Saalforste gibt es über 500 Holzbezugsrechte und 600 Weiderechte. Der Wald ist also durchsetzt von zahlreichen landwirtschaftlichen Enklaven österreichischer Bauern, denen das in der Salinenkonvention zugestandene Recht auf Holz und Weiden erst ermöglicht, ihren ererbten Besitz zu erhalten.

Bayerisch auch nach 1945

Man könnte meinen, dass es spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg mit den Bayerischen Saalforsten vorbei gewesen wäre. Vor allem 1945 wurden sie als deutsches Eigentum beschlagnahmt und unter österreichische Treuhandverwaltung gestellt. Das dauerte jedoch nur 13 Jahre. Auf zähes Drängen des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Wilhelm Högner wurde neu verhandelt. Die Österreicher zeigten guten Willen, und daher konnte am 8. Juli 1958 das so genannte »Münchner Abkommen« in Kraft treten. Die erneuerte Konvention bestätigte das Eigentum Bayerns an den Saalforsten. Damit behielt der älteste europäische Staatsvertrag seine Gültigkeit, und es ging bayrisch weiter im Saalforstwald.

»Bis vor einigen Wochen, nach fast einem halben Jahrhundert eine ganz andere Lawine dem Saalforstamt in St. Martin gefährlich nahe kam«, sagte Hans Sleik bei seinem Festvortrag, noch immer erschüttert von dem Vorkommen: Ein brisanter Brief des bayerischen Finanzministers Kurt Faltlhauser an seinen Kollegen vom Landwirtschaftsministerium war öffentlich geworden. Die Saalforste sollten »kurzfristig verwertet« werden. Dass Bayern im Land Salzburg Wald besitzt, habe der Finanzminister erst kürzlich durch Zufall aus der Zeitung erfahren. Es sei doch den bayerischen Bürgern »nicht vermittelbar«, dass Haushaltsmittel zum Unterhalt immenser Waldflächen im Ausland verwertet werden. Der Finanzminister sei dem Kollegen sehr verbunden, wenn der sich möglichst schnell von den Saalforsten trennen würde. »Aber der Landwirtschaftsminister wollte nicht und die Herren in der Direktion auch nicht und ich auch nicht«, meinte Forstdirektor Sleik. So verkündete Ministerpräsident Edmund Stoiber nach einer Kabinettssitzung, dass die Saalforste bayerischer Staatsbesitz bleiben. Zur Verwunderung der Österreicher war die Salinenkonvention, der Vertrag, der das Grundeigentum Bayerns auf immerwährende Zeiten regelt, mit keinem Wort erwähnt worden.

Als bekannt wurde, dass das Vorzeigemodell für naturnahen Waldbau und Ziel zahlreicher Fachexkursionen aus ganz Europa gerettet war, war die Erleichterung auf beiden Seiten groß. So kann eine lange Tradition vielleicht noch weiterhin Geschichte schreiben, nachdem die Verwaltung der bayerischen Saalforste seit einiger Zeit auch einiges für die Finanzkasse erwirtschaftet. So wird heuer, vor allem im Juli, das 175-Jahr-Jubiläum des Salinenvertrags mit verschiedenen Festlichkeiten gefeiert. Nicht nur die Vertreter von Gemeinden, Fremdenverkehrsverbänden und Geschäftspartner werden erwartet, sondern auch Ministerpräsident Edmund Stoiber und Staatsminister Josef Miller. Die Saalforstverwaltung wird versuchen darzustellen, dass der Saalforstbetrieb nicht ein Selbstläufer ist, sondern ein wertvolles Kulturgut und ein Betrieb, der in die Infrastruktur des Pinzgaus eingebettet ist und gute Erträge abwirft.

CG



22/2004