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Jahrgang 2005 Nummer 9

Die Wallfahrtskirche Maria Eck

Holzfällern erschienen Lichtzeichen am Himmel

Maria Eck zählt zu den beliebtesten Wallfahrtsorten in Bayern

Maria Eck zählt zu den beliebtesten Wallfahrtsorten in Bayern
Die Brunnenkapelle aus dem 17. Jahrhundert erinnert an die Mariengrotte von Lourdes.

Die Brunnenkapelle aus dem 17. Jahrhundert erinnert an die Mariengrotte von Lourdes.
Der Hochaltar mit dem Gnadenbild

Der Hochaltar mit dem Gnadenbild
Kurz nach dem Ortsende von Siegsdorf zweigt von der Straße in Richtung Bergen eine Nebenstraße nach Maria Eck ab. In Kurven steil ansteigend, zuletzt ein Waldstück querend, endet die Straße in einem Almengelände, dem Egg, mit dem die Einheimischen die Vorberge bezeichnen. In erdgeschichtlicher Zeit haben gewaltige Verschiebungen im Zuge des Hauptkamms der Alpen auch die Berge der Chiemgauer Alpen vom Hochgern bis zum Hochfelln aufgeworfen, wobei auch wellenartige Vorberge entstanden. Auf einem dieser Hügel hat der Wald ein weites Almengelände freigelassen, das die Menschen schon sehr früh als Viehweide nutzten. Durch ein Tal getrennt, steigt das Gelände im Süden zuerst ganz sacht und dann immer steiler zum Hochfelln an. Die vom Wald eingerahmten Almenwiesen gaben den Menschen das Gefühl einer geschützten Umgebung, die gleichzeitig im Hintergrund die gewaltige Kulisse der in den Himmel aufragenden Berge, den Hochfelln mit seinen Nachbarbergen, als Kontrast hatte. So nimmt es nicht Wunder, dass mit diesem magischen Ort überirdische Ereignisse in Verbindung gesehen wurden. Die Sage von der Gründung der Kirche Maria Eck erzählt, dass Holzfällern am nächtlichen Himmel über dem Wald drei Lichter erschienen seien. Sie hätten daraufhin eine Holzkapelle mit einem Altar errichtet. Danach seien noch zwei Lichter am Himmel zu sehen gewesen. Die Holzfäller hätten darin eine göttliche Weisung gesehen, zu Ehren der Heiligen Dreifaltigkeit noch zwei weitere Altäre aufzustellen, was dann auch geschah. In der Kapelle wurde ein Bild der viel verehrten Santa Maria Maggiore von Rom ausgestellt, unter dem sich die Wallfahrer dem Schutz der Muttergottes anvertrauen konnten. In der Zeit, in der die Kapelle gebaut und 1627 vom Chiemseer Bischof geweiht wurde, wütete draußen im Land vor den Bergen der Dreißigjährige Krieg. Überall ging die Angst vor der Kriegsfurie um. Das mag nun die Mönche im Kloster Seeon veranlasst haben, zwischen 1618 und 1635 die »drei Alphöfe von Maria Eck« zu kaufen. Sicher hatten sie damit die Absicht verbunden, in diesen kriegerischen Zeiten einen sicheren Rückzugsort zu finden.

So traf es sich gut, dass die Bauern der Umgebung 1636 die ursprünglich kleine Marienkapelle durch einen größeren Bau ersetzten. Die Notzeit des Krieges ließ eine Wallfahrt entstehen, bei der sich die Gläubigen dem Schutz der Muttergottes anvertrauten. Neben der Kirche wurden 1636 eine Gastwirtschaft und 1638 ein Mesnerhaus gebaut. Die Wallfahrt gedieh und wurde von den Benediktinern aus Seeon betreut. 1713 erhielten die Patres auf einem Hügel oberhalb der Kirche ein stattliches Klostergebäude. Später - 1891 - haben dann die Franziskaner die Wallfahrtseelsorge übernommen. So ist das bis heute geblieben.

Einen bedeutsamen Einschnitt in die Geschichte der Wallfahrtskirche Maria Eck brachte die Säkularisation. 1803 beschloss die Aufhebungskommission in München, die Wallfahrt aufzulösen sowie Grund und Kirche zu verkaufen. Es ist erstaunlich, dass der Pfarrer von Siegsdorf, Josef Lechner, mit am eifrigsten die Auflösung der Wallfahrt betrieb. 1804 wurde die Kirche geschlossen und teilweise ausgeräumt. Einrichtungsgegenstände und Votivbilder wurden veräußert oder zerstört. Die beiden letzten Patres verließen Maria Eck. Das Gnadenbild ließ man vorerst noch unangetastet.

Die von der Obrigkeit befohlene Säkularisation war von der Vorstellung getragen worden, dass die Macht der Kirche, insbesondere der Klöster, neben dem Staat keine Berechtigung mehr habe. Wallfahrten und kirchlicher Prunk bei Prozessionen waren verpönt. Kirchen wurden zerstört und wertvolle Schätze verschleudert. Die »Göttin der Vernunft« wurde an Stelle der bisherigen Heiligen auf die Altäre erhoben. Aber die Obrigkeit hatte die Rechnung ohne das Volk gemacht. Gerade Maria Eck ist ein beachtliches Beispiel dafür, dass hoheitliche Anordnungen auf Dauer nicht gegen die davon Betroffenen Bestand haben.

Im September 1806 sollte der befohlene Abbruch der Kirche ins Werk gesetzt werden. Pferde zogen auf der alten Bergstraße Fuhrwerke herauf, auf denen wild aussehende Burschen, bärtig, in dicken Felljacken, saßen. Sie hatten Äxte, Hämmer und Brecheisen bei sich. In einer Kutsche folgte der Rentamtsbote aus Traunstein zusammen mit Pfarrer Lechner dem Zug. Die Pferdewägen wurden vor der Kirche abgestellt. Die Burschen scharten sich um das Gotteshaus und warteten auf den Einsatzbefehl des für die Obrigkeit zuständigen Rentamtsboten. Der Pfarrer sollte dem obrigkeits- aber sicher nicht gottgefälligen Werk den Anschein einer auch von der Kirche mitgetragenen Legalität geben.

Aber die Bauern aus der Umgebung hatten längst Wind von dem geplanten Abbruch bekommen. Heimlich hatten sie sich auf einer einsamen Waldwiese getroffen, Den Wilderern gleich, hatten sie sich die Gesichter mit Ruß geschwärzt, um nicht erkannt zu werden. Vielleicht spielte auch die Angst vor einer Strafe eine Rolle. Sie hatten den Zug ihrer Gegner von Siegsdorf herauf beobachtet und im Wald um die Kirche herum Stellung bezogen. Der Hans, den sie als ihren Anführer bestimmt hatten, gab durch ein dreimaliges Pfeifen das Signal zum Angriff. Wie eine wilde Horde stürmten die mit Dreschflegel und Ochsenziemern ausgerüsteten Bauern auf das Abbruchkommando los.

Ob es der Überraschungseffekt oder die überwältigende Zahl der angreifenden Bauern war, war nachträglich nicht mehr zu klären. Jedenfalls stand schon nach kurzer Zeit der Sieg der Bauern fest. Die eingeschüchterten Burschen des Abbruchkommandos flohen in die Wälder oder entkamen mit ihren Pferdewägen. Rentamtsbote und Pfarrer konnten ihre etwas weiter talwärts abgestellte Kutsche nicht mehr rechtzeitig erreichen. Sie steckten von den Bauern eine ordentliche Tracht Prügel ein und mussten vom Bader in Siegsdorf versorgt werden.

So blieb die Kirche von einem Abbruch verschont. Ganz ausgestanden war damit der Kampf um die Erhaltung von Maria Eck freilich noch nicht. Eine Petition der Bürger der umliegenden Gemeinden im Jahre 1808 an den für das Zerstörungswerk verantwortlichen Grafen Montgelas blieb ohne Erfolg. 1810 wurde der kirchliche Grundbesitz von Maria Eck im Rahmen einer Versteigerung an Privatleute vergeben. Die bereits erfolgte Versteigerung der Wallfahrtskirche wurde aber umgehend wieder aufgehoben. 1811 wurde auf obrigkeitliche Anordnung hin das Gnadenbild in die Siegsdorfer Kirche verbracht. Damit sollte der Wallfahrt ihre Grundlage entzogen werden.

Aber die Chiemgauer Bauern, die die Muttergottes von Eck als die Ihre betrachteten, von der sie so oft schon wundersame Heilung und Erhörung ihrer Gebete erfahren hatten, gaben nicht nach. Sie zogen zur Kirche hinauf, knieten vor dem verschlossenen Tor und sangen und beteten. Wie sehr die Bauern der Umgebung mit ihrer Kirche verbunden waren, zeigt übrigens auch der von den Bauern in einem Gemeinschaftswerk durchgeführte Bau einer neuen Straße von Siegsdorf nach Maria Eck. Im Jahre 1826 wurde die Straße in nur zwölf Tagen gebaut. 1274 Männer mit 391 Fuhrwerken haben sich daran ohne Lohn beteiligt. Auch das war eine eindrucksvolle Antwort der Menschen auf den vorhergehenden Abbruchplan.

Schließlich hatte sich die handgreifliche Wehr der Bauern in demütiges Gebet gewandelt. Die Obrigkeit in München, die durch Spitzel den Erfolg ihres Zerstörungswerkes im Lande beobachten ließ, erfuhr von der Hartnäckigkeit der Chiemgauer Bauern. Und so wendete sich das Blatt zu ihren Gunsten. 1813 erlaubte Kronprinz Ludwig, der spätere König Ludwig I., die Rückführung des Gnadenbildes und die Wiedereröffnung der Kirche. So ist die Gottesmutter von Maria Eck und die Gläubigkeit der Chiemgauer stärker gewesen als die Staatsmacht. Bald blühte die Wallfahrt wieder auf. Jährlich kommen heute noch mehr als 100 000 Pilger nach Maria Eck. Die Wallfahrt wurde zu einer der bedeutendsten in ganz Bayern.

Wenn das Schicksal der Kirche in der Säkularisation so ausführlich hervorgehoben wurde, so sollte damit auch die Bedeutung einer vom Volk getragenen Wallfahrt im Kampf gegen eine ideologisch fehlgeleitete staatliche Macht dargestellt werden. Noch einmal, nämlich unter der Nazidiktatur kam ein Abgesandter des zuständigen Gauleiters auf den Berg. Er ließ sich die Schlüssel für die Kirche aushändigen und verfügte die Schließung. Zwei der vier Glocken des Turmes wurden unter dem Protest der Chiemgauer vom Turm geholt und zum Einschmelzen weggefahren. Vielleicht ist hier ein Gedanke an die Perversion der Macht angebracht. Die zum Gebet rufenden Glocken, in denen sich Gott an die Menschen wendet, werden zu Kanonen, mit denen Menschen erschossen werden. Aber bald hatte man im Krieg mehr zu tun, als sich um die entlegene Kirche in den Bergen zu kümmern. Stille Beter sah man immer noch vor der Kirche, bis auch der Spuk der Nazis vorbei war. So hatte sich Maria Eck als Bollwerk tiefer Gläubigkeit gegen die anmaßende Obrigkeit immer wieder behaupten können.

Vielleicht ist der Wanderer von Eisenärzt aus auf dem alten Wallfahrtsweg durch die Wälder und Auwiesen nach Maria Eck heraufgestiegen. Unterwegs hatte er noch einen Maria-Eck-Pfennig auf steinigem Grund neben dem Weg aufgehoben. Er hält ein scheibenförmiges Gebilde in der Hand, das seiner Form nach an eine Münze, also an einen Pfennig, erinnert. Geologisch handelt es sich um die Versteinerungen einzelliger Tiere, die in dem urzeitlichen Meer vor den Bergen lebten, versteinert wurden und im Zuge der Alpenfaltung wieder ans Tageslicht kamen.

Freilich wollten sich die Menschen, die im Egg schon immer einen Ort magischer Ausstrahlung sahen, mit dieser nüchternen, wissenschaftlichen Erklärung nicht begnügen. So erzählt eine Sage, dass der Ecker Berg erschüttert wurde, als man in der Säkularisation das Gnadenbild aus der Kirche nach Siegsdorf verbrachte. In Spalten fand man danach die Münzsteine, in denen ein von der Mitte ausgehender Strahlenkranz als die von der Gottesmutter ausgehende Gnadenfülle gedeutet wurde. Übrigens sind die Ecker Pfennige schon 1846 urkundlich erwähnt worden.

Nach einer anderen Sage sind die Ecker Pfennige Geld, das aus den Opferstöcken der Kirche geraubt und zu Stein geworden ist. In dieser Fassung gibt die Sage eine sinnfällige Antwort auf das in der Säkularisation geraubte Kirchenvermögen. Eine weitere Sage will wissen, dass es sich bei den Münzsteinen um zu Stein gewordenes Geld handelte. Geizhälse, die Bedürftigen keine Hilfe zukommen ließen, seien von diesen verflucht worden, sodass ihre gesamte Barschaft zu Stein und damit unbrauchbar geworden sei. ( Quelle Nr. 2 ).

So ist der Wanderer mit dem seltsamen Steinfund in der Tasche bis zur Wallfahrtskirche gekommen. Im Gasthaus mag er sich noch bei einer Brotzeit gestärkt haben. Dann steigt er die Stufen zum Eingang hinauf und betrachtet sich die Kirche. Außen ist Maria Eck ein Bauwerk, das eine auf Ausgleich bedachte Harmonie bestimmt. Am Chor erinnern die drei in Kreuzform miteinander verbundenen Apsiden an die erste zu Ehren der Dreifaltigkeit mit drei Altären ausgestattete Kapelle. Sowohl den Chor wie auch den Turm ziert ein mit Schindeln gedecktes, rundes Spitzdach. In der Glockenstube des Turmes hängen vier Glocken, deren Klang nun wieder weit ins Tal hinaus getragen wird, nachdem zwei von den Nazis geraubte Glocken durch neue ersetzt worden sind.

An die Treppe ist die vom Chiemseer Bischof im 17. Jahrhundert gestiftete Brunnenkapelle angebaut. Über dem Brunnen steht die Madonna mit dem Kind. Die Wände der Grotte sind mit Tropfstein ausgekleidet und erinnern entfernt an die Mariengrotte von Lourdes. Die Verehrung der Muttergottes ist vielfach mit dem Bild einer Höhlengrotte verbunden.

Da steht nun der Wanderer in der lichtdurchfluteten, barocken Kirche. Zuweilen ist der Raum dichtgedrängt mit Wallfahrern gefüllt, die in Bussen angereist sind. Gebete und Gesänge steigen mit dem Weihrauch am Altar empor. Das ist das eine Bild von Maria Eck. Ein anderes zeigte den Wanderer alleine an einem sonnigen Vormittag in der Kirche. Dabei mag er die Magie des Ortes erspüren, die einst auch mit den Lichterscheinungen am Himmel im Zusammenhang stand und zur Gründung von Maria Eck führte. Dass hier der Himmel näher ist als andernorts wird dem Wanderer auch einsichtig, wenn er die Votivbilder an den Wänden betrachtet. Ihre Dankbarkeit und Frömmigkeit haben die Meister dieser auch künstlerisch hochwertigen Bilder auch in Worten zum Ausdruck gebracht, mit denen sie Maria für ihre Hilfe danken.

Die Gottesmutter steht auch im Mittelpunkt des Gnadenbildes am Hochaltar. Maria mit dem Kind auf der Mondsichel ist im Himmel von Engeln umgeben. Darunter knien Benediktiner, die an die Mutterkirche in Seeon erinnern. In einer späteren Überarbeitung des Bildes von 1630 ist eine Ansicht der Wallfahrtskirche Maria Eck eingefügt worden. Die Weinranken an den seitlichen Säulen sind Symbol für den Wein des Messopfers. Der heilige Benedikt und seine Schwester, die hl. Scholastika, rahmen das Gnadenbild. Den Gründern des Benediktinerordens ist sowohl Maria Eck wie auch Kloster Seeon verbunden.

Die beiden Seitenaltäre sind im Aufbau und in ihrer künstlerischen Gestaltung einander angeglichen. Das Barock liebte die Parallelität. Dem Kreuzigungsbild des rechten Seitenaltars entspricht das Bild der hl. Anna, der Mutter Marias. Diesen Altar ziert auch das Marienbild einer russischen Ikone, die der polnische Fürst Radziwill 1631 der Kirche gestiftet hat und das sich seither bei den Gläubigen hoher Verehrung erfreut. So entlässt Maria Eck den, der sich darauf einlässt mit dem Gefühl, das Gleichgewicht in seinem Leben wieder gefunden zu haben. Das ist wohl das Geheimnis von Maria Eck, dass auch der religiösen Empfindungen ferner Stehende angesprochen und angerührt wird.

Der Wanderer, der von Eisenärzt herauf zwei Stunden, manchmal der Steigung wegen, eine recht anstrengende Bergwanderung auf sich genommen hat, macht sich nun auf den Rückweg mit dem Gefühl, reich beschenkt worden zu sein. Was da das Innerste anrührt, entzieht sich rationeller Erklärung. So ist Maria Eck beides: Ein Ort, der den Gläubigen Trost und Erhörung ihrer Gebete bringt, aber auch ein Ort der Magie, dessen Ausstrahlungskraft sich kaum jemand zu entziehen vermag, wenn er nur bereit ist, sich dafür zu öffnen.

DD

Anmerkung: Die Szene des misslungenen Kirchenabbruchs ist vom Verfasser frei erfunden.
Quellen: 1. Hugo Schnell und Vinzenz Dufter Kirchenführer. 2. Auszug aus den »Aktualitäten und jüngste Vergangenheit der Gemeinde Siegsdorf«.



9/2005